Der Angriff auf den demokratischen Rechtsstaat, der von der politischen Rechten geführt wird, hat sich einen intellektuellen Gestus zugelegt. Lange Zeit galten die rechten Antidemokraten in Deutschland als muffig und dumpf, jenseits ihrer heiseren Parolen kaum artikulationsfähig und in jedem Fall dezidiert antiintellektuell. Das hat sich im zurückliegenden Jahrzehnt geändert, und diesen Veränderungen geht Samuel Salzborn nach. Dabei konzentriert er sich freilich nicht auf die neurechten Theorien allein, sondern beschäftigt sich durchgängig auch mit deren Verbindung zur AfD und Pegida-Bewegung. Diese Verbindung macht den eigentlichen Kern von Salzborns Analyse aus, denn neurechtes Denken hat es in Deutschland seit vier Jahrzehnten gegeben, aber es war – im Unterschied zur jüngsten Entwicklung – über die längste Zeit auf kleine Zirkel beschränkt und spielte in den politischen wie kulturellen Debatte hierzulande so gut wie keine Rolle.
Das Manko von Salzborns Untersuchung ist, dass er dieser Veränderung, dem Sprung neurechter Ideen aus der Abgeschlossenheit kleiner Zirkel in die breite Öffentlichkeit, zu wenig Aufmerksamkeit schenkt beziehungsweise dies allein damit erklärt, dass neurechtes Denken Zugang zu den zahlreichen Talkshows des öffentlichen wie privaten Fernsehens gefunden habe. Das ist im Prinzip nicht falsch, aber die entscheidende Frage ist doch, warum sich die Macher der Talkshows, die stets die Einschaltquoten im Auge haben, zu diesem Schritt entschlossen haben. Hier bleiben Salzborns Vorschläge zur Zurückdrängung neurechten Denkens eher blass; sie beschränken sich darauf, den Programmverantwortlichen der Fernsehsender stärkere Zurückhaltung bei der Einladung rechter Provokateure nahezulegen, also gegen die Imperative der Aufmerksamkeitsökonomie wieder stärker auf politische „Hygiene“ zu achten. Es ist absehbar, dass dies ein gut gemeinter, aber unbeachtet bleibender Ratschlag ist.
Ginge es tatsächlich allein um mediale Effekte – die Talkshows des Fernsehens und die neue Rolle der sozialen Medien – dann wäre eine ausführliche Auseinandersetzung mit den neurechten Ideen, wie Salzborn sie betreibt, überflüssig. Darin besteht auch der latente Selbstwiderspruch des Buches: dass es als Reaktion auf „die völkische Rebellion“ etwas vorschlägt, was mit dem Inhalt des Buches nicht zusammenpasst; denn der stellt eine durchaus sorgfältige Auseinandersetzung mit neurechten Ideen dar.
Diese Analyse fördert wenig neues und überraschendes zu Tage: Von einer bestimmten Lesart der Arbeiten Carl Schmitts bis zu den diversen Theorien des Ethnopluralismus hätte man das alles auch am Ende der 1970er/Anfang der 1980 Jahre so analysieren können, wie es Patrick Moreau 1983 in seinem Aufsatz „Die neue Religion der Rasse. Der Biologismus und die kollektive neue Ethik der Rechten in Frankreich und Deutschland“ in einer nach wie vor lesenswerten Form getan hat. Aber auch das war damals weitgehend die Beschäftigung mit einem Aufguss von Ideen, wie sie bereits im Europa der Zwischenkriegszeit zirkulierten. Spannender ist die neurechte Beschäftigung mit den Religionen, die von Salzborn ausführlich rekonstruiert wird: ein teilweise offener, teilweise verdeckter Antisemitismus, der sich mit einem zumindest verständnisvollen, wenn nicht bewundernden Blick auf radikale Strömungen des Islam paart, und schließlich eine klare Präferenz für einen konservativ ausgelegten, an der politischen Form orientierten Katholizismus. Nicht erst der Kulturprotestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts, sondern bereits Martin Luthers Reformation kommt bei den Neurechten schlecht weg. Das ist nicht zuletzt darum so interessant, weil sich hier eine Kluft zu den Parolen auftut, mit denen die politische Rechte in Deutschland und Europa zuletzt aufgetreten ist.
Dass Alexander Dugins geopolitische und kulturantagonistische Ideen in neurechten Kreisen Aufmerksamkeit finden, ließ sich seit Längerem registrieren. Salzborn geht dieser Rezeption in deutschen neurechten Kreisen ausführlich nach und erklärt sie mit der wesentlich antiwestlichen Stoßrichtung der Dugin’schen Überlegungen. In ihnen spielt auch die Vorstellung „westlicher Dekadenz“ eine zentrale Rolle. Niedergangsängste und Untergangsvisionen stellen eine durchgängige Grundierung neurechter Ideen dar. Dabei ist es den Ideologiebastlern der neurechten Kreise offenbar gleichgültig, welche theoretischen Implikationen und politischen Schlussfolgerungen in diesen Vorstellungen enthalten sind. Hier hätte eine ideenpolitische Auseinandersetzung mit neurechtem Denken anzusetzen, die Salzborn zwar fordert, aber nicht wirklich leistet. Immer wieder stellt er die Werte und Normen des demokratischen Rechtsstaats den neurechten Konstrukten entgegen, wiederholt damit jedoch eine Konfrontation, wie sie auch von neurechter Seite hergestellt wird. Es kommt aber darauf an, die inneren Widersprüche der neurechten Ideenkonstrukte offenzulegen und deren politische Implikationen herauszuarbeiten. Wo das gelingt, entpuppt sich die neurechte Ideologie, die sich als Theorie ausgibt, sehr schnell als ein Scheinriese: Aus der Ferne betrachtet, ist sie groß und stark, aber je näher man kommt und je genauer man hinsieht, desto kleiner und unscheinbarer wird sie.