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Einzelrezension

Meierhenrich, Jens/Simons, Oliver (Hrsg.): The Oxford Handbook of Carl Schmitt, 872 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2017.


Abstract

Originelle Bewertung des umstrittenen Werkes Carl Schmitts

Keywords: Review, Meierhenrich, Jens, Simons, Oliver, 2017, Carl Schmitt

How to Cite:

Schröder, P., (2019) “Meierhenrich, Jens/Simons, Oliver (Hrsg.): The Oxford Handbook of Carl Schmitt, 872 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00153-w

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-09-17

Peer Reviewed

Dieser eindrucksvolle Band untersucht das komplexe Werk von Carl Schmitt in 30 Beiträgen, die in fünf Hauptteile (I Einleitung, II Lives of Carl Schmitt, III The Political Thought, IV The Legal Thought, V The Cultural Thought of Carl Schmitt) gegliedert sind. Kaum ein deutscher Denker des 20. Jahrhunderts übt eine solche Faszination aus wie Carl Schmitt; und nur wenige sind so umstritten wie er. Ersteres ist durch sein imposantes Werk begründet, dem denn auch die maßgeblichen Teile (III–V) dieses Handbuchs gewidmet sind.

Letzteres erklärt sich vor allem aus der problematischen und komplexen Biografie Schmitts, mit deren Aspekten sich der zweite Teil in vier Beiträgen befasst. Schmitt lebte von 1888 bis 1985 und erlebte damit vier verschiedene politische Regime in Deutschland. Das Ende des deutschen Kaiserreichs und der Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg waren für ihn besonders prägend und erklären ein Stück weit sein Verhalten in der Weimarer Republik und dem „Dritten Reich“. In der Bundesrepublik fühlte sich Schmitt offenbar nie wirklich heimisch. Er übte aber auch in dieser letzten Lebensphase auf viele führende Intellektuelle, wie zum Beispiel Reinhart Koselleck oder den späteren Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, einen nachhaltigen Einfluss aus.

Die Herausgeber Jens Meierhenrich und Oliver Simons legen mit ihrer sowohl im Umfang (knapp 70 Seiten) wie auch vom Diskussionsniveau substanziellen Einleitung nicht nur eine gelungene Hinführung zum Thema vor, sondern eröffnen den Band auch mit einer zugleich abwägenden und originellen Bewertung des umstrittenen Werkes Schmitts. Dies erklärtermaßen nicht mit der Absicht ein moralisches Urteil über diesen zu fällen (S. 57), sondern mit dem Ziel einer kritischen Lektüre, die dem Leser „a varied and sophisticated analytical toolkit with which to cut through the layers of subterfuge in Schmitt’s oeurve (and in the reception thereof during the last hundred years)“ (ebd.) bereitstelle. Der theoretischen und historischen Kontextualisierung wird dabei die größte Bedeutung beigemessen, da nur so Schmitts transdisziplinäres Werk zu würdigen sei. Schmitt sei ein polyzentrischer Theoretiker gewesen, der auf eine tiefsitzende Furcht vor Unordnung (disorder) mithilfe eines analytischen Eklektizismus reagiert habe. Das klingt zunächst etwas erratisch, erschließt sich aber aus der Hauptthese der Herausgeber.

Danach kann man in Schmitts Werk den analytischen Versuch sehen, durch Ordnungsprinzipien, die er mit seinen Begriffen und Klassifikationen entwickelt, die Welt zu verstehen (vgl. S. 14). Das grundlegende Problem sei für Schmitt gewesen, der Auflösung der sozialen Ordnung entgegenzutreten. Er wollte diese Zusammenhänge nicht nur verstehen, sondern auch beeinflussen: „He wanted to comprehend how order worked, but he also wanted to make order work“ (S. 27, Hervorhebung im Original). Das grundlegende Ordnungsprinzip lag für Schmitt nach seiner eigenen Behauptung im Begriff des Politischen, dem alle anderen Seinsbereiche (Ästhetik, Ökonomie etc.) untergeordnet waren. An diesem Punkt wird von den Herausgebern die wichtige These vertreten, dass das Motiv der Ordnung bisher nicht zureichend als heuristisches Prinzip genutzt worden sei, um Schmitts Denken und Werk zu verstehen. Von dieser wichtigen Überlegung wird dann die weiterführende These entwickelt, dass man die verschiedenen Schriften Schmitts, die sich mit drei Fragenkomplexen, nämlich den juristischen, politischen und kulturellen Herausforderungen befassten, als Gesamtwerk und sich gegenseitig bedingende und stärkende Strategie interpretieren sollte. Man könne daher eine „trinity of thought“ (S. 4) in Schmitts Werk ausmachen, die intellektuell eng zusammen gehöre. Diese Trinität von Schmitts Denken kreise aus verschiedenen Perspektiven um die Frage der sozialen Ordnung. Deswegen sei es am angemessensten die jeweiligen Aspekte seines Denkens „not in isolation but in conjunction with each other“ (S. 49) zu lesen. Der Primat des Politischen bleibt in dieser Interpretation freilich erhalten und die Beschäftigung mit juristischen wie auch literarischen oder im weitesten Sinne kulturellen Fragen wird so funktional im Dienste der letztlich politischen Ordnungsbemühungen interpretiert. Nun ist Sprache immer auch politisch und einem Denker wie Carl Schmitt, der bewusst die disziplinären Grenzen überschritt und eine unbefangene Eklektik sozusagen zum intellektuellen Prinzip erhob, war es so möglich „into uncharted territory“ (S. 51) aufzubrechen. Das Prägen von Begriffen gehörte für Schmitt zum politischen Kampf, in dem es nicht zuletzt um Deutungshoheit geht. Es wäre naiv zu meinen, dass sich das geändert hätte.

Das „Handbook of Carl Schmitt“ ist in seinen systematischen Hauptteilen (III–V) nach der Dreigliederung von politischem, juristischem und kulturellem Denken unterteilt und versucht so, die in der Einleitung entwickelte These zum Ordnungsprinzip des Bandes zu machen. Das gelingt nicht mit gleichem Erfolg, wie die kompetente Einleitung das vorgeführt hat. Die einzelnen Beiträge setzen nur bedingt eine Interpretation um, die sich diese Gesamtschau zu eigen macht. Sehr zu begrüßen ist hier der umfangreiche Index, der es dem Leser erlaubt, zwischen den verschiedenen Beiträgen zu navigieren und zu einer „kreativen“ Lektüre einlädt.

Zu guter Letzt scheinen die Herausgeber in ihrer (ge-)wichtigen Einleitung (wie im Übrigen auch so manche anderen Beiträger) doch noch etwas kleinmütig und unsicher zu werden. Anders ist es nicht zu verstehen, warum einem eigentlich marginalen polemischen Aufsatz („A Farewell to Schmitt“) von Adam Sitze so viel prominenter Platz auf den letzten Seiten der Einleitung eingeräumt wird. Sitze geht es um eine Art Abwicklung Carl Schmitts. Mit dem Ziel ihn historisch einzuordnen, wird die ausgesprochene Strategie verfolgt, sich danach dann nicht mehr mit ihm und seinen Ideen und Konzepten beschäftigen zu müssen. Ein merkwürdiger und vergeblicher Versuch, sich Carl Schmitts zu entledigen, der – und das macht die langen Zitate von Sitze unverständlich – im Widerspruch zu den Bemühungen des vorliegenden Bandes steht. In der Tat sollte die Frage, ob Schmitt auch für die Krisen und Probleme unserer Zeit treffende Fragen oder sogar Antworten zu geben mag, nicht im Vordergrund einer Analyse seines Werkes stehen. Dass dies aber überhaupt thematisiert wird, zeigt einmal mehr, wie schwierig und befangen nach wie vor der Umgang mit diesem Denker und seinen Ideen ist.

Insgesamt liegt hier ein überzeugender Band zu Carl Schmitt vor, der die Forschung bereichert und anregt. Die Qualität der unterschiedlichen Beiträge wird zumeist, aber leider nicht immer, der Komplexität von Schmitts Gedankenwelt gerecht. Dass es in dem Band durchaus unterschiedliche Positionierungen zu und Bewertungen über Schmitt und sein Werk gibt, ist kaum überraschend. Man sollte auch von diesem Band kein letztes oder abschließendes Urteil zu Schmitt erwarten. Im Gegenteil wird erkennbar, dass dieser „complicated thinker whose thought knew no boundaries“ (S. 51) auch weiterhin anregend und provozierend bleiben wird.