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Einzelrezension

Krause, Skadi Siiri: Eine neue Politische Wissenschaft für eine neue Welt. Alexis de Tocqueville im Spiegel seiner Zeit, 595 S., Suhrkamp, Berlin 2017.


Abstract

Tocqueville – auch ein Kind seiner Zeit

Keywords: Review, Krause, Skadi, Siiri, 2017, Tocqueville, Demokratie, Demokratietheorie

How to Cite:

Cavuldak, A., (2019) “Krause, Skadi Siiri: Eine neue Politische Wissenschaft für eine neue Welt. Alexis de Tocqueville im Spiegel seiner Zeit, 595 S., Suhrkamp, Berlin 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00152-x

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-10-09

Peer Reviewed

Die deutschsprachige Tocqueville-Forschung ist im Vergleich mit der amerikanischen und französischen ziemlich überschaubar. Der wesentliche Grund hierfür dürfte sein, dass Alexis de Tocqueville in seinem Werk vor allem das amerikanische und französische Gemeinwesen betrachtet und analysiert hat, während Deutschland darin eher am Rande vorkommt; in seinem Hauptwerk „Über die Demokratie in Amerika“ spielt Deutschland so gut wie keine Rolle, erst in dem späten Revolutionsbuch stellt es neben England und den USA eine politische Vergleichsgröße dar, um die Geschichte und Gegenwart Frankreichs besser zu verstehen. Tocqueville wollte aber am Beispiel Frankreichs und der USA allgemeine Erkenntnisse über die Chancen und Gefahren der Demokratie gewinnen, die für alle modernen Gesellschaften von Nutzen sein könnten.

In dem hier anzuzeigenden Buch möchte Skadi Siiri Krause Tocqueville als ersten bedeutenden Theoretiker der modernen Demokratie darstellen und würdigen. Und sie tut dies im Anschluss an einige neuere Forschungsansätze vor allem über eine Kontextualisierung seines politischen Denkens in den zeitgenössischen Debatten in Frankreich und in den USA. Die „große Pionierleistung“ der neuen Politischen Wissenschaft Tocquevilles werde erst sichtbar, wenn man sein Werk in die politischen Diskurse seiner Zeit einordne. Denn Tocqueville habe keine abstrakte Demokratietheorie als „geschlossenes Theoriegebäude“ formuliert, sondern entwickle seine Überlegungen und Argumente stets in der Auseinandersetzung mit konkreten politischen Problemlagen und Debatten. Der Erfahrungs- und Handlungsbezug seiner politischen Reflexion sei ihm wichtiger als etwa die innere Konsistenz seines Gesamtwerks. Theorie und Praxis sollten denn auch als ein Kontinuum verstanden werden, in dem sich Ideen und Handlungen nicht einfach entsprechen oder widersprechen; daher seien Spannungen und Brüche unvermeidbar und müssten ausgehalten werden.

Das Buch besteht aus drei Teilen mit jeweils mehreren Kapiteln. Im ersten Teil wird die Entstehung von Tocquevilles neuer Politischer Wissenschaft rekonstruiert, und zwar in dreierlei Hinsicht: zunächst geht es um die Stellung Amerikas im französischen Diskurs der Restauration und Julimonarchie vor dem Hintergrund des revolutionären Erbes und Tocquevilles Stellung in diesem Diskurs; sodann wird die Abgrenzung Tocquevilles von der reichen Reiseliteratur seiner Zeit nachvollzogen, obwohl auch er sich zunächst darin versucht und auch von ihr profitiert hat; und schließlich wird in einem der besten Kapitel des Buches überzeugend herausgearbeitet, dass die Gefängnisschrift von Tocqueville und Beaumont ein methodisches Modell und analytisches Laboratorium für die Demokratieschrift darstellte.

Der zweite Teil ist mit sechs Kapiteln mit Abstand der längste; hier erschließt die Autorin Tocquevilles neue Politische Wissenschaft als „Beschreibung individueller und kollektiver Freiheitsräume“. Die Rede von „Beschreibung“ ist in dem Zusammenhang etwas missverständlich, denn wenn Tocqueville beschreibt, dann nur, um es gleich analytisch zu durchdringen, und das stets von einem starken normativen Standpunkt aus, den er von Hause aus mitbringt. Im Einzelnen konturiert Krause dessen Konzeption von Volkssouveränität und Repräsentation, Rede- und Pressefreiheit, Vereinigungsfreiheit und politischen Parteien, kommunaler Selbstverwaltung und Föderalismus, Gerichtsbarkeit und Religionen in der Demokratie. Dabei greift sie auf ganz unterschiedliche Textgattungen Tocquevilles zurück und nimmt zwischen ihnen eine ungewöhnliche Gewichtung vor: die zweibändige Demokratieschrift ist natürlich von grundlegender Bedeutung, das Revolutionsbuch hingegen wird kaum herangezogen, dafür sind aber das Reisetagebuch und die Korrespondenz wichtige Quellen; hinzu kommen parlamentarische und akademische Reden, Streitschriften, Untersuchungsberichte und Zeitungsartikel. In diesen nicht zuletzt auch stilistisch anspruchsvollen Texten begegnet uns ein Tocqueville, der permanent im Gespräch ist mit sich und anderen und überhaupt im Modus der Bewegtheit denkt, um die demokratische Dynamik analytisch in den Griff zu bekommen. So wie die demokratische Revolution in der Gesellschaft alles in Bewegung setzt und in Atem hält, so agil, bewegt und atemberaubend denkt und schreibt auch Tocqueville. Dabei kann er sich in Gedanken so gut bewegen und dann auch wieder sammeln, weil er einen festen Standpunkt und eine präzise Fragestellung hat. So erfahrungsgesättigt seine Überlegungen auch sein mögen: ohne den Mut zu intuitiver Einsicht und Voraussicht hätten sie längst nicht die Bedeutung und Überzeugungskraft, die sie bis heute auszeichnet.

Im Hauptteil ihres Buches macht Krause deutlich, wie sehr Tocqueville von den politischen und wissenschaftlichen Debatten seiner Zeit in Frankreich und USA profitiert hat, aber auch, dass er aus dem, was er vorfindet an Reflexions- und Anschauungsmaterial, immer wieder neue Erkenntnisse herauskristallisiert. Der französische Aristokrat ist davon überzeugt, die Demokratie sei das unabwendbare Schicksal der europäischen Menschheit; ungewiss sei nur, was die einzelnen Gesellschaften daraus machen würden. Er will am Beispiel der USA den Beweis erbringen, dass die Demokratie keineswegs in Anarchie und Tyrannei ausarten muss, wie Reaktionäre und Konservative im Gefolge der Französischen Revolution allenthalben befürchteten, sondern dass sie sehr wohl eine freiheitliche politische Ordnung begründen kann, wenn nur die richtigen Institutionen und Dispositionen zusammenkommen. Sein ganzes Denken ist darauf ausgerichtet, politische Lehren zu ziehen aus der eigenen Geschichte und verwandten Gegenwart der USA, um vor allem seinem Heimatland den Weg in die Zukunft und Freiheit ebnen zu können.

Dabei ist Tocquevilles Blick auf die USA zwar überwiegend positiv, weil er sie als Vorbild zum Leuchten bringen will, aber keineswegs ohne kritische Distanz. So sind denn auch die Schattenseiten des amerikanischen Freiheitsexperiments ihm nicht entgangen, die da wären: Sklaverei und Rassismus, Kolonialismus und die Vertreibung indigener Völker. Krause geht im dritten Teil ihres Buches auf diese beiden „konkreten Gefährdungen von Gleichheit und Freiheit“ ein. Hier hätte im Übrigen auch die Frage nach dem Verhältnis von Mann und Frau in der Demokratie Beachtung verdient; jedenfalls bestünde Anlass für einige kritische Rückfragen an Tocqueville.

Dessen ungeachtet gehören die beiden letzten Kapitel zu den aufschlussreichsten des Buches, nicht nur, weil sich Tocqueville darin als ein scharfsinniger Kritiker von Sklaverei und Kolonialismus erweist, sondern die Relevanz seiner Überlegungen für die politische Praxis seines Landes erstmals mit den Händen greifbar wird; er kämpft nämlich als „engagierter Politiker“ gegen die Sklaverei und Kolonialpolitik Frankreichs in Algerien. Was den letzten Aspekt angeht, fällt auf, dass Krause Tocqueville gegen den Einwand der Kritiker entschieden in Schutz nimmt, er habe doch in seinen Schriften über Algerien (die Krause vor einiger Zeit ins Deutsche übertragen hat!) bei aller Kritik die französische Kolonialisierungspolitik mit geostrategischen und machtpolitischen Argumenten gerechtfertigt. Daran wäre nichts zu beanstanden, wenn es nicht auch sonst in dem Buch so wäre, dass Tocquevilles Denken und Handeln von jedweder Kritik verschont bleibt. Dahinter steht vermutlich das Motiv, den Demokratietheoretiker so stark wie möglich zu machen. Nur ist eine fundierte und wohlbegründete Kritik das beste Kompliment, das man einem Denker vom Range Tocquevilles machen kann. Das ändert aber nichts daran, dass Skadi Krause mit dem Buch eine solide Forschungsleistung erbracht hat, die Respekt verdient.