Wenn Axel Honneth nun eine Monografie vorlegt, die sich als europäische Ideengeschichte der Anerkennung ankündigt, dann stammt diese nicht aus irgendeiner Feder. Honneth ist ein Philosoph, der den Begriff der Anerkennung in den vergangenen drei Jahrzehnten wie kein anderer nicht nur in das Zentrum seines Denkens gestellt, sondern der diesen Begriff durch die enorme internationale Aufmerksamkeit, mit der sein Werk unmittelbar nach Erscheinen seiner Studie „Kampf um Anerkennung“ (Frankfurt a. M. 1992) und ungebrochen bis heute begleitet wird, zu einer zentralen Kategorie der Sozialphilosophie der Gegenwart gemacht hat. Sicherlich taucht der Begriff der Anerkennung ungefähr gleichzeitig auch in den Schriften anderer Autor_innen wie beispielsweise Charles Taylor oder Judith Butler auf, aber in keiner anderen philosophischen Theorieentwicklung der Gegenwart nimmt er eine so zentrale systematische Stellung ein und niemand anderes hat die Entwicklung einer Philosophie der Anerkennung mit derartiger Beharrlichkeit verfolgt, wie es in Honneths Arbeiten der Fall ist.
Für das Vorhaben einer Ideengeschichte der Anerkennung ist diese herausragende Stellung in den anerkennungstheoretischen Diskursen des Gegenwartsdenkens aber nicht nur ein Vorteil, sondern zugleich auch eine Bürde, wie Honneth selbst sieht, denn es besteht die Gefahr, dass der Fluchtpunkt dieser Ideengeschichte von vornherein festliegt – vorgegeben nämlich von den Auswahlkriterien der honneth’schen Anerkennungstheorie selbst, die bekanntlich das Anerkennungsdenken Georg Wilhelm Friedrich Hegels ins Zentrum ihrer Bemühungen rückt. Hegel bleibt – letztlich keine Überraschung – für Honneth der zentrale Referenzpunkt der Anerkennungsphilosophie. Die Ideengeschichte, die Honneth rekonstruiert, wird im Grunde dazu dienen, auszuloten, welche Schwachpunkte und Ausblendungen Hegels sich durch andere Theorieressourcen und -traditionen wenn auch nicht beheben, so doch zumindest in ein anderes und für mögliche Lösungsstrategien aufschlussreiches Licht tauchen lassen. Das Buch hat daher, von seinem Ende her gelesen, eine klare konzeptionelle Zielsetzung. Es ist deshalb keine historiografische, sondern eine systematische Ideengeschichte.
Auf der inhaltlichen Ebene legt Honneth die Untersuchung als europäische Ideengeschichte an, wobei er sich dabei auf drei Traditionslinien konzentriert, die nach einer methodischen Vorüberlegung (Kap. I) nacheinander als französische (Kap. II), englische (Kap. III) und schließlich deutsche Anerkennungstradition (Kap. IV) durchleuchtet werden. Beschlossen wird die Studie durch ein Kapitel, das ein systematisches Resümee zu ziehen sucht (Kap. V). Während es der Studie in diesen Kapiteln auf der systematischen Ebene immer wieder gelingt, sehr aufschlussreiche Gesichtspunkte für die Konzeptionalisierung des Begriffs der Anerkennung aufzuspüren, wirken die Rahmenüberlegungen für die Anlage der Untersuchung etwas artifiziell und Honneth wäre hier vermutlich besser beraten gewesen, auf den Versuch einer systematischen Rechtfertigung der Konzentration auf Denker_innen, die nur bestimmten nationalen Kontexten entstammen, und eines Zusammenhangs, der zwischen diesen durch ihre Beheimatung in bestimmten nationalen Kulturen bestehen soll, zu verzichten. So hätte er es bei der Länderauswahl bei den pragmatischen Gründen, die er auch anführt (S. 20), belassen können, statt die „Vorrangstellung“, die Frankreich, England und Deutschland nach seiner Einschätzung „in unserem ideengeschichtlichen Bewusstsein“ (ebd.) einnehmen, durch sehr kursorisch dargelegte und mindestens dadurch fragwürdig bleibende Gründe für deren jeweils paradigmatischen Charakter für bestimmte geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungsvarianten zu rechtfertigen. Auch die damit verbundene Vorstellung einer nationalen Kultur, die sich in der jeweiligen philosophischen Theoriebildung niederschlagen soll, ist in dieser Generalität und gerade auch angesichts der großen Selektivität des hier herangezogenen Materials nicht wirklich überzeugend.
Steht die Rahmenerzählung daher aus meiner Sicht eher auf tönernen Füßen, so wird der systematische Gehalt der jeweiligen Exegesen davon aber glücklicherweise nicht beeinträchtigt. Bevor sich der Autor an die eigentliche inhaltliche Untersuchung begeben kann, muss er einem auf den ersten Blick nicht unerheblichen begrifflichen Problem begegnen: Kann eine Ideengeschichte der Anerkennung überhaupt geschrieben werden, obwohl sich eine Vielzahl der aus Honneths Sicht einschlägigen philosophischen Autor_innen des Begriffs selbst gar nicht bedient? Weder bei Jean-Jacques Rousseau noch bei David Hume oder Adam Smith, ja auch bei Immanuel Kant findet der Begriff der Anerkennung selbst Verwendung. Im Grunde wird er, wie Honneth in Kap. IV ausgiebig rekonstruiert, erst durch Johann Gottlieb Fichte explizit in den philosophischen Diskurs eingespeist. An dieser Stelle spielt der Umstand, dass Honneth eine systematische Ideengeschichte zu schreiben beabsichtigt, die das Ziel verfolgt, theoriegeschichtliche Quellen für konzeptionelle Zwecke zu erschließen, dem Verfasser in die Hände: Er kann schlicht darauf verweisen, dass es ihm nicht um eine Begriffsgeschichte im engeren Sinne, sondern um die ideengeschichtliche Rekonstruktion eines „konstitutive[n] Gedanke[ns]“ (S. 15) geht.
Konkret unterscheidet Honneth dabei drei Verständnisse von Anerkennung, die er einem englischen, einem französischen und einem deutschen Diskurs zuordnet: Während seiner Rekonstruktion zufolge in Frankreich eine negative Deutung vorherrsche, die den Einzelnen in Anerkennungsbeziehungen „dem Urteil der Gesellschaft hilflos ausgeliefert“ (S. 185) sehe, betone die englische Tradition, dass das Verhalten der Individuen durch Anerkennungsbeziehungen dahingehend beeinflusst werde, sich so auszugestalten, dass der Handelnde „soziale Zustimmung erfährt“ (S. 186). Im deutschen Kontext schließlich gehe es um die sozialphilosophische Erfassung des Ringens von Subjekten um Selbstbestimmung innerhalb gemeinschaftlicher Verhältnisse.
Der eigentliche Ertrag der Studie kann Honneth zufolge nicht einfach darin liegen, diese verschiedenen Denktraditionen der Anerkennung freizulegen und durch die Schriften unterschiedlicher Denker_innen nachzuverfolgen. Stattdessen steht ein systematisches Ziel am Ende der Untersuchung, dem der Autor das abschließende Kap. V widmet: In ihm spürt er der Frage nach, ob und inwiefern sich die unterschiedlichen Deutungsvarianten des Anerkennungsbegriffs wechselseitig so erhellen können, dass zumindest der Weg zu einem insgesamt schlüssigeren sozialphilosophischen Konzept der Anerkennung aus der ideengeschichtlichen Rekonstruktion gewiesen werden kann. Da er nicht nur in seinen sonstigen Arbeiten zum Anerkennungsdenken, sondern auch in Kap. IV der vorliegenden Studie noch einmal nachdrücklich unterstrichen hat, dass seines Erachtens Hegels Konzept der Anerkennung den reichhaltigsten Vorschlag darstelle, ist es wenig verwunderlich, dass er die Frage daraufhin zuspitzt, inwiefern Unklarheiten oder blinde Flecken im Anerkennungsdenken Hegels durch die anderen Varianten behoben werden können. Zwar erscheint ihm Hegels Zugriff insgesamt deshalb am fruchtbarsten, weil es diesem gelinge, das Selbstbestimmungsringen der Subjekte an eine kritische und soziologisch informierte Gesellschaftstheorie zurückzubinden, die es erlaube, die Dynamik sozialer Konflikte und damit den Kampf um die Gestaltung von gesellschaftlichen Verhältnissen im Spannungsfeld von Anerkennungsbeziehungen zu denken.
Dennoch ergeben sich nach Honneths Dafürhalten bei Hegel ergänzungsbedürftige Ausblendungen. Zur exemplarischen Illustration sei hier abschließend nur auf Honneths Einschätzung verwiesen, dass es Hegel nicht gelinge, hinreichend zu erklären, wie Normen in soziale Gewohnheiten übergehen. Hegel halte dafür zwar den Begriff der zweiten Natur bereit, erläutere aber nicht, wodurch Subjekte einen Anstoß erfahren, sozial akzeptierte Dispositionen auszubilden – hier ist es die schottische Moralphilosophie und die in ihrem Rahmen artikulierte Vorstellung, dass Handelnde nach sozialer Zustimmung für ihr Handeln streben, die einen möglichen und fruchtbaren Ansatzpunkt liefern könnte; weitere Ergänzungen zur Psychologie von Anerkennungsverhältnissen und zur Rolle von Unterdrückung und Herrschaft in ihnen lassen sich aus Honneths Sicht durch Rekurse auf Rousseau beziehungsweise den ansonsten sehr kritisch diskutierten Louis Althusser gewinnen. Die ideengeschichtliche Rekonstruktion schließt damit in einer offenen Form, denn sie führt nach dem Rundgang durch unterschiedliche Anerkennungstheorien in den Bereich von Honneths eigener sozialphilosophischer Theoriebildung zurück und bietet Ausblicke darauf, welche systematischen Fragen aus seiner Sicht noch der Klärung harren und welche theoriegeschichtlichen Quellen dazu herangezogen werden könnten.