Das öffentliche und wissenschaftliche Interesse an den Schriften von Alexis de Tocqueville (1805–1859) ist ungebrochen. Viele Interpreten der letzten Jahre haben sich der Vielschichtigkeit von Tocquevilles Werk verschrieben. Dazu gehört auch Andreas Hess, Professor für Soziologie an der University Dublin, der 2016 als Autor von „The Political Theory of Judith N. Shklar. Exile from Exile“ hervorgetreten ist. In seinem neuen Buch „Tocqueville and Beaumont. Aristocratic Liberalism in Democratic Times“ durchbricht er eine typische Einseitigkeit im Fokus auf Tocqueville, indem er zeigt, dass dessen Wirken und Werk als Teil einer lebenslangen Freundschaft und Zusammenarbeit mit Gustav de Beaumont verstanden werden muss. Freilich war Beaumont nicht der einzige intellektuelle Freund, den Tocqueville hatte. Er pflegte unter anderem intensive Freundschaften zu Louise de Kergorlay, John Stuart Mill und William Nassau Senior. Aber Beaumont, und nur Beaumont, begleitete ihn auf seinen Reisen nach Amerika, England, Irland und später Algerien. Beide teilten die Autorenschaft ihrer ersten Veröffentlichung, die Arbeit „Du système pénitentiaire aux États-Unis, et de son application en France“ (1833), beide waren leidenschaftliche Politiker und Mitstreiter bei wichtigen Verwaltungsreformen, sei es im Gefängniswesen, in der französischen Kolonialpolitik oder bei der Bildung. Von der Intensität ihrer Beziehung zeugen noch heute die vielen Briefen, die nunmehr Teil der Gallimard-Ausgabe der „Œuvres complètes“ sind. Und nicht zu vergessen, nach Tocquevilles Tod wurde Beaumont der erste Herausgeber der gesammelten Schriften von Tocqueville. Dies aufzeigend, ist Hess ein interessanter Zugang zu Tocquevilles Werk gelungen, dass er in insgesamt fünf Kapitel mit vielen biografischen und zeithistorischen Hinweisen auf insgesamt rund 150 Seiten umreißt und analysiert.
Über die intellektuelle Nähe von Tocqueville und Beaumont ließe sich viel sagen. Beide hatten ein Interesse an politischer Ökonomie und wurden insbesondere von den Theorien von Jean Baptist Say angezogen. Und beide hatten die Vorlesungen von Francois Guizot besucht, an dessen Geschichtsthesen und Vorstellungen von Politik und Regierung sie sich zeitlebens abarbeiteten. Noch Tocquevilles unvollendet gebliebenes Spätwerk „L’Ancien Régime et la Révolution“ lässt sich als Antwort auf Guizot lesen. Hess deutet dies an, aber die intellektuellen Grundlagen beider Denker bleiben doch weitgehend im Dunklen. So geht Hess fast gar nicht auf die unterschiedlichen liberalen Strömungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich ein und thematisiert auch nicht den großen Einfluss, den etwa Benjamin Constant auf Tocqueville hatte. Allerdings gelingt es Hess, das politische Auftreten der beiden Denker als „Zwei-Mann-Maschine“ zu beschreiben. So legt er dar, wie beispielsweise Tocqueville dem Parlament einen Bericht über die Abschaffung der Sklaverei vorstellte, während Beaumont gleichzeitig der ersten Kammer im Namen der französischen Abolitionistengesellschaft eine Petition vorlegte.
Gleichwohl macht der Autor auch Unterschiede zwischen den beiden Autoren deutlich. Tocquevilles und Beaumonts Amerikaerfahrungen beruhten auf einer neunmonatigen Studienreise durch die Vereinigten Staaten. Aus dieser Fahrt gingen insgesamt drei Veröffentlichungen hervor: die Arbeit über das Gefängniswesen der Vereinigten Staaten, die Beaumont und Tocqueville gemeinsam verfassten, Tocquevilles Hauptwerk „De la démocratie en Amérique“, das in zwei Bänden 1835 und 1840 erschien, und Beaumonts „Marie, ou L’esclavage aux États-Unis“, das ebenfalls 1835 veröffentlicht wurde. Tocquevilles publizierte Schriften erheben den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Sie sind keine Reiseliteratur, sondern dienen der umfassenden Darstellung der sozialen Gestaltungskraft der Demokratie und weisen darüber hinaus ein klares politisches Profil auf. Beaumonts Buch ist heute dagegen ein frühes Beispiel für das, was man als „social science fiction“ bezeichnet, eine Mischung aus fiktionaler Erzählung und empirischer Sozialwissenschaft, insofern es sich mit literarischen Mittel sozialen und politischen Themen annimmt; in Beaumonts Fall der Fortsetzung der Sklaverei in den USA und dem aufblühenden Rassismus. Doch so verschieden die beiden Werke auch sind, Hess betont in seinem Buch, dass die beiden Publikationen zusammen gelesen werden müssen, quasi als „zwei Seiten derselben Medaille“. Erst zusammen beleuchten sie Licht und Schatten der aufkommenden Demokratie, die zwar Freiheit und Gleichheit im politischen System verankerte, aber keineswegs für jeden einlösen konnte.
Hess Buch geht in seiner Analyse weit über den amerikanischen Kontext und damit über Tocquevilles „De la Démocratie en Amérique“ und Beaumonts „Marie“ hinaus. Er beschreibt ihr frühes gemeinsames Engagement für die Strafgesetzgebungs- und Gefängnisreform in Frankreich, ein Anliegen, das sie schließlich nach Amerika führte, aber auch später noch, vor allem in den 1840er Jahren, begleitete. Hess schildert aber auch die späteren Reisen der beiden Freunde, nach England und schließlich auch nach Algerien. In Großbritannien werden sie mit Landflucht, der Verelendung kleinbäuerlicher Schichten und wachsenden sozialen Spannungen in der Bevölkerung konfrontiert. Beaumont beschreibt dies in seiner Schrift „L’Irlande“, die 1839, also ein Jahr vor Tocquevilles zweitem Band von „De la Démocratie en Amérique“ erschien.
Obwohl Hess Buch tendenziell nicht wertend ist, reformuliert er doch viele in der Sekundärliteratur gängige Interpretationsmuster. Tocqueville und Beaumont sind für ihn, wie schon der Titel des Buches deutlich macht, aristokratische Liberale, die aus der Spannung von Ancien Régime, dem sie sich nicht mehr zugehörig fühlen, und moderner Demokratie, der sie misstrauen, ihre Theorien entwickeln. Auch wenn Tocqueville mit seinen Bekenntnissen viel zu einer solchen Lesart beigetragen hat, muss sie doch prinzipiell bezweifelt werden. Tatsächlich war er der erste, der die Demokratie als Staats‑, Gesellschafts- und Lebensform beschrieben und verteidigt hat. Tocquevilles analytischer Ansatz, die Demokratie als eine dynamische Gesellschaftsform zu begreifen, in der das System der Volkssouveränität nicht von der Demokratie als Form einer Gesellschaft getrennt werden darf, hat in jüngster Zeit eine Debatte über die Anschlussfähigkeit seines Werkes im 21. Jahrhundert ausgelöst. Sie hat gezeigt, dass sich heutige Interpreten mit gutem Gewissen auf ihn berufen können, wenn sie die moderne Demokratie als einen dynamischen Prozess beschreiben, denn er war der festen Überzeugung, dass die Entwicklung der Demokratie längst noch nicht abgeschlossen ist und dass weitere Wellen der Demokratisierung in Bezug auf den Staat und die Verwaltung unvermeidlich sind.
Nichtsdestotrotz liefert das Buch viele gute Gründe, warum es sich lohnt, Tocqueville und Beaumont zusammenzulesen. Wie Hess argumentiert, bieten die Werke beider Autoren gemeinsam ein viel tieferes und umfassenderes Verständnis. In Bezug auf eine horizontale Zeitdimension erstreckt sich ihr Vergleich über vier Kontinente und umfasst mehrere Länder: die Vereinigten Staaten, ein aufstrebendes Kanada, Frankreich, das Vereinigte Königreich (einschließlich Irland), die Schweiz, Deutschland, Algerien und Indien. In der „vertikalen“ Zeitdimension findet man den Vergleich zwischen Ancien Régime und moderner Demokratie. Und wenn man den Blick so weitet wie Hess, und auch Manuskripte, Reisenotizen und ihre Korrespondenz in die Analyse einfließen lässt, dann wird deutlich, wie sorgfältig die beiden Denker in der Beobachtung und Analyse sowie bei der Auswahl ihrer Begriffe gearbeitet haben. Und noch etwas wird deutlich. Ohne die Leistung Beaumonts infrage zu stellen: erst im Vergleich der Werke beider Freunde wird bewusst, was für ein visionärer Denker Tocqueville war, dem Hess in seiner Analyse letztendlich auch den Großteil seines Buches widmet.