Am Dienstagmorgen, dem 1. April 1975 – dem ersten Arbeitstag nach Ostern – „blockierten Atomkraftgegner die Zufahrtswege (zum Baugelände des geplanten Atomkraftwerks [AKW] Kaiseraugst) mit Fahrzeugen“. Die Arbeit am Bauplatz war sowieso unmöglich, denn „auf den Baumaschinen saßen oder standen Dutzende von Menschen“ (S. 79). Nachdem sie den Bauplatz erobert hatten, blieben die Atomkraftgegner bis 11. Juni. Auf einem Areal wo ein großes Kernkraftwerk geplant war, entstand ein Zeltendorf.
Diese elfwöchige Besetzung des Bauplatzes in Kaiseraugst steht im Mittelpunkt David Hänis’ Dissertation, die er an der Universität Bern schrieb. Die leitenden Fragen seiner Arbeit konzentrieren sich einerseits auf die historischen Rahmenbedingungen, die für „den Erfolg der Besetzungsaktion maßgebend“ waren, und andererseits auf den „Stellenwert … der Bauplatzbesetzung innerhalb der Geschichte des Widerstands“ (S. 19). Seine Argumentation geht über die Bewegung hinaus, denn laut Häni, bildete die Besetzung nicht nur einen wichtigen Wendepunkt in dem Widerstand gegen das AKW Kaiseraugst, sondern auch ein „bedeutendes Ereignis der neueren Schweizergeschichte“ (S. 349). Die Bedeutung der Besetzung bestand nicht nur darin, dass sie als identitätsstiftendes Kollektivereignis für die schweizerische Anti-Atombewegung diente und letztendlich zur Streichung des geplanten AKW Kaiseraugst beitrug. Sie stellte auch fest, dass Bürger das Handeln der Regierung beeinflussen konnten und ließ dadurch neue Fragen über die Stelle des zivilen Ungehorsams in der schweizerischen Direktdemokratie aufwerfen.
Um diese tatkräftigen Thesen zu beweisen, untersucht Häni die Besetzung innerhalb mehrerer Kontexte. Seine Arbeit, die zwischen der Einleitung und den Schlussbetrachtungen in vier stichhaltige Kapitel gegliedert ist, schildert die Bewegung aus der Perspektive der Bewegungsforschung (Kap. 2), als Teil der längere Geschichte des Protests gegen das AKW Kaiseraugst (Kap. 3) und als „Ausdruck einer neuen sozialen Bewegung“ (Kap. 4). Letztendlich fokussiert sich Häni doch auf dem Mittelpunkt: das fünfte und längste Kapitel seiner Dissertation behandelt die Besetzung und die Beweggründe ihre Hauptakteure.
In seinem kurzen Kapitel zur Bewegungsforschung, erklärt der Autor wie er mit sozialwissenschaftlichen Theorien umgeht. Hier beschreibt er die Debatten, vor allem gegenüber „Aktivisten und Bewegungsforscher aus angelsächsischen Ländern“ (S. 41), die die Nutzung und die Bedeutung des Begriffs der neuen sozialen Bewegungen (NSB) geprägt haben. Doch., insofern seine Arbeit darauf zielt, „die Rekonstruktion der historischen Fakten in einen begrifflich-theoretischen Rahmen zu stellen“ (S. 48), nutzt Häni selbst die NSB-Theorie allein als Anker für seine Darstellungen; er geht auf ihre Bedeutung also nicht ein.
Diese Vorgehensweise wird vor allem in Kap. 4 deutlich gemacht. Hier werden die Ergebnisse vorheriger Recherchen zu den Ursprüngen der NSB beschrieben, um „die Bewegung gegen das Kernkraftwerk Kaiseraugst in den Bezugsrahmen der neuen sozialen Bewegungen [einzuordnen]“ (S. 140). Insofern bekommen diese Ergebnisse auch im Fall Kaiseraugst Aussagekraft, sogar dort wo Hänis eigene empirische Forschung auf nuancierte Erklärungen hindeutet. Hier schreibt er zum Beispiel, dass „die Opposition gegen das AKW Kaiseraugst […] sich ab den frühen 1970er-Jahren das Handlungsrepertoire der 68er-Bewegung zunehmend zu eigen machte“ (S. 144). Im folgenden Kapitel wird aber eine detaillierte Genealogie der „Besetzung“ als Aktionsform vorgebracht, die Verbindungen zur britischen Friedensbewegung der 1950er Jahre feststellt, aber keine Beziehung zu den (schweizerischen) 68er präsentiert.
Die Stärke des historischen Kapitels ist die Bestrebung Hänis, die Besetzung als Teil einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem AKW Kaiseraugst darzustellen. Es wird gezeigt, wie das lange Echo der Besetzung und auch wirtschaftliche Kalküle, die gegen die Fortsetzung des AKW Kaiseraugst sprachen und den Betreibern schon kurz nach der Besetzung bekannt waren, erst in 1988 – also nach der Tschernobyl Katastrophe – zur Aufgabe des AKW-Projekts führten. Aus dieser langen historischen Perspektive wird die Bedeutung der Besetzung als Wendepunkt für die Bewegung auch deutlich. Die Zeit auf dem Bauplatz markierte sowohl eine Öffnung gegenüber neuer Widerstandsformen als auch einen Integrationspunkt für neue Teile der Gesellschaft.
Das Herzstück der Dissertation bildet jedoch das fünfte Kapitel, das sowohl auf umfangreiche Recherchen in acht Archiven basiert, als auch durch Interviews mit sieben Zeitzeugen eine Mikro-Historie der Besetzung darstellt. Auch die Bewertung des nach Häni „nur wenige Male [vorgeführten]“ (S. 262) Super 8-Films „Kaiseraugst besetzt“, ermöglicht es ihm die Atmosphäre auf dem besetzten Bauplatz authentisch und im Detail zu beschreiben. Einige Themen, wie zum Beispiel die Art und Weise mit der Atomkraftgegner das zivile Ungehorsam erlernten, sind von Häni besonders sorgfältig erforscht. Hier umfasst seine Recherche sowohl die transnationalen Netzwerke, die schweizerische Atomkraftgegner in Verbindung mit dem Kreis des Berliner Friedenforschers Theodor Ebert brachten, als auch die Seminare vor Ort, bei denen die Aktivisten sich gewaltlose Techniken beibrachten.
Indem es die Besetzung der Baustelle des geplanten AKW-Kaiseraugst mehrfach in Kontext stellt, liefert „Kaiseraugst Besetzt!“ einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung der schweizerischen Anti-Atombewegung. Wir bekommen dadurch ein weitaus nuancierteres Verständnis von den Wirkungen eines solchen Protests – auch weit weg vom kleinen Dorf, und lang nachdem er stattfand. Wegen seiner auf Quellen bezogenen, ins Einzelne gehenden Beschreibung der Besetzung bildet Hänis Buch auch einen wichtigen Bestandteil einer neuen Welle von detaillierten Fallstudien, die einzelne Anti-Atomproteste besprechen. Diese Studien werden es uns letztendlich ermöglichen, eine vielfältige Bewegung, die sowohl mit bestimmten Standorten verbunden, aber auch über die Staatsgrenzen Europas vernetzt war, zu begreifen und zu analysieren.