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Einzelrezension

Abmeier, Angela: Kalte Krieger am Río de la Plata? Die beiden deutschen Staaten und die argentinische Militärdiktatur (1976–1983), 562 S., Droste, Düsseldorf 2017.


Abstract

Deutsche Politik gegenüber der argentinischen Militärdiktatur

Keywords: Review, Abmeier, Angela, Argentinien, Militärdiktatur, Diktatur, Südamerika

How to Cite:

Meding, H., (2019) “Abmeier, Angela: Kalte Krieger am Río de la Plata? Die beiden deutschen Staaten und die argentinische Militärdiktatur (1976–1983), 562 S., Droste, Düsseldorf 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00145-w

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-11-09

Peer Reviewed

Für Lateinamerika stellte die Zeit zwischen der Kubanischen und der Sandinistischen Revolution die Hochphase des Kalten Krieges dar. Angesichts der sich verstärkenden ideologischen Konfrontationen und der gewaltsamen Zusammenstöße zerbrachen in der Mehrzahl der Staaten die ohnehin bereits fragilen konstitutionellen Ordnungen. An ihre Stelle setzten sich Militärdiktaturen, die in ostentativer Verachtung auf das Versagen ziviler Regierungen herabsahen und ihrerseits einen autoritär geführten Weg zu Stabilität, Sicherheit und Modernisierung anstrebten. Auch Argentinien konnte sich den Imperativen der Bipolarisierung der internationalen Beziehungen und ihrer Auseinandersetzungen nicht entziehen, sodass sich schließlich ebenfalls am Río de la Plata eine militärische Herrschaft gegenüber dem demokratischen Modell durchsetzte. Damit veränderten sich unweigerlich auch die Außenbeziehungen – sowohl hinsichtlich der Akteure als auch hinsichtlich der Methoden und Zielsetzungen.

Für Deutschland spielte Argentinien im Reigen der lateinamerikanischen Staaten traditionell eine herausragende Rolle als politischer und ökonomischer Partner sowie – zumindest bis in die 1950er Jahre – als Auswanderungsziel. Mit ihrer Dissertation, die von Heinrich August Winkler betreut wurde, hat Angela Abmeier nunmehr eine Arbeit vorgelegt, welche die Verbindungen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gegenüber Argentinien in einer heiklen Phase einer genaueren Betrachtung unterzieht. Der Beobachtungszeitraum ist auf die Militärdiktatur fokussierte, die Argentinien von 1976 bis 1983 beherrschte. Die Führung der Streitkräfte hatte es sich zum Ziel gesetzt, auf der Basis der Doktrin der Nationalen Sicherheit dem Land wieder Stabilität zu geben, die Wirtschaft anzukurbeln und einen Modernisierungsschub auszulösen. Auch die beiden deutschen Staaten erhofften sich von der neuen Regierung bessere Zugänge im Handel und größere Verlässlichkeit.

Zur Betrachtung und Analyse der zwischenstaatlichen Entwicklungen geht die Verfasserin in Zweijahreseinheiten vor und untersucht jeweils die zentralen Interaktionsfelder. Dabei betrachtet sie, neben dem vorrangigen Part der politischen Kontakte, auch die wirtschaftlichen und rüstungstechnischen Kooperationen und bezieht sie aufeinander.

Die bundesdeutsche Position stand weitgehend unter dem Primat der Wirtschaft. Abmeier kann nachvollziehbar darlegen, wie sich die Handelsbedingungen verbesserten und sich die ökonomischen Kontakte intensivierten. Um diese Entwicklung nicht zu gefährden, hielt sich Bonn lange mit Kritik zurück – unterdrückte diese sogar – bis die andauernde und unübersehbare Repression der Militärs schließlich doch zu deutlicherer Stellungnahme zwang, die aber dennoch immer recht verhalten blieb. Tatsächlich, so kann nachgewiesen werden, empfahl die bundesdeutsche Seite, bei allgemeinen Menschrechtsverletzungen keine generalisierende offene Kritik an der argentinischen Diktatur zu äußern, sondern eher konkrete Fälle auf Gesprächsebene zu thematisieren. Die Verfasserin arbeitet sowohl die Unterlassungen als auch die tatsächlichen Bemühungen der bundesdeutschen Seite heraus, unterzieht aber die angewandte „stille Diplomatie“ einer unmissverständlichen Kritik und hält sie für völlig gescheitert, wie vor allem die Ermordungen von Elisabeth Käsemann und Klaus Zieschank belegen. Auch einige der anonymisiert skizzierten Fallbeispiele sind wahrhaft schockierend.

Die Zielsetzung der DDR war nicht völlig anders gelagert, musste aber auf die eigene schwache Ausgangsposition Rücksicht nehmen: die diplomatische Präsenz und das zarte Pflänzchen wirtschaftlichen Austausches sollten nicht gefährdet werden. Auf dem politischen Feld versuchte man möglichst keinen Anstoß zu erregen. Menschenrechtsfragen wurden nie thematisiert. Anders als nach dem Sturz Salvador Allendes in Chile nahm die DDR auch kaum argentinische Exilanten auf. Insgesamt gelang es Ost-Berlin, nach einer anfänglichen Abkühlung, überraschend solide Verbindungen zur argentinischen Militärdiktatur aufzubauen.

Die tiefste Zäsur bildete die kurze, aber massive militärische Auseinandersetzung Argentiniens mit Großbritannien um die Malwinen (Falkland Islands). Die bundesdeutsche Botschaft intervenierte anfänglich mehrfach auf der diplomatischen Ebene, um einen bewaffneten Schlagabtausch zu verhindern, stieß in Buenos Aires aber auf weitgehend taube Ohren. Schließlich musste sich die Bundesrepublik bekennen und stellte sich unzweideutig an die Seite Londons. Argentinien war tief verärgert, ja regelrecht schockiert. Die Junta hatte ihre internationale Position grotesk falsch eingeschätzt. Die DDR hingegen hielt sich seinerzeit mit Kritik an Argentinien ostentativ zurück und versuchte aus diesem innerimperialistischen Konflikt politisch und außenwirtschaftlich Profit zu schlagen, was kurzfristig auch gelang. Da aber mit der militärischen Niederlage auch die Junta hinweggespült wurde, konnte dieser Vorstoß keine bleibenden Folgen zeitigen.

Die Verfasserin hat für den Beobachtungszeitraum in systematischer Vorgehensweise recherchiert, vornehmlich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und im Bundesarchiv, und die Argentinienpolitik der deutschen Staaten minutiös dokumentiert. Zeitungskommentare fließen bei Bedarf ein. In Gesprächen mit einigen Zeitzeugen konnten zusätzliche Hintergrundinformationen gewonnen werden. Eine eigentliche Beziehungsgeschichte liegt allerdings nicht vor, da der argentinische Widerpart als eigenständiger Akteur weitgehend ausgeblendet bleibt. Auf argentinische Dokumentation wird zwar verwiesen, doch unterbleibt deren Nutzung. Die Aussage, dass die Bestände der argentinischen Archive unbedeutend, „irrelevant“ oder gänzlich unzugänglich seien (S. 15), ist allerdings nicht richtig. Zumindest für die Frühphase der Diktatur ist das Material umfänglich und dicht vorhanden und wurde unlängst für einen leicht phasenverschobenen Zeitraum (Springer, Philipp: Die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Argentinien 1966–1978. Politische Herausforderungen einer wirtschaftlichen Kooperation, WV Berlin, Berlin 2018) ausgiebig genutzt; eine entsprechende Studie zu den Beziehungen der DDR zu Argentinien ist in Vorbereitung.

Gleichwohl liegt eine kenntnisreiche und gut dokumentierte Darstellung der deutschen Politik gegenüber der La-Plata-Republik vor. Detailliert wird präzisiert, wie die beiden deutschen Staaten unterschiedliche außenpolitische Pfade bahnten, ihre jeweiligen Interessen verfolgten und auf unterschiedlichen Ebenen versuchten, Einfluss auf die Gestaltung von politischen Entscheidungen zu nehmen. Hier hat Abmeier Grundlagenarbeit geleistet