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Einzelrezension

Eder, Jacob S.: Holocaust Angst. The Federal Republic of Germany & American Holocaust Memory since the 1970s, 320 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2016.


Abstract

Die Angst vor der Erinnerung

Keywords: Review, Eder, Jacob S., 2016, Holocaust, BRD, USA, Erinnerungskultur, Shoah

How to Cite:

Schoenmakers, C., (2019) “Eder, Jacob S.: Holocaust Angst. The Federal Republic of Germany & American Holocaust Memory since the 1970s, 320 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2016.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00144-x

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-12-09

Peer Reviewed

Die NS-Zeit, insbesondere der Holocaust, stellt den Kern der heutigen deutschen Erinnerungskultur dar. Dass das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland bewusst auf der kritischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus, dem Bekenntnis zur Verantwortung für die NS-Verbrechen und dem Gedenken an die zahllosen Opfer Nazideutschlands aufbaut, war aber lange Zeit nicht selbstverständlich. Während der Antifaschismusmythos und die Glorifizierung des kommunistischen Widerstands in der DDR eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung weitgehend verhinderten, wurde die NS-Zeit auch im Westen jahrzehntelang überwiegend verschwiegen und verdrängt. Impulse für die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit kamen daher – wenn überhaupt – oft von außen.

Genau hier setzt Jacob S. Eders Studie „Holocaust Angst“ an. Eder nimmt dabei insbesondere die Entwicklungen in Westdeutschland seit Ende der 1970er bis Anfang der 1990er Jahre in den Blick. Ihn interessiert vor allem, wie der „Holocaust-Boom“ in den USA, der nicht zuletzt mit dem Erfolg der TV-Serie „Holocaust“ 1978 breiten Eingang in die US-amerikanische politische und Popkultur fand, das Bild Westdeutschlands im Ausland (mit-)geprägt hat. „Holocaust Angst“ kann daher, so Eder, als Reaktion bundesrepublikanischer Regierungsstellen und Institutionen auf einen vermeintlich neuen Schulddiskurs verstanden werden, der den Prozess eines dezidiert westdeutschen nation-buildings (angesichts der mittlerweile weithin akzeptierten deutschen Teilung) empfindlich zu stören drohte.

Von Anfang an verfolgten westdeutsche Politiker und Diplomaten die „Holocaust-Manie“ (so auch der Titel des ersten Kapitels) jüdischer Betroffenenorganisationen in den USA mit Sorge. Denn sie gefährdete nicht nur die guten Beziehungen zwischen Westdeutschland und den USA, sondern stellte auch das Image der Bundesrepublik als gelehrigem Schüler des Westens, der sich nach 1945 zu einem demokratischen Bollwerk gegen den Kommunismus entwickelt hatte, infrage. Der erhobene moralische Zeigefinger einer permanenten Erinnerung an den Holocaust wirkte in dieser Konstellation wie aus der Zeit gefallen. Statt eines offenen Umgangs mit der Thematik sprang insbesondere in konservativen Kreisen ein althergebrachter Reflex an: die öffentliche Selbststilisierung zum Opfer. Hinter den Kulissen verstärkten deutsche Diplomaten jedoch die fragilen und teils auch komplizierten Verbindungen zu jüdischen Organisationen in den USA. Die dadurch entstehenden Kontakte sollten später das Fundament für die geschichtspolitischen Interventionsversuche der Regierung Kohl bilden.

Diese nimmt Eder in Kapitel 2 in den Blick. Helmut Kohl forderte nach seinem Regierungsantritt 1982 nichts weniger als eine „geistig-moralische Wende“. Laut Patricia M. Clough sah Kohl die Hauptursache für die Krise der Moderne, die mit Unsicherheit, Ratlosigkeit und Angst vor der Zukunft einherging, in einer „seit über einem Jahrzehnt betriebenen Verunsicherung im Verhältnis zu unserer Geschichte“ (Helmut Kohl zitiert in Clough, Patricia: Helmut Kohl. Ein Portrait der Macht, München 1988, S. 88). Kohl erklärte die deutsche Geschichte, insbesondere den brisanten Diskurs über die NS-Zeit, zur „Chefsache“. Es ging dabei um Deutungshoheit und einen Wertekonsens, der sich vorwiegend durch positive Bezugnahme auf die Vergangenheit etablieren sollte. Entsprechend versuchte die Bundesregierung auch aktiv auf die Gedenkkultur in den USA und das damit verknüpfte Deutschlandbild in der US-amerikanischen Öffentlichkeit Einfluss zu nehmen. Dabei riefen Kohls relativierende Darstellungen von der Verantwortung der Mehrheit der Deutschen für den Aufstieg und die mörderische Dynamik des Nationalsozialismus, die damit einhergehende systematische Entkonkretisierung von Tätern und Opfern und die Parallelisierung des „Dritten Reichs“ mit dem Kommunismus bei gleichzeitiger Darstellung einer Erfolgsgeschichte Westdeutschlands nach 1945 (vorhersehbar) Kritik bei den amerikanischen Gesprächspartnern hervor. Vorläufiger negativer Höhepunkt war die Kontroverse um den Besuch von US-Präsident Ronald Reagan in Bitburg 1985.

Weitere Konflikte folgten. Entsprechend widmet Eder das dritte Kapitel der tiefergehenden Betrachtung eines besonderen Streitpunkts: den Plänen zur Errichtung einer nationalen Holocaustgedenkstätte in Washington D.C., dem United States Holocaust Memorial Museum (USHMM). Diese stellte für Kohls „geistig-moralische Wende“ eine Gefahr dar und daher bemühte sich die Bundesregierung, die dortige Ausstellung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Lesenswert zeichnet Eder die diplomatischen Auseinandersetzungen hinter den Kulissen nach. Denn hier traf die schillernde Persönlichkeit des Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel auf den Chefvermittler der Bundesregierung Peter Petersen, ein vormals überzeugter Nationalsozialist, der sich nach 1945 reumütig zum aktiven Demokraten gewandelt hatte. Eder lässt aus den Auseinandersetzungen um das USHMM Menschen hervortreten, deren Handlungslogiken nachvollziehbar werden. Letztlich scheiterten die westdeutschen Einflussversuche an den von gegenseitigen Stereotypen verhärteten Fronten. Eder resümiert: Die Ängste der Bundesregierung im Hinblick auf eine schlechte Darstellung Westdeutschlands in der Ausstellung des USHMM waren zwar übertrieben. Aber: „As such Holocaust Angst was a political reality“ (S. 128).

Wie eng in diesem Fall Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik zusammenhängen, kann Eder in Kapitel 4 zeigen. Als die Bundesregierung erkannte, dass ihre Strategie der direkten Einflussnahme auf Institutionen und Träger der US-amerikanischen Erinnerungskultur gescheitert war, strengte Kohl den Aufbau von deutschen Forschungsinstituten in den USA an. In diesem Kontext muss die Einrichtung des Deutschen Historischen Instituts in Washington verstanden werden – ein nach außen hin unabhängiges Institut, dessen Agenda jedoch politisch gefärbt war. Ziel war die Prägung eines weitgehend positiven Deutschlandbildes in den USA. Flankiert wurde diese Strategie durch die Etablierung von Exzellenzzentren für Deutschlandstudien an amerikanischen Elite-Hochschulen. Eder schreibt diesen Maßnahmen insgesamt eher mäßigen Erfolg zu. Seine Quellen legen aber nahe, dass „Holocaust Angst“ auch hier ein, wenn nicht das ausschlaggebende Motiv gewesen ist.

Kapitel 5 beleuchtet Kohls Geschichtspolitik nach dem Fall der Berliner Mauer 1989. Mit der Wiedervereinigung stand die Frage einer nationalen Neudefinition der Bundesrepublik im Raum. Die Befürchtungen Großbritanniens und Frankreichs gegenüber der Dominanz eines wiedererstarkten deutschen Nationalstaats in Europa teilten auch jüdische Organisationen in den USA. Entsprechend demonstrierte die Bundesregierung auch und gerade nach außen hin den Willen der Deutschen, sich ihrer NS-Vergangenheit zu stellen. Die ausländerfeindlichen Anschläge in den frühen 1990er Jahren in Ost- und Westdeutschland spielte Kohl dabei als Einzelfälle herunter. Im Gegenzug setzte sich der Kanzler für die Realisierung eines Mahnmals für die ermordeten Juden Europas im Herzen Berlins ein. Das Holocaust-Mahnmal steht dabei sinnbildlich und faktisch für einen Strategiewechsel der Bundesregierung. Dass der Holocaust nunmehr so konsequent ins Zentrum der deutschen Erinnerungskultur gestellt wurde und einen wesentlichen Ausgangspunkt des nationalen Selbstverständnisses darstellte, hielt (und hält) man im Ausland sogar für bewundernswert.

Die Studie zeigt, wie politische Eliten versuch(t)en, mittels institutionellen, finanziellen und intellektuellen Ressourcen Geschichte zu prägen beziehungsweise (neu) zu definieren. Dies gelingt Eder unter anderem durch das akribische Nachzeichnen der komplexen und fein verästelten Netzwerke im „System Kohl“ ohne gleichzeitig die größeren historischen Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren. Innerhalb dieser Strukturen zeigt Eder plausibel auf, dass „Holocaust Angst“ von Vorurteilen insbesondere gegenüber Juden und aus einer Abwehr der Scham- und Schuldgefühle für die NS-Verbrechen ausgelöst wurde, die die Akteure als „spezifischen westdeutschen sekundären Antisemitismus“ (S. 11) – mehr oder weniger subtil – immer wieder im diplomatischen oder internen Austausch äußerten. Daneben zählt die beeindruckende Quellengrundlage, insbesondere die zahlreichen Interviews mit den Beteiligten, zu den Stärken der Studie.

Zu ihren (kleineren) Mängeln gehört die manchmal etwas mantraartig vorgetragene These der „Holocaust Angst“ als Hauptmotiv für die geschichtspolitischen Interventionen der Bundesregierung – was schnell den Eindruck einseitiger Kausalität erweckt. Zudem stolpert der Leser über manche stereotype Darstellung, etwa wenn Eder RTL-Zuschauern undifferenziert wenig Bildung und Weltoffenheit zuschreibt (S. 194). Zudem ist schade, dass der Autor der Rolle Berlins als alte-neue Hauptstadt im fünften Kapitel nur wenig Platz einräumt. Gerade die Hauptstadtfrage und die Debatte um Berlins (Neu‑)Ausrichtung hätten dem Kapitel zusätzliche inhaltliche Prägnanz verliehen.

Insgesamt widmet sich Eder einem sehr speziellen, aber nicht minder spannendem Thema, das Fragen nach der Entstehung der deutschen und US-amerikanischen Erinnerungskultur stellt, die auf unser heutiges Geschichtsbewusstsein zurückwirken. Angesichts aktueller rechtspopulistischer Tendenzen und Re-Nationalisierungsbestrebungen, die den erinnerungskulturellen Konsens in Deutschland und Europa zunehmend in Frage stellen, ist sein Buch von höchster Aktualität.