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Einzelrezension

Wiaderny, Bernard: „Schule des politischen Denkens“. Die Exilzeitschrift „Kultura“ im Kampf um die Unabhängigkeit Polens 1947–1991, 434 S., Schöningh, Paderborn 2018.


Abstract

Schule des weltoffenen Denkens

Keywords: Review, Wiaderny, Bernard, 2018, Polen, Exil, Zeitung, Zeitschrift, Kultura, Unabhängigkeit

How to Cite:

Pelka, A., (2019) “Wiaderny, Bernard: „Schule des politischen Denkens“. Die Exilzeitschrift „Kultura“ im Kampf um die Unabhängigkeit Polens 1947–1991, 434 S., Schöningh, Paderborn 2018.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00142-z

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-09-18

Peer Reviewed

Den Untersuchungsgegenstand von Bernard Wiadernys Studie „‚Schule des politischen Denkens‘. Die Exilzeitschrift „Kultura“ im Kampf um die Unabhängigkeit Polens 1947–1991“ bildet die von 1947 bis 2000 in Maisons-Laffitte bei Paris erschienene polnische Monatszeitschrift „Kultura“. Dem Phänomen „Kulturas“ und seiner Publizistik widmeten sich in der Forschung bereits eine Reihe von Monografien und Studien. Wiaderny baut zum Teil auf diesen Erkenntnissen auf, fokussiert jedoch sein Interesse auf die Frage nach dem politischen Engagement des „Kultura“-Kreises in Bezug auf die Wiedergewinnung der Unabhängigkeit Polens und die Absicherung der außenpolitischen Stabilität vor allem in Bezug auf die Nachbarländer Russland, Ukraine und Deutschland. Dem Ziel nach analysiert er chronologisch die in der Zeitschrift publizierten Beiträge seit der Gründung im Jahre 1947 (die erste Ausgabe erschien in Rom, weitere in Paris) bis zur politischen Wende in Polen, der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Zerfall der Sowjetunion und der Gründung der Nachfolgestaaten 1989–1991. Dabei analysiert er zum Teil noch nicht ausgewertete Quellenmaterialien aus dem französischen Verlagsarchiv in Maisons-Laffitte.

Die Quellenbasis bilden Korrespondenzen des Leiters des Verlags Jerzy Giedroyc mit verschiedenen Personen, Schriftwechsel zwischen den Mitgliedern der „Kultura“ und Interviews mit diesen, vor allem aber die Beiträge in der Zeitschrift selbst sowie ein weiteres Magazin, die 1962 von Giedroyc gegründete „Zeszyty Historyczne“, die auf die Publikation historischer Aufsätze vorwiegend zur polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts spezialisiert war. Durch die Auswertung dieses Materials geht der Autor unter anderem der Frage nach, vor welche Aufgaben sich der „Kultura“-Kreis im Kontext der bestehenden politischen Situation gestellt sah, welche Ziele und Wirkungsabsichten er mit den Publikationen verfolgte und welche Bemühungen er unternahm, um die politische Entwicklung in die gewünschte Richtung zu lenken. Es geht also im weiteren Sinne nicht so sehr um den Verwirklichungsgrad der gesetzten Ziele, sondern um die Frage, inwieweit „Kultura“ als eine „Schule des politischen Denkens“ angesehen werden kann.

Nachdem in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg die Kommunisten die Macht übernommen hatten und die Beziehungen mit den Nachbarn aufgrund der umstrittenen Festsetzung neuer Grenzen, der traumatischen Kriegserlebnisse und der zahlreichen ethnischen Konflikte vor allem in Bezug auf die Sowjetunion und Deutschland schwierig waren, verlangte diese Situation eine öffentliche Debatte, die im Lande unter den herrschenden Umständen nicht möglich war. Dieser Aufgabe stellten sich, wie der Autor zeigt, die Exilanten des „Kultura“-Kreises. Dabei unterscheidet der Autor, dem amerikanischen Soziologen Paul F. Wheeler nach, zwischen den Mitgliedern der Gründergeneration (inner circle) und den Mitarbeitern und Autoren (second circle, outermost circle). Die meisten der Mitglieder vertraten linke, sozialdemokratische Positionen, viele waren jüdischer Abstammung.

Durch die Analyse der Publizistik der „Kultura“ sowie des Handelns des Kreises in den Jahren 1947–1989/1991 gelingt es dem Autor anschaulich zu machen, dass die Wiedergewinnung der Unabhängigkeit Polens, die Behebung der Konflikte mit den Nachbarn sowie die Verbesserung der unsicheren außen- und innenpolitischen Rahmenbedingungen zu den Hauptanliegen des Kreises gehörten. Interessant ist dabei, dass die Zeitschrift sich nicht nur als Ort verstand, an dem diese Problemlage diskutiert werden sollte, sondern sie ein Programm zur Realisierung konkreter Postulate entwickelte. Die Polen sollten nämlich, so der Autor, von bestimmten Lösungen überzeugt und auf die Zeit nach dem Ende des Kommunismus vorbereitet werden.

Allerdings zeigt der Autor hervorragend, dass die „Kultura“ sich nicht nur an polnische, sondern auch an ausländische, insbesondere amerikanische, westdeutsche und sowjetische Leser richtete. Dies begründete sich in dem Ziel, für die Wiedergewinnung der Unabhängigkeit Polens und die Absicherung der außenpolitischen Stabilität einerseits Verbündete zu finden, andererseits die schwierigen und belasteten Nachbarschaftsbeziehungen vor allem mit Russland, Ukraine und Deutschland zu verbessern. Zunächst setzte „Kultura“ zwar auf die Amerikaner als Verbündete, spätestens jedoch angesichts deren Passivität im Hinblick auf die Ereignisse 1956 in Polen und Ungarn folgten die Mitglieder dem Programm der Neutralisierung Ostmitteleuropas: Beide deutsche Staaten, Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei wurden als ein Raum betrachtet. Polen sowie andere Satellitenstaaten sollten aus dem sowjetischen Einfluss befreit werden, während ein neutralisiertes und vereinigtes Deutschland keine Gefahr für seine Nachbarn darstellen sollte. In diesem Sinne richtete sich „Kultura“ insbesondere an den westlichen Leser, der die Aufteilung Europas in zwei militärische Blöcke kritisch hinterfragen sollte.

In Hinblick auf Deutschland propagierte „Kultura“ stets die Wiedervereinigung und Zugehörigkeit des Landes zu den westlichen politischen Strukturen, setzte sich aber auch für die Anerkennung der polnischen Westgrenze ein. Weiter strebte sie die Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern an. In diesem Sinne propagierte „Kultura“ in Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust eher die individuelle Verantwortung der Täter, nicht die kollektive Bestrafung der ganzen Nation, und sprach sich für Gerechtigkeit und gegen Rache aus. Im Bereich der Russlandpolitik verfolgte „Kultura“ die Idee der Zerschlagung des sowjetischen Imperiums und der Befreiung der einzelnen Nationalitäten. Dies sollte auch der außenpolitischen Sicherheit und Souveränität Polens dienen. Eine besondere Rolle nahm hier auch die Verbesserung der polnisch-ukrainischen Beziehungen ein.

Wenn auch die Annäherung zwischen den Nachbarstaaten ein wichtiger Punkt bis zum Ende des Kommunismus blieb und damit auch der Austausch mit den ausländischen Lesern wichtig war, wurde die Suche nach Verbündeten im Westen spätestens ab 1968/1969 nicht weiter verfolgt, nachdem die westlichen Staaten auf die Zerschlagung der Proteste in Polen und der Tschechoslowakei 1968/1989 kaum reagiert hatten. Innenpolitisch gab die „Kultura“ zu diesem Zeitpunkt auch die Hoffnung auf Reformierbarkeit des kommunistischen Systems auf, welche sie infolge des Tauwetters 1956 gehegt hatte. Sie hatte insbesondere auf die Revisionisten gesetzt, die an der Demokratisierung des Systems interessiert waren und wegen der Nähe zur Macht auch Möglichkeiten hatten, dies durchzusetzen. Demgegenüber konzentrierte sich die Zeitschrift seit Ende der 1960er Jahre vor allem auf den Einsatz der Oppositionellen in Osteuropa als die treibende Kraft der Veränderung.

Insgesamt liefert der Autor eine interessante Studie der Exilzeitschrift, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln gelesen werden kann. Zum einen ist diese Studie in der Exilforschung zu verorten und trägt somit wichtige Erkenntnisse zum Gedankengut polnischer Exilanten nach 1945 bei. Zudem lässt sich das Buch als eine Emigrationsgeschichte lesen. Dabei wird deutlich, dass die „Kultura“-Mitglieder zwar die polnische Emigrationstradition fortsetzten, indem sie, wie in früheren Emigrationswellen, Frankreich als Ziel wählten, das für sie Werte wie Toleranz, Demokratie, Liberalität und „den Westen“ verkörperte. Zum anderen zeigt diese Studie jedoch einen wichtigen Bruch mit den unter den Migranten im 19. Jahrhundert dominierenden Ideen des Nationalismus und Messianismus. Sie lehnten also die romantische Tradition und die nationale Vorstellung der Polonität ab und sprachen sich für eine offene, multikulturelle Vision Polens aus. In diesem Sinne engagierten sie sich stark gegen den Antisemitismus in Polen, den sie als Hindernis für die Rückkehr Polens nach Europa ansahen. In diesem Sinne gelingt es der Studie zu zeigen, dass „Kultura“ ein klares politisches Profil hatte und sich insgesamt für ein gerechtes und weltoffenes Europa aussprach.