Die seit den 1990er Jahren boomende Konsumgeschichte hat seit ihrer Initialisierung sowohl unter einer mangelnden, oft völlig fehlenden Einbindung in andere Dimensionen der Wirtschafts‑, Sozial- und Kulturgeschichte gelitten als auch unter einer fast kompletten Ausblendung von vergleichenden Perspektiven jenseits jener oberflächlichen, die nur mit der letztlich modernisierungstheoretischen Datierung im Sinne von „früher oder später“ erreichter Konsumniveaus argumentierte. Auch die Einbettung des privaten Konsums in ein institutionelles Geflecht von ermöglichenden und regulierenden, regulativen sowie sanktionierenden Institutionen, seien sie nun staatlicher und/oder zivilgesellschaftlicher Natur, ist – zumindest was die bundesdeutsche Konsumgeschichte anbetrifft – weitgehend „uncharted territory“ geblieben.
Kevin Ricks Marburger Dissertation stellt uns nunmehr eine Analyse in Aussicht, die das „westdeutsche Konsumtionsregime“ in den Verflechtungen seiner Institutionen und Interessen umfasse. Dennoch geht es im Wesentlichen weitaus begrenzter um eine Geschichte bundesdeutscher „Verbraucherpolitik“, die trotzdem interessant ist und verdienstvoll bleibt, weil sie zum einen eine bislang unbeschriebene Entwicklung detailliert rekonstruiert und dies zum anderen hauptsächlich auf der Basis zuvor unbearbeiteten Archivmaterials unternimmt.
Sein spezielles Erkenntnisinteresse gilt der Überprüfung der These, der westdeutsche Verbraucherschutz sei innerhalb einer europäischen Typologie, etwa gegenüber einem französischen „Protektionsmodell“, durch ein Interventionen vermeidendes, neutrales „Informationsmodell“ geprägt gewesen. Stattdessen kommt der Autor zu dem – letztlich im Rahmen der Arbeit überzeugenden – Befund, es habe sich mit der Zeit in der Bundesrepublik Deutschland ein „Hybridmodell“ aus Informations- und Protektionspolitik herausgebildet.
Die Darstellung des Verbraucherschutzes in der Bundesrepublik bewegt sich vornehmlich in chronologischen Gleisen und beschreibt letztlich eine schleichende „Verstaatlichung“, auch wenn mit der Installierung der Stiftung Warentest eine dezidiert unabhängige Test- und Informationsinstitution geschaffen werden sollte. Das diente hierzulande offenbar weniger der Abwehr zu rebellischer Verbraucherverbände in der Zivilgesellschaft, sondern gerade während der Periode der Stärkung solcher staatlichen Ableger der Abwehr des Verdachts, die zivilgesellschaftlichen Verbraucherverbände und ihre Initiativen stünden den Anbietern aus der Privatwirtschaft zu nahe.
Das sind originelle und interessante Befunde, die freilich der breiteren Einbindung und Kontextualisierung in mehrfacher Hinsicht bedürften. Zum einen könnte die methodische Auswahl der Politikfeldanalyse eine Verbindung mit den Bereichen des tatsächlichen Konsums, der Unternehmenspolitik und der Konsumpolitik des Staates konturieren, die tatsächlich einem Bild des „westdeutschen Konsumtionsregimes“ Profil verleihen könnte. Zum anderen würde die Analyse von einer vergleichenden Perspektive entscheidend profitieren, vor allem, was die Bedeutung und Reichweite von „Verbraucherpolitik“ angeht. Selbst die wenigen vergleichenden Referenzen zu Frankreich beschreiben doch letztlich stark zentralstaatlich gelenkte interventionistische Modelle.
Ein Blick auf die USA zum Beispiel könnte eine ganz andere, viel stärker zivilgesellschaftlich geprägte Sicht auf „Verbraucherschutz“ eröffnen. Hier waren schon im 19. Jahrhundert sowohl (positive) Labelling- als auch (negative) Boykottkampagnen zum Teil im Rahmen von gewerkschaftlichen Verbraucherinitiativen gebräuchlich, für die es für Europa quasi kein Gegenstück gibt. Die Frage ist, warum? Für das 20. und 21. Jahrhundert ist die Organisationsfähigkeit zivilgesellschaftlicher amerikanischer Verbraucherverbände vor allem wegen ihres Zugangs zu Sammelklagen ohne Beispiel im europäischen Kontext. Wie schwierig war es zum Beispiel, in der Bundesrepublik den Contergan-Prozess ins Rollen zu bringen.
Alles in allem handelt es sich hier um eine verdienstvolle Arbeit, deren Fäden für eine Einbettung der Konsumgeschichte in eine umfassende Geschichte des Kapitalismus noch weiterzuspinnen sind.