Funktionale Differenzierung ist kein Alleinstellungsmerkmal kapitalistischer Mediensysteme. Das zeigt Richard Oehmig in seiner an der Humboldt-Universität zu Berlin verteidigten Promotionsschrift am Beispiel des Programmhandels des DDR-Fernsehens. Auch die Mediensysteme der zentralistisch gelenkten Staaten des sozialistischen Lagers kennzeichneten sich durch eine gewisse Logik der Eigendynamik und Selbstorganisation – sowohl intern, um sich von anderen Teilsystemen emanzipieren zu können (etwa das DDR-Fernsehen vom Film- und Lichtspielwesen), als auch extern, um wirtschaftlich, technologisch sowie im Kampf um die Sympathien des Publikums konkurrenz- und damit „überlebensfähig“ zu bleiben. Folgerichtig kommt Oehmig am Ende seiner Arbeit zu dem Schluss, dass das DDR-Fernsehen der 1980er Jahre seine „sozialistische Spezifik“ zur Primetime weitgehend verloren und sich „immer mehr dem ‚feindlichen‘ Fernsehen von ARD und ZDF“ angeglichen habe (S. 195). Nicht ganz neu ist diese Erkenntnis zwar (siehe beispielsweise Michael Meyen, 2003), aber sie nimmt den Verfechtern der These einer allabendlichen „Republikflucht“ der DDR-Bürger an ihren Fernsehgeräten einmal mehr den Wind aus den Segeln.
In insgesamt sieben Kapiteln nimmt Oehmig den Leser mit auf seine Reise durch den internationalen Programmhandel des DDR-Fernsehens, den er aus medien- und kulturhistorischer Perspektive untersucht. Das dürfte erklären, warum es zwar nach der Einleitung eine Art Theoriekapitel gibt, in dem Konzepte der inter- und transkulturellen Kommunikation, des Kulturtransfers und der kulturellen Übersetzung vorgestellt werden. In den folgenden Kapiteln wird auf diese Ausführungen aber im Grunde kaum Bezug genommen, sodass sich der Leser mit der theoretischen Verortung der Ergebnisse etwas allein gelassen fühlt. Im dritten Teil geht es um die begriffliche Einordung der Strukturen des Programmtransfers. Dazu gehört der überwiegend nicht-kommerzielle Programmaustausch, der meist zwischen den sozialistischen Staaten erfolgte, sowie der kommerzielle Import- und Exporthandel – zugleich thematischer Schwerpunkt der Arbeit – mit Spiel‑, Dokumentar- und Kurzfilmen sowie Serien zwischen dem sozialistischen und kapitalistischen Ausland. In den Kapiteln 4, 5 und 6 – zweifelsfrei das Herzstück der Dissertation – wird chronologisch die Geschichte des internationalen Programmhandels des DDR-Fernsehens nacherzählt, angefangen mit dem Aufbau und der Etablierung des Fernsehens als Massenmedium in den Jahren 1952 bis 1965, über den Wechsel an der Parteispitze von Walter Ulbricht zu Erich Honecker 1971 und der darauffolgenden ersten Programmreform bis hin zur alternativen Programmgestaltung Anfang der 1980er Jahre, den politischen Umbrüchen im sozialistischen Lager und der Abwicklung des DDR-Fernsehens.
Oehmig schaut hinter die Kulissen, fragt nach der Bedeutung personeller Konstellationen in den verantwortlichen Institutionen im Medienapparat und in den Abteilungen des DFF und zeichnet detailreich den Kampf um Kompetenzen und Mitsprache nach – etwa zwischen DFF und DEFA, die sich vor allem in den Anfangsjahren erbitterte Gefechte um Filmrechte, Sperrfristen und Einkäufe lieferten. In den Folgejahren entwickelte die Abteilung „Internationaler Programmaustausch“ eine Art Eigenleben. Das verdient auch deshalb Beachtung, weil es einmal mehr verdeutlicht, dass längst nicht alles in der DDR „von oben“ gesteuert wurde. Auf ein Machtwort aus dem Politbüro wartet man als Leser jedenfalls vergeblich. Folgt man dem Autor, dann entwickelte sich der internationale Programmhandel des DDR-Fernsehens unter seinem Leiter Hans-Joachim Seidowsky zu einer Art „Kommerzieller Koordinierung“ in klein. So waren beispielsweise die vertraglichen Konditionen des westlichen Programmhandels selbst den Mitarbeitern des Bereichs „weitgehend unbekannt“ (S. 143). Seidowsky sieht Oehmig daher auch „in einer Reihe mit Akteuren wie Alexander Schalck-Golodkowski“ (S. 194).
Oehmig bewahrt den Leser davor, durch abschließende Zusammenfassungen am Ende der Kapitel in der Fülle an Details zu ertrinken. Positiv hervorzuheben sind auch die vielen Grafiken und Diagramme, die die Lektüre erheblich erleichtern. Die zahlreichen Abbildungen von Filmplakaten sowie die Anekdoten und Beispiele aus dem Aktenmaterial des Berliner Bundesarchivs hauchen den Erzählungen Leben ein. Über die drei Gespräche, die der Autor mit Zeitzeugen geführt hat, erfährt der Leser hingegen leider nur sehr wenig: Wie kamen die Gespräche zustande? Und wer wurde sonst noch kontaktiert?
Die Dissertation zeichnet sich durch ihren sachlich-neutralen Ton aus. Zuweilen irritiert der etwas einseitige Blick auf das westliche Ausland, dessen kommerzielle Absichten beim Programmexport zwar thematisiert werden. Die politischen Interessen aber bleiben unterbelichtet, als hätte es diese nicht auch auf der „anderen Seite“ gegeben. Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Entwicklung des internationalen Programmhandels geradezu paradigmatisch für das gesamte DDR-Mediensystem steht (vgl. Anke Fiedler, 2014): Die einseitige Ausrichtung am sowjetischen Modell wurde schon bald von der Erkenntnis gebremst, dass sozialistische Ideale allein nicht ausreichten, um ein Massenpublikum zu erreichen. Anfangs noch unterschätzt, stieg der DFF schnell zum vollwertigen Player im Programmhandel auf, was sich auch in einer zunehmenden Professionalisierung, etwa der institutionellen Ausdifferenzierung der DFF-Abteilungen, widerspiegelte. Der Handel mit Film- und Serienmaterial hing maßgeblich von der außenpolitischen Großwetterlage ab: Zwar riss der Handel selbst in der politischen Eiszeit nach dem Mauerbau nicht ab, aber erst die internationale Anerkennung der DDR beflügelte auch den Ausbau internationaler Partnerschaften. Der DFF wurde dabei selbst zum außenpolitischen Akteur.