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Einzelrezension

König, Susanne: Leben in außergewöhnlichen Zeiten. Die Mittelalterliche Forschung und ihre Vertreter an der Humboldt-Universität zu Berlin in der DDR, 368 S., LIT, Berlin u. a. 2018.


Abstract

Die Mittelalterforschung der Anderen

Keywords: Review, König, Susanne, 2018, Mittelalterforschung, DDR, Universität, Forschung

How to Cite:

Groth, S., (2019) “König, Susanne: Leben in außergewöhnlichen Zeiten. Die Mittelalterliche Forschung und ihre Vertreter an der Humboldt-Universität zu Berlin in der DDR, 368 S., LIT, Berlin u. a. 2018.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00139-8

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-05-09

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Nicht erst seit der Studie von Ernst Wolfgang Böckenförde über die „Die deutsche verfassungsgeschichtliche Forschung im 19. Jahrhundert“ (1961) ist der Zusammenhang zwischen wissenschaftlichen Entstehungsprozessen und außerwissenschaftlichen Faktoren auch in der Mediävistik registriert und analysiert worden. In verschiedenen Arbeiten wurde dabei besonders die Zeit der „Gründerväter“ der deutschen Geschichtswissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts untersucht und die Beeinflussung durch den lebensweltlichen Kontext des Kaiserreichs deutlich gemacht. Gleiches gilt für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei hier die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft merklich überrepräsentiert sind. Mit der Studie von Anne Christine Nagel wurden zudem die ersten 25 Jahre der westdeutschen Mittelalterforschung unter der titelgebenden Leitthese „Im Schatten des Dritten Reichs“ (2005) durchleuchtet, während umgekehrt die Mediävistik der DDR – im Gegensatz zur Geschichtswissenschaft allgemein – nahezu unberücksichtigt geblieben ist.

Einem Teilbereich dieser Lücke nimmt sich die bei Ulrich Knefelkamp an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) entstandene Dissertation von Susanne König an, indem sie die „Mittelalterliche Forschung und ihre Vertreter an der Humboldt-Universität zu Berlin in der DDR“ (so der Untertitel des Werkes) in den Blick nimmt. Hierbei geht sie von der Annahme aus, „dass das Gebiet der Mittelalterforschung den politisch-motivierten Eingriffen konstant ausgesetzt war, aber im Vergleich zur Zeitgeschichte weniger stark im Fokus politischer Instrumentalisierung stand“ (S. 8). Diese Prämisse ist keineswegs neu, doch stand sie bislang mehr als Vermutung im Raum, als dass sie empirisch geprüft worden wäre, da sich die Arbeiten zur Geschichtswissenschaft der DDR bislang vornehmlich mit gerade den Bereichen beschäftigte, in denen diese Gebundenheit besonders deutlich wird. Folglich versucht sich König gewissermaßen an der Gegenprobe, ohne für sich zu beanspruchen, eine umfassende Einschätzung der Mittelalterforschung in der DDR zu bieten (etwa S. 8 und öfters).

Aufgrund der spezifischen Überlieferungssituation ihrer Quellen – die 30-jährige Sperrfrist knüpft sich für personenbezogene Unterlagen in der Regel an das Todesdatum des Betroffenen – zerfällt ihre Untersuchung in zwei sehr unterschiedlich gehaltene Abschnitte. Nach einer instruktiven Einleitung, in der sie sowohl ihren eigenen Ansatz exploriert als auch einige Beobachtungen zur ostdeutschen Geschichtswissenschaft referiert (ohne hierbei jedoch den Forschungsstand umfassend zu skizzieren), folgt zunächst ein kollektivbiografischer Überblick über die Mittelalterhistoriker an der Berliner Universität bis 1945. Anschließend umreißt sie kurz die weiteren Lebenswege der mediävistischen Fachvertreter ab 1946, von denen jedoch lediglich Max Steinmetz (1912–1990) als Professor in Jena und Leipzig sowie Frithjof Sielaff (1918–1996) in Berlin als Exponenten der ostdeutschen Mediävistik im engeren Sinne gelten können, während Robert Holtzmann, Friedrich Baethgen, Eugen Meyer, Willy Flach und Albrecht Timm im Grunde keine (oder nur marginale), Fritz Rörig gewisse Abdrücke (als Lehrer und Hanseforscher) hinterlassen haben. Mit Sielaff, der sich selbst als nichtmarxistisches, „nützliches Haustier“ charakterisierte, gut genug, um dem marxistischen Nachwuchs das Handwerkszeug historischen Arbeitens zu vermitteln, und der in untergeordneter (und wechselnder) Position an der Humboldt Universität geduldet wurde, endet dann dieser Abschnitt, der vornehmlich aus den jeweiligen Personalakten gearbeitet ist und das oftmals (noch) nicht gehobene Potenzial dieser Bestände deutlich macht. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Lebensläufe, auch beziehungsweise vor allem durch die zweimalige Umbruchzeit von 1933 und 1945 bedingt, bringt König auf die eingängige Formel des „Lebens in außergewöhnlichen Zeiten“, die sie einem Zitat Alfred Meusels aus einer Fakultätsratssitzung entlehnt (S. 2, Anm. 4).

Diese Konzentration auf die konkreten Akteure weicht in dem folgenden Abschnitt einer institutionell ausgerichteten Organisationsgeschichte. Zwar werden die beiden prägenden Figuren an der HU, der „Querkopf“ Eckhard Müller-Mertens (1923–2015) und der „Überflieger“ Bernhard Töpfer (1926–2012), eingangs kurz in eigenen Kapiteln berücksichtigt (S. 178–190), doch liegt der Schwerpunkt nunmehr auf den Veränderungen in der universitären Struktur der Mediävistik. Die III. Hochschulreform von 1967/68 sieht König dabei als Zäsur, durch die die Universitäten endgültig im Sinne der sozialistischen Planwirtschaft umgebaut worden seien. Die Planlosigkeit der übergeordneten Instanzen bezüglich der Nachwuchsentwicklung habe jedoch dazu geführt, dass die Mittelalterforschung im Laufe der Veränderungen immer weiter zusammenschrumpfte und es darüber hinaus keinen Lösungsweg für die abzusehende Welle der Emeritierungen in den 90er Jahren gegeben habe. Somit habe sich die Mediävistik „von einem bedeutenden traditionsreichen Fachgebiet […] zu einem Nischenbereich innerhalb der DDR-Geschichtswissenschaft gewandelt“ (S. 297). Die abschließenden, kursorischen Ausführungen zu den wichtigsten Themenfeldern (Feudalismus, Religiöse Bewegungen und Häresien, Stadtgeschichte, Hansegeschichte, Reichsbegriff und Reichsbildung, S. 275–297) runden das Bild der Mittelalterforschung an der HU inhaltlich ab, wenngleich diese, wie bereits die zuvor eingeschobenen Bemerkungen zur sogenannten „Abendlandideologie“ (S. 193–197), ob ihrer Kürze ein wenig nachgelagert oder hinzugesetzt erscheinen. Ähnliches gilt für die vielen ohne weitergehende Erklärung auftauchenden Namen des akademischen Mittelbaus respektive der „Aspirantur“, die ebenso rasch wieder aus dem Gang der Darstellung verschwunden sind. Dass dies auch mit den nicht immer rekonstruierbaren Lebenswegen der Betroffenen zusammenhängt, ist naheliegend, doch ohne Personenregister, durch das man zumindest in die Lage versetzt werden würde, die einzelnen Spuren zusammenzutragen, stehen viele der Anführungen relativ isoliert im Text. Verschiedentliche Wiederholungen und Sprünge erschweren zusätzlich die Lektüre.

Nichtsdestominder ist diese Arbeit ein Gewinn. Nicht nur, weil sie der Forschung über die Geschichtswissenschaft der DDR ein nicht unwesentliches Mosaiksteinchen der Möglichkeitsdevianz am Beispiel der immer wieder aufgezeigten Eigenheiten und Unangepasstheiten Müller-Mertens und Töpfers hinzufügt, sondern vielmehr, weil nunmehr eine erste monografische Bresche in die terra incognita der Mittelalterforschung der „Anderen“ geschlagen ist, die zu weiteren Erkundungen ermutigt.