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Einzelrezension

Höschler, Christian: Home(less). The IRO Children’s Village Bad Aibling, 1948–1951, 292 S., epubli, Berlin 2017.


Abstract

Kinder nach der Katastrophe

Keywords: Review, Höschler, Christian, 2017, Displaced Person, Flucht, Kinder, Kindheit, Krieg

How to Cite:

Raasch, M., (2019) “Höschler, Christian: Home(less). The IRO Children’s Village Bad Aibling, 1948–1951, 292 S., epubli, Berlin 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00138-9

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-11-09

Peer Reviewed

Der Zusammenhang Kinder und Zweiter Weltkrieg ist mittlerweile breit beforscht worden. Eine wichtige Untersuchungsgruppe bilden dabei Minderjährige, die Opfer von Rassenideologie, Vernichtungskrieg und Völkermord wurden. Dies betrifft Zwangsarbeiter‑, Sinti- und Roma- sowie vor allem jüdische Kinder. In der Folge ist auch die kindliche Perspektive auf das Phänomen der displaced persons (DPs) – also jenen Millionen Zivilpersonen, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten und ohne Hilfe nicht zurückkehren oder sich in einem anderen Land neu ansiedeln konnten – wiederholt eingenommen worden. Dennoch existieren markante Forschungslücken. Beispielsweise fehlte eine systematische Studie zur größten von 17 Institutionen der amerikanischen Besatzungszone für displaced children: dem Kinderdorf der International Refugee Organization (IRO) im oberbayerischen Bad Aibling, das zwischen 1948 und 1951 circa 2300, vor allem aus Osteuropa stammende Kinder durchliefen – darunter zahlreiche Zwangsarbeiterkinder und etliche, zumeist jugendliche Juden. Christian Höschler liefert mit seiner Münchener Dissertation diese Arbeit, wobei er einen diachronen Ansatz wählt und die kurze Existenz der weithin beachteten Einrichtung, die unter anderem auch von den Quäkern unterstützt wurde, in drei Phasen (1948/49, 1949/50, 1950/51) unterteilt. Die Quellen wurden aufwendig in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland zusammengetragen. Auch auf wichtige Privatarchive, etwa eines vormaligen Leiters des IRO-Kinderdorfes, konnte zurückgegriffen werden.

Höschler illustriert zunächst die Schwierigkeiten, denen das Bad Aiblinger Kinderdorf in seinen ersten Monaten ausgesetzt war. So manifestierte sich der allgemeine Mangel bei der unzureichenden Ausstattung an Interieur und Personal sowie der eminenten Nahrungsmittelknappheit. Beifolgend litten die schulischen und berufsbildenden Angebote, Schwarzmarkthandel blühte und Disziplinprobleme verschärften sich. Nach Ausbruch einer Masernepidemie im Frühjahr 1949 eskalierte die Situation in offenen Unruhen. Erst seit Sommer 1949 hellte sich die Lage auf. Die Versorgung konnte in allen Bereichen verbessert werden. Adoleszenzprobleme spielten angesichts des sinkenden Durchschnittsalters der betreuten Kinder weniger eine Rolle. Die Personaldecke gab zwar immer wieder Anlass zur Beunruhigung, war aber immerhin so stabil, dass das angestrebte moderne Erziehungsprogramm endlich in die Tat umgesetzt werden konnte. Es gründete auf dem Prinzip kindlicher Selbstbestimmung (dies implizierte beispielsweise eine eigene Währung, einen eigenen Gerichtshof und eine Dorfzeitung), orientierte sich an neuesten psychotherapeutischen Methoden und arbeitete mit transnational besetzten Kleingruppen, denen im Sinne einer Ersatzfamilie Hauseltern, das heißt für gewöhnlich erwachsene DPs, zugewiesen wurden. Die Bildungsmaßnahmen konnten endlich greifen, das Freizeitangebot des Kinderdorfs wurde deutlich ausgeweitet. Auffallend bei den Weiterführungen sind der niedrige Anteil von Repatriierungen und die hohe Zahl von Auswanderungen, vor allem nach Nordamerika und Australien. Vor dem Hintergrund des aufziehenden ,Kalten Krieges‘ spielten hier politische Präferenzen des Personals ebenso eine Rolle wie die persönlichen Erwägungen der Kinder. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland zeichnete sich gleichwohl ein Ende der IRO-Aktivitäten in Bad Aibling ab. Im Oktober 1951 wurde das Kinderdorf geschlossen, die letzten 80 Kinder zogen in zwei Villen nach Feldafing am Starnberger See, bis März 1952 konnten auch diese umgesiedelt werden. Bis auf die im Kinderdorf Beschäftigten wusste die deutsche Bevölkerung bis zuletzt wenig von seinen inneren Verhältnissen, was Gerüchten und Vorbehalten Vorschub leistete.

Die Stärken des Buches liegen in seinem klaren Aufbau, einer weitgehend leserfreundlichen Darstellung und vor allem der Dichte des herangezogenen Quellenmaterials. Der dahinterstehende Recherchefleiß ist genauso zu loben wie die anschauliche Aufbereitung. Als besonders gewinnbringend erweist sich das Prinzip, immer wieder auf exemplarische Einzelschicksale zu fokussieren. Problematisch mutet vor allem die unzureichende Konturierung einer Metaebene an: Das Erkenntnisinteresse wird weder in profunder Auseinandersetzung mit der Literatur entwickelt noch in Leitfragen übersetzt. Forschungskontexte bleiben oft blass, die Kriegskinder-Literatur beispielsweise wird nicht hinlänglich rezipiert. Es geht dabei gar nicht um Quantität (Höschler weist darauf hin, dass er die Einleitung seiner Dissertation für den Druck deutlich gekürzt habe), sondern um Orientierung. Diese leidet auch darunter, dass theoretisch-methodische Überlegungen sich auf die Aussage beschränken, eine „microhistorical study“ (S. 18) liefern zu wollen. Folglich bleibt zum Beispiel die Entscheidung für eine chronologische Herangehensweise unbegründet und deren Nachteile (Wiederholungen, thematische Sprünge, teilweise wüster Wechsel zwischen organisations-, ideen- und erfahrungsgeschichtlichen Perspektiven) springen umso mehr ins Auge. Auch die unreflektierte Rede von Kindern als „victims oft the war“ irritiert, zumal das Bemühen der jüngeren Forschung um akteurszentrierte Zugriffe ignoriert wird. Überdies werden die so mühevoll recherchierten Quellen ebenso wenig adäquat vorgestellt wie kritisch bewertet. Höschler erläutert auch nicht, warum die lokale Überlieferung wie die der Stadt, der Kirchen oder der Presse, in seinem Sample kaum eine Rolle spielt. Letzthin fehlt auch eine Schlussbetrachtung, welche die gewonnenen Erkenntnisse mithilfe der Literatur zusammenfasst und bilanziert.

In der Gesamtschau liefert Höschler eine facettenreiche Arbeit zu einem wichtigen Thema, die sowohl in ihren Stärken und als auch ihren unübersehbaren Schwächen die Forschung hoffentlich befördern wird.