Erwartungsgemäß bot das 50-jährige Jubiläum des tatsächlichen oder vermeintlichen Schlüsseljahrs 1968 Anlass für zahlreiche Publikationen, die sich der damaligen Revolte widmen. Eine herausragende Studie liefert die in London lehrende Historikerin Christina von Hodenberg, die bereits im Haupttitel einen Perspektivenwechsel andeutet. „Unsere Wahrnehmung von Achtundsechzig“, so die Autorin, beruhe größtenteils auf visuellen Quellen, „auf Bildern und Filmen, die uns irreführen“. Es ist ein Bild, das selbst in wissenschaftlichen Arbeiten von zahlreichen Klischees geprägt ist: der Dominanz männlicher, wortgewandter Agitatoren, der Wucht eines scharfen Generationenkonflikts zwischen jungen Rebellen und ihren Nazi-Vätern sowie einer durch die Achtundsechziger ausgelösten kulturellen und insbesondere sexuellen Revolution.
Die Autorin liefert eine in mancher Hinsicht kritische und alternative Deutung mit dem großen Vorzug einer breiten Fundierung. Empirischer Anker sind Tonbandaufzeichnungen, Transkripte, Befragungsprotokolle sowie quantitative und qualitative Auswertungen einer groß angelegten Untersuchung, der „Bonner Längsschnittstudie des Alters“, die in der Achtundsechziger Ära durchgeführt wurde und deren Bestände die Autorin im Keller des Psychologischen Instituts Heidelberg „entdeckt“ hatte. Diesen von Psychologen für ganz andere Zwecke erstellten Fundus, darunter 3600 Stunden Gespräche auf Tonband, die allerdings nur teilweise transkribiert wurden, hat von Hodenberg mit viel Aufwand und Umsicht für ihr Thema genutzt. Ergänzend hat sie weitere Umfragen und Interviews aus diesen und nachfolgenden Jahren sowie eigene Gespräche mit Bonner Zeitzeugen herangezogen.
Überwiegend auf Basis dieses Materials erhellt die Autorin einen bislang vernachlässigten Kontext der Revolte: die Rolle und das Wechselspiel dreier Generationen (der Achtundsechziger, ihrer Eltern und Großeltern) und – dies weniger mit Blick auf manifeste politische Ereignisse, sondern die private und insbesondere familiale Welt – die Werthaltungen, die Vorurteile, die sozialen Regeln sowie die Übereinstimmungen und Konflikte zwischen diesen Generationen.
Das Buch beginnt eher unakademisch mit einer persönlich gehaltenen Einleitung: dem Hören auf „Stimmen aus dem Jenseits“ (gemeint sind die Tonkonserven aus den Jahren um 1968). Es folgt ein Kapitel über die politischen Aktivitäten rund um den Schah-Besuch, die auch in Bonn für Wirbel sorgten. In vier weiteren Kapiteln entfaltet und begründet die Autorin ihre Sicht auf „das andere Achtundsechzig“. Thematische Schwerpunkte sind Kriegskinder und Nazi-Eltern, der Rolle der Alten und namentlich der Großeltern, die weithin vernachlässigte Bedeutung feministischer Aktivistinnen innerhalb der Protestbewegung, schließlich Aspekte der sexuellen Befreiung. Am Ende steht ein Epilog zur Frage „Was bleibt von Achtundsechzig?“.
Übergreifende Stoßrichtung des Buches ist eine Dekonstruktion diverser Mythen, das Aufbrechen eines „Tunnelblicks“, die Zurückweisung vermeintlicher Gewissheiten über die familiär verankerten Befindlichkeiten und Spannungen der damaligen Ära. Letztlich geht es um die „Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“ (so der Untertitel des Buches) anstatt einer an Erregungsfaktoren, Klischees und Ikonografien orientierten Ereignis- und Personengeschichte. Zu den kritisierten Mythen zählen „das vielstimmige Narrativ vom sich an der Nazi-Belastung entzündenden Vater-Sohn-Konflikt“, die behauptete „fehlende Nestwärme“ (Götz Aly) in den Familien westdeutscher Achtundsechziger sowie die Rückschlüsse von wenigen tausend Aktivisten auf Hundertausende nur am Rande Beteiligter oder gar eine ganze Generation. Auch kritisiert die Autorin verallgemeinernde und generationell unspezifische Beschreibungen damals vorherrschender Werte und Verhaltensstile als starr, verständnislos, kalt, autoritär, konformistisch und sexualfeindlich mit der spiegelbildlichen Stilisierung der Achtundsechziger als emanzipiert, radikal und sexuell ungehemmt.
Solchen Zuschreibungen liege eine verzerrte Wahrnehmung zugrunde, in der politische Generationen als „maskulin, elitär und hochgebildet“ gedacht und generationsstiftende Erfahrung auf gemeinsame Aktionen in der politischen Öffentlichkeit zurückgeführt werde:
Im Mediendiskurs verengt sich der Blick auf wiedererkennbare Idole und Muster, die allesamt männlich konnotiert sind: der Revolutionär, der Vater-Sohn-Konflikt, der Nazi und der Anti-Nazi, der Vordenker, der Achtundsechziger. Der Blick auf die Frauen legt dagegen ein andersartiges Generationskonzept nahe, bei dem lebensverändernde Erfahrungen unmittelbar generationsstiftend werden.
Die Autorin verweist auf eine vielschichtige Lebenspraxis, an der nicht zwei, sondern drei Generationen beteiligt waren und in der der mittleren Generation eine entscheidende Vermittlerrolle zwischen Jungen und Alten zukam. Gegen die vorherrschende Deutung eines die Achtundsechziger antreibenden Generationenkonflikts verweist die Autorin auf den Modus der „Intimität durch Beschweigen“ (der auch die Großeltern einschloss) und die emotionale Verbundenheit insbesondere zwischen den Müttern der mittleren Generationen und deren Töchtern. Dagegen wurde der massive Geschlechterkonflikt innerhalb der politisierten und revoltierenden Gruppen unterschätzt. Zudem hatten viele kulturelle Wandlungsprozesse wie die sexuelle Revolution, die Veränderungen der Erziehungsnormen oder die Bildungsreform schon vor der Revolte eingesetzt und wurden nicht allein von der jüngeren Generation getragen. Als wesentliche Errungenschaft stellt sie den von Feministinnen ausgehenden beziehungsweise vollzogenen Marsch durch die Institutionen heraus, während der im engeren Sinne politische Ertrag der Revolte als dürftig eingeschätzt wird.
Dieses flüssig zu lesende Buch ist wichtig, lehrreich und verdienstvoll. Sein besonderer Wert besteht darin, einige Irrtümer aufzuzeigen, die sich in einer jahrzehntelangen Deutung der Revolte verfestigt haben.