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Einzelrezension

Großbölting, Thomas: 1968 in Westfalen. Akteure, Formen und Nachwirkungen einer Protestbewegung, 172 S., Ardey, Münster 2018.


Abstract

1968 abseits der Metropolen

Keywords: Review, Großbölting, Thomas, 2018, 1968, Protest, Bürgerbewegung

How to Cite:

Lieb, M., (2019) “Großbölting, Thomas: 1968 in Westfalen. Akteure, Formen und Nachwirkungen einer Protestbewegung, 172 S., Ardey, Münster 2018.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00135-y

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-11-09

Peer Reviewed

Auch das 50-jährige Jubiläum von „68“ brachte, wie bereits zehn Jahre zuvor, eine Reihe von Veröffentlichungen, Dokumentationen und Ausstellungen mit sich. Deren unterschiedliche Perspektiven zwischen Erinnerung und Abrechnung stellen die zugeschriebene Bedeutung dieses Jahres, das längst zu einer Chiffre wurde, für die jüngere Geschichte der Bundesrepublik unter Beweis. In der innerhalb wie außerhalb der Geschichtswissenschaft bisweilen aufgeregt geführten Debatte zeichnet sich der vorliegende Band des Münsteraner Professors Thomas Großbölting als wohltuende Abwechslung aus. Als Auftakt zu einer neuen regionalgeschichtlichen Buchreihe zu Westfalen, die sich in Form von Taschenbüchern an ein breiteres Lesepublikum richtet, widmet sich Großbölting in drei Kapiteln einer Einordnung der Geschehnisse des Protestjahres und ihrer Folgen in dieser Region. Mit dieser bewussten Abkehr von der Fokussierung auf die stets angeführten Zentren der Bewegung unterstreicht er einen Trend der zeitgeschichtlichen Forschung, sich vermehrt der „Provinz“ zuzuwenden.

Bevor Großbölting seine Darstellung beginnt, legt er in einer ausführlichen Einleitung die Beweggründe zur Fragestellung, den Untersuchungsgegenstand, den Forschungsstand wie auch die zentrale Gliederung dar. Dabei konstatiert auch er anhaltende „intellektuelle Grabenkämpfe“ (S. 8), die eine differenzierte Bilanzierung der Ereignisse und ihrer Folgen erschwerten. Durch den konkreten räumlichen Zugriff und eine Periodisierung, die das Jahr in einen weiteren geschichtlichen Kontext einbettet, wünscht der Autor einen Beitrag zu einer abgewogenen Historisierung von „68“ zu leisten.

Auch wenn sich die Darstellungen im Buch auf Westfalen konzentrieren, bleibt der Blick nicht verengt auf diese Region. Zu Beginn des ersten Kapitels leuchtet Großbölting die internationale und nationale Großwetterlage aus und betont die Impulse aus dem Ausland, ohne die ein deutsches „68“ kaum in dieser Form vonstattengegangen wäre. Als wichtige Einflüsse nennt er dabei die Protestkultur in den USA und die Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg. Als insgesamt stärkere Taktgeber des regionalen Protests in Westfalen führt er jedoch die Ereignisse und Entwicklungen in der Bundesrepublik an. Die Demonstrationen und Aktionen im Jahr 1968 sieht Großbölting dabei in einer Protesttradition, die sich auch in Westfalen bis in die 1950er Jahre nachzeichnen lasse und an die nun angeknüpft werden konnte.

Als zentrale Ereignisse, die auch in Westfalen die Proteste rahmten, benennt der Münsteraner Professor – wenig überraschend – die Ermordung Benno Ohnesorgs, die Schüsse auf Rudi Dutschke und die Verabschiedung der sogenannten Notstandsgesetze. Ausgehend von den Hochschulen und Universitäten hätten sich auch in dieser Region Kundgebungen, Demonstrationen und Aktionen zu diesen Anlässen organisiert. Anders als in den Mobilisierungszentren sei der Protest allerdings friedlich geblieben. Zugleich sei es zu einer Erweiterung der beteiligten Trägergruppen gekommen, als sich beispielsweise die Ostermarschbewegung mit den studentischen Protesten verband.

Nach der Darstellung der einflussreichsten Protestereignisse, bei der Großbölting stets auch die Unterschiede zu den Entwicklungen etwa in Frankfurt oder Berlin betont, konzentriert er sich in Kapitel 2 auf wichtige Akteursgruppen und Bewegungen, die das westfälische „1968“ und die Folgezeit prägten. Bereits beim Blick auf die Studierenden in der Region wird klar, dass hier die ausbleibende Radikalität und geringere Mobilisierung im Vergleich zu den Protestzentren die Erfahrungen der unmittelbaren Zeit um 1968 prägten. Die westfälischen Hochschulen waren demnach keine Hochburgen des Protests und auch die vermeintlich brennenden Themen dieser Tage standen hinter lokalen Auseinandersetzungen um die Studienbedingungen und Hochschulpolitik zurück.

Während also in der heißen Phase von 1968, die Großbölting an verschiedener Stelle als „kurzes 1968“ bezeichnet, in Westfalen zwar einiges in Bewegung geriet, aber kaum die Dynamiken wie andernorts entstanden, betont der Autor zugleich die anhaltenden Veränderungen und Umbrüche des „langen 1968“ (beide S. 138). Dies gelte unter anderem für die Schulen und den Bildungssektor. Auch hier lasse sich kein plötzlicher Wandel ausmachen. Vielmehr sei von einer länger währenden Entwicklung zu sprechen, die 1968 ihren Scheitelpunkt erreichte. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu, aber die empirischen Beispiele aus Westfalen untermauern diesen Befund.

Wenngleich der große politische Umsturz ausblieb, so habe das „lange 1968“ auch für Westfalen tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht, die sich im Verhalten der Menschen und ihren Wertevorstellungen niederschlugen. Neben Politik und Gesellschaft sei ganz unmittelbar auch der Umgang untereinander ein anderer geworden. Mit einer Mischung aus bundesrepublikanischer Zeitgeschichte, regionalen Beispielen und ausgewählten Zitaten tritt Großbölting an, diesen atmosphärischen Wandel in Westfalen über die 1960er Jahre hinaus zu dokumentieren. In dieser Form ist das Buch angenehm zu lesen und bedient mit seinem Stil ein Publikum über Fachkreise hinaus. In Kombination mit der kompakt gewählten Form fehlt der insgesamt überzeugenden Darstellung freilich an einigen Stellen die analytische Tiefe.

Der Anspruch des Bandes ist jedoch ohnehin ein anderer. Der Blick in das Resümee zeigt, dass es Großbölting um größere Entwicklungslinien geht. Ein westfälisches „68“, den einen Kulminationspunkt, den gäbe es nicht. Die vielen kleinen Aufbrüche und Veränderungen, die die Dynamiken der 1960er Jahre aufgriffen und beschleunigten, hätten aber schließlich mittel- und langfristig auch Westfalen – die Provinz – nachhaltig transformiert. Die Tatsache allerdings, dass mit der Fokussierung auf Westfalen Großstädte wie Bochum, Münster oder Dortmund als Teil dieser mutmaßlichen Provinz gelten, macht den relationalen Charakter dieses Begriffs abermals deutlich und unterläuft dessen analytischen Wert.