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Einzelrezension

Duchhardt, Heinz: Der Aachener Kongress 1818. Ein europäisches Gipfeltreffen im Vormärz, 272 S., Piper, München 2018.


Keywords: Review, Duchhardt, Heinz, 2018, Aachener Kongress, 1818, Europa, Vormärz

How to Cite:

Kreutzmann, M., (2019) “Duchhardt, Heinz: Der Aachener Kongress 1818. Ein europäisches Gipfeltreffen im Vormärz, 272 S., Piper, München 2018.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00134-z

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-05-08

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Der Wiener Kongress von 1814/15 ordnete nach mehr als zwei Jahrzehnten Revolution und Krieg die Landkarte Europas neu. In seinem Gefolge wurde außerdem ein neues System der Staatenbeziehungen etabliert, das anstelle eines prekären Gleichgewichtes der Mächte das solidarische Zusammenwirken der Großmächte zur Sicherung des Friedens, aber auch zur Unterdrückung oppositioneller Bewegungen setzen wollte. Dieses „europäische Konzert“ manifestierte sich unter anderem in mehreren Zusammenkünften der Monarchen und leitenden Minister der europäischen Großmächte, die im Gegensatz zum Wiener Kongress bislang noch kaum eine eigenständige Darstellung erfahren haben. In diese Forschungslücke stößt nun aber der Band von Heinz Duchhardt über den Aachener Kongress von 1818. Dieses Ereignis bildete den Auftakt und zugleich auch den Höhepunkt der Kongressdiplomatie im Rahmen des sogenannten „Wiener Systems“ (Paul W. Schroeder).

Der Autor wendet sich an ein breites Publikum und will in erster Linie „ein unterhaltsames, gut geschriebenes und dabei zuverlässig recherchiertes Buch“ (S. 14) vorlegen. Auf der Basis einschlägiger Quellen und Literatur gelingt ein weites Panorama, das den Kongress aus den unterschiedlichen Perspektiven der europäischen Mächtepolitik, der Erwartungen der Öffentlichkeit und der lokalen Ebene des Kongressortes in den Blick nimmt und auch die symbolische Dimension beleuchtet. Zunächst wird der Weg „Von Wien nach Aachen“ (S. 19–48) beschrieben und dabei zu Recht betont, dass 1815 keineswegs allgemeine Ruhe in Europa eingekehrt sei, sondern politische Instabilität und ein „gesellschaftliches Brodeln“ (S. 39) vorgeherrscht habe. Die Wahl Aachens als Kongressort entfaltete eine große symbolische Wirkung, da Aachen als ehemalige Residenz und Begräbnisstätte Karls des Großen sowie als späterer Krönungsort der deutschen Könige ein wichtiger Symbolort für die Institution der europäischen Monarchie war. Dieser war einige Jahre zuvor noch von Napoleon vereinnahmt worden, sodass die symbolische Wiederinbesitznahme durch die „legitimen“ Monarchen ein wichtiges Zeichen für die gewandelten politischen Verhältnisse bildete.

Ausführlich dargestellt wird die Arbeitsweise des Kongresses, der sich in seiner äußeren Form an das Vorbild von Wien 1814/15 anlehnte, wenngleich er einen deutlich geringeren Umfang annahm. Die Initiatoren des Treffens mieden dabei anfangs die Bezeichnung „Kongress“, um keine allzu hohen Erwartungen sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei dritten Staaten zu wecken. Vorgestellt werden auch die Hauptprotagonisten des Kongresses, also die Monarchen und die bevollmächtigten Minister. Der österreichische Kaiser Franz I. zeigte sich dabei an der großen Politik wenig interessiert und war grundsätzlich konservativ eingestellt, während Zar Alexander aufgrund seiner liberalen und mystisch-religiösen Neigungen das „enfant terrible für die Kräfte des Konservatismus“ (S. 95) bildete. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen wiederum trat als ein „eher trockener und nüchterner, über weite Strecken auch alles andere als entschlussfreudiger Mensch“ (S. 105) auf. Während der preußische Staatskanzler Hardenberg als Vertreter des Gastgeberlandes trotz seiner diplomatischen Fähigkeiten nicht „zur alles beherrschenden Figur“ (S. 107) auf dem Kongress wurde, fiel dem österreichischen Außenminister Metternich neben dem britischen Vertreter Castlereagh eine Schlüsselrolle zu, nicht zuletzt weil er „an politischer Erfahrung, der Konsistenz seines Weltbildes und in der Weite des Blicks die meisten seiner Kollegen deutlich übertraf“ (S. 109).

Darüber hinaus werden die zahlreichen Reisen und Besichtigungen beschrieben, welche die anwesenden Monarchen, die an den eigentlichen Arbeitssitzungen nicht teilnahmen, unternahmen. Dabei erfuhren die aufstrebenden neuen Industrie- und Technikzweige eine besondere Aufmerksamkeit (S. 124–134). Außerdem wird der Aachener Kongress als „Etappe der Kunstgeschichte“ gewürdigt, die vor allem durch das Wirken des englischen Hofmalers Thomas Lawrence geprägt wurde (S. 145–155), sowie als „musikalisches Ereignis“ beschrieben, das sich besonders in den Konzerten der Sopranistin Angelica Catalani niederschlug (S. 156–166).

Die politischen Resultate des Kongresses werden im vorletzten Kapitel dargestellt (S. 167–207). Das wichtigste Ergebnis war die Reintegration Frankreichs in das europäische Staatensystem im Rahmen des „Konzerts der Mächte“. Darin kann man durchaus „eine Art diplomatisches Meisterwerk“ (S. 178) sehen. Weitergehende Visionen, die vor allem vom Zaren vorgetragen wurden, kamen nicht zum Zuge. Außerdem wurde über weitere, vermeintlich nachrangige Fragen verhandelt, etwa das diplomatische Zeremoniell oder Territorialfragen. Einer der wichtigsten Punkte, der die Staatsmänner abseits der offiziellen Verhandlungen beschäftigte, war die wachsende innere Unruhe in den Staaten des Deutschen Bundes und die Formierung einer politischen Opposition, die mit dem Wartburgfest vom Oktober 1817 eine eindrucksvolle öffentliche Demonstration geliefert hatte. Die in Aachen verbreitete Denkschrift des russischen Staatsrats Stourdza spielte eine wichtige Rolle für die Vorbereitung der Repressionspolitik der kommenden Jahre, indem sie „eines der wichtigsten Signale in diese Richtung“ (S. 213) setzte.

Insgesamt bietet der von Heinz Duchhardt vorgelegte Band einen konzisen Überblick über den Aachener Kongress. Er enthält zwar keine grundsätzlich neuen Thesen zum Stellenwert des Kongresses für die Entwicklung des europäischen Staatensystems. Aber er nimmt zum ersten Mal den Kongress in seiner Gesamtheit aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick und arbeitet dabei vor allem die symbolische Bedeutung dieses Ereignisses heraus. Die Demonstration der Eintracht der Monarchen richtete sich wohl weniger an die Öffentlichkeit, zumal der Kongress weitgehend abgeschottet von der Öffentlichkeit verlief. Sie galt eher den Monarchen selbst, insbesondere dem Zaren Alexander, der die übrigen Mächte der Quadrupelallianz durch liberale Tendenzen und vermeintliche machtpolitische Ambitionen verunsichert hatte und nun in den Kreis der Solidarität der Großmächte zurückgeführt werden sollte.