Pünktlich zum 52. Historikertag, der im vergangenen Jahr in Münster stattfand, lag die lang erwartete voluminöse Geschichte des „Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands“ (VHD) vor, an der ein fünfköpfiges Team von Neuzeithistorikern mehrere Jahre gearbeitet hatte. Den Anfang hatte das Projekt mit der Erschließung der Verbandsakten genommen, die im Jahr 2006 vom geschlossenen MPI für Geschichte in Göttingen an die Universität Trier verbracht worden waren. Sie bildeten gemeinsam mit einer Vielzahl weiterer archivalischer Quellen die Grundlage für eine Gesamtdarstellung, die allein schon ob dieser Materialfülle zu beeindrucken weiß.
Das zweibändige Werk gliedert sich auch inhaltlich in zwei Teile. Der erste Band aus der Feder von Matthias Berg umfasst die Verbandsgeschichte von der ersten „Versammlung Deutscher Historiker“ 1893 in München bis zum ersten Historikertag nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls in München im Jahr 1949; der zweite Band schildert die Entwicklung seither: Olaf Blaschke und Jens Thiel widmen sich der gesamtdeutschen „Konsolidierung und Politisierung“ bis zum Trierer Historikertag 1958, an dem die zweistaatliche Lösung auch auf die Zunft der Historiker überging. Der Geschichte der „Historikergesellschaft der DDR“ (HG) bis 1989 geht Martin Sabrow nach; die Entwicklung des VHD in der „alten“ Bundesrepublik schildern daran anschließend Blaschke und Thiel mit Schwerpunkten auf den Auseinandersetzungen um die westdeutsche Sozialgeschichte und auf dem Historikerstreit. Ein Kapitel von Krijn Thijs schildert die kurze Geschichte des „Unabhängigen Historiker-Verbands“ in der Phase der deutschen Wiedervereinigung, bevor Blaschke und Thiel die Darstellung bis in das Jahr 2000 fortsetzen.
Alle Autoren stellen dabei die für die gesamte Laufzeit erkennbaren Bemühungen des Verbands nach institutioneller Verstetigung und Etablierung der den Kern der Verbandsarbeit bildenden Organisation regelmäßiger Historikertage in den Vordergrund, die zur heutigen Verfassung des VHD geführt haben. Thematische Schwerpunkte der Historikertage – vor allem die Diskussion theoretischer und didaktischer Themen in der frühen Professionalisierungsphase – werden dabei ebenso umfassend in den Blick genommen wie das Verhältnis des Verbands als nationaler Vertretung zu internationalen Historikertreffen und dem 1926 gegründeten „Comité international des Sciences Historiques“ (CISH). Durchgängig wird der Verband als Politikum untersucht: Von seinem Verhältnis zum Wilhelminismus über die für ihn institutionell heikle Phase der Weimarer Republik, seine Indienstnahme während des und seine Stellung im Nationalsozialismus, seine politische Spaltung 1958 nach der Wiedergründung 1948/49, die aus der HG ein Organ staatlich gelenkter Wissenschaftspolitik werden ließ, bis hin zum VHD als wichtiger politikberatender Institution im Prozess der deutschen Wiedervereinigung. Daneben nehmen fachinterne Debatten wie der Lamprecht-Streit, die Verwerfungen um die von Fritz Fischer entfachte Kriegsschulddebatte in den 1960er Jahren, die Auseinandersetzungen um eine moderne Sozialgeschichte und dann um kulturgeschichtliche Strömungen wie die Geschlechter- und Alltagsgeschichte sowie den Historikerstreit breiten Raum ein. Ebenfalls im Fokus der Autoren stehen soziale Herausforderungen, mit denen sich der VHD als berufsständische Vertretung konfrontiert sah: der Einbezug nicht-universitärer Historiker, der Widerstand gegen die Ordinarienuniversität, der Einbezug von Frauen in die Historikertage wie auch in die Verbandsführung.
Aufgrund dieser breiten thematischen wie wissenschaftspolitischen Anlage der Untersuchung bieten die Bände weit mehr als eine Geschichte der „versammelten Zunft“. Sie lassen sich über weite Strecken sowohl hinsichtlich der Verfachlichung als auch der Verwissenschaftlichung vielmehr als eine Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft im „langen“ 20. Jahrhundert lesen und geben so – zum Teil sehr persönliche – Einblicke in die sozialen Mechanismen, die (Geschichts‑)Wissenschaft als Betrieb bestimmen. Die Geschichte des VHD wird auf diese Weise zum Spiegel der Geschichte der Geschichtswissenschaft von einem überschaubaren, bis in die 1970er Jahre stark von Einzelpersönlichkeiten geprägten Betrieb hin zum heutigen Massenbetrieb, in dem die Historikertage mit mehreren tausend Besucherinnen und Besuchern eine wichtige Rolle fachlicher Orientierung und Selbstvergewisserung spielen.
Auffällig dabei ist, dass der Verband seit seiner Gründung eine gewisse irenische Rolle in der Zunft gespielt hat. Trotz aller Auseinandersetzungen und Verwerfungen, die auf und neben den Historikertagen ausgetragen wurden, hat er sich stets als Gesamtvertretung der Historiker verstanden und sich – sieht man von der Phase des Kalten Kriegs ab – um wissenschaftliche Überparteilichkeit bemüht. Dass dies nicht immer ohne äußeren Antrieb geschah, machen etwa die Darstellung um die Auseinandersetzungen zwischen „traditionellen Historikern“ und Sozialhistorikern, zwischen Sozialhistorikern und Kulturhistorikern oder zwischen der traditionellen männlichen Elite und einer stärker werdenden Stimme von Historikerinnen deutlich. Auch das Schwanken des Verbands zwischen einer Interessenvertretung aller Universitätsprofessoren und einer breiteren Historikerschaft wird dabei erkennbar.
Mit ihrem Band legen die Verfasser eine inzwischen mehr als 125-jährige Aufstiegs- und Erfolgsgeschichte des VHD vor. Sie tun dies allerdings mit Augenmaß, und ohne Rückschläge – die zweimalige, kriegsbedingte Unterbrechung der Tagungsfolge (1913–24, 1937–49), den Dissens während der deutschen Zweistaatlichkeit oder die fachliche Bedrohung im Rahmen der bundesrepublikanischen Bildungsreform der 1970er Jahre – zu verschweigen. Wegen seiner Ausgewogenheit, seiner thematischen Fülle und seiner beeindruckenden Materialauswertung ist „Die versammelte Zunft“ eines der wichtigsten Bücher zum Verständnis deutscher Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert.