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Einzelrezension

Steinbach, Stephanie: Erkennen, erfassen, bekämpfen. Gegnerforschung im Sicherheitsdienst der SS, 300 S., Metropol, Berlin, 2018.


Abstract

Denkstil der Gegnerforscher

Keywords: Review, Steinbach, Stephanie, 2018, SS, Sicherheitsdienst, SD, Nationalsozialismus

How to Cite:

Stolle, M., (2019) “Steinbach, Stephanie: Erkennen, erfassen, bekämpfen. Gegnerforschung im Sicherheitsdienst der SS, 300 S., Metropol, Berlin, 2018.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00132-1

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-11-09

Peer Reviewed

Während in der bundesdeutschen Öffentlichkeit Stimmen zu hören sind, die behaupten, es sei zum Nationalsozialismus genug geforscht und geschrieben worden, entstehen weiterhin Dissertationen, die an die bedeutende bundesdeutsche Tradition der Vergangenheitsbewältigung durch historisch-politische Wissenschaft anschließen. Das ist eine gute Nachricht. Aber es ist schwer geworden, angesichts einer ausdifferenzierten Forschung und einer bald unübersehbaren Literatur weitere Erkenntnisse zur Verfolgungspraxis im „Dritten Reich“ zu ermitteln, die über regionale Studien und Fallbeschreibungen hinausgehen. An der Studie von Stefanie Steinbach über die Gegnerforschung im Sicherheitsdienst der SS (SD) kann man gut studieren, inwieweit dies noch gelingen kann.

Die Gegnerforschung des SD war darauf ausgelegt, systematisch Informationen über die sogenannten Gegner des NS-Staates (in erster Linie Juden, Freimaurer, Kirchen, Marxisten und Liberale) zu sammeln und auszuwerten, um deren Verfolgung zu rechtfertigen und in die Wege zu leiten. Der SD stellte Materialien zur weltanschaulichen Führung und zur psychologischen Kriegsführung zusammen und gab Handreichungen für die operativen Dienste heraus. Damit war der SD ein maßgeblicher Wegbereiter der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, die in der millionenfachen Ermordung der europäischen Juden mündeten.

Wer wie Steinbach über ein Verfolgungsorgan im NS-Staat promoviert, muss aus verschiedenen deutschen, europäischen und amerikanischen Archiven versprengte Rest-Überlieferungen von Originalquellen zusammentragen, mit biografischen Zeugnissen der Täter verbinden und eine avancierte Literatur kenntnisreich erschließen. Eine Fleißarbeit. Um dann die entscheidende Frage zu beantworten: Kann man der Geschichte des SD überhaupt noch etwas hinzufügen? Steinbach ist sich sicher, dass dies möglich ist.

Mit ihrer Dissertation will sie zeigen, dass der Einfluss der Gegnerforschung des SD auf die nationalsozialistische Verfolgungspraxis deutlich größer und vielschichtiger war, als bisher angenommen. Um dies zu beweisen, ergänzt sie die weitgehend bekannten institutionengeschichtlichen und kollektivbiografischen Abhandlungen um die Darstellung eines einheitlichen Denkstils sowie eines einheitlichen Habitus der im SD-Hauptamt zwischen 1935 und 1939 beschäftigten Akteure. Auf einen gemeinsamen Denkstil kommt Steinbach, indem sie die erkenntnistheoretischen Schriften des Mikrobiologen und Holocaust-Überlenden Ludwik Fleck auf die Praxis der Informationssammlung und -verdichtung des SD überträgt und dort ein selbsterschaffenes Wahrnehmungssystem identifiziert.

Demnach war der Denkstil des SD geprägt von einer vorgeblich wissenschaftlichen Vorgehensweise, dem Willen, das eigene Tun kontinuierlich zu professionalisieren, neue Informationsquellen zu erschließen und dem Bestreben laufend technische Innovationen aus dem Wissenschaftsbetrieb (zum Beispiel Lochkartensysteme) einzusetzen. Die Verfolgung der Gegner war in diesem Denkstil nicht das Ergebnis weltanschaulicher Überzeugung, sondern das Resultat pseudo-wissenschaftlicher Überlegungen, gewissermaßen das Gebot der eigenen „Forschung“. Nicht Hass, sondern Mathematik und Organisation waren das Mittel der Wahl für die Gegnerverfolgung.

Diese Mittel wollten die Gegnerforscher nicht nur den anderen Verfolgungsbehörden im „Dritten Reich“ als Richtschnur oder Schulungsmaterial zur Verfügung stellen, sondern sie waren auch bereit, selbst zur Tat zu schreiten. Aus Denkstilen, so argumentiert Steinbach, wurden Handlungsstile. Tatsächlich konnten die Gegnerforscher als wichtiges Glied der Einsatzgruppen in den von Deutschland besetzen Gebieten ihre eigenen Werkzeuge (beispielsweise Verhaftungslisten, Errichtung von Zwangsvereinigungen für Juden, Erstellung von Plänen zur Konzentration, dann Deportation der jüdischen Bevölkerung) zum Einsatz bringen und immer weiter radikalisieren. Knapp 70 Prozent der „Judenberater“, die in Europa den Massenmord an den Juden organisierten, entstammten der SD-Gegnerforschung.

Steinbach nennt ihr Vorgehen eine „multiperspektivische Analyse eines mental-soziologischen Formationsprozesses der Gegenerforschung“ (S. 239). Tatsächlich ist ihre Methode mehr deskriptiv als analytisch. Denkstil und Habitus werden bei ihr zwar als Interpretationskategorien eingeführt, aber nicht wirklich empirisch erprobt, was aufgrund der Quellenlage wohl auch nur schwer möglich ist. So bleibt der Neuigkeitswert der Studie im Hinblick auf die Verfolgungspraxis am Ende doch bescheidener, als die Autorin proklamiert.

Es ist die Frage, inwieweit es in Zukunft noch ergiebig sein kann, weitere Details im hinlänglich beschriebenen Weltanschauungskrieg des Nationalsozialismus zu entdecken und dabei eine Tätergruppe zu identifizieren, die bislang zu wenig beachtet wurde. Könnte es nicht lohnender sein, andere Anschlüsse stärker zu gewichten? Dass eine Tätergruppe des „Dritten Reiches“ ohne Weiteres wissenschaftlich daherkommen konnte und sich ihrer Praxisausrichtung rühmen durfte, sollte in unserer wissenschafts- und innovationshörigen Zeit aufhorchen lassen. Wie fern ist uns der Denkstil der Gegnerforscher wirklich? Interne Führungsstrukturen und Arbeitsabläufe des SD-Hauptamts waren jedenfalls über die NS-Zeit hinaus anschlussfähig, worauf Stefanie Steinbach abschließend hinweist. 1956 gründete der ehemalige Gegnerforscher Reinhard Höhn die „Akademie für Führungskräfte in der Wirtschaft“ in Bad Harzburg. Generationen von Führungskräften wurden nach diesem Modell ausgebildet. Die Untersuchung von Denkstilen und Habitus von NS-Tätern ist nicht nur für die Rekonstruktion der nationalsozialistischen Verfolgungspraxis interessant.