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Einzelrezension

Schwartz, Johannes: „Weibliche Angelegenheiten“. Handlungsräume von KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück und Neubrandenburg, 448 S., Hamburger Edition, Hamburg 2018.


Abstract

Handlungsräume von KZ-Aufseherinnen

Keywords: Review, Schwartz, Johannes, 2018, Konzentrationslager, Lageraufseher, Ravensbrück, KZ, Holocaust, Shoah

How to Cite:

Brauer, J., (2019) “Schwartz, Johannes: „Weibliche Angelegenheiten“. Handlungsräume von KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück und Neubrandenburg, 448 S., Hamburger Edition, Hamburg 2018.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00131-2

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-09-12

Peer Reviewed

Mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist dank einiger konkreter sozialhistorischer Studien ungefähr bekannt, wer genau in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern seinen Dienst tat (Riedle, Andrea: Angehörige des Kommandanturstabes Sachsenhausen, 2011). Den wenigen, aber dafür umso ausführlicheren Studien gelang es bisher, Lebenswege nachzuvollziehen und zu zeigen, aus welchen Milieus die SS-Wachen kamen und was demzufolge deren mentale Disposition gewesen sein könnte. Auch die Frage nach Handlungsräumen wurde insbesondere am Beispiel der weiblichen Aufseherinnen des Konzentrations- und Vernichtungslagers Lublin-Majdanek diskutiert (Mailänder-Koslov, Elissa: Gewalt im Dienstalltag, 2009). Mit dem vorliegenden Buch des Historikers Johannes Schwartz, „‚Weibliche Angelegenheiten‘. Handlungsräume von KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück und Neubrandenburg“, steht eine weitere umfangreiche, empirisch und analytisch beeindruckende Studie über Handlungsdispositionen und Handlungsräume einiger Aufseherinnen des größten Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück zur Verfügung.

Das erklärte Ziel des Buches, das aus der Dissertation des Autors hervorging, ist eine doppelte Differenzierung bisheriger Forschungsperspektiven. Zum einen geht es ihm darum, den normativen männerspezifischen Blick der KZ-Forschung aufzubrechen, um damit Geschlechterdifferenzen analytisch kenntlich zu machen. Zum anderen fragt der Autor explizit nach „unterschiedlichen sozialen Positionen, Erfahrungen, Wahrnehmungsperspektive, Vorstellungswelten und Handlungspraktiken“ der KZ-Aufseherinnen (S. 9). Damit folgt die Studie mit allen methodischen Konsequenzen der Alltagsgeschichte, insbesondere Alf Lüdtke, aus dessen Schule der Autor lesbar kommt.

Mit dieser Fragestellung definiert die umfangreiche Analyse im Schnittfeld von Forschungen und Theoriebildung zur KZ-Geschichte, Alltagsgeschichte („Eigen-Sinn“ nach Lüdtke), der interdisziplinären Gewaltforschung und der Geschlechtergeschichte den mittlerweile geläufigen Untersuchungsgegenstand der Handlungsräume neu. Dabei greift der Autor auf eine beeindruckende Quellenbasis zurück. Dazu gehören eine selbsterstellte personenbezogene Datenbank mit mehr als 3800 Einträgen (vgl. S. 408), juristische Quellen aus den Ravensbrück-Prozessen, NS-Dokumente in Form von Dienstvorschriften, Briefen und Erinnerungen sowie vor allem selbst geführte Interviews und bereits vorhandene Interviews mit ehemaligen SS-Aufseherinnen oder mit deren Familienangehörigen. Insgesamt zeigt sich daran die sehr intensive und langjährige Forschungsarbeit des Autors – die ersten Interviews führte er im Jahr 2003 –, aus der sich die Souveränität der Analyse und Darstellung speist.

Der komplexe theoretisch-methodischen Anspruch, der häufig auch zu sperrigen Texten führen kann, ist im Fall des vorliegenden Buches das Grundgerüst für eine lesenswerte Studie, in der es gelingt, die Fülle und Vielfalt an Quellen abwägend miteinander ins Gespräch zu bringen und daraus einsichtige Narrative zu präsentieren. Bereits die Gliederung spiegelt die Klarheit der Studie in Aufbau und Argumentation wider. Die Analyse orientiert sich konsequent an den Lebenswelten der KZ-Aufseherinnen: I. Rekrutierung und Ausbildung, II. Karrierewege, III. Führungs- und Durchsetzungspraktiken, IV. Strafen und Gewalt im Lageralltag, V. Herrschaft und Gewalt in der Textil- und Kriegsindustrie, VI. Selektion und Vernichtung.

Mit diesem Forschungsdesign wird der Autor seinem Anspruch nach einem analytisch differenzierenden Nahblick auf individuelle Lebensumstände und Entscheidungen gerecht. Er rekonstruiert so detailliert wie möglich „situative, zeittypische und personenbezogene Bedingungen“ (S. 86) der Frauen, die sich für den Dienst im Konzentrationslager verpflichten ließen. Indem er nach deren eigenen Stimmen suchte und sie zu Wort kommen ließ (wie zum Beispiel ein Briefwechsel zwischen Irmgard S. und ihren Eltern, S. 90 f.), werden dem Leser und der Leserin Entscheidungen und Handlungsspielräume abwägend vorgestellt. Durch seine immer wieder quellenkritische und kommentierende Darstellung, besonders der sich wandelnden „Erinnerungsmuster“ (ein Konzept nach Jureit, Ulrike: Erinnerungsmuster, 1999) der ehemaligen SS-Aufseherinnen gelingt es ihm, zwischen den normativen Deutungen und der Alltagswirklichkeit sorgsam abzuwägen. Damit können auch bestehende Narrative dekonstruiert werden, zum Beispiel in Hinblick auf die Oberaufseherin Anna Klein-Plaubel (S. 126). Bisher ging die Forschung davon aus, dass sie selbst um ihre Entlassung bat, was als „Zivilcourage“ gedeutet wurde. Schwartz konnte aber überzeugend darstellen, dass der Aufseherin schlichtweg gekündigt wurde.

Diese akribischen, fast kriminalistischen Darstellungen und Abwägungen der Quellen sind kurzweilig, doch verbleiben sie zuweilen im Ungefähren. Eine häufiger autoritäre Stimme des Autors wäre hilfreich und wünschenswert gewesen. Denn bei aller berechtigter Quellenkritik und bei allem Abwägen verliert sich dann doch an der einen oder anderen Stelle das Argument.

Die Studie zeigt überzeugend, wieviel Potenzial der konsequente methodische Perspektivwechsel auf Fragen der Alltagsgeschichte birgt. Es wird aber auch deutlich, wieviel Zeit es braucht, die dafür notwendigen Quellen zusammenzutragen und miteinander ins Gespräch zu bringen. Dennoch ist der Erkenntnisgewinn daraus groß. Mit dieser Darstellung der Handlungsräume ergänzt das vorliegende Buch die bisherige vor allem sozialhistorische Forschung zu KZ-Aufsehern und Aufseherinnen trefflich.