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Einzelrezension

Lewy, Jonathan: Drugs in Germany and the United States, 1819–1945. The birth of two addictions, 338 S., Nomos, Baden-Baden 2017.


Abstract

Vergleichende Drogengeschichte

Keywords: Review, Lewy, Jonathan, 2017, Drogen, Deutschland, USA, Sucht

How to Cite:

Tanner, J., (2019) “Lewy, Jonathan: Drugs in Germany and the United States, 1819–1945. The birth of two addictions, 338 S., Nomos, Baden-Baden 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00128-x

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-08-25

Peer Reviewed

Drogen sind kulturell unterdeterminiert und werden deswegen häufig überinterpretiert. Lässt sich der Wahnsinn des ‚Dritten Reiches‘ dadurch erklären, dass Hitler Rauschgifte konsumierte? Von solchen verqueren Deutungsangeboten verabschiedet sich Jonathan Lewy gleich in der Einleitung zu seiner breit angelegten und ländervergleichenden Studie zur Entstehung der Alkohol- und Drogensucht in Deutschland und den USA im Zeitraum zwischen 1819 und 1945. Der Untertitel „The Birth of Two Addicitions“ zielt auf die Historizität des Suchtphänomens. Auf Deutsch ist es bereits unklar, ob „Addiction“ mit Sucht, Suchterkrankung oder Abhängigkeit übersetzt werden soll. Der englische Begriff ermöglicht es dem Autor, diese Frage offen zu halten und die Bedeutungsverschiebungen zwischen unterschiedlichen, zunehmend auch antagonistischen Interpretationsmustern empirisch, auf der Grundlage von Archivmaterial und gedruckten Dokumenten, zu rekonstruieren.

Als rechtswissenschaftlich informierter Historiker plädiert Lewy mit einleuchtenden Gründen für eine radikale Historisierung der Suchtwahrnehmung, die sich im Wirkungszusammenhang von chemischen Eigenschaften und imaginären Projektionen entfaltet und verändert. Auf diese Weise lässt sich zeigen, wie sich in den USA ein Verständnis von Drogensucht durchsetzte, das von einem moralischen Versagen ausging und auf Bestrafung ausgerichtet war. In Deutschland herrschte demgegenüber die Auffassung vor, Sucht sei eine medizinische Krankheitsentität, die durch psychoaktive Substanzen (in dieser Hinsicht vergleichbar mit Bakterien) hervorgerufen werde und auf die mit medizinisch kontrollierten, therapeutischen Handlungsmodellen reagiert werden müsse. In den USA waren medizinische Ätiologien nicht durchwegs abwesend, wurden jedoch zur hybriden Hypothese einer „moralischen Krankheit“ verdichtet. Diese legte es nahe, kranke Menschen als Gefahr für die Gesellschaft darzustellen.

Lewys differenzierte Sichtweise unterscheidet sich stark von einer eindimensionalen Deutung der modernen Sucht als „Medikalisierung der Sünden“. Seine umsichtigen Analyse konfliktreicher Definitionsprozesse führt ihn zur Metapher eines „Stundenglases“: Existierten bis Mitte des 19. Jahrhunderts im semantischen Ausdifferenzierungsprozess des Suchtbegriffs noch die verschiedensten Bedeutungen mit- und nebeneinander, so setzte daraufhin eine (wenn auch bipolare) Vereindeutigung ein. In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Suchtbegriff wiederum ausgeweitet auf unterschiedlichste zwangsförmige Verhaltensweisen und damit verunklärt.

Die Studie gliedert sich in zwei Teile, von denen der erste (Kap. 1–6) Deutschland und der zweite (Kap. 7–12) den USA gewidmet ist, sodass das Buch ‚zwei in einem enthält‘ oder, an anderer Stelle, ‚zwei Geschichten erzählt‘. Wie erwähnt, geht der Autor davon aus, dass in diesen beiden Ländern die zwei maßgeblichen paradigmatischen Zugänge für die Deutung und den Umgang mit Drogen in der Moderne zu finden seien. In den USA breitete sich seit den 1870er Jahre eine Kaskade moralischer Paniken aus; diese fokussierten zuerst auf (Roh‑)Opium, daraufhin auf Kokain und in den 1930er Jahren schließlich auf Marihuana. Befördert von fremden- und drogenfeindlichen Stimmungslagen setzten die USA im 20. Jahrhundert den internationalen Prohibitionsstandard durch.

In Deutschland dominierte demgegenüber eine medizinische Krankheitsdefinition. Wissenschaftlich gestützte Therapien genossen einen hohen Stellenwert. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verteidigten Ärzte und Psychiater erfolgreich einen kaum mehr angefochtenen Expertenstatus, der ihnen auch eine starke Position in der Gerichtsbarkeit sicherte. Eine gutachterlich attestierte verminderte Zurechnungsfähigkeit als Folge von Alkohol- oder generell Drogenkonsum konnte Straftäter vor dem Gang ins Gefängnis bewahren. Der damit korrespondierende schonende Umgang mit Suchtkranken war – worauf Lewy besonderes Gewicht legt – auch während der nationalsozialistischen Diktatur zu beobachten. Weil Suchterkrankungen nicht als erblich bedingt betrachtet wurde, erhielten Drogenkonsument_innen nach wie vor medizinische Behandlung und gerieten nicht wie andere Gruppen, die als Bedrohung der „Rassenreinheit“ betrachtet wurden, in die Verfolgungs- und Tötungsmaschinerie des antisemitisch-rassistischen Regimes.

In den USA wurden Drogen demgegenüber von Anfang an mit einer Bedrohung von außen und mit wachsender Kriminalität gleichgesetzt. Drogenskandale schürten Ängste vor einer Rassenvermischung. Während Ärzte sich oft weigerten, Suchtkranke zu behandeln, füllten sich die Gefängnisse mit Angehörigen bestimmter nicht erwünschter Gruppen, die über ihren Drogengebrauch kriminalisiert wurden. Die zwischen 1919 und 1933 auf nationaler Ebene verhängte Alkoholprohibition, deren steigende Kosten und soziale Kontraproduktivität immer augenfälliger wurden, fügte sich in eine bis zu den „Gründungsvätern“ zurückzuverfolgende „lange Dauer“ einer unversöhnlichen Haltung gegenüber den Gefahren von Drogen ein. Über die Jahrhunderte hinweg waren in der Auseinandersetzung mit Sucht xenophobe, rassistische und missionarische Untertöne präsent.

Lewy liefert eine dichte und facettenreiche Beschreibung des markant unterschiedlichen Umgangs mit Drogen in Deutschland und den USA. Die Studie ist gut geschrieben und verbindet virtuos theoretische Überlegungen mit empirisch fundierten Beschreibungen. Immer wieder werden auch persönliche Schicksale wie jenes von Hans Fallada detailreich präsentiert. Markante Kontrastierung zweier Länder, welche die Vorstellungen von Sucht und die Politik, die mit Drogen betrieben wurde, maßgeblich gestaltet haben, führt allerdings zu einer generellen Unterbelichtung transnationaler Austauschbeziehungen. Solche kommen zwar immer wieder ins Spiel, werden jedoch regelmäßig rasch im elliptischen Kraftfeld Deutschland-USA neutralisiert. Die vorliegende Studie zeigt somit auch die Grenzen eines komparativen, um die Nation als Vergleichsgröße herumgebauten Ansatzes auf. Ein stärker Grenzen überschreitender, Netzwerke hervorhebender, auf die globale Zirkulation von Drogenwissen und -praktiken fokussierender Zugang bietet für die historische Forschung hingegen Potenziale, die bisher erst in Ansätzen erschlossen wurden.