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Einzelrezension

Eder, Jacob S./Gassert, Philipp/Steinweis, Alan E. (Hrsg.): Holocaust memory in a globalizing world, 278 S., Wallstein, Göttingen 2017.


Abstract

Globalized Memory

Eder, Jacob S./Gassert Philipp/Steinweis Alan E. (Ed.): Holocaust Memory in a Globalizing World. 278 S. Wallstein, Göttingen 2017.

Keywords: Review, Eder, Jacob S., Gassert, Philipp, Steinweis, Alan E., Erinnerung, Holocaust, Nationalsozialismus, Globalisierung

How to Cite:

Falter, M., (2019) “Eder, Jacob S./Gassert, Philipp/Steinweis, Alan E. (Hrsg.): Holocaust memory in a globalizing world, 278 S., Wallstein, Göttingen 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00127-y

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-08-26

Peer Reviewed

Die Shoah und die Erinnerung an die Massenvernichtung von Juden und Jüdinnen sind zu einem transnationalen Phänomen geworden. Über nationale Grenzen hinweg breit rezipierte Ereignisse wie der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem 1961, der Sechstagekrieg 1967 und die 1978 ausgestrahlte NBC-Serie „Holocaust“ förderten die Entstehung einer globalen Erinnerungskultur. Daniel Levy und Natan Sznaider konstatierten diese Globalisierung und Universalisierung des Holocaust als Referenz und Paradigma für Verbrechen gegen die Menschheit in ihrer 2001 publizierten Studie „Erinnerungen im globalen Zeitalter. Der Holocaust“. Nach Jahrzehnten der Verdrängung durch andere (nationale) Narrative der Erinnerung ist der Holocaust zu einem zentralen Element der politischen Kultur und des Erinnerungsdiskurses in zahlreichen Gesellschaften und sogar zu einem negativen Gründungsmythos von Europa geworden.

Die drei Historiker Jacob S. Eder, Philipp Gassert und Alan E. Steinweis haben einen Band herausgegeben, der 14 Fallstudien zu unterschiedlichen Aspekten und Funktionen von Holocausterinnerung in Europa, den Amerikas, Israel, Südafrika und Asien beinhaltet. Globalisierung bedeutet dabei nicht, dass Erinnerung homogenisiert wird, sondern dass verschiedene nationale und kollektive Narrative gleichermaßen bestehen bleiben und den Holocaust in den jeweiligen Diskurskontext integrieren. Im Fokus des Buchs stehen weniger die schon besser erforschten jeweiligen Mehrheitsgesellschaften, sondern insbesondere Minderheiten und ihre Erinnerungsdiskurse sowie damit verbundene Kämpfe um Anerkennung.

Eder leistet in seinem einleitenden Artikel einen kompetenten Überblick über relevante Studien und skizziert sieben Perspektiven, die den Rahmen für die Beiträge bilden. Dazu gehören der globale Kontext der Erinnerung an den Holocaust, die damit verbundenen Reaktionen (unter anderem auch Abwehr) und Konflikte sowie die Frage des Verhältnisses zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten. Holocausterinnerung in Migrationsgesellschaften berührt auch Narrative von Flucht und Verfolgung anderer Minderheiten sowie Interaktionen zwischen Institutionen der Holocausterinnerung und migrantischen Gruppen.

Migrantische Erinnerungskulturen und damit verbundene Auseinandersetzungen mit Auschwitz stehen im Zentrum der ersten drei Beiträge. Arnd Bauerkämper untersucht die hybriden Erinnerungskulturen in Westeuropa und insbesondere in Deutschland, wobei institutionalisierte Diskurse mit Exklusionserfahrungen von Minderheiten aber auch mit teilweise verbreiteten Ressentiments in Konflikt stehen. Nichtsdestotrotz könnten, so Bauerkämper, das Wissen um unterschiedliche Erinnerungsnarrative und deren Anerkennung ein gegenseitiges Verstehen ermöglichen. In ähnlicher Weise skizziert Oliver Rathkolb die Holocaustperzeptionen von Immigrant_innen in Österreich und die europäische Dimension der Erinnerung, die etwa im Fall der postjugoslawischer community nicht die österreichische Täter-, sondern auch die Opfer- und Gegnerseite berührt. Annemarike Stremmelaar fokussiert auf Formen der Partizipation von türkischen und muslimischen Menschen an Erinnerungspraktiken in den Niederlanden, die den Nationalsozialismus thematisieren. Sie betont dabei auch die Kämpfe von migrantischen communities aus ehemaligen Kolonien um Anerkennung als Opfer, beispielsweise der japanischen Kriegsverbrechen vor 1945.

Den Themenkomplex von Holocausterinnerung, Holocaustleugnung und Antirassismus beziehungsweise Antikolonialismus behandeln zwei Texte zu Großbritannien und Frankreich. Tony Kushner zeigt am Beispiel eines rassistischen Mordes die Verknüpfung von Erinnerung und Antirassismus, wobei Bilder von befreiten Konzentrationslagern beispielsweise in den 1970er und 1980er Jahren für den Kampf gegen Rechtsextremismus verwendet wurden. Den Fall des französischen Komikers Dieudonné untersucht Fabien Jobard. Er zeigt dabei die Berührungspunkte des französischen Neonazismus mit dem antiimperialistischen Weltbild, zwischen Israelfeindschaft und Holocaustleugnung auf. Parallelen dazu weist auch der Fall des schwedisch-muslimischen Antisemiten Ahmed Rami auf, den Aomar Boum darlegt.

Michael Shaul, Batya Shimony und Sarah Ozacky-Lazar beleuchten Aspekte der Holocausterinnerung in Israel und Palästina. Shaul beschreibt die Praktiken der Erinnerung von Ultra-Orthodoxen in Israel, die einen Gegenentwurf zum zionistischen Narrativ bilden. Batya Shimony zeichnet die Exklusion jener aus dem arabischen Raum nach Israel eingewanderten Juden aus der offiziellen Erinnerung an die Verfolgung nach. Erst später wurden auch ihre Verfolgungserfahrungen anerkannt und in das Narrativ integriert.

Clarence Taylor thematisiert afroamerikanische Erinnerungen an die Shoah und skizziert verschiedene Phasen, die von einer gemeinsamen Leidenserzählung über die Aneignung des Begriffs Holocaust bis hin zu fundamentalistischen Holocaustvergleichen reichen, wobei Taylor bei allen drei Formen problematische und enthistorisierende Momente konstatiert. Unter der Militärdiktatur in Argentinien Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre wurden Juden und Jüdinnen, die vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, erneut Opfer politischer Verfolgung. Daniel Stahl untersucht in seinem Beitrag die jüdischen Erinnerungen an diese Verbrechen und zeigt, dass die Erinnerung an den Holocaust auch als Motiv der Erinnerung an die jüngeren Verbrechen der Junta fungiert. Auch in Südafrika fungierte die Referenz auf die Shoah, wie Shirli Gilbert zeigt, als Mittel zur Thematisierung und Aufarbeitung der Apartheid sowie zum demokratischen Neubeginn. Yulia Egorova zeichnet die unterschiedlichen Positionen von Hindunationalisten gegenüber dem ‚Dritten Reich‘ ein, die von Parteinahme für Adolf Hitler bis hin zu Solidarität mit den jüdischen Verfolgten reichten, und plädiert für die Institutionalisierung von Holocaust Education. Die akademische Auseinandersetzung mit dem Holocaust und jüdischer Geschichte generell hat auch in China in den letzten Jahren einen signifikanten Aufschwung erfahren. Jonathan Goldstein interpretiert diese Entwicklung als Resultat einer politischen Agenda der Staatsführung.

Der vorliegende Sammelband bietet einen gelungenen Über- und Einblick zum Thema globalisierte Holocausterinnerung. Als möglicher Kritikpunkt könnte die Verwendung unterschiedlicher Begrifflichkeiten genannt werden: manche Autor_innen verwenden nicht den wissenschaftlichen präziseren Begriff des Antisemitismus, sondern beschreiben entsprechende Einstellungen und Politiken als antijüdisch („anti-Jewish“). Angesichts der zahlreichen unterschiedlichen Fragestellungen und Untersuchungsgegenstände tritt der Aspekt des Vergleichs manchmal in den Hintergrund, was jedoch nicht unbedingt ein Nachteil sein muss, da dies durch das gebotene Mosaik interessanter und luzider Analysen bei Weitem aufgehoben wird.