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Einzelrezension

Carey, Maddy: Jewish masculinity in the Holocaust. Between destruction and construction, 224 S., Bloomsbury, London/New York 2017.


Abstract

Jüdische Männlichkeit und geschlechterhistorische Forschung zum Holocaust

Keywords: Review, Carey, Maddy, 2017, Holocaust, Antisemitismus, Geschlecht, Männlichkeiten

How to Cite:

Kerl, K., (2019) “Carey, Maddy: Jewish masculinity in the Holocaust. Between destruction and construction, 224 S., Bloomsbury, London/New York 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00125-0

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-08-23

Peer Reviewed

Welche Auswirkungen hatte der Holocaust auf jüdische Männlichkeiten? Wie beeinflussten Ausgrenzung, Verfolgung, Deportationen und Ghettoisierung sowie die damit einhergehenden dramatischen Veränderungen des Alltagslebens das Selbstverständnis jüdischer Männer? Diesen Fragen geht die Historikerin Maddy Carey in ihrem 2017 publizierten Buch „Jewish Masculinity in the Holocaust. Between Destruction and Construction“ nach und nimmt sich damit eines in der historischen Forschung bisher weitgehend unberücksichtigten Themas an. Als Untersuchungsraum dienen ihr bei diesem Unterfangen vier Länder: Polen, Frankreich, Belgien und die Niederlande – das nationalsozialistische Deutschland bleibt somit aus der Studie ausgeklammert. Aufgrund der Heterogenität der in diesen Ländern lebenden Juden und Jüdinnen, zum Beispiel in religiöser Hinsicht, und den jeweils stark divergierenden historischen Bedingungen und Praktiken der deutschen Besatzung in diesen Gebieten ermöglicht der gewählte geografische Zuschnitt, ein breites Spektrum an jüdischen Erfahrungen einzufangen. Zeitlich fokussiert Carey in ihrer Studie die Zeitspanne zwischen dem jeweiligen Beginn der deutschen Besatzung in den untersuchten Ländern und der systematischen Zerstörung der dortigen jüdischen communities durch ihre Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager. Das Leben in den Lagern und dessen Effekte auf jüdische Männlichkeiten sind somit nicht Gegenstand des Buches.

In dem ersten der insgesamt vier Kapitel legt Carey zunächst ihr theoretisches Verständnis der Konstitutionsprozesse historischer Männlichkeitsentwürfe dar. In diesem Zusammenhang betont sie das Zusammenspiel zwischen gesellschaftlichen Machtverhältnissen und dominanten Männlichkeitsnormen sowie individuellen, gleichsam historisch spezifischen Prozessen der Selbstkonstitution, wobei die in den folgenden Analysekapiteln daraus resultierende Trennung zwischen „normative masculinities“ und „individual elements of masculinities“ mitunter problematisch erscheint und teilweise auch zu Redundanzen führt. Im Anschluss daran stellt Carey drei jüdische Männlichkeitstypen vor, die vor dem Holocaust in den von ihr untersuchten Ländern verbreitet waren: erstens die „assimilated Jewish masculinity“ (S. 38), die eher in den Niederlanden und Frankreich auftrat und die sich stark am damals hegemonialen bürgerlichen Männlichkeitsentwurf orientierte, zweitens die „subordinate Jewish masculinity“ (S. 39), die wesentlich durch die Internalisierung antisemitischer Stereotype gekennzeichnet gewesen sei, und, drittens, die „independent Jewish masculinity“ (S. 43), die sich relativ unabhängig von der hegemonialen Männlichkeit entwickelt habe und durch einen positiven Bezug aufs Judentum charakterisiert sei. Unabhängig der Differenzen waren für alle drei Männlichkeitstypen die Funktionen des Beschützens und des Versorgens sowie der gesellschaftliche Status von fundamentaler Bedeutung.

Im zweiten Kapitel nimmt sich Maddy Carey der Effekte antisemitischer Maßnahmen auf jüdische Männlichkeiten während der Phase der deconstruction an. In dieser Zeitspanne, die Carey als „initial stages of persecution,“ (S. 11) beschreibt, verunmöglichten antisemitische Maßnahmen wie Berufsverbote oder die Enteignung jüdischer Geschäfte es einer großen Zahl jüdischer Männer ihrer Funktion als Versorger und Beschützer nachzukommen sowie ihren gesellschaftlichen Status zu erhalten. Obwohl somit dem überwiegenden Teil der jüdischen Männer die Grundlage entzogen wurde, den zeitgenössisch zentralen Aspekten von Männlichkeiten nachzukommen, betont Carey, dass viele von ihnen dennoch versucht hätten, ihre ‚männlichen Pflichten‘ zu erfüllen und sie zudem häufig ihre patriarchale Stellung innerhalb ihrer Familie erhalten konnten.

Die Phase der enclosure bildet den Gegenstand des dritten Kapitels, wobei Carey enclosure dadurch charakterisiert, dass jüdische Menschen entweder durch das Leben in Verstecken oder aber durch Ghettoisierung in ihrer Bewegungsfreiheit drastisch eingeschränkt waren. Geografisch richtet Carey ihren Fokus in diesem Kapitel primär auf Polen und kommt für das Leben in den Ghettos zu einem überraschenden Ergebnis. Obwohl Juden und Jüdinnen einen harten Überlebenskampf führen mussten, brachte das Leben in Verstecken oder in Ghettos eine Form der Stabilität mit sich, die es vielen Männern ermöglichte, den als männlich konnotierten Funktionen des Beschützers und des Versorgers nachzukommen, was unter anderem durch die begrenzte Autonomie in den Ghettos und der patriarchalen Organisationsstruktur der dortigen Institutionen gewährleistet wurde.

In dem vierten und letzten Kapitel, das sich zeitlich über die Phasen der deconstruction und der enclosure erstreckt, fragt Maddy Carey nach den Auswirkungen des Holocaust auf väterliche Männlichkeit. Dabei argumentiert sie gegen die bisher in der Forschung vertretene Annahme, dass viele jüdische Väter während des Holocaust in Apathie verfallen seien, sie ihren ‚väterlichen Aufgaben‘ nicht mehr nachgegangen seien und es folglich zu einem Kollaps jüdischer Vaterschaft gekommen sei. Zwar habe die brutale Verfolgung tatsächlich unter jüdischen Vätern emotionale Probleme wie Depressionen verursacht, dennoch hätten viele von ihnen auch unter den harten Lebensbedingungen versucht, weiterhin als Beschützer und Versorger ihrer Familien und Kinder zu agieren. Vereinzelt waren es gerade diese Aufgaben die jüdische Männer zumindest temporär wieder aus ihrer Apathie herausrissen.

Carey hat mit „Jewish Masculinity and the Holocaust“ einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung jüdischer Lebenswelten während des Holocaust vorgelegt und sich damit einer bedeutenden Forschungslücke in der Holocaustforschung angenommen. Mitunter tendiert die Studie zu Redundanzen und auch die Quellen, auf die sich die Argumentation stützt, erscheinen mitunter problematisch. Zum Beispiel wenn sich Carey bei der Herausarbeitung des Typus der „subordinate Jewish masculinity“ wesentlich auf Walter Rathenau oder Otto Weininger und somit auf Quellen stützt, die außerhalb ihres Untersuchungsraumes entstanden sind. Auch spielen die in Kapitel eins eingeführten drei Typen jüdischer Männlichkeit im Verlauf der Studie lediglich eine geringe Rolle, sodass sich die Frage nach deren Nutzen stellt. Trotz dieser Monita stellt die Studie eine bedeutende Erweiterung der bisherigen geschlechterhistorischen Forschung zum Holocaust dar.