Der schmale Band versteht sich als Beitrag zu einer vergleichenden Migrationsforschung. Dabei blickt Hagit Lavsky auf die Herausbildung einer „deutsch-jüdischen Diaspora“ zwischen den Weltkriegen. Diese sei von den 1920er Jahren bis Mitte 1938 durch die jüdische Auswanderung aus Deutschland entstanden, der eine rationale Abwägung der Optionen zugrunde lag. Erst seit dem Herbst 1938 aufgrund der Novemberpogrome sei sie in eine Fluchtbewegung umgeschlagen. Auch in der Selbsteinschätzung der Betroffenen spiegele sich eine solche Aufteilung wider (S. 4, 6, 35 f., 49, 56).
Die Verfasserin zeichnet die stets im Wandel begriffene Einwanderungspolitik in den drei Zielländern Palästina, den USA und England nach, ohne dabei die Erfahrungen der Betroffenen zu vernachlässigen. So flicht Lavsky wiederholt biografische Informationen aus Erinnerungen von Beteiligten ein. Grundlage für den internationalen Vergleich bieten jeweils mühevoll ermittelte statistische Angaben zu den Migrationen, welche erst das Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschieden ermöglichen.
Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die „individual rank-and-file immigrants and their choices as historical subjects“ (S. 7) bevor sie dem Deutschen Reich den Rücken kehrten, berücksichtigt wird aber auch die Zeit danach – die Integrationsleitung der Einwanderer und Flüchtlinge, ihr Beitrag zur Gesellschaft des sie aufnehmenden Landes und ihr jeweiliges Selbstverständnis als eigene Gruppe.
Die Verfasserin, Tochter eines in Posen geborenen zionistisch aktiven Paares – des Orientalisten Martin Meir Plessner (1900–1973), der bis 1933 an der Universität von Frankfurt am Main tätig gewesen war, und seiner Frau Eva Esther geb. Jeremias (1905–1991) – legt den Schwerpunkt ihrer Schilderung auf die Würdigung des Beitrags der deutschen Zionisten zum jüdischen Gemeinwesen im Mandatsgebiet Palästina. Dessen Entwicklung wird stets parallel kontrastiert mit den Kollektiverfahrungen jener, die zur gleichen Zeit aus Deutschland in die USA ausreisten. Die Flucht jüdischer Deutscher nach Großbritannien stellt sich als ein zeitlich enger begrenztes Phänomen dar, das im Wesentlichen auf die Zeitspanne vom Herbst 1938 bis Sommer 1939 beschränkt blieb; doch war auch sie eine humanitäre Großleistung, nicht zuletzt deswegen, weil innerhalb weniger Monate Zehntausende gerettet wurden – darunter viele Kinder –, denen andere Ziele versperrt waren. Von Juden in Palästina wurde eine regelrechte „absorption machinery“ geschaffen (S. 99), um gerade den Yekkes, den „deutschen“ Einwanderern, die Eingliederung zu erleichtern. Was bitter nötig war, denn sie fanden sich angesichts der ökonomischen Rückständigkeit am neuen Wohnort vielfach einem Kulturschock ausgesetzt (S. 108), der ihnen harte Kompromisse abverlangte. Doch fühlten sie sich in ihrer neuen Heimat aufgrund der von ihnen gemachten Erfahrungen dazu aufgerufen, auf die politische Kultur und das öffentliche Leben in ihrem Sinn einzuwirken (S. 110).
Einen erheblichen Statusverlust musste unterdessen die Mehrheit der Emigrantinnen und Emigranten erleiden. Ihren neuen Platz in der fremden Gesellschaft fanden sie manchmal nur mühsam, wobei es auch zu Auseinandersetzungen mit der altansässigen jüdischen wie der nichtjüdischen Bevölkerung kam. In der Rückschau ergibt sich folgendes Bild: Während die deutsch-jüdische Emigration nach den Vereinigten Staaten heute in der US-Gesellschaft nahezu vollständig aufgegangen ist, verstehen sich die Teilnehmer an den Kindertransporten nach Großbritannien und ein Teil ihrer Nachfahren bis in die Gegenwart hinein als ihrer Familiengeschichte weiterhin verhaftete „continental Britons“. Den größten Erfolg billigt die Verfasserin der Auswanderungsbewegung nach Palästina zu, „where the economic integration of the immigrants was rapid, and where their impact on various economic and cultural sectors was recognized and appreciated“ (S. 137). Sie trugen in ihrem neuen Umfeld maßgeblich zur sozioökonomischen Modernisierung bei, was sich noch heute in einem ausgeprägten Selbst- und Sonderbewusstsein dieser Gruppe in Israel niederschlägt.
Kritisch muss hier angemerkt werden, dass Lavsky bei der Unterscheidung zwischen Flucht und Auswanderung die antijüdische Gewaltpolitik des ‚Dritten Reichs‘ allzu sehr auf die November-Ausschreitungen des Jahres 1938 fokussiert. Die für jüdische Deutsche lebensbedrohliche Gewalttätigkeit unter dem Nationalsozialismus wurde keineswegs erst damit offenbar. Und dies zu unterstellen entspräche nicht der seit Anfang 1933 erfahrenen Lebenswirklichkeit vieler jüdischer Deutscher. Schon Ende März 1933 ermordeten SA-Männer etwa den Kasseler Rechtsanwalt Max Plaut (*1888), wonach die Täter nie belangt wurden. Antijüdische Pogrome fanden schon 1934 im fränkischen Gunzenhausen und 1935 im hessischen Gladenbach statt (um nur zwei Beispiele zu nennen).
Dessen ungeachtet hat die von einer breiten Quellenbasis ausgehende Verfasserin eine klar geordnete und präzise ausgearbeitete Studie vorgelegt, die sich als ein Standardwerk für die Erforschung der deutsch-jüdischen Emigration erweisen dürfte. Darüber hinaus ermittelte Hagit Lavsky beeindruckendes Bildmaterial aus verschiedenen Archiven, das sie in ihre Darstellung an passenden Stellen zur Illustration einfügte. Wünschenswert wäre es nun, wenn eine ähnliche Untersuchung auch für andere Aufnahmeregionen durchgeführt würde, wobei sich zunächst die zeitweisen Zufluchten deutscher Immigrantinnen und Immigranten in Westeuropa (Belgien, Frankreich, Luxemburg, Niederlande) für eine vergleichende Betrachtung anböten.