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Einzelrezension

Kohut, Thomas A.: Eine deutsche Generation und ihre Suche nach Gemeinschaft. Erlebte Geschichte des 20. Jahrhunderts, 455 S., Psychosozial, Gießen 2017.


Abstract

Lebenserzählungen historisch und psychoanalytisch gedeutet

Keywords: Review, Kohut, Thomas A., Gemeinschaft, Interview, Generation

How to Cite:

Stambolis, B., (2019) “Kohut, Thomas A.: Eine deutsche Generation und ihre Suche nach Gemeinschaft. Erlebte Geschichte des 20. Jahrhunderts, 455 S., Psychosozial, Gießen 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00123-2

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-07-30

Peer Reviewed

Thomas Kohut gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die – wie beispielsweise auch Peter Loewenberg – Historiker und Psychoanalytiker sind und somit über ein methodisches Instrumentarium verfügen, das anregende Zugänge zum Untersuchungsgegenstand erwarten lässt. Die von Kohut 2012 in englischer Sprache erschienene Studie, die 2017 leicht überarbeitet auf Deutsch herauskam und die es hier zu besprechen gilt, hat eine längere Vorgeschichte, wie der Autor im Vorwort schreibt und wie auch Dorothee Wierling und Jürgen Reulecke in ihrer Einleitung betonen.

In den 1990er Jahren war Kohut in Kontakt mit einem Forschungsprojekt an der Universität Siegen gekommen, das sich mit Fragen sinnerfüllten Alters am Beispiel eines Seniorenkreises aus jugendbewegter Wurzel widmete. Damals wurden 62 lebensgeschichtliche Interviews mit Angehörigen des „Freideutschen Kreises“ geführt, welcher bei seiner Gründung 1947 etwa 2000 Mitglieder hatte und bis zum Jahre 2000 bestand. Zumeist der Kriegsjugendgeneration des Ersten Weltkriegs angehörend, hatten die mehrheitlich zwischen 1907 und 1915 Geborenen in den 1920er Jahren in der bürgerlichen Jugendbewegung in prägender Weise Gemeinschaft erlebt.

Im Mittelpunkt der Studie von Kohut stehen die Narrative, die den angesprochenen Interviews zugrunde liegen und die das ‚Material‘ für seine Studie darstellen. Ihren Erzählungen zufolge hatten sich aus jugendbewegten Begegnungen Freundschaften und Bindungen ergeben, die die Befragten als selbststabilisierend und haltgebend sowie als Ressourcen im Alter betrachteten. Der jugendbewegten Prägung schrieben die Interviewten eine Bedeutung zu, die sie zu einer „Haltung“ befähigt habe, welche sie idealisierten, die jedoch aus der historischen Distanz und dem Blick von außen kaum kritischen Fragen standhält; dies gilt vor allem den Jahren 1933 bis 1945.

An den in den 1990er Jahren unter anderem von Sabiene Autsch durchgeführten Interviews war Thomas Kohut nicht beteiligt. Autsch hat unter anderen Aspekten und unter Hinzuziehung von Fotoalben der Interviewten die „Freideutschen“ untersucht, um der jugendbewegten Gemeinschaftsbildung und Gruppenidentität auf den Grund zu gehen. Die Deutungen beider bezüglich ihres methodischen Vorgehens und ihrer Ergebnisse her nebeneinander zu betrachten, würde an dieser Stelle zu weit führen, könnte aber reizvoll sein, zumal Autsch ihre Studie aus dem Jahr 2000 2015/16 einer kritischen Re-Lektüre unterzogen hat.

Die vorliegende Arbeit von Kohut gliedert sich in drei Teile, die chronologisch an drei entscheidenden Lebensphasen der Befragten ausgerichtet sind: 1. dem Ersten Weltkrieg und den 1920er Jahren, 2. den Jahren 1933 bis 1945 und 3. dem Umgang mit der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft sowie den eigenen Verstrickungen beziehungsweise der eigenen Verführbarkeit in der NS-Zeit. Die drei Teile beinhalten jeweils analytische und essayistische Unterkapitel und Interviewmontagen. In letzteren werden wiederkehrende Grundelemente der erzählten Biografien verdichtend zusammengefügt, ein Verfahren, das Anthony Appiah’s Konzept des „sozialen Drehbuchs“ folgt. Auf diese Weise versucht Kohut, charakteristische, in den Interviews wiederkehrende Muster hervorzuheben. Diese Vorgehensweise kann, muss aber nicht unbedingt überzeugen. Für die Fassung von 2012 sind diese Montagen ins Englische übersetzt worden, für die deutsche Fassung 2017 mussten die ursprünglichen Kontexte aufwendig wieder aufgefunden und dann neu montiert werden, eine zweifellos besondere Herausforderung für die Übersetzerin.

Anregend sind vor allem die analytischen und essayistischen Unterkapitel, die sich mit dem Thema Antisemitismus und mit dem eklatanten Mangel an Empathiefähigkeit bei den Interviewten gegenüber den jüdischen Opfern der menschenverachtenden Politik des NS-Unrechtsregimes befassen. Das Schicksal deutscher Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens oder das von Menschen, welche aufgrund ihres Familienhintergrundes nach 1933 zu Juden erklärt worden waren und von denen nur wenige durch Flucht und Emigration ihr Leben retten konnten, betraf auch ihnen persönlich bekannte Mitglieder jugendbündischer Gruppen. Diese gelungenen Abschnitte haben wohl auch mit die Resonanz der englischsprachigen Ausgabe 2012 begründet, auf deren Cover neben dem Titel „A German Generation“ ein Hakenkreuz abgebildet ist, handelt es sich doch um die Altersgruppe, die sich in besonderer Weise in den 1920er Fahren nach Führung sehnte und dabei dann auch teilweise zu Verführten wurde. Michael Wildt hat bekanntlich nachgewiesen, dass etwa 60 Prozent der Akteure des Reichssicherheitshauptamtes zwischen 1900 und 1910 geboren war (Wildt: Generation des Unbedingten, Hamburg 2003).

Insofern berührt die Studie über die kleine Gruppe der darin vorgestellten Männer und Frauen hinaus weiterführende Fragen an die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Geschichte der Jugendbewegung, die der kürzlich verstorbene Walter Laqueur, einer der profundesten Kenner der Jugendbewegungsgeschichte und selbst jugendbewegt, zugespitzt als Mikrokosmos der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat. Wie begegneten deutsche Freunde „von einst“, die während der NS-Zeit ideologisch verstrickt gewesen waren, den ihnen persönlich bekannten jüdischen Überlebenden oder den wenigen Verfolgten, die in den Jahren nach 1945 nach Deutschland zurückkehrten, dem deutsch-jüdischen Religionsphilosophen Hans-Joachim Schoeps beispielsweise? Letzterer sah zunächst hoffnungsvoll in seiner Rückkehr nach Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Selbstverpflichtung, zeigte sich dann jedoch – auch von einstigen Freunden in der Jugendbewegung – nicht ohne Grund enttäuscht.

In dieser Hinsicht ist trotz einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen zu den „Freideutschen“ und nicht zuletzt der Untersuchung von Kohut noch keineswegs alles gesagt. Eine eindrückliche persönliche Note bekommt das Buch dadurch, dass Kohut die Studie seinem Vater, dem Psychoanalytiker Heinz Kohut widmet, Zeitgenosse der Freideutschen, in seiner Jugend Pfadfinder, der 1939 als Jude Wien verlassen musste und in die Vereinigten Staaten auswanderte. Heinz Kohuts Selbstpsychologie spielt in der hier besprochenen Publikation eine nicht unerhebliche Rolle; diesem psychoanalytischen Ansatz und Heinz Kohut selbst hat nicht zuletzt die Psychologin und Mäzenin Lotte Köhler, die die Übersetzung der Arbeit von Thomas Kohut mit angeregt hat, besondere Wertschätzung entgegengebracht. Auch das gehört zur eingangs erwähnten Geschichte dieses Buches, das zur kritischen Lektüre und als Anregung für die Weiterarbeit empfohlen sei.