Skip to main content
Einzelrezension

Haarfeldt, Mark: Deutsche Propaganda im Rheinland 1918–1936, 432 S., Klartext, Essen 2017.


Keywords: Review, Haarfeldt, Mark, 2017, Rheinland, Besetzung, Propaganda

How to Cite:

Mohn, V., (2019) “Haarfeldt, Mark: Deutsche Propaganda im Rheinland 1918–1936, 432 S., Klartext, Essen 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00121-4

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

3 Views

2 Downloads

Published on
2019-07-30

Peer Reviewed

Moderne Formen politischer Propaganda waren Anfang der 1920er Jahre in Deutschland für staatliche Stellen noch vielfach Neuland. Erfahrungswerte, wie sie beispielsweise die USA während des Ersten Weltkriegs mit dem „Committee on Public Information“ gesammelt hatten, fehlten weitgehend. Es mangelte nicht nur an praktischer Erfahrung in der Konzeption entsprechender Kampagnen, sondern auch an einem Konsens, was der Begriff beinhaltete und inwieweit derartige Mittel eingesetzt werden konnten und sollten. Gleichzeitig war in den 1920er Jahren ein deutlicher technologischer Fortschritt im Medienbereich zu verzeichnen: Rundfunk und Film entwickelten sich rasant und boten auch auf dem Gebiet der Propaganda Möglichkeiten, neue Wege zu gehen.

Angesichts der Besetzung des Rheinlandes durch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs und deren Folgen geriet besonders diese Region ins Blickfeld der Reichsregierung und anderer beteiligter Stellen. So fürchtete man in Berlin nicht nur Separatismus im Rheinland selbst, sondern auch eine französische Politik, die auf eine Abspaltung des Gebietes vom Deutschen Reich abzielte. Die Verantwortlichen sahen vor diesem Hintergrund neue Formen politischer Propaganda schnell als probates Mittel, um dem entgegenzuwirken.

Mark Haarfeldt hat sich in seiner von Prof. Dr. Boris Barth betreuten Dissertation dieses Themas angenommen und beleuchtet die Entwicklung deutscher politischer Propaganda am Beispiel des Rheinlandes vom Ende des Ersten Weltkrieges an. Er beschränkt sich hierbei nicht auf die Phase bis zum Abzug der alliierten Besatzungstruppen 1930, sondern bezieht auch die folgenden Jahre bis zur nationalsozialistischen Propaganda im Zuge der Rheinlandbesetzung von 1936 mit ein.

Um einen umfassenden Blick auf Ziele, Struktur und Inhalt der Propaganda zu ermöglichen, beginnt Haarfeldt mit einem ausführlichen Kapitel über die theoretische Diskussion zum Thema in Deutschland nach Ende des Ersten Weltkrieges und während der 1920er Jahre. Dem Verfasser ist dieser vorangestellte theoretische Unterbau wichtig: Mit Blick auf die Besonderheiten der Rheinlandpropaganda macht er zu Recht darauf aufmerksam, „dass die theoretische Auseinandersetzung um den Propagandabegriff, die Diskussion um die moralische Wertigkeit von Propaganda als mediale Öffentlichkeitsarbeit eines Staates und die effektive Form der Praxis parallel verliefen und sich stark gegenseitig beeinflussten“ (S. 38). Tatsächlich steht die Abhandlung der theoretischen Diskussion nicht für sich. Immer wieder gelingt es dem Autor an unterschiedlichen Stellen seiner Analyse, diese gegenseitige Beeinflussung aufzuzeigen und nachzuweisen.

Das folgende Kapitel ist den verantwortlichen Akteuren politischer Propaganda gewidmet. Von Bedeutung sind hier nicht nur offizielle staatliche Stellen, sondern auch Stellen wie allen voran die „Rheinische Volkspflege“ (RVP). Die vormalige „Westabteilung“ der Reichszentrale für Heimatdienst wurde 1919 unter diesem Namen neu gegründet. Nach außen handelte es sich zunächst um eine private Vereinigung, die gleichwohl de facto von Anfang an unter direkter staatlicher Kontrolle stand. Für die deutsche Propaganda im Rheinland avancierte die RVP jedenfalls schnell zur „Schlüsselinstitution, die in den ersten Jahren Themenfelder mit richtungsweisenden Konzepten füllte“ (S. 30), an denen sich andere staatliche wie auch private Stellen orientierten. Gleichzeitig weist Haarfeldt nach, dass die RVP auch in Deutschland zu keinem Zeitpunkt unumstritten war, sondern dass sich an Form und Inhalt ihrer Arbeit immer wieder Kritik entzündete. Dies sei ein Grund gewesen, warum die RVP immer wieder eigene „Erfolge“ sowie die vermeintlich großen Gefahren durch französische Propagandakampagnen übertrieben herausstellte und ihre eigene Tätigkeit so zu rechtfertigen versuchte (S. 80–89 sowie S. 373).

Diese Kapiteleinteilung mag auf den ersten Blick etwas schematisch wirken, doch wird spätestens beim Weiterlesen im dritten Teil schnell der Mehrwert dieses Vorgehens deutlich. Hier beleuchtet Haarfeldt detailliert eine Auswahl von Propagandakampagnen und fragt jeweils mit Blick auf deren praktische Umsetzung auch danach, welche Wechselwirkungen es zwischen theoretischem Diskurs und konkreten Kampagnen jeweils gab und wie die beteiligten Stellen daraufhin agierten. An welche Vorgaben waren die Propagandaplaner der RVP gebunden – und inwieweit mussten sie beispielsweise auf ein verändertes außenpolitisches Umfeld reagieren?

Haarfeldt analysiert die wichtigsten propagandistischen Kampagnen dieser Phase wie die zum rheinischen Separatismus, zum Ruhrkampf von 1923, gegen eine befürchtete „Verwelschung“ (also als Reaktion auf eine französische Kulturpropaganda), zur sogenannten Jahrtausendfeier oder anlässlich der Reise Hindenburgs (beides 1925). Zudem geht er auf die sogenannte „Schwarze-Schmach“-Kampagne ein, die sich in offen rassistischer Weise gegen den Einsatz französischer Kolonialsoldaten wandte und deren angebliche Übergriffe gegen deutsche Zivilisten maßlos übertrieb. Auch wenn sich die Frage, ob diese Kampagnen bei der jeweiligen Zielgruppe diejenige Wirkung erreichten, die beabsichtigt war, mangels verfügbarer Quellen nicht immer klären lässt, ist doch gerade der Blick auf die Erwägungen und Diskussionen der Macher der deutschen Rheinlandpropaganda äußerst aufschlussreich.

Der Autor weist nach, dass sich die Reichsregierung 1919 bewusst dazu entschloss, dieses Mittel einzusetzen, um befürchteten Versuchen französischer Kampagnen zu begegnen. Dabei gelingt es ihm, den durchweg „experimentellen Status“ der deutschen Versuche deutlich zu machen, den diese „theoretisch wie auch praktisch“ hatten, wenn deutsche Stellen für sie zuvor „unbekanntes Terrain“ betraten (S. 366).

1936 fanden die propagandistischen Maßnahmen des NS-Regimes im Zuge der Besetzung des Rheinlandes selbstverständlich unter anderen Voraussetzungen statt. Doch ist ein Blick auf die Sichtweise der NSDAP auf die Entwicklung, den Haarfeldt in seiner Studie bietet, aufschlussreich: Interessant wurde die Entwicklung im Rheinland für die NSDAP letztlich erst während des Wahlkampfes im Sommer 1930. Die Darstellung republikanischer Parteien, die den Abzug der Truppen der Siegermächte aus dem Rheinland als ihren Erfolg reklamierten, versuchten die Nationalsozialisten mit dem Hinweis zu konterkarieren, dass das Rheinland im „nationalen Sinne“ noch längst keine Freiheit erlangt habe (S. 389 ff.). Das Erreichen dieses Ziels verkündete die NS-Propaganda dann im Zuge der Besetzung des Rheinlandes von 1936 und rückte vor allem die beteiligten Einheiten der Wehrmacht in ein äußerst positives Licht. Der Einmarsch und die damit verbundene Propaganda sei ein „propagandistischer Baustein im Aufbau der nationalsozialistischen Kriegsmaschinerie“ (S. 392), bringt es Haarfeldt auf den Punkt.

Haarfeldt zufolge ist es während der Kampagnen in den 1920er Jahren gelungen, „spezielle Assoziationen und Bilder“ in den Köpfen der Menschen zu verankern. Nachdem 1930 die Besetzung des Rheinlandes und im gleichen Jahr auch der Wahlkampf endeten und das Thema schnell nahezu komplett aus den Medien verschwunden war, habe es doch den Anschein, dass diese Erinnerungen und Bilder „Jahre später noch aktiviert werden konnten“ (S. 365).

Insgesamt gelingt es dem Autor, vorhandene Studien zum Thema nicht nur durch eine beachtliche Recherchearbeit zu ergänzen: Erstens ist es gerade der Blick auf die unterschiedlichen Akteure sowie auf die Wechselwirkungen zwischen theoretischer Diskussion und praktischer Umsetzung, der einen Mehrwert bietet. Auch die Einbeziehung der weiteren Entwicklung bis 1936 ermöglicht eine bessere Einordnung. Haarfeldt bezieht dabei eine breite Quellen- und Literaturbasis mit ein. Sprachlich ist die Studie leserfreundlich und zugleich präzise. Einzig ein Personenverzeichnis hätte noch eine bessere Orientierung und Übersicht ermöglicht. Dies ändert aber nichts daran, dass es sich um eine sehr gelungene und lesenswerte Studie handelt.