In dem Buch von Uwe Backes und Günther Heydemann werden Texte eines antifaschistischen italienischen Politikers in deutscher Sprache veröffentlicht, der in Deutschland weitgehend unbekannt sein dürfte. Es handelt sich um den sizilianischen Priester Luigi Sturzo, der 1919 gegen den Widerstand des Vatikans den Partito Politico Italiano gegründet hat, die erste erfolgreiche katholische Partei Italiens. Er wurde 1924 durch den Vatikan zum Verlassen Italiens gezwungen, weil er mit seinem Widerstand gegen das faschistische Regime Mussolinis die Hoffnungen Papst Pius XI. auf ein Konkordat störte. Im englischen und amerikanischen Exil war er seitdem mit zahlreichen Büchern als antifaschistischer Publizist tätig. Dass er zu den „wichtigsten politischen Persönlichkeiten Italiens im 20. Jahrhundert“ (S. 24) gehörte, darf man jedoch bezweifeln. Er war auch nicht „Mussolinis gefährlichster Widerpart“ (S. 16), das war vielmehr der sozialistische Fraktionsführer im Parlament Giacomo Matteotti, den der „Duce“ deshalb auch 1924 ermorden ließ. Innerparteilich musste Mussolini überdies Roberto Farinacci weit mehr fürchten als Sturzo von außen.
Sturzo war auch nicht „einer der ersten und tiefgründigsten Analytiker der faschistischen Bewegung und ihrer totalitären Zielsetzungen und Praktiken“ (S. 9). Er bekämpfte den Faschismus nicht als Philosoph oder Sozialwissenschaftler, sondern als Politiker und erkannte als solcher durchaus hellsichtig schon frühzeitig den Weg Mussolinis in eine Diktatur. Dem stellte er sich mit dem polemischen Versuch entgegen, den Faschismus als „rechten Bolschewismus“ (S. 35) zu diskreditieren. Dazu bediente er sich als erster des Begriffs des „Totalitarismus“, um auf diese Weise das faschistische Regime mit dem sowjetischen gleichzusetzen. Das blieb jedoch deshalb politisch wirkungslos, weil Mussolini sich selbst 1925 auf die Schaffung eines „stato totalitario“ festlegte und damit der Totalitarismuskritik den Wind aus den Segeln nahm.
Um eine theoretische Fundierung des „Totalitarismus“ ging es Sturzo nie, man wird sie deshalb in dem Band von Backes und Heydemann auch nicht finden. Man kann Sturzos Texte aber mit Gewinn im Hinblick auf den italienischen Faschismus lesen.
Ausdrücklich sei dafür auf die Auszüge aus seinem Buch „Italy and Fascismo“ verwiesen (S. 201–262), das er 1926 in London veröffentlichte und das seinerzeit ins Deutsche, Französische und Spanische übersetzt worden ist. Sturzo hat damit damals ohne Frage zur Erkenntnis des Diktaturcharakters von Mussolinis Regime beigetragen. Es ist das Verdienst von Backes und Heydemann durch die Wiederveröffentlichung von Auszügen aus diesem Buch den Beitrag Sturzos zur frühen Faschismusdiskussion nachvollziehen zu können.