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Einzelrezension

Ahlheim, Hannah: Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert. Wissen, Optimierungsphantasien und Widerständigkeit, 695 S., Wallstein, Göttingen 2018.


Abstract

Die Vermessung des Schlafs

Keywords: Review, Ahlheim, Hannah, 2018, Schlaf, Traum

How to Cite:

Schwarz, A., (2019) “Ahlheim, Hannah: Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert. Wissen, Optimierungsphantasien und Widerständigkeit, 695 S., Wallstein, Göttingen 2018.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00119-y

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-07-31

Peer Reviewed

Thomas Edison ist nur einer der sogenannten Selfmade-Men, von dem Geschichten überliefert sind, in denen er seinen Angestellten eine kurze Nachtruhe von höchstens drei oder vier Stunden Schlaf als Grundlage seines Erfolgs vorhielt. Jeder, der länger schlafe, werde es nie zu etwas bringen. Den Angestellten war jedoch ebenfalls hinlänglich bekannt, dass Edison im Labor über seinen Apparaturen wiederholt einschlief. Es ließe sich mühelos ein umfangreiches Buch allein über das Thema dieser Ideologie des kurzen (Nacht‑)Schlafs im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert für eines der rasch expandierenden Industrieländer schreiben. Ebenso mühelos käme eine entsprechende Studie zustande für die heutige Zeit, in der es bei dem Wunsch nach einer permanenten Verfügbarkeit rund um die Uhr, aktueller formuliert „24/7“, nicht mehr nur um Leistungsfähigkeit und beruflichen Erfolg, sondern mindestens ebenso sehr um Selbstverwirklichung und umfassende, nach individuellen Bedürfnissen gestaltete Teilhabe des Einzelnen am gesellschaftlichen Leben geht. Dank nur kurzer Nachtruhe plus „power napping“, so die umfangreiche Ratgeberliteratur zum Thema, muss niemand mehr etwas verpassen, weder die berufliche Chance noch das faszinierende Unterhaltungsangebot.

Die imposante und vielschichtige Studie von Hannah Ahlheim bewegt sich in diesem Feld, ist aber als eine Wissens- und Gesellschaftsgeschichte des Nachdenkens über den Schlaf und der Praktiken des Schlafens in Deutschland und den USA über das ganze 20. Jahrhundert hinweg viel breiter angelegt. Zu den zahlreichenden Ebenen, die sie berührt, zählen jene der Wissenskonstruktion und -durchsetzung, Etablierung und Aushandlung von Deutungsmacht, Produktion von Schlaf, Effizienz und selbst von Körpern, den gesunden, ausgeruhten, leistungsfähigen ebenso wie seines Gegenstücks, selbst jene Ebenen der Wahrnehmung von Zeit und Herrschaft über Zeitstrukturen und immer auch der Zeitgebundenheit von Wissen in ihren jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Kontexten finden Berücksichtigung. Insofern löst die Habilitationsschrift tatsächlich den selbst erhobenen Anspruch ein, Prozesse moderner – westlich-industrialisierter – Gesellschaften aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel ins Visier zu nehmen und in neuem Licht erscheinen zu lassen.

Natürlich kommt selbst eine so breit konzipierte Arbeit nicht ohne eine Fokussierung aus. In vier chronologisch aufeinander aufbauenden Kapiteln legt die weitgehend diskursgeschichtlich vorgehende Analyse zunächst die Definitionsversuche eines scheinbar sozial fassbaren Schlafs, einmal des bürgerlichen und dann des proletarischen Menschen, in den rund 30 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg frei. Schlaflosigkeit als Signum der Zwischenkriegszeit mit einem veränderten Lebensrythmus, wie er von Wissenschaft, Politik und Massenpresse ins Bewusstsein gerückt wurde, dient als Ausgangspunkt dafür, den Optimierungsfantasien dieser Zeit, die als klassische Moderne bezeichnet worden ist, nachzugehen. Die nach 1918 entstandenen Konzepte teilten mit denen der Vorkriegsjahrzehnte die Annahme, dass Schlaf gemessen und normiert werden konnte und sollte, außerdem die unvermeidliche Anbindung an konkrete Zielsetzungen derer, die das neue Wissen zu nutzen gedachten. Dies war in der ersten Phase der Verwissenschaftlichung ein konstitutives Element der Schlafforschungen. Den größten Einschnitt im Verständnis von Schlaf und Schlafenden brachten die Jahre im und nach dem Zweiten Weltkrieg mit der zunehmenden Indienstnahme des Wissens durch Militär und Industrie (Arbeitswissenschaft und Pharmaindustrie) sowie mit der eher zufälligen Entdeckung des REM-Schlafes, die ein nochmals erhöhtes Interesse an Schlaf und Schlafstörungen erzeugte. In den nachfolgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Vorstellung vom Schlaf bis in die 1980er Jahre, die den Untersuchungszeitraum beschließen, wieder mehr zu einer Angelegenheit des Einzelnen, insofern als dieser die in wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, politischen Vorgaben und der weiter angewachsenen Ratgeberliteratur entworfenen Kontrollmechanismen nun vollkommen internalisiert umsetzen sollte.

Auf den mehr als 100 Jahre umfassenden Zeitraum verteilen sich die Anteile von deutschen und US-amerikanischen Theorien und Entwicklungen nicht gleichmäßig. Während für die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg beide Kontexte annähernd gleichrangig behandelt werden, taucht eine nennenswerte amerikanische Schlafforschung und eine transatlantische Erforschung der Phänomene rund um das Schlafen erst für die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg auf. Es wäre interessant gewesen, zur ersten Phase etwas über das Pendant der auf die „Klassengesellschaft“ des Kaiserreiches bezogenen Schlafforschung in den USA zu erfahren. Denn im „Gilded Age“ galt trotz des entfesselten Kapitalismus und des Big Business weiterhin das Ideal der Chancengleichheit oder zumindest der Aufstiegsmöglichkeit für jeden Aufstiegswilligen. Die eingangs erwähnte Ideologisierung der kurzen Nachtruhe als Conditio sine qua non des Erfolgs hätte eine ähnlich lohnenswerte Vergleichsebene einziehen können, wie sie die nachfolgenden Abschnitte enthalten. Zugegebenermaßen hätte das allerdings den Fokus der ohnehin bereits sehr dichten Studie verschoben und den langen Untersuchungszeitraum erweitert.

Die Arbeit reiht sich ein in die Erforschung eines mächtigen und prominenten Trends der Moderne, der mit Verwissenschaftlichung und Rationalisierung alle Bereiche zu durchdringen trachtete, um daran völlig neue, völlig entgrenzte Machbarkeitsfantasien auszuleben. Diese Kolonisierungsbestrebungen machten, wie Hannah Ahlheims kluges Buch anschaulich belegt, nicht einmal vor den entlegensten Flecken des dunklen Kontinents Schlaf beziehungsweise Traums als dem letzten Rückzugsort des Individuums halt, sollten doch diese ebenfalls bis zum kleinsten Ausschlagen des EEGs vermessen und so kontrollierbar werden. Jedes (Rest‑)Potenzial von Widerständigkeit schien offenbar brandgefährlich, selbst oder vielleicht gerade in der Epoche der vermeintlichen Individualisierung im späten 20. Jahrhundert. Der Überblick über 100 Jahre invasiver Schlafforschungen und ihrer Ziele schließt aber mit der tröstlichen Versicherung, dass der allnächtliche Rückzug aus dem Sozialen letztlich doch noch Sache des Individuums, der Traum vom Schlaf als je eigene, unproduktive und widerständige Angelegenheit erfreulicherweise doch noch nicht ausgeträumt ist.