Man ist fast erleichtert nach der Lektüre von Clemens Zimmermanns Studie zur Geschichte europäischer Medienstädte. Im historischen Längsschnitt vom 16. Jahrhundert bis in die jüngste, globalisierte Gegenwart führt diese vor, wie vorteilhaft es für die Etablierung wirtschaftlich erfolgreicher Medienproduktionsstandorte gewesen ist, wenn an ihnen eine vergleichsweise ungestraft öffentlich artikulierbare Meinung und eine tolerante Geisteshaltung auf eine kontinuierliche Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte trafen. Das galt erst recht dort, wo diese Faktoren unter den Bedingungen großer räumlicher Nähe zwischen Medienproduzenten zusammenkamen. Denn diese Nähe führte einerseits zu innovationsförderlicher Konkurrenz zwischen Druckereibetrieben oder Verlagshäusern. Sie gewährleistete andererseits aber auch den Zugriff auf Kreativität und know-how einer großen Zahl von Produzenten von Inhalten – Autoren aller Couleur also, aber auch Komponisten und nicht zuletzt Kartografen.
Zimmermanns literaturbasierte Studie demonstriert das an fünf Kapiteln, die sich je einer oder zwei Städten widmen. Deren Geschichte als Medienproduktionsstandorte verfolgt er von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart, wobei letztere recht kursorisch dargestellt wird. Auch die Kapitel selbst sind kurz. Während Berlin, London und Venedig (das als kosmopolitisches Zentrum der humanistischen Medienwelt gewissermaßen das Muster der folgenden Fallstudien bildet) auf jeweils rund 30 Seiten abgehandelt werden, müssen das hochspezialisierte Antwerpen und das vor allem als frühneuzeitlicher Informationsmarkt dargestellte Amsterdam zusammen mit rund 20 Seiten auskommen, die konkurrierenden Messestädte Frankfurt und Leipzig gar mit 18 Seiten. Es ist nicht sinnvoll, eine derart verdichtete Darstellung der Spezifika dieser Städte zusammenzufassen. Zumal die Anlage von Zimmermanns Buchs letztlich auf die Identifikation transhistorischer Muster hinausläuft. So macht es deutlich, dass die genannten Standorte immer dann florierten, wenn sie in überregionale Märkte und intellektuelle Netzwerke eingebunden waren. Ihre Blütezeiten als Medienstädte – das zeigt das Beispiel Londons bis heute – koinzidierten mit ihrer Funktion als Knotenpunkt geografisch weitreichender, ja globaler ökonomischer Strukturen. Das schloss nicht aus, dass sie zugleich von (De‑)Nationalisierungsdynamiken geprägt waren, die ihrerseits erklären, was zur Dominanz mancher gegenwärtiger Medienmetropolen geführt hat, oder, wie im Fall Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg, zu ihrem Bedeutungsverlust.
Zimmermanns klar formulierte Synthesen sind immer dort erhellend, wo sie den state of the art einer globalgeschichtlich erweiterten und an translokalen Prozessen interessierten Wirtschafts- und Sozialgeschichte demonstrieren. Weniger lernt man über kulturgeschichtliche Aspekte. Das gilt auch für solche, die die Märkte für Medienprodukte unmittelbar berühren. Dass etwa die Religiosität, deren Bedeutung Zimmermann in den Einzelstudien herausarbeitet, in der Systematisierung seiner Ergebnisse keine wichtige Rolle spielt, kann angesichts seines produktionsorientierten Erkenntnisinteresses nicht verwundern. Es ist aber insofern unbefriedigend, als der lange Untersuchungszeitraum der Studie, kombiniert mit einem auf „Publikumsmedien“ (S. 35) beschränkten Medienbegriff, zur Folge hat, dass vor allem Produkte in den Blick kommen, deren Abnehmer städtische, aber eben auch klerikale Elite waren. Nun hat ein breiterer Medienbegriff, der beispielsweise Schiffe oder Briefe umfassen könnte, nicht nur Vorteile. Es fällt aber auch auf, dass Zimmermann den Einfluss neuer Kommunikationsinfrastrukturen oder -kanäle selbst auf die Herausbildung innerstädtischer Medienmilieus zumindest nicht systematisch angeht. Man denke an eine von Telegrafie und Telefonie geprägte Pressearbeit, wie sie dem Leser in Form der vielen Leitungen entgegentritt, die auf der Coverfotografie der Londoner Fleet Street zu sehen sind. Auch die mediale Thematisierung der Rolle als Medienstädte spielt nur am Rande, in den Passagen zur Berliner Filmwirtschaft, eine Rolle. Dabei dürfte die Skandalisierung der Verstädterung selbst konkrete stadträumliche Konsequenzen gehabt haben, etwa mit Blick auf den Suburbanisierungsprozess – beide Themen hat Zimmermann übrigens anderswo selbst erforscht.
Es hat aber weniger mit fehlender kulturhistorischer Lebensfülle zu tun, wenn Zimmermanns Buch merkwürdig blutleer bleibt, trotz der vielen, akribisch zusammengetragenen Zahlenangaben zu Druckereien, Verlagshäusern und Spezialzeitschriften. Eher schon liegt es am angelegten Analyseraster. Denn dieses ähnelt bisweilen eben doch jenen abstrakten Checklisten, die Betriebswirte heute den politischen Verantwortlichen von „creative“ oder „media cities“ in spe zur Hand geben, von denen sich der Autor in seiner ebenso langen wie brauchbaren medientheoretischen Einleitung aber gerade distanziert. Zimmermann legt großen Wert auf die Unterscheidung von Prozessen langer Dauer, allmählich endenden Entwicklungspfaden und vergleichsweise plötzlichen Veränderungen, etwa infolge technischer Neuerungen, die seine Fallbeispiele einzigartig machen. Und dennoch: Wenn geklärt werden sollte, was gerade diese Städte zu Medienstädten werden ließ – wäre dann nicht womöglich ein systematischer, synchroner Vergleich mit Städten sinnvoll gewesen, in denen sich kein reges Medienunternehmertum herausgebildet hat?