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Einzelrezension

Speitkamp, Winfried (Hrsg.): Gewaltgemeinschaften in der Geschichte. Entstehung, Kohäsionskraft und Zerfall, 276 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.


Keywords: Review, Speitkamp. Winfried, 2017, Gewalt, Krieg

How to Cite:

Jureit, U., (2019) “Speitkamp, Winfried (Hrsg.): Gewaltgemeinschaften in der Geschichte. Entstehung, Kohäsionskraft und Zerfall, 276 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00117-0

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-02-07

Peer Reviewed

Historische Gewaltforschung hat Konjunktur. Während sie in den letzten Jahrzehnten durch theoretische Arbeiten unter anderen von Wolfgang Sofsky, Zygmunt Baumann und Trutz von Trotha geprägt war und gleichzeitig Impulse aus der Konfrontation zwischen den nach Gewaltursachen fragenden Traditionalisten und den eher an situativen Dynamiken interessierten Gewaltforschern gewann, besteht die Herausforderung inzwischen darin, die unterschiedlichen, für kollektive Gewalthandlungen entscheidende Struktur- und Handlungsebenen theoretisch wie empirisch zueinander in Beziehung zu setzen.

Wie eine solche komplexe Verschränkung aussehen könnte, dazu liegen mittlerweile recht unterschiedliche Vorschläge vor. Zu den stark rezipierten, wenn auch nicht unumstrittenen Deutungsangeboten gehören die eher ethnologisch gefassten „Gewaltmärkte“ von Georg Elwert (1997), die von Axel T. Paul und Benjamin Schwalb untersuchten „Gewaltmassen“ (2015), Stefan Kühls „Ganz normale Organisationen“ (2014) wie auch das von Jörg Baberowski vertretene Konzept der Gewalträume. Zudem verweisen Gewaltforscher_innen seit geraumer Zeit nicht nur auf die destabilisierende, sondern auch auf die ordnungs- und gemeinschaftsstiftende Wirkung kollektiver Gewalt. Daran anknüpfend setzte es sich die zwischen 2009 und 2015 von der DFG geförderte Forschergruppe „Gewaltgemeinschaften“ zum Ziel, die Tragfähigkeit ihres leitenden Begriffs über Epochen- und Kulturgrenzen hinweg auszuloten. ‚Gewaltgemeinschaften‘ wurden dabei als „soziale Gruppen oder Netzwerke verstanden, für die physische Gewalt einen wesentlichen Teil ihrer Existenz oder ihres Selbstverständnisses ausmacht, die aus Gewalt ihren Zusammenhalt und ihre Identität beziehen oder die durch Gewalt ihren Lebensunterhalt sicherstellen“ (S. 7).

In den letzten Jahren entstanden im besagten Arbeitszusammenhang bereits mehrere Monografien und Aufsatzsammlungen, unter anderem zu Kriegergruppen im Ostafrika des 19. Jahrhunderts, zur Söldnergewalt in der Frühen Neuzeit sowie ein Zwischenfazit über ‚Gewaltgemeinschaften‘ von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert, zu dem gewisse Überschneidungen mit dem hier zu rezensierenden Band bestehen. Dieser erschien unter dem Titel „Gewaltgemeinschaften in der Geschichte“ und soll die Arbeit der Teilprojekte mit Beiträgen der Projektleitung verbinden, somit also die Ergebnisse der Forschergruppe insgesamt dokumentieren. Ziel sei es, so der Herausgeber Winfried Speitkamp, die Breite der untersuchten Epochen und Regionen aufzuzeigen und exemplarisch „Zugangsweisen und Grundaspekte der Befassung mit ‚Gewaltgemeinschaften‘ deutlich zu machen“ (S. 8).

Der Band umfasst neun Aufsätze und eine vom Sprecher der Forschergruppe verfasste Einleitung. Bezugnehmend auf von Trothas bereits 1997 formulierte Kritik, die Soziologie betreibe allenfalls Gewaltursachenforschung, habe sich aber nur unzureichend mit konkreten Gewalthandlungen beschäftigt, folgt Speitkamp dessen Forderung, in erster Linie konkrete „Praktiken der Gewalt“, ihre strukturellen Bedingungen wie auch ihre typologischen Erscheinungsformen in der Geschichte zu untersuchen. Mit Rekurs auf eine auf Heinrich Popitz zurückgehende Perspektive versteht Speitkamp kollektive Gewalt als eine „Form sozialer Ordnung“, deren Logiken sich in interaktiven Handlungen erschließen. Nach ebenso erschöpfenden wie weitgehend bekannten Ausführungen über ein Verständnis, das kollektive Gewalt als strukturelle Ausnahme oder Defizit missversteht, plädiert Speitkamp für einen Forschungsansatz, der Gewalt nicht als „Durchbrechung der Ordnung, sondern Teil der Ordnung selbst“ (S. 23) konzipiert. Wenn Gewalt als soziales Phänomen stets in mehr oder weniger konkreten Beziehungen und Gruppen verübt wird, dann sei zu erwarten, dass „die Befassung mit ‚Gewaltgemeinschaften‘ mehr Aufschlüsse über Dynamiken und Konjunkturen von Gewalt vermitteln kann“ (S. 27). Die epochenübergreifende Untersuchung von ‚Gewaltgemeinschaften‘ zielt somit auf deren Handlungslogiken, auf Beziehungs- und Interaktionsmuster sowie auf Entwicklungsdynamiken ihrer Entstehung, Konsolidierung und Auflösung. Ist mit Gewaltgemeinschaft demnach eine analytische Kategorie gemeint, mit der sich Interdependenzen von Gewalthandlungen und Vergemeinschaftungsdynamiken systematisch erfassen lassen, oder handelt es sich eher um eine begriffliche Klammer für gewaltbasierte Handlungs- und Gesinnungseinheiten?

Die einzelnen, chronologisch angeordneten Beiträge des Bandes beziehen sich nicht durchweg auf den in der Einleitung skizzierten Forschungsansatz. Während Hans-Ulrich Wiemer und Guido M. Berndt zwar Lesenswertes über die Waffen gotischer Krieger im 5. Jahrhundert zu berichten wissen, das Konzept ‚Gewaltgemeinschaften‘ aber vollständig ignorieren, bleibt auch in dem von Cora Dietl, Titus Knäpper und Claudia Ansorge verfassten Beitrag über Gewalterzählungen in der mittelalterlichen Literatur der Bezug zum Rahmenkonzept weitgehend diffus. Andere Beiträge wie der von Philipp Batelka, Michael Weise, Stefan Xenakis und Horst Carl über Söldnergewalt in der Frühen Neuzeit, von Andreas Helmedach und Markus Koller über ethnische Gewaltgruppen im westlichen Balkanraum des 17. Jahrhunderts sowie der von Hans-Jürgen Bömelburg, Arkadiusz Błaszczyk und Vadim Popov verfasste Aufsatz über osteuropäische Gewaltmärkte in der Frühmoderne beschäftigen sich zwar mit konkreten Gewaltgemeinschaften, der Begriff dient ihnen aber überwiegend als Synonym für die im jeweiligen empirischen Kontext untersuchten Akteursgruppen. Als aussagekräftiger im Sinne des Rahmenkonzeptes erweist sich das Projekt von Peter Haslinger, Mathias Voigtmann, Wojciech Pieniazek und Vytautas Petronis über Paramilitärs in Ostmittleeuropa während der 1920er Jahre. Die Autoren können anhand von drei exemplarischen ‚Gewaltgemeinschaften‘ nicht nur nachzeichnen, wie die gemeinsame Ausübung von Gewalt die Integration nach innen wie auch die Abgrenzung gegenüber dem jeweiligen Umfeld prägte, sondern deutlich wird zudem, dass die Bindungskräfte, wie sie in ‚Gewaltgemeinschaften‘ zum Teil über viele Jahre existieren, ihre Relevanz durchaus auch wieder einbüßen können, wenn sich Handlungskontexte, Gruppengefüge oder Machtbalancen tiefgreifend wandeln. In der Rückschau bleibt für viele Paramilitärs nicht nur die Gewalterfahrung als solche, sondern in erster Linie deren Ausübung in einer Gemeinschaft mit einem außergewöhnlich intensiven Lebensgefühl verbunden.

Analytisch richtungsweisend und zudem anschlussfähig an bereits bestehende Forschungen zur Tradierung von Gewaltwissen ist der Beitrag von Sascha Reif, Stephanie Zehnle und Winfried Speitkamp. Die Autoren skizzieren anhand von ‚Gewaltgemeinschaften‘ im vorkolonialen und kolonialen Afrika des 19. Jahrhunderts zwei konkrete Modelle der Gewalttradierung: zum einen die generationelle Weitergabe von überliefertem Gewaltwissen, zum anderen das Erlernen und Einüben von Gewalt in abgeschotteten Lagern für junge Krieger. Dazu gehörte es erstens Wissen zu erwerben, wann und wie Gewalt anzuwenden war, sowie zweitens, Gewaltpraktiken einzuüben und zu verinnerlichen. Drittens wurde zugleich erlernt, wie eigene und fremde Gewalt zu bewerten ist, was sie bewirkt und wie sie in der Gemeinschaft vergegenwärtigt wird. ‚Gewaltgemeinschaften‘ erweisen sich in der Analyse als „Instanzen der Gewaltsozialisation“ (S. 206) und der Tradierung von Gewaltwissen durch Austausch, Übung, Erzählung und Erinnerung. Es wäre ebenso wünschenswert wie unabdingbar gewesen, wenn auch in den anderen, historiografisch zweifellos lesenswerten Beiträgen des Bandes solche spezifischen Erkenntnisse, wie sie das Rahmenkonzept ‚Gewaltgemeinschaften‘ eröffnet, dezidierter aufgegriffen und genutzt worden wären.