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Einzelrezension

Dennett, Daniel C.: Von den Bakterien zu Bach – und zurück. Die Evolution des Geistes, 512 S., Suhrkamp, Berlin 2018.


Abstract

Zur Evolution des menschlichen Geists

Keywords: Review, Dennett, Daniel C., Evolution, Intelligenz, Wissen

How to Cite:

Link, F., (2019) “Dennett, Daniel C.: Von den Bakterien zu Bach – und zurück. Die Evolution des Geistes, 512 S., Suhrkamp, Berlin 2018.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00115-2

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-02-07

Peer Reviewed

In den Geistes- und Kulturwissenschaften herrscht ein Unbehagen an darwinistisch-evolutionsbiologischen Erklärungsversuchen des menschlichen Geists und der menschlichen Kultur. Diese Kritik von Naturalisierungstendenzen geistiger Phänomene brachte Theodor W. Adorno an mehreren Stellen seines Werks vor und fokussierte dabei insbesondere behavioristisch orientierte Systemtheoretiker wie Talcott Parsons oder philosophische Anthropologen wie Arnold Gehlen. Aus der Evolutionsbiologie ist Stephen J. Gould für seine Kritik am darwinistischen Reduktionismus bekannt. Daniel C. Dennett, Philosoph des menschlichen Geists und gegenwärtiger Direktor des Center for Cognitive Studies an der Tufts University, legt in seinem Buch „Von den Bakterien zu Bach – und zurück“ einen neuerlichen Versuch vor, die „Evolution des Geistes“ theoretisch zu substantiieren und mit meist experimentell generierten Wissensbeständen zu untermauern. Dennetts Buch ist lesenswert und ausgesprochen anregend, auch für einen geisteswissenschaftlich geschulten Wissenschafts- und Ideenhistoriker, wie der Rezensent einer ist; es bietet einen gelungenen und kreativen Versuch, die in der Forschungsliteratur zum Thema oft betonte kartesische Differenz zwischen geisteswissenschaftlich-kulturalistischen und naturwissenschaftlich-evolutionsbiologischen Erklärungsansätzen des menschlichen Geists zu überwinden.

Dennett geht davon aus, dass der menschliche Geist im Prinzip durch naturwissenschaftliche Methoden erklärt werden könne. Analog zu den Genen in der biologischen Evolution spricht Dennett von Memen, die seiner Ansicht nach für die kulturelle Evolution ausschlaggebend seien (S. 230–275). Dennett stellt sich die menschliche Geschichte als „einen koevolutionären Prozess“ vor, „der sowohl kulturelle als auch genetische Elemente hatte, wobei die kulturelle Evolution von aussprechbaren Memen, also Wörtern, die Führung übernahm“ (S. 246, Hervorhebung im Original, vgl. auch S. 261). Der Autor bezieht dabei explizit Position gegen die „Kulturalisten“, wie etwa den oben erwähnten Gould. Mit Richard Dawkins positioniert sich Dennett deutlich gegen Goulds Kritik am „darwinistischen Fundamentalismus“, gegen die „fieberhafte Kampagne falscher Anschuldigungen“, die Dennett als „eine Art allergische Reaktion von Geistes- und Sozialwissenschaftlern“ sieht, „die nicht einfach zusehen wollten, wie die verhasste Biologie ihre heiligen Hallen entweiht“ (S. 235). Und er stellt sich damit noch entschiedener gegen jegliche kreationistische Strömungen, die insbesondere in den Vereinigten Staaten über keine kleine Lobby verfügen.

In 15 Kapiteln, die drei Teilen zugeordnet sind, entfaltet Dennett seinen Neuentwurf der Evolution des menschlichen Geists. Im ersten Teil werden Ansatz, Anliegen und methodisches Vorgehen erklärt, wobei Dennett sein Konzept „Kompetenz ohne Verständnis“ ins Zentrum seiner Betrachtungen stellt, das seiner Ansicht nach nicht nur für die genetische, sondern auch für die memetische Evolution ausschlaggebend sei; Tiere und Menschen benötigen kein Verständnis dessen, was sie und wie sie es tun, sie tun es, weil sie es können und weil es ihnen einen wie auch immer gearteten Vorteil verschafft. Im zweiten Teil behandelt Dennett Sprache und Wörter, da er die Sprachfähigkeit, die dem Menschen ermöglicht, auf Abwesendes zu referieren, als diejenige Kompetenz ansieht, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Dabei begreift Dennett Meme als Weisen des Know-Hows, um darzulegen, „dass die menschliche Interaktion im Lauf der Jahrtausende allmählich immer effektivere und systematischere Weisen (Meme) hervorbrachte“ (S. 290). Der dritte Teil zeigt, dass beim Menschen im Laufe seiner kulturellen Evolution eine „evozierte Benutzerillusion“ entstanden sei, die Dennett „Bewusstsein“ nennt und als zentralen Bestandteil unseres „manifesten Weltbilds“ ansieht (S. 369–381). Dennetts Buch endet damit, dass der Mensch als „intelligent designer“ nun eine weitere evolutionäre Stufe erklommen habe und beginne, vermittels Bio- und Nanotechnologie sich selbst und seine Umwelt zu gestalten (S. 417).

Die Schwächen dieses Ansatzes liegen zum einen darin, dass Dennett dazu tendiert, nicht-naturwissenschaftliche Erklärungsansätze des menschlichen Geists als unwissenschaftlich abzutun, wie etwa folgende Passage verdeutlicht: „Es gibt allerdings auch jene, die sich wissenschaftliche Erklärungen genau angesehen haben und anderer Meinung bleiben: Für ihren Geschmack sind antike Mythen von himmlischen Streitwagen, kriegerischen Göttern, Welten, die aus Schlangeneiern schlüpfen, Zaubersprüchen und verzauberten Gärten wunderbarer und interessanter als jede rigorose, prognostische wissenschaftliche Herangehensweise. […] Diese Vorliebe für das Geheimnisvolle ist nur eines der großen Hindernisse, die unsere Vorstellung bei der Beantwortung der Frage, wie der Geist entstand, im Weg stehen“ (S. 24 f.). Sicher wird kaum ein Wissenschaftshistoriker Dennetts Kampfansage gegen Kreationisten und Vertreter neomythischer Lehren nicht unterstützen wollen, aber der hier durchscheinende Primat des naturwissenschaftlichen Erklärungsmodells muss Geistes- und Kulturwissenschaftlerinnen Bauchschmerzen bereiten, werden dadurch doch Fächer wie die Kunstgeschichte als unwissenschaftlich abgetan. Zum anderen neigt Dennett dazu, die Funktion von Memen mit denen von Computersoftware analog zu setzen, um sein Konzept „Kompetenz ohne Verständnis“ zu untermauern (etwa S. 333–348); er begreift „das menschliche Bewusstsein als ein System virtueller Maschinen“, die „auf genetischem und memetischem Weg entstanden sind, um ganz spezielle Rollen in der ‚kognitiven Nische‘ zu spielen, die unsere Ahnen im Lauf der Zeit geschaffen haben“ (S. 369). Ob Dennettt mit dieser Sichtweise nicht doch wieder einem informationstheoretisch-evolutionsbiologischen Reduktionismus anheimfällt, muss die zukünftige Forschung beantworten.