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Einzelrezension

Althammer, Beate: Vagabunden. Eine Geschichte von Armut, Bettel und Mobilität im Zeitalter der Industrialisierung (1815–1933), 716 S., Klartext, Essen 2017.


Keywords: Review, Althammer, Beate, 2017, Industrialisierung, 19. Jahrhundert, Armut, Mobilität, Arbeitslosigkeit

How to Cite:

Schenk, B., (2019) “Althammer, Beate: Vagabunden. Eine Geschichte von Armut, Bettel und Mobilität im Zeitalter der Industrialisierung (1815–1933), 716 S., Klartext, Essen 2017.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00114-3

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-02-07

Peer Reviewed

Vagabunden, also mobile mittellose Menschen, die gesetzlich belangt, kontrolliert und bekämpft wurden, aber auch Almosen erhielten und Fürsorgeangebote in Anspruch nahmen, gab es schon in der Frühen Neuzeit. Im beginnenden Wohlfahrtstaat jedoch expandierte das soziale Expertentum, das im Sprechen über Vagabunden Arbeitslosigkeit in der Hochindustrialisierung verhandelte. Vor diesem Hintergrund fragt erstmals Beate Althammer in ihrer umfangreichen Habilitationsschrift nach „Erscheinungsformen, Hintergründen und gesellschaftlichen Deutungen von Bettel und Vagabondage in Deutschland vom Ende der napoleonischen Kriege bis zum Vorabend des NS-Regimes“ (S. 16). Althammer legt einen regionalen Schwerpunkt auf die Rheinprovinz, geht jedoch immer wieder auch darüber hinaus.

Entstanden im Kontext des mittlerweile abgeschlossenen Trierer Sonderforschungsbereichs „Armut und Fremdheit“, der beide Erscheinungen vorwiegend mit dem soziologischen Ansatz der In- und Exklusion untersuchte, greift die Studie dieses Deutungsmuster auf zweifache Weise gelungen auf: zum einen ohne in dessen dichotomische Falle zu tappen, etwa indem die Autorin aufzeigt, dass Politiken gegenüber Wanderarmen nie nur exkludierend waren, sondern auch Inklusionsgedanken beinhalteten. Zum anderen zeigt Althammer die Vielschichtigkeit mobiler Armut. So handelte es sich im frühen 19. Jahrhundert mehrheitlich um Frauen und Kinder, die bettelten. Vergleichsweise gut integriert, drohte ihnen seltener eine ähnlich energische Bestrafung wie ihrem Pendant in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – den vagierenden Männern, die infolge der Gründerkrise auf der Suche nach Arbeit von Ort zu Ort zogen. Auf dieser Gruppe liegt das Hauptaugenmerk Althammers: als statistische Größe in Straf- und Unterstützungsakten, im rheinischen Arbeitshaus Brauweiler sowie als Objekte von Parlamentsdebatten und Expertendiskussion, an denen sich Juristen, Behördenvertreter und Wandererfürsorgeverantwortliche ebenso beteiligten wie Psychiater, Sozialreporter und anarchistische Künstler.

Aus einer Langzeitperspektive heraus zeichnet Althammer zwei größere Entwicklungslinien, die nicht nur für eine Geschichte der Armut von Interesse sind, sondern auch für die Forschung zum 19. und frühen 20. Jahrhundert, die sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte. Einen ersten größeren Wandlungsprozess konstatiert Althammer im 19. Jahrhundert. So rekonstruiert sie, wie Bettler und Landstreicher im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend kriminalisiert und härter bestraft wurden, weil sie nicht mehr, wie noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als autonome Subjekte betrachtet wurden, die durch kurzzeitige Exklusion wieder in die Gesellschaft integriert werden könnten. Ein zweiter Wandlungsprozess habe um 1900 eingesetzt. Trotz Haft- und Arbeitshausstrafen und eines expandierenden Wandererfürsorgesystems riss das Vagabundieren vieler mittelloser Menschen nicht ab. Viele Experten forderten ein restriktives Bewahrungsgesetz. Dabei griffen sie auf neue psychiatrische Deutungen des Vagabunden zurück, der nunmehr weniger schuldhaft, dafür aber als angeboren psychopathisch und „minderwertig“ erschien. In der Praxis hingegen brachte vor allem die Weimarer Republik eine bisher unbekannte Fülle an staatlichen Unterstützungen hervor; die Anzahl der verurteilten Bettler und Landstreicher ging massiv zurück; sozioökonomische Ursachen für das Wandern wurden zunehmend anerkannt – verstärkt durch die Massen von Arbeitslosen, die sich in den letzten Jahren der Weimarer Republik ebenfalls auf den Landstraßen fanden. Dieses Auseinanderklaffen von Diskurs und Praxis führt Althammer zu dem Ergebnis, dass Deutschland „selbst noch im Winter 1933/34 nicht unbedingt ein unwirtliches Pflaster für mittellose Wanderer“ (S. 639) gewesen sei. Zugleich differenziert sie zwischen aus ihrer Sicht äußerst einflussreichen psychiatrischen Minderwertigkeitspostulaten und der NS-Rassenhygiene. Markierten erstere für die Autorin zwar ebenso den Beginn der ‚Asozialenforschung‘ wie die Bereitstellung eines neuen Deutungsmusters für soziale Devianz, seien die beiden einschlägigen Psychiater Karl Bonhoefer und Karl Wilmanns nicht als Vorläufer der NS-Rassenhygiene anzusehen. Dass die Wandererfürsorgeakteure, die sich schon jahrelang für eine Zwangsunterbringung auf unbestimmte Dauer für deviante Arme eingesetzt hatten, die Nationalsozialisten mit ihren exkludierenden Praktiken gegenüber Wanderern begrüßten, offenbart Althammer aber gleichfalls. Damit zeichnet die Autorin ein überzeugend ausgewogenes Bild, das weder die sozialreformerischen Bemühungen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik überbewertet noch eine klare Linie zum Nationalsozialismus zieht.

Bisweilen sind diese weiterführenden Thesen bei der Lektüre nicht leicht herauszufiltern, denn an vielen Stellen geht Althammer zu sehr ins Detail, beispielsweise wenn sie nahezu jede Wendung des Prozesses um das Brauweiler Arbeitshaus sowie in der Parlamentsdebatte über die Vagabunden wiedergibt. Auch an anderen Stellen lässt die Autorin zugunsten von detaillierten Zahlenerhebungen über die Anzahl der bestraften Bettler und Vagabunden die Chance verstreichen, ein etwas schlankeres Buch zu publizieren, in dem der Argumentationsgang luzider hervorschiene. Davon unabhängig ist die quellengesättigte Analyse eine der großen Stärken dieser Studie. Denn ihr ist es zu verdanken, dass Althammer Sebastian Conrads Erklärung des Einstellungswandels ab 1900 überzeugend entgegentritt: Für zivilisationsmissionarische Argumentationen, die aus dem kolonialen Diskurs auf die deutsche Armenpolitik rückwirkten, lassen sich keine Quellenbelege finden.

Weitestgehend unberücksichtigt bleiben hingegen die Handlungen der Betroffenen selbst. Dennoch legt Althammer ein lesenswertes Überblickswerk zum Thema vagierende Armut vor, über das noch zu reden sein wird – sowohl in der Forschung zu Armut als auch im Kontext übergreifender Deutungen zum „langen 19. Jahrhundert“.