Bei dieser Arbeit von Tobias Kühne handelt es sich um eine Dissertation aus dem Jahr 2014, die an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität Berlin (Stefanie Schüler-Springorum) erstellt wurde. Sie zeichnet das Wirken von Mitgliedern der linkssozialistischen Gruppe „Neu Beginnen“ nach 1945 in der Berliner SPD nach und will dazu beitragen, die Vorstellung zu revidieren, dass Neu Beginnen in der Nachkriegszeit „aufgrund unterschiedlicher politischer Perspektiven nicht mehr als ein gemeinsames Netzwerk wirkte“ (S. 19).
Die Untersuchung ordnet sich in den Forschungskontext eines neu erwachten Interesseses an linkssozialistischen Personen und Ideen, Zirkeln und Gruppen des 20. Jahrhunderts ein. Sie ist keine Gesamtdarstellung von Neu Beginnen in der Nachkriegszeit, sondern konzentriert sich auf Berlin, wo allerdings die Aktivisten von Neu Beginnen traditionell stark verankert waren. Der Verfasser hat seinen Gegenstand mit Hilfe netzwerktheoretischer Ansätze untersucht. Er hat umfassende Quellenbestände ausgewertet, insbesondere auch erstmals den gesamten Nachlass von Eberhard Hesse, der sich in Privatbesitz befindet.
Der Verfasser bietet einleitend einen eingehenden Überblick über die Vorgeschichte der Organisation von 1929 bis 1945: den Gründungskontext am Ende der Weimarer Republik, die Zielsetzung, die Einheit der Arbeiterbewegung im Kampf gegen den Faschismus herbeiführen zu können, die Arbeit in der Illegalität nach 1933 und die Spaltung der Gruppe 1935. Breit schildert er auch die Auseinandersetzungen zwischen der charismatischen Gründerfigur Walter Loewenheim und dessen Kontrahenten Richard Löwenthal und entwirft von beiden instruktive biografische Skizzen. Er zeichnet das gesamte Spektrum an Lebensentwürfen und Lebensläufen der Berliner Neu Beginnen-Mitglieder nach und wirft einen kurzen Blick auf Vernetzungen mit Mitgliedern des überregionalen Netzwerks in Württemberg und in den USA in der Nachkriegszeit.
Die Leute von Neu Beginnen in Berlin (etwa 20 bis 35 Personen) organisierten sich unmittelbar nach der Kapitulation wieder als Netzwerk, kehrten in ihre Ursprungsparteien zurück, waren Mitglieder von SPD, KPD und SED in West- und Ostberlin und strebten nach der Verwirklichung einer freien und einigen sozialistischen Arbeiterbewegung. Die führenden Personen waren Karl Elgaß, Eberhard Hesse, Ernst Jegelka, Kurt Mattick, Georg Müller, Werner Peuke, Kurt Schmidt, Theo Thiele, die einzeln biografisch gewürdigt werden. Die politischen Denkschriften von Walter Loewenheim und Richard Löwenthal übten in der Nachkriegszeit auf diese Personen wiederum einen prägenden Einfluss aus. Sie führten nicht zuletzt dazu, dass sich die Mitglieder des Netzwerks 1945/46 entschieden gegen die Fusion von SPD und KPD positionierten und gegen die Zwangsfusion agierten. Der Verfasser kommt zu dem Ergebnis, dass die Geschichte der Abwehr der Zwangsvereinigung von SPD und KPD in Westberlin mit der Folge, dass die SPD auch in Ostberlin bis 1961 weiterbestand, ohne die Leute von Neu Beginnen „wohl nicht wesentlich anders verlaufen [wäre]. Aber sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und sie ergriffen ihre Chance“ (S. 282), sodass sie ein wesentlicher Teil im Kampf gegen die Zwangsfusion wurden.
Die verheerende Wahlniederlage der Westberliner SPD im Dezember 1950 führte zu jahrelangen innerparteilichen Auseinandersetzungen um die Regierungsbeteiligung der SPD. Gegenüber der stark sozialistisch geprägten alten Linken um Franz Neumann unterstützten die Netzwerker von Neu Beginnen die Beteiligung der Sozialdemokraten an der Regierung. Die Wahl Willy Brandts zum Regierenden Bürgermeister in Westberlin 1957, die Abwahl Franz Neumanns und die Durchsetzung Willy Brandts als SPD-Landesvorsitzender im Januar 1958 markierten auch für die Berliner Mitglieder von Neu Beginnen einen Sieg, den sie in den darauffolgenden Jahren systematisch organisations- und personalpolitisch festigten. Die Organisationsstrategie von Neu Beginnen entsprach dabei – wie der Autor herausarbeitet – der „Anflanschung von Netzen an bürokratische Apparate“ (S. 292) im Sinne Christoph Boyers.
Kurt Mattick folgte schließlich 1963 Willy Brandt im Parteivorsitz der Berliner SPD, als Brandt sich auf den stellvertretenden Bundesvorsitz der Partei konzentrierte, und führte Neu Beginnen auf den Höhepunkt seiner Macht. Bis Ende der 1960er Jahre löste sich das Netzwerk jedoch auf, dessen Mitglieder sich seit Ende der 1950er Jahre vor allem durch „Organisationsstraffung und -disziplinierung per Parteiausschluss“ (S. 402) hervorgetan hatten.
Ideologisch verstand sich Neu Beginnen in seiner Gründungsphase als eine leninistische Organisation, die sich vor allem durch Konspiration und gezielte Kaderpolitik auszeichnete. Diese politische Kultur behielten die Mitglieder des Netzwerks über alle historischen Umbrüche bei. Der Antifaschismus transformierte sich nach 1945 in einen Antikommunismus und Antitotalitarismus. Damit einhergehend wurde ein Konsensliberalismus adaptiert, wie ihn Richard Löwenthal in „Jenseits des Kapitalismus“ propagiert hatte. Das Netzwerk hat sich bis Ende der 1940er Jahre selbst „westernisiert“ (S. 253). Letztlich, so der Verfasser treffend, wurde die „Ideologie von Neu Beginnen […] die Ideologielosigkeit und ihre Unbedingtheit“ (S. 293).
Entsprach Neu Beginnen schon in seiner Gründungsphase dem Modell eines charismatischen Herrschaftsverbandes und einer religiösen Sekte mit säkularer Eschatologie, so blieben auch im Netzwerk der Nachkriegszeit – darauf weist der Verfasser immer wieder hin – Erlösungssehnsucht, Streben nach absoluten Wahrheiten, Bekämpfung des schlechthin Bösen (Totalitarismus) und Formen religiöser Initiation und Vergemeinschaftung virulent.
Die Arbeit leistet insgesamt einen wichtigen Beitrag zur Geschichte Berlins, der Berliner SPD und liefert in vorbildlicher Weise eine Analyse der innerparteilichen Entwicklungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie der 1950er und 1960er Jahre.