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Einzelrezension

Wehner, Christoph: Die Versicherung der Atomgefahr. Risikopolitik, Sicherheitsproduktion und Expertise in der Bundesrepublik Deutschland und den USA 1945–1986, 427 S., Wallstein, Göttingen 2017.


Abstract

Atomenergie und die Grenzen der Versicherbarkeit

Keywords: Review, Wehner, Christoph, Versicherung, Atomgefahr, Risikopolitik, 2017

How to Cite:

Hannig, N., (2019) “Wehner, Christoph: Die Versicherung der Atomgefahr. Risikopolitik, Sicherheitsproduktion und Expertise in der Bundesrepublik Deutschland und den USA 1945–1986, 427 S., Wallstein, Göttingen 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00110-7

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-29

Peer Reviewed

Die Geschichte ziviler Atomkraft war lange Zeit kein Feld, für das sich die Geschichtswissenschaft näher interessiert hat. Noch heute ist Joachim Radkaus verdienstvolle Pionierstudie zur deutschen Atomwirtschaft, erschienen 1983, zentraler Bezugspunkt der historiografischen Debatte. Auch die wissenschaftliche und publizistische Auseinandersetzung mit der soziologischen Chiffre der „Risikogesellschaft“ brachte zunächst nur wenig Dynamik in das Themenfeld. Erst als sich Geschichts- und Politikwissenschaft vor rund fünfzehn Jahren verstärkt mit Sicherheitsfragen zu beschäftigen begannen, rückte auch die Kernenergie wieder ins Blickfeld – vor allem in ihrer Gefährdungsdimension. Die neueste Studie der US-amerikanischen Historikerin Dolores L. Augustine zu „Taking on Technocracy. Nuclear Power in Germany, 1945 to the Present“ trägt diesem Trend Rechnung.

In diesem Kontext sieht auch Christoph Wehner seine an der Ruhr-Universität Bochum entstandene Dissertation zur „Versicherung der Atomgefahr“ (1945–1986), die er ganz gezielt in die transatlantische Sicherheitsgeschichte einbettet. Ihn interessieren die Versicherungsrisiken als ein bislang noch kaum erforschter „Fokus gesamtgesellschaftlicher Sicherheits- und Risikodiskurse“, die er in einer „integrativen Untersuchungsperspektive auf Ökonomie, Politik und Gesellschaft zusammenführen will“ (S. 15). In der Tat, keine andere Energiequelle steht so sinnbildlich für die Zerrissenheit moderner Gesellschaften wie die Atomenergie, für Licht und Dunkel, für technischen Fortschritt und zivilisatorische Gefahr, für Lebensqualität und Zerstörung. Daher lässt sich wohl kaum ein besseres Beispiel finden, um die Herstellung von Sicherheit in all ihrer Konflikthaftigkeit zu beleuchten und den Wandel zeithistorischer Sicherheitskulturen nachzuvollziehen.

Ein Aspekt wird in Wehners Studie schnell als Dreh- und Angelpunkt sichtbar: Es ist die Frage nach den Grenzen der Versicherbarkeit – zugleich eine Leitdifferenz in Ulrich Becks Buch zur „Risikogesellschaft“, der fast schon „zeitenthoben“, wie Wehner kritisiert, die Unterscheidung zwischen „versicherbar“ und „nicht-versicherbar“ als analytische Kategorie verwendete. Für Wehner sind die Grenzen der Versicherbarkeit vielmehr eine „genuin historische Kategorie“, die sich bei genauerem Hinsehen als höchst wandelbar herausstellt. Dementsprechend verweist er auf Fälle, in denen bestimmte Gefahren, die lange Zeit als nicht versicherbar galten, plötzlich doch versichert werden konnten. Damit spielt er vor allem auf ökonomische Risikokalküle der Versicherungsbranche an, aber auch auf den Wandel politischer und technologischer Rahmenbedingungen, der schnell die vermeintlich starren Grenzen der Versicherbarkeit verschieben konnte.

In einem ersten Schritt skizziert Wehner die gesellschaftliche Wahrnehmung der Atomkraft mit all ihren Verheißungen und Gefahren, zwischen Atomeuphorie und -angst. Im zweiten Teil der Arbeit, der sich den Jahren 1955–1962 widmet, spürt der Autor den ersten Auseinandersetzungen der Versicherungsbranche mit der Atomwirtschaft nach. Er arbeitet heraus, wie sich zunächst die Auffassung durchsetzte, Atomenergie sei nicht versicherbar. Dabei unterstreicht er, dass es vor allem ökonomische Kalküle waren, die hier den Ausschlag gaben, nicht unbedingt das Gefährdungspotenzial an sich. Die versicherungswirtschaftliche Risikopolitik der sechziger Jahre steht im Vordergrund des dritten Kapitels, das sich mit spezifischen Assekuranztechniken wie Risikostreuunng und Atompools beschäftigt und zugleich andeutet, wie flexibel Versicherungsunternehmen in ihren Einschätzungen zu den Grenzen der Versicherbarkeit sein konnten. Atomenergie konnte auch ein lukratives Versicherungsgeschäft sein, das sich die Unternehmen nicht entgehen lassen wollten. Die Branche trennte daher, wenn auch etwas künstlich, zwischen nuklearen und vermeintlich konventionellen Risiken. Kurzum: Schäden an Immobilien und den Anlagen selbst versicherte die Assekuranz. Die Haftpflicht für Umwelt und Anwohnerschaft übernahm der Staat.

In den folgenden Kapiteln zu den 1970er und 1980er Jahren wird deutlich, wie sich das Gefährdungspotenzial, mit dem sich die Versicherer auseinandersetzen mussten, ebenfalls wandeln konnte – und zwar ohne dass sich die Technik selbst grundlegend änderte. Die gesellschaftliche Debatte verschärfte sich, immer mehr kritische Töne waren zu hören, die in Protestaktionen, Sabotageakte und Besetzungen umschlugen. Für die Versicherungsbranche waren dies neue Risiken, die sie neu kalkulieren mussten.

Die Assekuranz wurde in der öffentlichen Debatte schnell zum Spielball unterschiedlicher Interessengruppen: Während die Atomkritiker jedes Zögern der Branche als Beleg für die Unkalkulierbarkeit und damit für die außerordentliche Bedrohung sahen, versuchte man in Regierungskreisen schon das kleinste Engagement der Versicherer als Zeichen zu deuten, dass das Gefährdungspotenzial längst nicht so hoch sei, wie von anderen behauptet.

Am Ende wird deutlich, dass sich das Risikomanagement der Versicherungsexperten nur geringfügig wandelte, umso mehr dafür die gesellschaftliche Debatte. „Ein Zentralbefund lautet“, so Wehner, „dass der Wandel der gesellschaftlichen Sicherheitskultur seit den siebziger Jahren die nukleare Risikopolitik der Assekuranz wesentlich stärker geprägt hat als der eigentliche Verlauf dieses Versicherungsgeschäfts“ (S. 378). Es waren also nicht unbedingt die technische Gestalt des Versicherungsobjekts, nicht die ökonomischen Bedingungen, die über die Grenzen der Versicherbarkeit entschieden, sondern vielmehr die politischen und kulturellen Vereinnahmungen des Themas. Zugleich kann Wehner überzeugend den Einfluss der Versicherungsexperten herausarbeiten. Sie waren es, die als erstes – in einer Phase der Atomeuphorie – die Gefährdungsparallelen von Atomenergie und Atomwaffen betonten. Auch gelang es ihnen, einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der Atomgesetze zu nehmen.

Wehners Studie zur „Versicherung der Atomgefahr“ ist ein Exempel für eine geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Risikopolitik und Sicherheitskultur. Ihr gelingt es, auf einer breiten Quellenbasis kapitalistische und probabilistische Kalküle, linken Protest und staatliche Sicherheitspolitik, großtechnische Herausforderungen und energiepolitische Versprechungen in Beziehung zu setzen.