Seit vielen Jahren arbeitet Quentin Skinner an einer umfassenden kontextualistischen Lektüre der Philosophie und Politischen Theorie von Thomas Hobbes, und er hat die Hobbes-Forschung in fast allen ihren Facetten grundlegend verändert. Der vorliegende Band geht zurück auf Skinners Carl-Schmitt-Vorlesung in Berlin von 2015, er ergänzt und vertieft weitgehend Aspekte der 2005 in Frankfurt gehaltenen (und in Buchform 2008 erschienen) Adorno-Vorlesungen zu Fragen von Freiheit und Verpflichtung. Auch hier widmet er sich mit großer Einfühlsamkeit einem Topos, der bei Hobbes zentral ist, aber oft vernachlässigt wird, weil er – uns Modernen – so fremdartig erscheint, nämlich der Idee, dass der Staat in einem starken Sinn des Wortes eine Person ist, deren Repräsentant der Souverän ist.
Wie schon in seinen früheren Interpretationen schlägt Skinner vor, diese Überlegungen als Hobbes’ Antwort und Reaktion auf die erbitterten ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Königshaus und Parlament zu verstehen. Denn von der bürgerlichen Gegenseite, von Hobbes im „Behemoth“ als die „demokratischen Ehrenmänner“ denunziert (S. 26), übernimmt er die Rahmung der Debatte in Begriffen von Repräsentation und Verkörperung. Die Parlamentspartei weist auf die repräsentative Funktion des Parlaments hin, das ein ideales oder virtuelles Abbild des Volkes zu sein beanspruchen kann. Hobbes’ eigene Konzeption lässt sich als Versuch eines „kritischen Kommentars der parlamentarischen Vorstellung virtueller Repräsentation“ (S. 27) verstehen. Für ihn schafft erst der Akt des Vertragsschlusses zwischen den vielen Bürgern die Art von Einheit des Staates, die danach, als etwas, für das etwas anderes stehen kann, repräsentiert werden kann. Der Souverän wird so „der Repräsentant der Vereinigung der Menschen im Ganzen“ (S. 32); diese Vereinigung erst ist aber, als Einheit, eine persona im Sinne einer Rollenfigur oder einer Maske, die jemand anderes, nämlich der Souverän verkörpern oder tragen kann. Autorisiert ist der Souverän von allen einzelnen Bürgern, dies bildet und erschafft den Staat; aber er handelt für – oder als – sie im Ganzen, als „Personifikation des Staates“ (S. 42).
Gegen Richard Tuck und viele andere kann Skinner also darauf bestehen, dass zumindest im „Leviathan“, anders als in den früheren Schriften, keine demokratische Tendenz mehr in der Gesellschaftsvertragsidee zu erkennen ist. Er argumentiert auch, dass die wichtigsten Leser der kommenden Generationen (Samuel von Pufendorf, Emer de Vattel, William Blackstone) dieses Konzept der einen fiktiven Staatsperson sehr wohl als Kern des Hobbes’schen Vermächtnisses wahrnahmen, bis es, nicht zuletzt im Zuge des Utilitarismus, aus dem Denken des englischen politiktheoretischen Mainstreams verschwand, womit keine starke, kategoriale Unterscheidung zwischen Staat und Regierung mehr möglich ist. Wo Hobbes und die Hobbesianer noch die Regierung oder die Souveräne in die Pflicht nehmen konnten, die Einheit des Staates „mit distinkten Verpflichtungen“ und Verantwortungen (S. 41) zu vertreten, stehen jetzt die Repräsentanten selbst für die Bürger oder das vielfältige Volk, ohne weitere Repräsentationsbeziehung zu ihrer Einheit.
Mit dieser ideengeschichtlichen Feststellung ist Skinners Argumentation fast zu Ende, und an dieser Stelle hätte man eine entschiedene Positionierung erwartet. Man hätte nun schließen können, dass die „demokratischen Ehrenmänner“ also ganz zu Recht mit der Demokratisierung des Staatsbegriffs historisch siegreich gewesen sind. Aber Skinner bezieht hier eine andere, etwas indirektere Position. Er referiert einige Argumente dafür, „über den Staat in den Hobbes’schen Begriffen nachzudenken“ (S. 58), die in der heutigen Debatte zirkulieren. Er gibt unverhohlen sympathisierend zu bedenken, dass so auch ein normativer Maßstab artikuliert ist, an dem sich das Regierungshandeln messen lässt, nämlich ganz klassisch gedacht dem Gemeinwohl, den „Interessen der Bevölkerung als Ganzes“ (S. 60). Denn der „Staat ist, zu guter Letzt, nichts anderes als wir selbst. Wenn wir Staaten gründen, fügen wir der Welt nichts hinzu; wir reorganisieren und individualisieren uns nur auf eine neue Weise. Darauf zu bestehen, dass Regierungen eine Verpflichtung haben, zum Wohle der Staaten zu handeln, bedeutet einfach, auf ihrer Pflicht zu insistieren, in unser aller Interesse zu handeln“ (ebd.). Diese Pflicht überhaupt artikulieren zu können, verliert, wer eine Idee der Einheit der Bürger und folglich der Einheit ihrer Interessen überhaupt nicht mehr denken kann; weshalb es – für Skinner – „ein ernster Fehler gewesen sein könnte, diese Denktradition aufzugeben“ (S. 60).
Von dieser Schlusspassage her wird vielleicht verständlich, wieso Skinner entgegen allen akademischen Konventionen den Namensgeber der Vorlesung, Carl Schmitt, mit keinem Wort erwähnt, auch wenn es sogar etliche methodologische Bezüge gegeben hätte. Aber Schmitt hat für den liberalen Staat genau diese – normative – Einheitsunterstellung kaltblütig aufgeben und hätte wohl, was Skinner als Verlust beklagt, als wohltuende Desillusionierung und Destruktion eines moralisierten Staatsbegriffs begrüßt. Und nun wird die Raffinesse dieser Argumentationsstrategie klar: Was in der Zeit von Hobbes von diesem selbst als rhetorisch-ideologische Waffe gegen die republikanische, prodemokratische Partei geschmiedet wurde, nämlich die Idee der Staatsperson oder -persönlichkeit, kann inzwischen, unter heutigen politischen und ideologischen Bedingungen, eine ganz andere und durchaus progressive oder kritische Rolle spielen. Aus einem reaktionären Argument ist eine Ansprüche einklagende Forderung geworden.
Es versteht sich von selbst, dass diese Argumentation andere und problematischere Elemente von Hobbes wie den Freiheitsbegriff oder den ontologischen Individualismus zunächst nicht direkt berührt. Damit ist nach einer solcher Lektüre Hobbes weder für die heutige Demokratie- und Staatstheorie gerettet, noch als Anti-Demokrat verdammt worden. Meisterhaft gezeigt wurde vielmehr, dass politische Argumente, Begriffe und Denkfiguren sowohl eine Funktion in den ideologischen Kämpfen ihrer Zeit haben als auch einen Wert und ein Leben in ganz anderen und oft unerwartbaren Kontexten entwickeln können.