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Einzelrezension

Salamun, Kurt: Ein Jahrhundertdenker. Karl R. Popper und die offene Gesellschaft, 240 S., Styria Premium, Wien u. a. 2018.


Abstract

Karl R. Popper – Kritiker des absoluten Anspruchs

Keywords: Review, Salamum, Kurt, 2018, Karl Popper, Kritik

How to Cite:

Paprotny, T., (2019) “Salamun, Kurt: Ein Jahrhundertdenker. Karl R. Popper und die offene Gesellschaft, 240 S., Styria Premium, Wien u. a. 2018.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00107-2

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-29

Peer Reviewed

Karl R. Poppers Denken wurde zu dessen Lebzeiten in der Philosophie wie in der Politikwissenschaft oft als konservativ angesehen. Er argumentierte ungeschmeidig, auch selbstbewusst, stand, als Kritiker des Charismatismus, auf seine Weise nicht minder charismatisch für politische Freiheit ein. Mitnichten trat der 1994 im Alter von 92 Jahren verstorbene Philosoph als elitär oder gar wirtschaftsliberal gesinnt auf. Der gebürtige Wiener stritt wider totalitäre Denksysteme. Während des Zweiten Weltkrieges kritisiert er vehement Platons Idealstaat als vorbereitendes Modell für den Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Popper widersprach energisch Georg Wilhelm Friedrich Hegels spekulativem Denken und Karl Marx’ Geschichtsphilosophie – und nicht wenige widersprachen auch dem Philosophen.

Karl Popper, ein Jahrhundertdenker? Der beherzte Realist, mutmaßlich der bedeutendste Kritiker des absoluten Anspruchs zu seiner Zeit, wird von Kurt Salamun kenntnisreich vorgestellt und sachlich gewürdigt. Allein die anschauliche Lebensbeschreibung (vgl. S. 9–48) ist ausgesprochen lesenswert. Eindrücklich schildert er Poppers Menschenbild. Der Philosoph war von der „nicht voraussehbaren Kreativität des Geistes, der Freiheit und der prinzipiellen Nichtdeterminierbarkeit des Individuums“ (S. 53) zuinnerst überzeugt. Er vertraute auf die Vernunft, warnte aber vor den „Überschätzungen der Vernunft im gesellschaftstheoretischen und politischen Denken“ (S. 104) und hoffte auf die gelingende, von kritischer Rationalität geleitete Selbstbestimmung des Menschen: „Die kreative Suche nach neuen Problemlösungen, deren kritische Überprüfung und das Lernen aus Irrtümern und Fehlern (das trial-and-error-Verfahren) sind ein unabschließbarer Prozess. Er darf nicht um eines zum unbezweifelbaren Dogma stilisierten Wissens willen abgebrochen werden, das eine scheinbar absolut gesicherte Wahrheit und endgültige Gewissheit garantiert“ (S. 65, Kursivierung im Original). Das gilt für die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, um nichts weniger auch für die politische Philosophie und Theorie. Popper erkannte die totalitären Verlockungen und revolutionären Verheißungen, die darauf abzielten, eine „neue, humane Zukunftsgesellschaft errichten zu können“ (S. 104), um den Preis einer gewaltsamen, blutigen Zerstörung der bestehenden politisch-gesellschaftlichen Ordnung. Er warb für die behutsame, menschenfreundliche Verbesserung der Institutionen, nicht für deren Abschaffung. Wissenschaftlich wie politisch stand er für „intellektuelle Redlichkeit“ (S. 84) ein und strebte nach pragmatischen, vernünftigen Veränderungen in Staat und Gesellschaft. Er warnte vor der „Selbstüberschätzung der Vernunft“ (S. 108), die etwa in Geschichtsphilosophien und Utopien vorherrschte, und wurde darum oft als „extrem konservativ“ (S. 109) dargestellt. Auch lehnte Popper „radikale Sozialexperimente in demokratischen Gesellschaften“ (S. 110) ab. Durchaus aber hielt er es für legitim, ja geboten, sich diktatorischer Herrschaftsformen zu erwehren. Das gilt auch für die von ihm erwünschte Steuerung der Finanzmärkte. Popper sah den ungezügelten Kapitalismus als gefährliche Bedrohung an und forderte leidenschaftlich eine „wirksame politische und staatliche Kontrolle wirtschaftlicher Macht“ (S. 128). Den Missbrauch von Macht gelte es grundsätzlich zu vermeiden, die Machtausübung zu kontrollieren. Die beste hierfür geeignete Regierungsform sei die „pluralistische Demokratie“ (ebd.). Das Wichtigste sei, politische Mandatsträger und Regierungen auch eindeutig abwählen zu können. Darum war er vom Verhältniswahlrecht nicht überzeugt: „Popper sieht letzten Endes ein Zweiparteiensystem, wie es in Großbritannien und den Vereinigten Staaten verwirklicht ist, wo eine starke Partei die Regierung bildet und eine starke Oppositionspartei die Kontrolle ausübt, als die demokratisch beste Lösung in Bezug auf eine effektive Machtkontrolle und die Rotation der Machtausübung an“ (S. 130).

Popper versteht den Menschen als dynamisches, schöpferisches und „höchst aktives Lebewesen“ (S. 137), das beständig auf der Suche nach tauglichen Problemlösungen sei, wissenschaftliche Hypothesen wie gesellschaftliche Institutionen verbessern wolle. Wer der Auffassung sei, die absolute Wahrheit zu besitzen, neige zu Intoleranz: „Der Ausschließlichkeitsanspruch kann zu fanatischen und gewaltsamen Missionierungsversuchen führen. Dieses elitäre, autoritäre Denkmotiv trägt zur Spaltung von Gesellschaften und Gruppen bei“ (S. 138). Die Konsequenzen hiervon zeigt Popper anschaulich auf, denn wem das Recht eingeräumt werde, die ideologischen Leitlinien zu verkünden, der entscheide auch darüber, wer als ein treuer Anhänger der herrschenden Weltanschauung und wer als Häretiker anzusehen sei. Zudem werde von den „Interpretationseliten und Führungspersönlichkeiten das von ihnen beanspruchte Interpretationsprivileg“ (S. 139) auf mannigfache Weise gegen Widerspruch und Kritik abgeschirmt. Salamun weist berechtigterweise darauf hin, dass diese Praxis ressentimentgeleitete Stigmatisierungen und feindselige Typisierungen beinhalte: „Auch Ideologen eines extremen Konservativismus sind mit dieser Strategie vertraut, wenn sie Einwände gegen ihre Überzeugungssysteme bereits deswegen als notwendig falsch hinstellen, weil sie von einem vermeintlichen ‚linken Standpunkt‘ aus erhoben werden“ (S. 140). Fruchtbare Diskussionen bleiben dann ausgeschlossen.

Im Weiteren diskutiert Salamun, Karl Poppers politische Gedanken aufnehmend und anwendend, die totalitäre Weltanschauung und Herrschaftsform an drei historischen wie zeitgenössischen Beispielen (S. 152–180): Nationalsozialismus, Kommunismus und Islamismus (IS). Salamun möchte Poppers Denken auf die Gegenwart beziehen, aber die Vergleichbarkeit der zwei historischen politischen Ideologien und eines ungleich differenzierteren religiös-kulturell-politischen Phänomens wie dem Islamismus erscheint problematisch, der Einbezug neuerer religions- und islamwissenschaftlicher Studien bleibt aus.

Salamun spricht sich sodann deutlich gegen „ganzheitliche Weltbilder“ und wirbt für „Freiheitsspielräume“: „Aus der Sicht einer liberal-demokratischen Weltanschauung sind politisierte, eschatologisch-messianische Denkmuster und Geschichtsdeutungen extrem gefährlich, wenn sie in einem politischen Geschehen für gewaltsame, revolutionäre Aktionen instrumentalisiert werden“ (S. 185).

Breit würdigt Salamun zudem die Rezeptionsgeschichte von Poppers Schriften, die zu seinen Lebzeiten stärker in den Naturwissenschaften und in der Politik aufgenommen wurden als in der Philosophie. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt äußerte sich öfter über Popper und teilte viele seiner Grundüberzeugungen, von der „graduellen Reformpolitik“ bis hin zur „Idee der offenen Gesellschaft“ (S. 200). Empfehlenswert sei es, die Schriften von Marx zu lesen, so betonte Schmidt, aber auch die Werke von Karl Popper, dem Freund und Verteidiger der „parlamentarischen Demokratie“ (S. 154) – auch Kurt Salamuns anregende Studie über den Philosophen ist lesens- und bedenkenswert.