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Einzelrezension

Roy, Olivier: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors, 176 S., Siedler, München 2017.


Abstract

Radikalität um ihrer selbst willen

Keywords: Review, Roy, Olivier, 2017, Terrorismus, Dschihad, Radikalisierung

How to Cite:

Kahl, M., (2019) “Roy, Olivier: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors, 176 S., Siedler, München 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00104-5

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-29

Peer Reviewed

Der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy vertritt in der Debatte über die Ursachen für die islamistische Radikalisierung vor allem junger Menschen eine ganz eigene These. Seiner Ansicht nach ist der Terrorismus keine Folge der Radikalisierung des Islam, sondern der Islamisierung von Radikalität. Die Radikalen sind keine jungen Leute, „die irgendwelche Texte falsch verstanden haben, sondern Aufständische, die sich zuerst für die Radikalität entscheiden und dies danach mit einem islamischen Paradigma verbinden“ (S. 146). Sie finden im Islam das „Paradigma für ihre absolute Revolte“ (S. 18).

Gegen seine Kritiker Francois Burgat und Gilles Kepel wirft Roy in seinem in Frankreich 2016 unter dem Titel „Le djihad et la mort“ erschienenen Buch ein, dass er zwar politische und religiöse Ursachen für den islamistischen Terror gelten lässt, diese aber nicht ausreichen, um das Phänomen des „suizidalen Dschihadismus“ (S. 19) zu erklären. Roy zufolge steht vielmehr „der Tod im Zentrum des individuellen Projekts jedes Terroristen und Dschihadisten“ (S. 85). Die jungen Radikalen, die Anschläge begehen und Gewalt ausüben, sind seiner Einschätzung nach Nihilisten, für die Gewalt kein Mittel, sondern allein Zweck ist.

Roy gibt in seinem Buch eine ganze Reihe von Hinweisen, um diese These zu untermauern. Er entwickelt dazu keine systematische Argumentation, sondern beleuchtet die Zusammenhänge in den vier Kapiteln des Buches aus unterschiedlichen Perspektiven. Roy beginnt mit einer Darstellung des Todeswunsches der Dschihadisten. Im zweiten Kapitel skizziert er das Profil der Radikalen, im dritten Kapitel setzt er sich mit der Rolle der Religion des Islam bei der Radikalisierung auseinander. Im vierten Kapitel zeigt er, wie der Islamische Staat (IS) die revoltierenden jungen Menschen für seine Zwecke zu instrumentalisieren versucht.

Die Analyse zum Profil der Radikalen basiert auf einer rein französischen Datenbasis zu rund 100 Personen, die in terroristische Aktivitäten in Frankreich involviert waren oder ausgereist sind, um am globalen Dschihad teilzunehmen. Der Autor homogenisiert die von ihm in den Blick genommenen Täter stark, schreibt ihnen übereinstimmende Lebensumstände, Motive und Verhaltensweisen zu. Die Radikalen sind „fast alles born again muslims, also Wieder- oder Neubekehrte, … die nach einem sehr profanen Leben (Clubs, Alkohol, Kleinkriminalität) plötzlich zur Religiosität zurückfinden, und zwar entweder individuell oder in einer kleinen Gruppe (nie im Rahmen einer religiösen Organisation)“ (S. 42). Sie entstammen zudem fast ausschließlich der zweiten Generation von Einwanderern oder sind Konvertiten. Keine Übereinstimmung findet Roy dagegen bei sozioökonomischen oder psychologischen Indikatoren. Blickt man über Frankreich und vielleicht noch Belgien hinaus, finden sich die von ihm herausgearbeiteten Tätermerkmale in dieser Form nicht wieder. Seine Analyse kann somit keine Gültigkeit für die Lebensumstände und Beweggründe von Dschihadisten im gesamten Europa und anderen Regionen beanspruchen. Roy weist selbst auf Unterschiede etwa zu Großbritannien hin.

Auch wenn sich gegen die von Roy vor allem im dritten Kapitel vorgenommene Ontologisierung der Radikalität – sie ist in der Gesellschaft immer vorhanden und sucht sich den Zeitumständen entsprechend unterschiedliche ideologische Anker – mancher Einwand ins Feld führen ließe, so bleibt seine Darstellung aufgrund seiner reichen Kenntnis des analysierten Phänomens doch stets aufschlussreich und erhellend. Das Kapitel bietet eine Fülle bemerkenswerter Einblicke und Interpretationen zum Zusammenhang von Religion, Radikalität und Revolte. So beharrt Roy darauf, dass es neben ideologischen Übereinstimmungen und gemeinsamen Mustern, wie die Befürwortung der von Scharia vorgesehenen Strafen und die Rückkehr zu Praktiken wie zur Zeit des Propheten (S. 92), bedeutsame Unterschiede zwischen dem Salafismus und dem Dschihadismus gibt. Dies betrifft etwa Fragen des (auch sexuellen) Umgangs mit Frauen, der Sklaverei, der Behandlung von Glaubensabtrünnigen und der Rechtfertigung von Gewalt.

Roy gelingt es im vierten Kapitel mit wenigen Sätzen, Ideologie und Strategie des IS zu durchschauen und seine Ziele als „reine Wahnvorstellung“ (S. 128) zu entzaubern. Entgegen dem eigenen Anspruch sind die Mittel des IS begrenzt und auch in Europa muss er „mit dem zurechtkommen, was er hat“ (S. 127). An anderer Stelle hatte er bereits auf den Widerspruch hingewiesen, dass westliche Dschihadisten, die „angeblich nach Syrien ziehen, um die Muslime zu retten“ (S. 77), sich dort in einem bewaffneten Konflikt zwischen Muslimen wiederfinden. So assoziativ und abschweifend Roys Ausführungen an vielen Stellen sind, so nüchtern und klar ist zu diesen Punkten seine Analyse.

Die Conclusio richtet den Blick auf das Verhältnis von Politik und Religion in Frankreich, enthält darüber hinaus aber auch die für andere europäische Staaten wichtige Aussage, dass der Dschihadismus auf einer sehr schmalen sozialen und politischen Basis steht und keine Massen mobilisiert, sondern nur Randgestalten anzieht (S. 142). Roy argumentiert vehement gegen die verbreitete Vorstellung einer einheitlichen muslimischen Kultur und einen damit verbundenen Essentialismus. Die Folgen eines solchen Essentialismus lassen sich nahezu täglich beobachten: „Alles Negative, was ein angeblicher oder tatsächlicher Muslim tut, wird auf den Islam zurückgeführt (von der sexuellen Belästigung von Frauen bis zur Mordlust), während Verhaltensweisen von Nicht-Muslimen penibel individualisiert werden“ (S. 144 f.).

Wendet sich Roy auf der einen Seite gegen die Dramatisierung, der IS könne „den weltweiten ‚Islam‘ gegen das von der fünften Kolonne der dort lebenden Muslime unterwanderte Abendland vereinigen“ (S. 143), so sieht er auf der anderen im Dschihadismus ein ernstes Problem, das sich nicht einfach durch Umerziehung im Rahmen von Deradikalisierungsprogrammen beheben lässt. Er plädiert dafür, Radikale wie Militante zu behandeln, die für ihre Taten Verantwortung übernehmen müssen.

Olivier Roy spitzt zu und sucht die Auseinandersetzung. Darunter leidet in dem Buch bisweilen die Systematik der Darstellung, viele Begründungen sind zudem lediglich kasuistischer Natur. Gleichzeitig vermittelt das Buch eine Vielzahl interessanter und bedenkenswerter Einsichten und Erkenntnisse. Seine Lektüre ist unzweifelhaft ein Gewinn.