Die postmarxistische Theoriebildung hat in den letzten Jahrzehnten eine nachhaltige Abkehr von ökonomisch determinierten Klassenkämpfen und die Hinwendung zur kulturalistisch geprägten Hegemonieanalyse vollzogen. Anders als bei Marx und seiner historisch und gesellschaftlich gesättigten Kritik leiden jedoch zahlreiche dieser Studien allzu oft an einer theoretischen Selbstgenügsamkeit: Über immer subtiler ausgefeilten kategorialen Metadifferenzierungen wird so mitunter die Untersuchung eines politischen Gegenstandes aus den Augen verloren – in sich kreisende Theoriereflexion hält sich dann selbst schon für ein politisch relevantes Unterfangen.
Die vorliegende Studie bricht dankenswerter Weise mit dieser postmarxistischen Neuscholastik und verschränkt ihre theoretischen Kategorien eng mit dem Versuch, Relevantes über konkrete gesellschaftliche und politische Strukturen auszusagen. Kolja Lindner legt eine detailgenaue Untersuchung der Diskurse und Praktiken vor, die den vorletzten französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy an die Macht gebracht haben und die seine Herrschaft über einen gewissen Zeitraum mit Legitimation versorgten. Dabei stellt er insbesondere zwei Themen in den Mittelpunkt seiner materialreichen Studie: Zum einen zeichnet Lindner die französische Diskussion um den Umgang mit dem Islam nach, die auch dort seit dem 11. September 2001 durch zunehmende Schärfe und Polarisierung gekennzeichnet ist. Zum anderen stellt der Autor die Frage nach der Krise der politischen Repräsentation, die angesichts der Transformation des Parteiensystems und der Auflösung traditioneller Wählerbindungen sichtbar zu werden scheint.
Damit gewinnt diese Arbeit über das regionale Interesse an der politischen Entwicklung Frankreichs hinaus den Charakter einer politiktheoretisch angeleiteten Fallstudie zur Frage, wie das Verhältnis von Politik und Religion im modernen demokratischen Verfassungsstaat angesichts einer vertieften gesellschaftlicher Pluralisierung ausgestaltet werden kann. Eine der wichtigsten Einsichten Lindners liegt denn auch in der Analyse, warum der Versuch Sarkozys schließlich scheiterte, die laizistische Ordnung zu liberalisieren, um die Probleme der gesellschaftlichen und der religiösen Pluralisierung politisch gestalten zu können. Es sind paradoxerweise die blinden Flecken des republikanischen Laizismus für seine eigene kulturelle Bedingtheit, die ihm die Integration des Islam zur krisenhaften Herausforderung werden lässt. Lindner öffnet sich hier aus einer dezidiert herrschaftskritischen Position heraus einer fast schon Rawls’schen Perspektive, wenn er die Liberalisierung als eine notwendige Reform bezeichnet, die auch für die Krise der Repräsentation eine zentrale Bedeutung besitze.
Ein besonderes Verdienst liegt darin, diese verdeckte und uneingestandene Allianz von Republikanismus und ethno-katholischer Kultur durch einen Rekurs auf die französische Kolonialgeschichte zu erhellen. Hier verkehrte sich der Konflikt zwischen säkularem Staat und kirchlichen Institutionen in sein Gegenteil: Die muslimische Bevölkerung wurde durch das Kolonialrecht zu nicht bürgerrechtsfähigen Untertanen gestempelt, Christentum und Republikanismus hingegen wurden in der kolonialen Praxis zu einem gemeinsamen missionarischen Projekt verschmolzen.
Demgegenüber erscheint Sarkozys Versuch, den republikanischen Laizismus an die neuen, durch Migration und religiöse Pluralisierung entstandenen Verhältnisse anzupassen, als ein Modernisierungsprojekt, das von Lindner kenntnisreich und präzise rekonstruiert und kontextualisiert wird. Die Unternehmung des Innenministers und schließlich des Präsidenten Sarkozys scheiterten jedoch nicht zuletzt an ihre eigenen Ambivalenz: Einerseits ging es Sarkozy darum, die Selbstblockade der republikanischen Tradition zu lockern, die sich durch ihre radikale, antiklerikale Position nicht in der Lage sah, den Islam in die französische politische Ordnung zu integrieren. Andererseits aber wirkten in der Reformdebatte auch zahlreiche Kräfte, die sich von der Abkehr einer orthodoxen Laizität in erster Linie größere Spielräume für den politischen Katholizismus versprachen. Diese immanente Ambivalenz des Reformprojektes brach spätestens dann zu einem offenen Konflikt auf, nachdem der auf engere Kooperation des republikanischen Staates mit den Religionsgemeinschaften setzende Kurs aufgegeben wurde und zunehmend einer migrations- und islamfeindlichen Politik wich. Bemerkenswert dabei ist, wie Sarkozy nach Lindner nicht nur am Widerstand des rechten Front National und des katholisch-nationalistischen Lagers seiner eigenen Partei scheiterte, sondern auch von der linken Gegenseite durch den Diskurs eines erstarkenden orthodoxen Nationalrepublikanismus attackiert wurde. Der Autor beschreibt anschaulich die intellektuellen Diskurse, die Akteure und die politisch-kulturellen Strukturen, die diesen Wandel der hegemonialen politischen Selbstbeschreibung und ihre Konfliktlinien deutlich werden lassen.
Normativ orientiert sich die Studie allerdings trotz der Marx-Referenz des Titels und des vorgeschalteten Theoriekapitels zur Entwicklung der Hegemonietheorie von Antonio Gramsci über Louis Althusser und Nicos Poulantzas bis Ernesto Laclau und Chantal Mouffe sehr viel stärker am herrschaftskritischen Konzept der non-domination, das von Philipp Pettit in die politiktheoretische Debatte eingebracht wurde. Innovativ ist die Verbindung dieses Ansatzes mit der Hegemonietheorie – sie hätte es verdient, noch weiter vertieft zu werden. Leider wird jedoch die politiktheoretische Republikanismusdebatte weitgehend ausgeblendet. Lindner hätte hier möglicherweise noch mehr theoretisch kohärente Gründe für sein gelungenes Unterfangen entdeckt, politiktheoretische Reflektion und historisch-gesellschaftliche Kontextualisierung kritisch miteinander zu verbinden.