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Einzelrezension

Kuhnert, Matthias: Humanitäre Kommunikation. Entwicklung und Emotionen bei britischen NGOs 1945–1990, 318 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2017.


How to Cite:

Kunkel, S., (2019) “Kuhnert, Matthias: Humanitäre Kommunikation. Entwicklung und Emotionen bei britischen NGOs 1945–1990, 318 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00102-7

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-29

Die Arbeit von Matthias Kuhnert adressiert einen zentralen, aber bisher kaum systematisch untersuchten Aspekt der Geschichte humanitärer Hilfe: die Rolle von Emotionen in der Kommunikation und Praxis des zivilgesellschaftlichen Engagements für die ‚dritte Welt‘. Im Mittelpunkt stehen mit Christian Aid und War on Want zwei Institutionen, die in der Geschichte britischer NGOs meist im Schatten von OXFAM verschwinden, gerade deshalb aber einen interessanten Forschungsgegenstand bieten. Vier Leitfragen strukturieren die Arbeit: Wie setzten diese beiden NGOs Emotionen strategisch ein, um Unterstützung und Legitimation für ihre Arbeit zu erzeugen? Inwiefern rahmten Emotionen die Bewertungen und Wahrnehmungen der Akteure selber? Wie verhielten sich Expertenwissen und Emotionen zueinander? Und inwiefern formten die Empfänger von Hilfe die Wahrnehmungen und Emotionen beider NGOs? Empirisch gesättigt und eng an den Quellen entlang gearbeitet, greift die Studie dabei an vielen Stellen über eine reine Kommunikations- und Emotionsgeschichte hinaus. Es geht auch um die Rekrutierungspolitik beider NGOs, um ihre Hilfsprojekte, Organisations- und Entscheidungsstrukturen, Fundraising, interne Konflikte, das Emotionsmanagement der Zentralen gegenüber den Mitgliedern, kurz: um den institutionellen Wandel beider NGOs selbst.

Die Studie identifiziert drei distinkte Phasen in der geteilten Geschichte von Christian Aid und War on Want: eine von zupackendem Aktivismus und Amateurgeist geprägte Anfangs- und Konsolidierungsphase bis in die 1960er Jahre, eine zweite Phase der institutionellen Professionalisierung von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre sowie eine dritte Phase der Politisierung humanitärer Hilfe, die sich vor allem in den Solidaritätskampagnen für Nicaragua und Äthiopien niederschlug. Kuhnert folgt damit einer mittlerweile klassischen Periodisierung in der Geschichte humanitärer (Entwicklungs‑)Hilfe, konkretisiert und plausibilisiert diese jedoch mit einer Fülle an Beispielen und Material aus der Geschichte beider Institutionen. Überzeugend arbeitet er Veränderungen in den emotionalen Wahrnehmungs- und Kommunikationsmustern beider NGOs heraus. Stand zu Beginn noch ein paternalistisches Selbstverständnis im Zentrum, das sich von der Position eigener Überlegenheit her entwarf, so änderten sich die Verständnisse und Vermittlungsformen humanitärer Hilfe seit den 1960ern. Nun galten die Empfänger von Hilfe als gleichgestellte Partner, deren Armut nicht naturbedingt, sondern das Ergebnis von Ausbeutungsverhältnissen und ungerechten Handelsstrukturen war. Entsprechend verschob sich der Fluchtpunkt humanitärer Kommunikation hin zur Empörung gegenüber den ‚Unterdrückern und Ausbeutern‘. Mit der Politisierung humanitärer Hilfe seit den 1970ern schließlich ging in der Kommunikation auch eine Heroisierung der Empfänger humanitärer Hilfe einher. Insgesamt macht die Studie so den Wandel der institutionellen Emotionsregime deutlich, zeigt aber auch, dass Empathie selber eine historisch wandelbare Größe war.

Stärken der Studie liegen neben diesen Akzentuierungen vor allem dort, wo sie konkrete Praktiken der humanitären Kommunikation und ihren historischen Wandel in den Blick nimmt. Humanitäre Kommunikation, so macht Kuhnert deutlich, umfasste mehr als Faltblätter und Reden, war mithin immer auf der kommunikationsstrategischen Höhe der Zeit. Beide Institutionen betrieben seit den 1960er Jahren ein zunehmend professionalisiertes Marketing, hatten eigene Abteilungen dafür, nutzten das gesamte Spektrum gängiger Marketing-Techniken: sponsored walks, direct mailing, Marktforschung, Brettspiele oder testimonials von Prominenten. Gerade in der Rekonstruktion und Analyse dieser emotionalen Arbeit und der hinter ihr stehenden Emotionsregime bietet die Studie viele neue Perspektiven auf die Geschichte humanitärer Hilfe. Der Autor macht dabei zugleich deutlich, dass die Verschmelzung von Populärkultur und Humanitarismus nicht erst ein Phänomen der 1980er Jahre war – die Folk-Sängerin Julie Felix füllte zwar nicht das Wembley-Stadion, stand aber schon Mitte der 1960er für eine neue Form des ‚celebrity humanitarianism‘.

Natürlich gilt auch bei dieser Arbeit, dass Rezensenten immer Monita finden. Unterbeleuchtet bleibt etwa der gesamte Bereich der visuellen Kommunikation beider Institutionen. Filme und Bild-Cover von Publikationen werden zwar ein einigen Stellen eingeführt und charakterisiert, aber kaum einer systematischen Analyse unterzogen. Gerade die Bild-Praktiken beider Institutionen hätten hier eine instruktive Perspektive auf die Emotionalisierungsstrategien beider NGOs eröffnen können. Wünschenswert wäre zudem eine konsequentere Einbettung der Ergebnisse in die größeren historischen Entwicklungslinien humanitärer Kommunikation seit 1945 gewesen. Biafra wird nur in der Einleitung erwähnt, Vietnam nur am Rande. Erst für die 1980er werden die massenkulturellen und medialen Begleitumstände der Kommunikation beider NGOs systematischer berücksichtigt, vorher dominieren die Binnenperspektiven. Letztlich liefert die Studie so über weite Strecken zwei solide Institutionengeschichten, die emotionsgeschichtlich originell akzentuiert werden, aber noch mehr die populärkulturellen Kontexte humanitärer Kommunikation hätten berücksichtigen können. Als eine doppelte Institutionengeschichte allerdings ist diese Studie sorgfältig gearbeitet und ist von diesem Rezensenten mit Gewinn gelesen worden.