Korruption hat notwendigerweise immer etwas mit Normen zu tun, denn korruptives Handeln impliziert eine Verletzung allgemeiner Regeln oder Werte zugunsten partikularer Interessen. Vor diesem Hintergrund erweckt der Titel „Corruption and Norms. Why Informal Rules Matter“ zunächst den Verdacht, dass hier ein recht allgemeines Oberthema für eine eher heterogene Zusammenstellung von Beiträgen aus der sozialwissenschaftlichen Korruptionsforschung gewählt wurde. Diese Anfangsvermutung wird bei der Lektüre erfreulicherweise kaum bestätigt. Das Verhältnis zwischen informellen und formalen Normen in unterschiedlichen Korruptions- beziehungsweise Antikorruptionskontexten zieht sich tatsächlich wie ein roter, nur selten ausdünnender Faden durch das Buch.
Auf ein knappes Einführungskapitel der Herausgeberinnen Ina Kubbe und Annika Engelbert folgt ein demokratietheoretischer Beitrag. Michael Johnston konzeptionalisiert politische Korruption als vergleichsweise abstraktes Wahrnehmungsphänomen, das sich aus der (gefühlten) Verletzung demokratischer Grundwerte speist. Der Beitrag von Nils Köbis, Daniel Iragorri-Carter und Christopher Starke „A Social Psychological View on the Social Norms of Corruption“ unterscheidet zwischen zwei zentralen Typen sozialer Normen (descriptive and injunctive norms), die auf verschiedene Art und Weise integres oder korruptes Verhalten beeinflussen. Von Amy Alexander stammt der Aufsatz „Micro-perspectives on the Gender-Corruption Link“. Die Autorin stellt unter anderem einen Zusammenhang zwischen der Befürwortung von Geschlechtergleichstellung und einer hohen Wertschätzung fairer Wahlen fest. Patty Zakaria testet verschiedene Hypothesen zum Verhältnis zwischen Religionszugehörigkeit und -ausübung, ökonomischer Lage und Korruptionstoleranz. Im darauffolgenden Kapitel argumentiert Sofia Wickberg, dass medial verbreitete Skandale ein notwendiger, aber kein ausreichender Faktor für Antikorruptionsreformen sind.
Thomas Koelble analysiert Unterschiede zwischen dem westlich-liberalen Good Governance-Konzept und dem von der schwarzen Befreiungsbewegung Südafrikas vertretenen Verständnis von (Anti‑)Korruption. Flávio Eiró beschreibt, wie sozialpolitische Maßnahmen in manchen brasilianischen Kommunen zum Stimmenkauf missbraucht werden. In einer experimentellen Studie von Kubbe zeigen US-amerikanische Studierende kontraintuitiv eine signifikant höhere Korruptionsneigung als deutsche Studierende. Rustamjon Urinboyev und Måns Svensson argumentieren auf der Grundlage einer in Usbekistan durchgeführten anthropologischen Untersuchung, dass alltägliche informelle oder illegale Praktiken gerade in ländlichen Ortsgemeinschaften mitunter auf wichtigen sozialen und solidarischen Normen basieren, die bei Antikorruptionsmaßnahmen berücksichtigt werden sollten. Auch im Kosovo neigen viele Menschen – so David Jackson in seinem Beitrag – trotz etlicher Integritätsprogramme zu informellen Handlungen, weil sie diese als notwendig und üblich wahrnehmen.
Nach Ansicht von Ellen Gutterman und Mathis Lohaus hat sich mittlerweile eine robuste internationale Antikorruptionsnorm herausgebildet, deren detaillierte Umsetzung auf staatlicher und substaatlicher Ebene aber häufig schwer zu messen und zu beurteilen ist. Vit Simral analysiert die Entstehung, Ausgestaltung und Wirkung verschiedener nationaler Parteienfinanzierungssysteme im Hinblick auf Korruptionsrisiken. In seinem meines Erachtens zu lang geratenen Beitrag kontrastiert Qingxiu Bu die in China tief verwurzelte Guanxi-Praxis und die chinesische Politik zur Bekämpfung der Bestechung ausländischer Amtsträger im internationalen Geschäftsverkehr mit der Situation in Großbritannien und den USA. Dan Hough und William Heaston liefern Erklärungsansätze, weshalb sich die FIFA so lange gegen Antikorruptionsmaßnahmen in eigener Sache sträubte. Im letzten Kapitel des Sammelbands argumentieren Peter Stiernstedt und Mark Button unter anderem, dass es vermutlich universelle Integritätsvorstellungen gebe, aber aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen kulturellen Kontexte keine universell brauchbaren Antikorruptionsinstrumente.
Die Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität (worauf hier im Einzelnen nicht eingegangen werden kann), aber überwiegend auf hohem wissenschaftlichem Niveau. Sie bilden die Vielfalt heutiger Korruptionsforschung in den Sozialwissenschaften ab. So finden sich in dem Sammelband etwa theoretisch-konzeptionelle Arbeiten, qualitative (Fall‑)Untersuchungen, anthropologische Feldstudien, experimentelle (spielförmige) Versuchsanordnungen und Regressionsanalysen. Manche Beiträge verwenden gängige Konzepte, andere äußeren Skepsis gegenüber Mainstream-Ansätzen zur Definition und Bekämpfung von Korruption. Die verwendeten Begrifflichkeiten – auch wenn es um soziale Normen geht – sind nicht immer einheitlich. Seinem eigenen Anspruch, über Disziplinen und Länder hinweg vergleichende Analysen zu liefern (vgl. S. 3 und 5), wird das Buch nur begrenzt gerecht. Viele Kapitel konzentrieren sich lediglich auf eine Perspektive und/oder ein Land. Es fehlt meines Erachtens mindestens ein bilanzierender Beitrag, der die verschiedenen theoretischen und methodischen Ansätze wie auch die Ergebnisse systematisch zusammenführt und gegenüberstellt. Dennoch handelt es sich fraglos um ein wertvolles Buch, das insbesondere für andere Korruptionsforscher zahlreiche Anregungen, Erkenntnisse und Materialien bereithält.