Der Klappentext des Buches preist Ian Krastev als einen der großen europäischen Denker unserer Zeit. In der Tat besticht das Essay des bulgarischen Politikwissenschaftlers und -beraters durch Gedankenreichtum, überraschende Perspektiven, pointierte Urteile und elegante Formulierungen. Allerdings merkt man dem Text den Zeitpunkt seiner Entstehung – Ende 2016, Anfang 2017 – und die osteuropäische Herkunft des Autors überdeutlich an: Er ist geradezu fixiert auf die sogenannte Flüchtlingskrise – „Europas 11. September“ (S. 25) –, und er überfrachtet die Europäische Union mit Erwartungen, wie sie für das ‚neue‘ Europa nicht untypisch sind.
Krastevs Analyse des Zustands der EU fällt ziemlich düster aus: Angesichts der knappen Entscheidung der Briten für den Brexit und des Aufstiegs euroskeptischer Parteien glaubt er, dass „der Traum eines freien und geeinten Europa […] ausgeträumt sein“ dürfte (S. 17). Die Krise der EU macht er indes, im Unterschied zu gängigen Ansichten, weder an den vermeintlich „fundamentale[n] Mängeln[n] ihrer institutionellen Architektur“ noch am vielbeklagten „Demokratiedefizit“ fest; vielmehr ist er überzeugt, dass „die Flüchtlingskrise den Charakter demokratischer Politik auf nationaler Ebene dramatisch verändert“ hat und „wir heute in Europa nicht bloß einen populistischen Aufstand gegen das Establishment erleben, sondern eine Rebellion der Wähler gegen die meritokratischen Eliten“ (S. 20 f.).
Im ersten Teil seines Essays widmet sich Krastev der Flüchtlingskrise, die er als „primus inter pares der aktuellen Krisen“ der EU (S. 25) begreift. Er beschreibt die disparaten Reaktionen staatlicher Stellen und der Öffentlichkeit auf den „Flüchtlingsstrom aus Afrika und dem Nahen wie auch Mittleren Osten“ (S. 40), den dadurch ausgelösten Niedergang des Menschenrechtsdiskurses und das weitverbreitete Gefühl, „die Lage sei außer Kontrolle geraten“ (S. 51). Osteuropas Mangel an Mitgefühl gegenüber der Not der Flüchtlinge erklärt er mit den dortigen spezifischen Erfahrungen mit den „dunklen Seiten multikultureller Gesellschaften“ (S. 58), der Angst vor „Überfremdung“ als Folge der massenhaften Emigration vor allem jüngerer Menschen und einem tiefverwurzelten Misstrauen gegenüber „kosmopolitischem Denken“ (S. 67). Im zweiten Teil analysiert der Autor den wachsenden Widerspruch zwischen einer „immer engeren Union“ und einer Vertiefung der Demokratie, den insbesondere populistische Parteien und Bewegungen auszunutzen verstünden. Er warnt nachdrücklich vor Referenden, „die von europaskeptischen Minderheiten und europapessimistischen Regierungen leicht missbraucht werden könnten, um die Arbeit der Union zu blockieren“ (S. 112). Den Kern der populistischen Herausforderung sieht er im „Kampf um den Charakter und die Pflichten der Eliten“; Populisten „versprechen ihren Wählern nicht Kompetenz, sondern Intimität“ (S. 108). Immerhin, im Schlussteil lässt er einen Funken Hoffnung aufglimmen: im Sommer 2017 hätten Meinungsumfragen gezeigt, dass statt einer „Desintegration“ eine „weitere Integration“ Europas durchaus möglich sei (S. 128).
Krastev überzeugt, wenn er die Probleme der europäischen Einigung unvoreingenommen und mit ungewohnten Interpretationsangeboten untersucht. Die überragende Bedeutung, die er der Migrations- und Flüchtlingsproblematik beimisst, scheint indessen den Erfahrungen der Jahre 2015 und 2016 geschuldet, sie hat seither deutlich an Dramatik verloren. Den Versuchen populistischer und nationalistischer Kräfte, diese Probleme dennoch weiterhin zu dramatisieren und zu instrumentalisieren, sollte energisch Paroli geboten werden, anstatt ihnen indirekt recht zu geben. Und angesichts der Neigung Krastevs, das europäische Projekt ideell zu überfrachten – die EU als Erbin der Aufklärung, als Garantin universeller Menschenrechte, als Hort des Kosmopolitismus, um nur einige Stichworte zu nennen – muss an die Anfänge der europäischen Integration erinnert werden, die durch nüchtern kalkulierende Interessenpolitik der beteiligten Staaten gekennzeichnet waren. Wenn die Erwartungen nicht zu hoch gespannt sind, sind die Gefahren der Enttäuschung auch viel geringer. Ein solch nüchtern-realistischer Blick auf die EU könnte jedenfalls dazu beitragen, die titelgebende „Europadämmerung“ abzuwenden und dem europäischen Projekt neue Impulse zu verleihen.