Der von Sebastian Huhnholz und Eva Marlene Hausteiner herausgegebene Leviathan-Sonderband kommt, so scheint es zumindest dem Rezensenten, zur rechten Zeit. Jene, die sich jüngste Bilder von ausländerfeindlichen Ausschreitungen ins Gedächtnis rufen, werden im Nachhinein registrieren, dass Rechtsextremisten nicht mehr mit Schwarz-Weiß-Rot aufmarschieren. Stattdessen machen die dort vielfach mitgeführten schwarz-rot-goldenen Fahnen deutlich, wie das Symbol des deutschen Verfassungsstaates von der politischen Rechten okkupiert wird. Von daher erscheint es wichtig zu fragen, wie sich Demokratie bildlich darstellen lässt, welche Bilder von ihr gemacht werden. Und: Ist es ein Fehler, das Staatssymbol den Gegnern der Demokratie zu überlassen? Die Autorinnen und Autoren des hier zu besprechenden Buches liefern uns zweifellos wichtige Grundlagen zur Beantwortung dieser Punkte.
Die Buchbeiträge sind drei Themenbereichen zugeordnet. Der erste zielt auf die Schwierigkeit, den Souverän in einer pluralistischen Gesellschaft auf einem Bild zu bannen. Wer sich darauf einlässt, hat sich damit auseinanderzusetzen, keine einheitliche Masse zeigen zu können, sondern die Differenz der Vielen visualisieren zu müssen. Der zweite Teil widmet sich den Bemühungen in Architektur und Städtebau, das demokratische Prinzip in der gebauten Umwelt sichtbar zu machen. Mit den letzten fünf Artikeln werden den Lesenden Beispiele vorgelegt, die die Darstellung kollektiver Differenz in verschiedenen Gesellschaften wie auch gegensätzlichen politischen Systemen untersuchen.
Was das inhaltliche Spektrum betrifft, ist aus theoretischer Perspektive zwischen der Darstellung von Macht, von Herrschaft und von der des Souveräns zu unterscheiden, wenngleich die Ebenen miteinander verbunden bleiben. Nicht von ungefähr weist das Herausgeberpaar auf ein Postulat von John Quincy Adams hin, dem zufolge die Demokratie zu einem Bildersturm führen müsse. Da die Macht immer wieder aufs Neue vergeben wird, ist es nicht möglich, sie in einem Bild zu fassen, wie auch das Volk als heterogene Menge von Interessengruppen nicht vorstellbar ist. Dessen ungeachtet haben wir alle selbstverständlich Bilder im Kopf. Paula Diehl, sich in ihrem Beitrag auf die entsprechende ikonografische Spurensuche begebend, demonstriert, wie die Nation mithilfe von weiblichen Allegorien oder der Staat mittels verschiedener Symbole visualisiert werden. Demgegenüber gleicht es der Quadratur des Kreises, das Volk als politisches Subjekt darzustellen. Wird Herrschaft personifiziert, droht sie ins Diktatorische zu kippen. Die Darstellung von vielen Menschen als Souverän ist aber auch kaum aussagekräftig. Sind es, bei öffentlichen Inszenierungen, viele Einzelne oder ist es eine kontrollierte Einheit der Vielen?
Marcus Llanque vertieft den Gedanken, dass durch jede Visualisierung der repräsentierte Gegenstand zugleich reduziert und auf bestimmte politische Inhalte festgelegt wird. Er hebt die Notwendigkeit hervor, zwischen der zumeist fehlenden Eintracht innerhalb der Gesellschaft und der herzustellenden kollektiven Handlungsfähigkeit zu unterscheiden. Sie könne von den Amtsträgerinnen und -trägern erschaffen werden, was bildlich etwa mittels Rutenbündeln in Szene gesetzt worden sei. Genauso gebe es aber auch Beispiele, das Verbindende zwischen den Vielen mittels Bändern darzustellen, wie schließlich ein Delacroix das Volk in Bewegung auf ein gemeinsames Ziel zeigte. Daniel Schulz skizziert in diesem Themenblock die Entwicklung in Frankreich von der Revolution 1789 bis heute. Diente dort die Darstellung des Verfassungstextes dazu, der monarchistischen Repräsentation die Grundlage zu entziehen, zeigt sich im weiteren Verlauf bis heute in der Darstellung der Repräsentanten – hier die von Charles de Gaulles – ein Changieren zwischen dem Präsidenten als erstem, der Verfassung verpflichteten Bürger und dem Regenten in der Nachfolge Napoleons. Bei dessen Darstellungen blieb die politische Verfasstheit der Nation an die Person gebunden. Eine wichtige Ergänzung erfahren diese Ausführungen durch die ikonischen Analysen von Maria Jakob, die offizielle Bilder von Einbürgerungsfeiern in den USA und in Deutschland zum Gegenstand ihrer Untersuchung macht. Ohne Anspruch auf Repräsentativität geht es ihr darum, Visualisierungsmöglichkeiten in Bezug auf das Zeigen von Einheitlichkeit in der Differenz zu verdeutlichen. Wird die Gemeinsamkeit zwischen den Neubürgerinnen und -bürgern im Beispiel USA durch gemeinsam gezeigtes Handeln während einer zivilreligiösen Zeremonie verbildlicht, heben Fotografien aus deutschen Städten die Individualität der Beteiligten hervor. Allerdings bestehen Unterschiede. Denn es gibt Fotos, auf denen die Eingebürgerten sich als Einzelne präsentieren, wie auch solche, in denen über die Mise-en-Scène das Bild von Gemeinschaft erzeugt wird.
Im zweiten Teil des Sonderbandes werden vier Beispiele aus der Architektur sowie eines aus dem Kunstbereich präsentiert, die sich mit der Visualisierung spezifischer Merkmale von Demokratie auseinandersetzen. Vincent August stellt zu Beginn seiner Ausführungen die Entwicklung des Transparenzgedankens dar, um sich dann näher mit dem Neuen Bauen auseinanderzusetzen. Exemplarisch wird der Behnisch-Bau des neuen Bonner Bundeshauses vorgestellt, das als Modell für Offenheit und damit auch für die Herstellung von Öffentlichkeit und dementsprechend von Kontrollierbarkeit gelten kann. Zugleich weist er auf Brüche in der formalen Gestaltung hin. Michael Minkenberg interessiert sich für die Repräsentationsfunktion von Hauptstädten im Rahmen eines Regimevergleiches einerseits (Demokratie vs. Autokratie) und eines diachronen Vergleichs andererseits. Die Hauptstadt muss aus Sicht der Herrschenden zwar die ihr zugedachte Funktion nach außen sicht- und erkennbar präsentieren. Zugleich muss das Volk diese Botschaft aber auch wahrnehmen. Hinsichtlich der konkreten Umsetzung stadtgestalterischer Ambitionen weist Minkenberg auf verschiedene Dimensionen der Differenzrepräsentation hin, von der die Gegenwart beeinflussenden bestehenden, aus vordemokratischen Zeiten stammenden Bausubstanz, bis hin zur Schwierigkeit, die Diversität innerhalb des Souveräns zu berücksichtigen. Empirische Beispiele dazu bilden unter anderem Rom, Brasilia bis hin zu Berlin. Die Ausgestaltung der National Mall in Washington, D.C., ist ein weiteres Exempel, wie sich Einheit und Differenz des demokratischen Souveräns ins Bild setzen lassen, was aber immer auch wieder zu Brüchen führen kann.
Näher an den Alltag der Bürgerinnen und Bürger rücken dann die Aufsätze von Sebastian Huhnholz und Lisa Borgerts. Huhnholz arbeitet über die Versuche, kollektive Identität im 20. Jahrhundert in Großwohnanlagen wie den Wiener Wohnhöfen herzustellen und dort sichtbar zu machen. Borgerts nimmt den Wettbewerb zu Deutschland – Land der Ideen zum Anlass einer Betrachtung über Street Art, die, sofern sie von den Regierenden gefördert wird, der gesellschaftlichen Vielfalt Ausdruck zu geben vermag, die aber auch, sofern es sich um Kunst von „unten“ handelt, Vielfalt verkörpert und dem staatlichen Bestreben, Einheit zu suggerieren, einen Kontrapunkt entgegensetzen, auf Differenz verweisen kann.
Im dritten Teil zu Konstellationen kollektiver Differenz finden sich fünf Artikel zu spezifischen Beispielen. Iris Därmann zeigt auf, inwieweit das von Thomas Hobbes genutzte Bild des Wolfes in dessen politischer Zoologie dazu dient, koloniale Macht und Versklavung zu legitimieren. Elisabeth Haas wendet sich den Darstellungen zu, mit denen die Eidgenossenschaft ihr politisches System vom Staatenbund im langsamen Wandel zum Bundesstaat über die Zeit nach außen visualisierte, während Anna Chwiałkowska und Lena Sophia Schacht erörtern, wie Herrschaft in Rom während des Altertums, in der Zeit des Kirchenstaates sowie unter Mussolini mittels Aufstellung, Umsetzung oder städtebaulicher Neuinszenierung von römischen Obelisken ikonografisch sichtbar gemacht wurde. Felix Steilen liefert einen Beitrag zur Ikonologie des Palmach, einer der jüdischen paramilitärischen Organisationen vor und während der Unabhängigkeitserklärung Israels. Das damals produzierte Material macht die Schwierigkeit deutlich, eine kollektive Identität abzubilden und die zugleich bestehende Heterogenität einer Bevölkerung aus dem Blickfeld zu verbannen. Der letzte Artikel von Siegfried Weichlein diskutiert schließlich, inwieweit es in den 1950er und 1960er Jahren in der Filmsprache zu einer Blickumkehr kam, bei der mehr und mehr nicht der äußere Gegner, der Ostblock, in den Fokus, sondern die Situation der atomaren Bedrohung und damit auch das Innen ins Blickfeld genommen wurde.
Insgesamt ist es dem Herausgeberduo gelungen, mit den hier versammelten Beiträgen ein Thema umfassend auszuleuchten und den Stand der Forschung darzustellen. Zwar lassen einige Aufsätze methodische Fragen etwa nach der Bild- oder Filmauswahl offen, was wiederum Konsequenzen hinsichtlich der Schlussfolgerungen hat. Das schmälert aber nicht den Wert des Buches, das allen zur Lektüre empfohlen sei, die sich für die Bedeutung von Bildern im politischen Raum interessieren. Im Gegenteil, hoffentlich regen die Schwächen zu neuen Forschungen an.