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Einzelrezension

Guérot, Ulrike/Donat, Elisabeth (Hrsg.): Was ist los mit Frankreich?, Von politischer Zersetzung zu sozialer Neuordnung, 256 S., Dietz Nachf., Bonn 2017


Abstract

France in the kaleidoscope

Keywords: Review, Guérot, Ulrike, Donat, Elisabeth, 2017, Frankreich, Macron, Präsident, Wahlen

How to Cite:

Nentwig, T., (2019) “Guérot, Ulrike/Donat, Elisabeth (Hrsg.): Was ist los mit Frankreich?, Von politischer Zersetzung zu sozialer Neuordnung, 256 S., Dietz Nachf., Bonn 2017”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00096-2

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-20

Peer Reviewed

Unmittelbar nach den französischen Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2017 fand an der Universität Wien die Konferenz „What happened to France? – Von politischer Zersetzung zu Fragmenten sozialer Rekonstruktion“ statt. Der nun vorliegende Tagungsband, herausgegeben von Ulrike Guérot und Elisabeth Donat, gliedert sich in insgesamt sechs Abschnitte. Nach einem einführenden Kapitel, das neben dem Vorwort der beiden Herausgeberinnen einen Überblick über den Sammelband von Donat und eine thematische Einleitung von Guérot enthält, folgt der Abschnitt „Die Krise der Republik: Theorie und Politik in Frankreich heute“. Unter dieser Überschrift befasst sich zunächst Emmanuel Droit mit dem Blick von Historikern auf die (Global‑)Geschichte Frankreichs, während sich Daniel Schulz mit dem Republikanismus und Danilo Scholz mit verschiedenen Sichtweisen auf den Staat beschäftigen. Der vierte Aufsatz, der zu dem Kapitel „Die Krise der Republik“ zählt, stammt von Julien Deroin. Er setzt sich vorwiegend ideen- und diskursgeschichtlich mit dem krisenhaften Zustand der ‚neuen‘, das heißt postmarxistischen Linken auseinander. Im letzten Beitrag des Kapitels geht Roman Léandre Schmidt der Frage nach, ob Frankreich zum Labor eines demokratischen Experimentalismus werden könnte.

Das nächste Kapitel mit dem Titel „Französische Sozial- und Wirtschaftspolitik: Schocktherapie und zersplitterte Linke“ umfasst zwei Beiträge: Während Guillaume Duval an verschiedenen Indikatoren (unter anderem der Flexibilität des Arbeitsmarktes und der Bemühungen um eine Gleichbehandlung von Frauen und Männern) aufzeigt, dass Frankreich sich ökonomisch und sozial nicht so schlecht entwickelt hat, wie häufig behauptet wird, geht Eric Chol in seinem leider sehr kurzen Text auf das Thema Globalisierung ein, wobei er sich auf deren Schattenseiten konzentriert. Anders als in der Kapitelüberschrift angekündigt, erfährt die Leserin/der Leser jedoch kaum etwas über die „zersplitterte Linke“. Gerade angesichts der historischen Schwäche der Parti socialiste (PS, Sozialistische Partei) und des Vordringens der Bewegung La France insoumise (Das unbeugsame Frankreich) des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon wäre eine nähere Betrachtung des linken Parteienspektrums in dem Sammelband wünschenswert gewesen, zumal diese Entwicklungen für den in Frankreich viel diskutierten victoire des mouvements sur les partis (Sieg der Bewegungen über die Parteien) stehen könnten.

Ebenfalls zwei Aufsätze enthält der vierte Abschnitt, der unter der Überschrift „Die Neuerfindung der Demokratie, die Rolle der Medien und die französische Zivilgesellschaft“ steht. Als erstes thematisiert Guillaume Klossa die französischen Wahlen der vergangenen Jahre, wobei er schwerpunktmäßig den Ursachen für Emmanuel Macrons Sieg bei den Präsidentschaftswahlen nachgeht. Der zweite Beitrag stammt von Thierry Sciari, der sich – wie zuvor schon Schmidt – mit dem Thema Frankreich und Europa befasst. Von der „Rolle der Medien“, wie nach der Kapitelüberschrift zu erwarten wäre, ist in beiden Aufsätzen allerdings nur am Rande die Rede.

Das folgende Kapitel „Soziokulturelle Dynamiken zwischen Zentrum und Peripherie – junge Städte/alte Regionen in Frankreich“ beginnt mit dem Aufsatz von Dietmar Loch, der verschiedene cleavages, die Frankreich kennzeichnen, analysiert. Es folgt die Wiedergabe eines Gesprächs zwischen Nicole Colin, Asiem El Difraoui und Joachim Umlauf, die sich auf unterschiedlichen Ebenen (Verwaltungsstruktur, Bildung, deutsch-französische Beziehungen …) Gedanken um die Gegenwart und Zukunft Frankreichs machen. Christoph Reinbrecht schließlich blickt aus soziologischer Perspektive auf die französische Gesellschaft. Der Tagungsband endet mit dem Abschnitt „Frankreich mit jungen Augen“, in dem sich zunächst Léa Zacharie mit gesellschaftspolitischen Vorstellungen und Aktivitäten der jungen Generation auseinandersetzt. Birthe Mühlhoffs Beitrag behandelt dann abschließend auf erfrischende Art und Weise unterschiedliche – auch fehlende – Erwartungshaltungen der jüngeren Franzosen.

Insgesamt stellt das Buch eine Fundgrube für diejenigen dar, die sich mit aktuellen Entwicklungen in Frankreich befassen, denn es behandelt in diesem Rahmen ein sehr breites Spektrum an Analysen. Es werden wichtige Fragen beantwortet, etwa, warum der Populismus jenseits des Rheins zahlreiche Anhänger_innen finden konnte. Die in dem Sammelband vereinten Beiträge neigen nicht zu raschen, hingeworfenen Bewertungen. Sie versuchen vielmehr stets, die Gegenstände von mehreren Seiten aus zu betrachten, Beobachtungen auszudifferenzieren, ihre Zugänge und Präferenzen zu begründen. Auf diese Weise kann sich die Leserschaft selbst ein Urteil bilden. Positiv hervorzuheben, da für Tagungsbände leider eher selten, ist zudem die Wiedergabe einer Diskussionsrunde.

Schwierig ist es, zu einem Sammelband, der sich als „Experiment“ (S. 9) versteht, der „weder Anspruch auf thematische Vollständigkeit noch Anspruch auf durchgängige Wissenschaftlichkeit“ (ebenda) erhebt und dessen Beiträge „in Ausdruck und Form jeweils sehr unterschiedlich“ (S. 10) sind, kritische Worte zu finden. Zwei kleine Monita lassen sich jedoch – neben den teilweise unpassenden Kapitelüberschriften – anführen. Zum einen weisen mehrere Texte weder Anmerkungen mit der verwendeten Literatur noch weiterführende Literaturhinweise am Ende auf. Interessierten Leser_innen hätten diese weitergeholfen. Zum anderen stellt sich die Frage, ob sich wirklich alle Beiträge für die Zielleserschaft, „ein breiteres Publikum“ (S. 12), eignen. Denn mehrere Texte (insbesondere diejenigen von Deroin, Reinprecht, Scholz und Schulz) sind aufgrund ihres in Teilen recht abstrakten Charakters und der Verwendung von Fachvokabular möglicherweise ziemlich anspruchsvoll, wenn keine oder lediglich geringe Vorkenntnisse vorhanden sind.