Ist es gerecht, wenn Status und knappe Güter auf der Grundlage individueller Leistung verteilt werden oder zumindest verteilt werden sollen? Die Philosophie geht dieser Frage seit vielen Jahrzehnten maßgeblich unter dem Einfluss John Rawls’ nach. Dessen „Theory of Justice“ von 1971 gibt bekanntlich eine skeptische Antwort – auch weil es letztlich Glückssache und nicht eigenes Verdienst sei, wer mit welchen Begabungen auf die Welt komme. Seither sind die Probleme der sogenannten Verteilungsgerechtigkeit von philosophischer Seite wiederholt herausgestellt worden, wozu auch gehört, dass sich die Leistungen Einzelner in einer pluralistischen, arbeitsteiligen Gesellschaft weder präzise voneinander isolieren noch objektiv bestimmen lassen. Parallel haben die Sozialwissenschaften dem westlichen Glauben, in einer Leistungsgesellschaft zu leben, empirisch den Boden entzogen. Denn in den USA, in Deutschland und anderen selbst ernannten Meritokratien hängen Güterverteilungen und Statussysteme doch noch maßgeblich von leistungsunabhängigen Faktoren ab, von der Herkunft etwa und dem Geschlecht.
Genau deshalb aber, so Kevin M. Dears in seiner an der Universität Paderborn angenommenen Dissertationsschrift, darf die Politische Philosophie nicht dem Defätismus frönen. Ihre Aufgabe müsse sein, „den Leistungsbegriff zu erhellen, sowohl mit seinen Schwächen, aber auch mit seinen Stärken, um die positiven Konnotationen nicht aus dem Blick zu verlieren und einen ethischen Orientierungspunkt bei der Analyse des Verhältnisses von Individuum und Gemeinschaft bereitstellen zu können“ (S. 14). Vor diesem Hintergrund zielen Dears Ausführungen in zwei Richtungen. Es geht ihm einerseits um eine „Kritik der Kritiker des Leistungsprinzips“ (S. 8) und andererseits darum zu zeigen, „dass der Leistungsgedanke“ als Verteilungsprinzip Berechtigung habe und nicht zuletzt „als marktkritisches Korrektiv eine gerechtigkeitsethische Funktion“ erfülle (ebd.). Quer dazu ist der Autor um einen interdisziplinären Brückenschlag bemüht. Anstatt die philosophische Reflexion des Leistungsbegriffs auf moralische Aspekte zu verengen, sollen soziologische, bildungswissenschaftliche und psychologische Forschungsergebnisse in die Analyse Eingang finden.
Wie geht der Autor dafür vor? Das auf die Einleitung folgende zweite Kapitel liefert eine definitorische Annäherung an Leistung, die anstelle von physikalisch-mechanistischen Formeln freiheitsethische Überlegungen und Theorien sozialer Anerkennung stark macht – um sodann einige grundlegende Einwände wieder die Vorstellung einer an Leistung orientierten gerechten Gesellschaftsordnung zu hinterfragen. Den Kritikern werden „unhinterfragte Prämissen, fragwürdige empirische Annahmen und Fehlschlüsse“ (S. 66) vorgeworfen, ein recht pauschales Urteil, das auch aufgrund der Kürze der Ausführungen überrascht.
Die folgenden fünf Kapitel nuancieren diese Perspektive. Einerseits differenzieren sie Vorstellungen der Leistungsgerechtigkeit weiter aus, etwa durch Überlegungen zu gerechtigkeitsrelevanten Eigenschaften sowie unter schrittweisem Einbezug der Konzepte der Gleichheit, des Verdienstes, der Begabung und der Arbeit. Andererseits werden die Ergebnisse nun auf konkrete politische Anwendungsfelder bezogen: die Debatte um Quotenregelungen, um den Sozialstaat und um die Frage der Lohngerechtigkeit inklusive von Konzepten wie Grundeinkommen und Mindestlohn. Unter anderem zeigt der Autor überzeugend, dass das eingangs skizzierte Argument von John Rawls, das in der Philosophie seither vielfach rezipiert und reproduziert worden ist, einem in den Nachbarwissenschaften längst überholtem Verständnis von Begabung als einer dem Einzelnen von Natur aus mitgegebenen statischen Größe aufsitzt. Denn tatsächlich, so lässt sich von einer breiten Phalanx human- und sozialwissenschaftlicher Literatur lernen, sind die vermeintlich natürlichen Begabungen des Einzelnen das Ergebnis seiner Förderung und auch seines Selbstbildes.
Solche Hinweise belegen die Fruchtbarkeit eines stärker interdisziplinären Dialogs in der Leistungsdebatte. Dear schafft dafür eine hilfreiche Grundlage, und auch sein Anliegen einer Ehrenrettung des Leistungsprinzips als marktkritisches Korrektiv hat seine Berechtigung. Pointiert hat bereits der Soziologe Sighard Neckel unter Rekurs auf die Philosophie David Millers davor gewarnt, leistungsbasierte Gerechtigkeitskonzeptionen sozialwissenschaftlich zu dekonstruieren, während im Alltag westlicher Industriegesellschaften die Orientierung an Leistung stillschweigend der Orientierung am (Markt‑)Erfolg weiche. Aber auch nach der Lektüre von Dear ist weiterhin offensichtlich, dass sich individuelle Leistungen in pluralistischen, arbeitsteiligen Gesellschaften weder objektiv zuordnen noch messen lassen. Dear hält diese Ansicht zwar für „falsch“ und „sogar für widersinnig“ (S. 209), kann sie aber nicht plausibel widerlegen.
Zwar weist er überzeugend darauf hin, dass die zwischen normativen und deskriptiven Anteilen changierende Kategorie der Leistung maßgeblich auf dem Gedanken des „Es-selbst-Tun“ fußt (S. 37), und dass die Zuschreibung einer Leistung folglich die Zuschreibung von Freiheit, Autonomie und Verantwortungsfähigkeit voraussetzt, was von philosophischer Seite nur selten explizit gemacht werde. Aber Dear verzichtet dann darauf, diese Prämisse zu explizieren. Im Fazit weicht er in Beispiele aus, die unter anderem daran erinnern, eine Grundschullehrerin, welche zuvor mühevoll ein Studium absolviert habe, leiste doch offensichtlich mehr als ein jugendlicher Schulabbrecher, der „die Arbeitslosigkeit aus eigener Überzeugung einer Arbeitsstelle vorzieht“ (S. 209). Danach wird Dear apodiktisch: „Ich kann jedenfalls nicht sehen, warum die alternative Ansicht, Leistung sei eine Ideologie und habe nichts mit Gerechtigkeit zu tun, korrekt sein soll“ (ebd.).
Aber gibt es denn tatsächlich nur diese beiden Optionen, die radikale Leistungskritik oder die radikale Verteidigung jenes konventionellen Verständnisses von Leistungsgerechtigkeit, das die Anstrengungen und Anstrengungsergebnisse vermeintlich autonom agierender Individuen vergleicht und damit die komplexen Bedingungen für die Herstellung von persönlicher Leistung als einer sozialen Konstruktion verfehlt? Gerade von philosophischer Seite darf man sich hier noch mehr erhoffen.