Während in Deutschland mit unterschiedlichen Veranstaltungen der Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren gedacht wird, legt Fabienne Amlinger eine Studie zu den Folgen der Einführung des Stimmrechts für Frauen in der Schweiz im Jahr 1971 vor. In der Dissertationsschrift, die am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern entstanden ist, wird das Wirken der Frauenorganisationen dreier Schweizer Parteien untersucht. Verfügten die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) bereits seit 1917 und die Freisinnig-Demokratische Partei der Schweiz (FDP) seit 1949 über eigene Frauenorganisationen, veränderte sich ab 1971 deren Funktion innerhalb der Parteien. Die Christlichdemokratische Volkspartei der Schweiz (CVP) baute erst nach der Stimmrechtsreform eine eigene Frauenorganisation auf. Diese Organisationen der „drei Hauptströmungen im politischen System und in den politischen Denkrichtungen der Schweiz […] – der Sozialismus, der Liberalismus und der Konservatismus“ (S. 17) – und ihre Funktionen stehen im Zentrum der Analyse.
Der Untersuchungszeitraum reicht vom Beginn der 1970er bis in die Mitte der 1990er Jahre, denn da vollzog sich, so die Argumentation der Berner Historikerin, „ein struktureller Wandel, in dem sich das Feld gegenüber Frauen öffnete“ (S. 366). Katalysiert worden sei dieser Wandel durch den „Brunner-Skandal“, also die nicht erfolgte Wahl der einzigen Nominierung für den Bundesrat im März 1993, der Sozialdemokratin Christiane Brunner. Amlinger vertritt die These, dass der Skandal „die vergeschlechtlichten Normen und Regeln des politischen Feldes zutage förderte, den bislang verdeckten Widerstand gegen den Androzentrismus in der Politik in Form von hidden transcripts öffentlich machte und einen bedeutenden gleichstellungspolitischen Transformationsprozess einleitete“ (S. 70, Kursivierung im Original).
Neben James C. Scotts Konzept der hidden transcripts liegt der Analyse vor allem Pierre Bourdieus Theorie des politischen Felds zugrunde, wobei die Autorin überprüft, „ob die parteieigenen Frauenorganisationen und deren Vertreterinnen überhaupt als politische Akteurinnen zu bezeichnen sind oder ob sie nicht eher als Alibi für den Gleichberechtigungswillen ihrer Parteien fungierten“ (S. 26). Um diese Frage zu beantworten, werden die Frauenorganisationen einzeln in drei Kapiteln anhand von vier Aspekten untersucht. Diese Aspekte sind erstens ihre Organisationsstrukturen, zweitens ihre Position innerhalb der Partei, drittens ihre politischen Tätigkeiten und viertens ihr Verständnis der Geschlechterverhältnisse (S. 18 ff.). Einen systematischen Vergleich strebt Amlinger nicht an, vielmehr fokussiert sie bei allen Frauenorganisationen auf deren Reaktion auf den „Brunner-Skandal“, der nicht nur die SPS-Frauen traf, sondern über alle Parteigrenzen zu Protest und Veränderungen führte. So zeichnet Amlinger in ihrer Dissertation nach, in welchem Dilemma sich alle drei Frauenorganisationen befanden, denn „durch ihren Einsatz für frauen- und gleichstellungspolitische Anliegen […] entbanden sie letztlich ihre Partei von genau diesen Aufgaben und stützten damit eine politische Arbeitsteilung zwischen der Frauenorganisation und der restlichen Partei“ (S. 163). Dies ist zugleich die Erkenntnis der Analyse Amlingers: den parteieigenen Organisationen kam die Funktion zu, die nun stimmberechtigten Frauen in die Parteien sowie ins politische Feld zu integrieren (S. 356). Gleichwohl betont die Verfasserin den großen Einfluss, den die feministische Bewegung insbesondere auf die SPS-Frauen hatte. Dies wiederum verdeutlicht, dass es noch andere Akteurinnen gab, die ins politische Feld strebten und mit denen unterschiedliche Wechselbeziehungen bestanden.
Die Autorin will in ihrer Untersuchung politik- und geschlechtergeschichtliche Fragestellungen aus einer kulturhistorischen Perspektive miteinander verknüpfen (S. 20). Dazu kombiniert sie historisch-hermeneutische und diskursanalytische Herangehensweisen und ergänzt diese durch subjektive Eindrücke aus Oral-History-Interviews (S. 33–37). Die methodischen Ansätze variieren je nach untersuchtem Aspekt, ein stärkerer analytischer Einbezug der sicherlich aufwendigen Interviews – mit Bezug auf David Richards wird der Ansatz der Eliteinterviews verwendet (S. 36) – wäre spannend gewesen.
Die Studie gibt einen Einblick in die Parteiarbeit von Frauen in der Schweiz, ihr ist ein breiter Kreis von Leserinnen und vor allem Lesern jenseits der geschlechtergeschichtlichen Forschung zu wünschen.