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Einzelrezension

Schönhärl, Korinna: Finanziers in Sehnsuchtsräumen. Europäische Banken und Griechenland im 19. Jahrhundert, 505 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.


Abstract

No Learning Effects in Greece

Keywords: Review, Schönhärl, Korinna, 2017, Banken, Griechenland, Investitionen, Risiko

How to Cite:

Gehlen, B., (2019) “Schönhärl, Korinna: Finanziers in Sehnsuchtsräumen. Europäische Banken und Griechenland im 19. Jahrhundert, 505 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00090-8

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-21

Peer Reviewed

Finanzmärkte kommen aus der Perspektive zahlreicher Beobachter_innen dem Idealtypus des neoklassischen Markts besonders nahe. Nicht von ungefähr entwickelte die Ökonomie ihre Markteffizienzhypothese vor allem anhand von Finanzmärkten. Die dortigen Preise, so die Annahme, bildeten alle vorliegenden Informationen bestmöglich ab, sodass Informationsasymmetrien zwischen Verkäufer und Käufer (theoretisch) ausgeschlossen werden können. Die Vorstellung basiert auf im Marktsinne rationalen Akteuren, die bei ihren Investitionen ausschließlich ihren ökonomischen Nutzen maximieren wollen. Korinna Schönhärl geht es in ihrer – explizit kulturgeschichtlichen (S. 13) – Duisburg-Essener Habilitationsschrift aber nicht darum, diese elaborierte und theoretisch wohlbegründete Sichtweise der (Mainstream‑)Ökonomie zu widerlegen, sondern darum, am Beispiel Griechenlands historisch-empirisch nachzuweisen, dass vermeintlich weiche, kulturelle Prägungen, Wahrnehmungen und Deutungsangebote das Investitionsverhalten von Bankiers maßgeblich mitbestimmen.

Zwar folgten auch die von ihr untersuchten Bankiers(-familien), die sich in Griechenland engagierten, ökonomischen Nutzenkalkülen, das heißt sie bezweckten, mit ihren Investitionen Gewinn zu erzielen, doch Schönhärl zeigt, dass die (west-)europäischen Finanziers in diesem instabilen, von gleich drei Staatsbankrotten in gut 60 Jahren (1827, 1843, 1893) gekennzeichneten Markt auch Risiken eingingen, die sich mit ökonomischer Rationalität allein nicht hinreichend erklären lassen. Sie greift hierfür methodische Konzepte auf, die in der Marktsoziologie und vor allem der behavioural finance entwickelt wurden und füllt so ihren Kernbegriff „Vertrauen“ überzeugend mit analytischem Gehalt. In neun Fallstudien untersucht Schönhärl Bankiers aus mehreren Ländern, ihre Wahrnehmung von Griechenland als Markt und als „Image“ sowie ihre Mitwirkung an Investitionsprojekten – entweder Direktinvestitionen oder Zeichnung von Staatsanleihen. Sie arbeitet quellennah, anschaulich und erfreulich gut lesbar die situativen Investitionsmotive, Risikoperzeptionen und Sicherungskonzepte heraus, die sie mit stupender Fremdsprachenkenntnis aus geschäftlicher und privater Korrespondenz rekonstruiert. Dies fördert zahlreiche neue Einsichten in das noch stark familiendominierte internationale Bankwesen des 19. Jahrhunderts zu Tage, in dem eher individuelle Akteure als bürokratisierte Großbanken maßgeblich waren. Das britische Bankhaus Ricardo legte beispielsweise trotz negativer Erfahrungen 1825 eine zweite Griechenlandanleihe auf. Es wälzte das Risiko zwar auf die (bisweilen euphorischen) Anleger ab, musste aber doch Reputationsschäden aufgrund der schlechten Kursentwicklung in Kauf nehmen. Freilich setzten die Bankiers die griechischen Kreditnehmer unter Druck, damit diese Waffen von britischen Produzenten erwarben, die eng mit dem Bankhaus verflochten waren und zog so über Umwege zusätzlichen Nutzen aus der Anleihe. Auch weitere Geschäfte weisen eine Dimension von Anschlussgeschäften auf. Teils agierten die Bankiers (im Selbstbild) zwar als Entwicklungshelfer, so vor allem der französische Bankier – und Begründer der griechischen Nationalbank – Jean-Gabriel Eynard, bei dem deutlich philhellenistische Motive mitschwangen. Doch teils engagierten sie sich in Griechenland, um dort ihren geschäftlichen und politischen Einfluss zu erhöhen, so die Bankiersfamilie d’Eichthal. Sie konnte sich – anders als Rothschild – aber nicht dazu durchringen, sich selbst finanziell in Griechenland einzubringen, weil sie – gerade aufgrund ihrer Expertise vor Ort – die Risiken als zu hoch bewertete. Allerdings trieben sie als Vermittler Infrastrukturprojekte und institutionelle Modernisierung voran, ohne eigene Mittel aufzuwenden. Gerson Bleichröder ließ sich aus Rücksicht auf Bismarcks Interessen darauf ein, eine Griechenland-Anleihe aufzulegen – und verdiente damit gut. Hingegen war die französische Projektgesellschaft, die die Finanzierung des Kanalbaus in Korinth übernahm, aufgrund technischer und geologischer Fehleinschätzungen des Bauvorhabens 1883 bankrott.

So sehr Schönhärls Fallstudien (wie die Arbeit insgesamt) auch überzeugen, so bleibt – zumindest aus Sicht des Rezensenten – eine nicht unmaßgebliche Frage ungeklärt. Worin lag das betriebswirtschaftliche Risiko der Bankiers selbst? Es wird beispielsweise nicht explizit deutlich, welchen Anteil die Finanztransaktionen an den Aktivgeschäften ihrer Häuser hatten. Es ist ja für Banken keineswegs unüblich, einen Teil der Aktiva in Risikopositionen anzulegen, sei es aufgrund höherer Renditeerwägungen, sei es aufgrund anderer Überlegungen. In den meisten Beispielen agierten die Bankiers jedoch ‚nur‘ als Vermittler, die über Provisionen und (für sie) günstige Ausgabekurse vergleichsweise sichere Einnahmen erzielten oder aber die wie Ricardo, d’Eichthal oder Bleichröder rent seeking in ihre Überlegungen einbezogen. Daher zeigt die Arbeit auch, dass die Bankiers Techniken zur Risikovermeidung etablierten, sich vertraglich absicherten oder das Risiko auf Dritte, etwa Anleihezeichner, abwälzten. Das wiederum war ökonomisch rational und ließe sich durchaus mit Nutzenmaximierung erklären, die ja nicht nur auf maximalen Output abzielt, sondern sich auch durch geringeren Input erreichen lässt. Trotz dieses kleinen Einwands ist gerade die klare Abgrenzung von den dominanten Paradigmen der Bankengeschichtsschreibung ein Vorzug dieser Arbeit, die den Blick für soziokulturell eingebettete Motivationen ökonomischen Handelns anschaulich und empirisch fundiert weitet.