Die Relevanz der Umweltgeschichte ist vor dem Hintergrund des beschleunigten ökologischen Wandels und der neuerdings wieder erstarkenden Widerstände gegen eine engagierte Umweltpolitik ungebrochen hoch.1 Allerdings zeichnet sich ab, dass sich mit dem Leitbegriff des „Anthropozäns“ eine neue Interpretation der rasanten Umweltveränderungen der letzten Jahrhunderte herausbildet. Nachdem „Nachhaltigkeit“ in den 1990er und 2000er Jahren die zentrale Vokabel in der Auseinandersetzung war, hat sich der aus der Geologie entlehnte Begriff im letzten Jahrzehnt auch in den Geisteswissenschaften schnell verbreitet. Die Konsequenzen für die umwelthistorische Forschung sind weitreichend. Zwar werden „Nachhaltigkeit“ und „Anthropozän“ selten explizit gegenübergestellt, aber implizit fließen die Grundannahmen dieser Konzepte als Bewertungshorizonte in die Interpretation historischer Umweltveränderungen ein. Für einige wichtige Themen der Umweltgeschichte, insbesondere der Ressourcennutzung und der Klimageschichte, bildet die Debatte um das „Anthropozän“ zunehmend den Fokus der Forschung – gerade weil die Implikationen des „Anthropozän“-Konzepts kontrovers diskutiert werden.2
In der Debatte um das „Anthropozän“ ist vor allen Dingen der temporale Bezugshorizont der Umweltgeschichte thematisiert worden (worauf ich im ersten Teil dieses Beitrags eingehen werde). Dabei steht zur Debatte, ob die extrem langen geologischen Zeiträume als Maßstab geeignet sind, die Umweltveränderungen der letzten Jahrhunderte zu bewerten. Damit verbunden ist die Frage, wie menschliche Handlungsmöglichkeiten angesichts des epochalen Umweltwandels einzuschätzen sind.3 Der Mehrwert der geschichtswissenschaftlichen Perspektive besteht dabei darin, die großen Linien gesellschaftlichen Wandels systematisch zur Beantwortung dieser Fragen heranzuziehen.4 Dieser Anspruch überschneidet sich mit Forderungen nach längeren Betrachtungszeiträumen in den Geschichtswissenschaften.5 Die umwelthistorische Forschung betont dabei insbesondere die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Reflexion von Umweltveränderungen, die einerseits zu immer tieferen Verflechtungen von sozialen und ökologischen Dynamiken geführt hat, andererseits aber auch immer wieder Lösungsansätze für Umweltprobleme hervorgebracht hat, etwa im Zusammenhang von Urbanisierung und Wasserversorgung.6 Die hier besprochenen Bücher ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass soziale Anpassungen anstelle einer einseitigen Fokussierung auf technische Lösungen für die Herausforderungen des „Anthropozäns“ zu diskutieren sind.
Des Weiteren hat die Diskussion um das „Anthropozän“ die umwelthistorische Debatte über die Dichotomie von „Natur“ und „Kultur“ wieder neu aufleben lassen, die wichtige erkenntnistheoretische Fragen berührt (zweiter Teil dieses Beitrages). Angeregt durch die Kontroversen in der Geologie wird auch in den Geschichtswissenschaften wieder verstärkt darüber nachgedacht, wie sozialer und ökologischer Wandel miteinander verflochten sind. In Anlehnung an naturwissenschaftliche Befunde wird betont, dass Umweltbedingungen, die sich jenseits von menschlichem Einfluss ständig und zum Teil äußerst dynamisch wandeln, entscheidend auf die „kulturelle“ Entwicklung der Menschheit einwirken. Konzepte der Genetik oder der Neurologie werden in die historische Argumentation übernommen, um zu verdeutlichen, dass die Geschichte nicht allein vom freien menschlichen Willen bestimmt wird. Menschliche Aktivitäten prägen zwar zweifelsohne in zunehmendem Maße die Umwelt, aber zugleich sind sie von dieser sich immer schneller verändernder Umwelt abhängig und werden von ihr gefährdet – eine sich intensivierende Verflechtung, die Helmuth Trischler als „paradox of the Anthropocene“ bezeichnet hat.7
Das Niedergangsnarrativ der frühen Umweltgeschichte ist schon seit längerem weitgehend einer Sichtweise gewichen, die die komplexe Verflechtung von sozialen und ökologischen Entwicklungen in den Blick nimmt. Auch das Ideal eines ökologischen Gleichgewichts, das im Konzept der „Nachhaltigkeit“ politisch weiterhin wirkmächtig ist, stellt sich aus geschichtswissenschaftlicher Sicht als problematisch dar (Abschn. 3 dieses Beitrages). Schon in den 1980er Jahren hat die historische Forschung vor allem am Beispiel der „Holznot“ im 18. und 19. Jahrhundert den konstruierten Charakter von Nachhaltigkeitsvorstellungen herausgearbeitet.8 Daran anknüpfend hat die neuere Literatur damit begonnen, die Debatten seit den 1970er Jahren zu historisieren, in denen „Nachhaltigkeit“ abermals zur Leitvokabel wurde. Mit der Debatte um das „Anthropozän“ stellt sich die Frage, ob ökologisches Gleichgewicht überhaupt eine realistische Vorstellung sein kann, in neuer Deutlichkeit. In den hier besprochenen geschichtswissenschaftlichen Beiträgen werden diese Vorstellungen als kulturelle Konstruktionen dechiffriert, ohne allerdings deren Relevanz und Werkmächtigkeit zu negieren.
Die Temporalität des „Anthropozäns“ – Vom Ineinandergreifen geologischer und sozialer Prozesse
Der Begriff des „Anthropozän“ wird auf einen Einwurf des Meteorologen und Chemie-Nobelpreisträgers Paul Crutzen auf einer Konferenz im Jahr 1999 zurückgeführt.9 Crutzen löste damit eine weitreichende Debatte in den Geowissenschaften um die Frage aus, ob wir uns in einem neuen Erdzeitalter befinden, in dem geologische, klimatische und biologische Prozesse signifikant und irreversibel von menschlichen Aktivitäten geprägt sind. Als zentral für diese Kontroversen erwies sich die Auseinandersetzung über die Datierung des Beginns des „Anthropozäns“, der aus geowissenschaftlicher Sicht mit stratigraphischen Indikatoren, das heißt langfristig nachweisbaren geologischen Ablagerungen, belegt werden muss. Crutzen argumentierte mit dem ansteigenden CO2-Ausstoß seit dem 18. Jahrhundert und datierte den Beginn des „Anthropozäns“ – stark zugespitzt – auf 1784, dem Jahr als James Watt die Dampfmaschine erfand. Andere Vorschläge zur stratigraphischen Bestimmung verweisen beispielsweise auf die erhöhten radioaktiven Niederschläge des mittleren 20. Jahrhunderts, die sich auch noch in der entfernten Zukunft geologisch werden nachweisen lassen. Wieder andere Stimmen halten die Neolithische Revolution vor etwa 12.000 Jahren oder die „Columbian Exchange“ seit dem 15. Jahrhundert für die entscheidenden Schwellenereignisse. Eine ganz andere Position wird von denjenigen vertreten, die davon ausgehen, dass menschliche Aktivitäten geologische Prozesse angestoßen haben, die sich erst in der Zukunft voll entfalten werden. Mithin sei das „Anthropozän“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht geologisch nachweisbar, wohl aber ließen sich die beobachtbaren Veränderungen als Hinweise auf den Übergang in ein neues Erdzeitalter deuten.10
Die Kontroverse um die Datierung ist aus geschichtswissenschaftlicher Sicht interessant. Sie hängt eng mit der Frage zusammen, welche gesellschaftlichen Veränderungen relevant sind – die Industrialisierung, die „Entdeckung“ Amerikas oder der Kalte Krieg – und wie ihr Einfluss auf die geologischen Veränderungen einzuschätzen ist. Ohne die Problematik des geowissenschaftlichen Nachweises zu reproduzieren, gehen Historikerinnen und Historiker daher in der Regel davon aus, dass das „Anthropozän“ in der Vergangenheit begonnen hat, wir uns mithin bereits in diesem Erdzeitalter befinden.11 In einem vielbeachteten Aufsatz, den der Umwelthistoriker John McNeill gemeinsam mit Crutzen und dem Klimawissenschaftler Will Steffen veröffentlichte, schreiben die Autoren vom „Anthropozän“ explizit als „the current epoch in which humans and our societies have become a global geophysical force“.12 Ihrer Ansicht nach begann das „Anthropozän“ um 1800 und trat Mitte des 20. Jahrhunderts in eine Phase des beschleunigten Wandels ein. Bevor aber einige neuere geschichtswissenschaftliche Werke, die diese Perspektive einnehmen, exemplarisch besprochen werden, lohnt es, zunächst einen Blick auf die Nachbardisziplinen zu werfen.
Anders als die meisten Historiker_innen, geht beispielsweise der Literaturwissenschaftler Jeremy Davies von der Übergangsthese in seinem Buch „The Birth of the Anthropocene“ aus.13 Davies zufolge stehen wir am Beginn des „Anthropozäns“, das zwar bereits durch menschliche Aktivitäten eingeleitet worden sei, sich aber erst in Wechselwirkung mit klimatischen, biologischen und geologischen Faktoren, die auch jenseits von menschlichem Einfluss äußerst dynamisch sind, voll entfalten wird. Die Menschheit erscheint bei Davies als Auslöser eines Umbruchs, den sie nicht mehr einfangen kann, weil sie Veränderungen angeregt hat, die sich längst ihrer Kontrolle entziehen.
Spannend an Davies’ Buch ist aber vor allem seine These über den Charakter der aktuell zu beobachtenden rasanten Umweltveränderungen. Im Hintergrund steht die Frage, wie ungewöhnlich der aktuelle Wandel ist und inwiefern er sich von vorangegangenen geologischen Transformationen unterscheidet. Die Antwort auf diese Frage hängt, wie Davies deutlich macht, von der zeitlichen Perspektive ab, in die man den aktuellen Wandel einordnet. Davies selbst vertritt dabei eine „neocatastrophist perspective“ (S. 29), die betont, dass es über einen Zeithorizont von mehreren 100 Mio. Jahren immer wieder abrupte Einschnitte in der Geschichte des Planeten gegeben hat. Der bekannteste dieser Einschnitte ist wohl der Meteoriteneinschlag, der vor 66 Mio. Jahren zum Aussterben der Dinosaurier geführt haben soll. Schnelle klimatische, biologische und geologische Umbrüche, die dem aktuellen Wandel ähnlich sind, treten immer wieder auf, da die Erde als dynamisches System von Zeit zu Zeit dieser Art fundamentalen Wandels unterworfen ist. Neu sei lediglich, dass neben ältere Ursachen schneller und umfassender Veränderung, wie Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche, menschliche Aktivitäten als Auslöser getreten sind. Zu der von Davies eingenommenen „neocatastrophist perspective“ gehört aber auch, die Veränderungen nicht ausschließlich auf eine „katastrophale“ Ursache zu reduzieren. Stattdessen müssten die menschlichen Aktivitäten, wie ältere „katastrophale“ Ereignisse von geologischer Reichweite, auch als Auslöser komplexer Veränderungsprozesse interpretiert werden, die sich unabhängig vom auslösenden Ereignis weiter fortpflanzen.
Das ist für die Menschheit insofern problematisch, als menschliche Kultur bisher nur in einem Erdzeitalter, dem Holozän, existiert hat. Kennzeichnend für die knapp 12.000 Jahre des Holozäns sind – im geologischen Vergleich – relativ stabile klimatische Verhältnisse (S. 146 f.). Die Herausforderung besteht nach Davies nicht darin, den aktuellen Wandel aufzuhalten (was er ohnehin für unmöglich hält), sondern darin: „the civilized rights and pleasures previously confined to the Holocene will have to negotiate radically changed ecological conditions if they are to endure, let alone if they are to be extended more generously to more people. That is the political problem of the Athropocene“ (S. 5).
Die politische Schlussfolgerung, die Davies zieht, richtet sich explizit gegen das vorherrschende Nachhaltigkeitsparadigma der Umweltpolitik: „The world is in the time of transition between the Holocene and the Anthropocene, and just confronting that transition is a large enough task for ecological activists. […] To recognize that is to see a new purpose for environmentalism. Not to escape from the crisis of the Holocene into a world made indefinitely ‚sustainable‘ and thereby liberated from geohistory“ (S. 194). In der aktiven Gestaltung der aktuellen geologischen Transformation sieht Davies die Chance, soziale Ungleichheiten zu überwinden. Dies könne gelingen, weil die aktuelle Krise es unumgänglich mache, die Rahmenbedingungen der bestehenden Mensch-Umwelt Beziehungen, die durch Ungleichheit geprägt seien, zu hinterfragen (S. 199). Demgegenüber bleiben die konkreten Ansätze, die Davies zur Gestaltung der Transformation skizziert, erstaunlich konventionell. Sie erschöpfen sich in Vorschlägen, wie der CO2 Ausstoß zu reduzieren sei: „by activist-led divestment from fossil fuel companies, which has the potential to accelerate cautious shareholders’ retreat from firms whose value rests on their ownership of assets that may never be usable“ (S. 207). Solche Vorschläge werden jedenfalls der inspirierenden These, die aktuellen Umweltveränderungen als „katastrophale“ Transformation vom Holozän zum „Anthropozän“ zu begreifen, nicht gerecht.
Deutlich pessimistischer im Ton als Davies und auf die gesellschaftlichen Prozesse der Vergangenheit ausgerichtet ist „The Shock of the Anthropocene“ der Historiker Christophe Bonneuil und Jean-Baptiste Fressoz.14 Auch dieses Buch ist als Einführung in die Debatte um das „Anthropozän“ aus geisteswissenschaftlicher und insbesondere historischer Perspektive gedacht. Dazu fokussieren Bonneuil und Fressoz auf die Narrative, die seit dem 18. Jahrhundert rund um das Verhältnis von Mensch und Natur entstanden sind. Sie argumentieren, dass das darin dominierende dichotomische Verständnis von Mensch und Natur die entscheidende Voraussetzung für den Weg in das „Anthropozän“ gewesen sei. Die Vorstellung von der Beherrschbarkeit der Natur einerseits und von den Menschen als autonom handelnden Akteuren andererseits habe den rasanten Umweltwandel der Moderne überhaupt erst ermöglicht. Weil Bonneuil und Fressoz davon ausgehen, dass Narrative Entwicklungspfade vorzeichnen, halten sie es für eine gesellschaftlich hoch relevante Aufgabe, alternative Deutungsangebote zu popularisieren, die dem gängigen dichotomischen Denken entgegengesetzt werden können. Während das dichotomische Denken den Pfad, der die Menschheit in das „Anthropozän“ geführt habe, fortschreibt, könnten Narrative, die die Verflechtung zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und Umweltveränderungen sichtbar machen, dazu beitragen, mögliche Lösungswege vorzuzeichnen. Es sei Aufgabe der Geschichtswissenschaften, solche Narrative zu entwickeln, die alternative Entwicklungspfade hervorbringen können (S. 49).
Im Folgenden präsentieren Bonneuil und Fressoz Narrative, die die Verflechtung zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und Umweltveränderungen seit dem 18. Jahrhundert nachzeichnen. Dazu gehört die Geschichte des „Thermocene“, in dem die Autoren den wachsenden CO2-Ausstoß als Folge bewusster politischer Entscheidungen und daran anschließender ökonomisch begründeter lock-in-Effekte darstellen (S. 99–121). Ebenso ließe sich die Geschichte als eine Geschichte des „Phagocene“ erzählen, in der die Ausweitung der Konsumgesellschaft die treibende Kraft hinter den miteinander verflochtenen gesellschaftlichen Entwicklungen und Umweltveränderungen ist (S. 148–169). Dazu gehören aber auch die Geschichten des „Phronocene“, der oft auch kritischen gesellschaftlichen Reflexion der Umweltveränderungen, die in ihrer aktuellen Kontur ebenfalls bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht, und die Geschichte des „Agnotocene“, einer Geschichte der Verdrängung und Externalisierung der den Zeitgenossen bekannten Ursachen des Umweltwandels (S. 170–221). Vor allem mit dem letzten Narrativ, das Bonneuil und Fressoz entwickeln, das des „Polemocene“ (S. 253–287), versuchen sie schließlich, den eigenen Anspruch einzulösen, „that other voices from and for the Earth can be heard, coming from other cultures and other social groups“ (S. 49). Denn in deren Deutungen, die bisher marginalisiert worden seien, vermuten die Autoren Ansätze für alternative Entwicklungspfade. Allerdings bleibt die Darstellung auch hier, wie in den vorangehenden Kapiteln, weitgehend eurozentrisch und auf Elitendiskurse beschränkt. Insgesamt verbirgt sich unter der Oberfläche der hochtrabenden Neologismen, die Bonneuil und Fressoz für die Narrative einführen, kaum etwas, das aus der umwelthistorischen Forschung und angrenzenden Forschungsgebieten nicht schon länger bekannt ist.15
Im Gegensatz zu den Werken von Davies sowie Bonneuil und Fressoz, die das „Anthropozän“ vor einem Zeithorizont von Jahrmillionen beziehungsweise mehreren Jahrhunderten interpretieren, fokussiert die Darstellung von John McNeill und Peter Engelke auf die Beschleunigung seit den 1950er Jahren.16 Die „Great Acceleration“ beschreiben sie als den Eintritt in eine zweite Stufe des „Anthropozäns“. Allerdings verwendet der Band das Konzept der „Great Acceleration“ eher als assoziativen Rahmen der Darstellung umwelthistorischen Wandels. Systematisch begründet wird die Wahl dieser Zäsur nicht. Insgesamt dominieren konventionelle Deutungen, die nur selten analytisch in Bezug zum Konzept des „Anthropozäns“ gestellt werden. Stattdessen erinnern die Argumente an die Beschreibung des „1950er Syndroms“, die Christian Pfister und andere bereits vor zwei Jahrzehnten vorgelegt haben.17 So wiederholen die Autoren in der ersten Hälfte des Buches bekannte Narrative von der zunehmenden Ausbeutung und Verschmutzung der Umwelt. Sie zeigen, dass billige Energie und Konsumverhalten die Voraussetzung für zahlreiche Eingriffe in die Umwelt, vom Bergbau über die Landwirtschaft bis zum Tourismus waren und zeichnen ein Bild des Niedergangs. In der zweiten Hälfte setzen sie dem Niedergangsnarrativ die gesteigerte gesellschaftliche Reflexion der Umweltveränderungen nach 1945 gegenüber. Sie zeigen, wie die politische und wissenschaftliche Thematisierung von Klima oder Biodiversität in Mechanismen der (Selbst‑)Regulierung mündeten und zu positiver Veränderung geführt haben – wenn auch nicht immer und in jedem Fall. Insgesamt lässt das Buch viele Fragen offen. Nicht nur, warum die Mitte des 20. Jahrhunderts eine geeignete Zäsur darstellen soll, sondern auch, wie sich die dargestellten Befunde zum Konzept des „Anthropozäns“ verhalten. Gerade im Vergleich zu McNeills früheren Veröffentlichungen18 verwundert dies. Es lässt sich vielleicht damit erklären, dass mit diesem Buch ein breiteres Publikum erreicht werden sollte.
Aufschlussreich mit Blick auf die Interpretation des „Anthropozäns“ ist jedoch, wie sich McNeill und Engelke mit dem exponentiellen Bevölkerungswachstum der letzten zwei Jahrhunderte auseinandersetzen (wobei sie den von ihnen gesteckten engen Zeitrahmen argumentativ überschreiten). Die demografische Entwicklung erscheint hier als zentraler Faktor, der den beschleunigten Umweltwandel angetrieben hat. Angesichts des aktuell wieder nachlassenden Bevölkerungswachstums werde sich auch der beschleunigte Umweltwandel in absehbarer Zeit wieder abschwächen. Sie argumentieren gewissermaßen damit, dass der demografische Übergang, der im 19. Jahrhundert in Europa begonnen hat, auf globaler Ebene nun seinen Abschluss findet und damit auch die „Great Acceleration“ zum Ende komme. Das bedeute jedoch keine Rückkehr zu einem früheren Zustand, sondern nur, dass sich in naher Zukunft ein anderes, nicht vorhersagbares Gleichgewicht einpendeln werde: „[T]he Great Acceleration will not last long. It need not and cannot. The burst in human population growth is already coming to an end. And, less clearly, but no less surely, the age of fossil fuels will come to an end. These trends should be sufficient to decelerate the Great Acceleration“ (S. 209).
Ähnlich wie bei McNeill und Engelke spielt dabei auch in Franz-Josef Brüggemeiers „Schranken der Natur“ die Idee der gesellschaftlichen Selbstregulierung eine zentrale Rolle.19 Auch wenn Brüggemeier den Klimawandel als Ausgangspunkt seiner Überlegungen wählt, lässt sich das Buch als Beitrag zur Debatte über die zeitlichen Logiken des „Anthropozäns“ lesen. Brüggemeier geht es darum, ein historisches Entwicklungsmuster herauszuarbeiten, das erklärt, wie die gesellschaftliche Reflexion von Umweltveränderungen und -belastungen sowohl zu neuen Lösungen als auch zu neuen Problemen geführt hat. Dabei geht er über den bisherigen Stand der Umweltgeschichte insofern hinaus, als er die häufig vertretene These, Regulierung und technologische Innovation haben lediglich zur Verlagerung von Umweltproblemen geführt20, in einem größeren Zusammenhang interpretiert. Es sei zwar richtig, so Brüggemeier, dass Reaktionen auf Umweltprobleme regelmäßig neue Umweltprobleme verursacht haben, aber im Großen und Ganzen habe sich der Handlungsspielraum der Menschen dadurch kontinuierlich vergrößert. Um das zu illustrieren, wählt Brüggemeier das Bild der „Schranken der Natur“, die sich seit dem 18. Jahrhundert immer weiter verschoben hätten, aber von den Menschen keineswegs überwunden worden seien. Von einer Beherrschung oder Emanzipation von der Natur könne keine Rede sein, wohl aber davon, dass sich der menschliche Handlungsspielraum in den letzten 200 Jahren enorm ausgeweitet habe (S. 10).
Entsprechend argumentiert Brüggemeier, dass sich die Bewertung menschlichen Umwelthandelns nicht an einfachen Kategorien von „gut“ und „schlecht“ orientieren dürfe, sondern die jeweiligen Wahrnehmungsmuster und Handlungsoptionen der Zeitgenossen in den Blick nehmen müsse. Er begreift die gesellschaftliche Fähigkeit zur Reflexion von Umweltbedingungen und Umweltveränderungen als „Kapazität“ (S. 17). Die „Kapazität“ entspricht dabei den jeweiligen zeitgenössischen Annahmen und Deutungsmöglichkeiten, aus denen Zeitgenossen entsprechende Konsequenzen zogen, deren Folgen sie aber niemals vollständig überblickten. Während Brüggemeier von der tendenziellen Vergrößerung der „Kapazität“, zumal durch die naturwissenschaftlichen Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert, ausgeht, betont er zugleich, dass sich daraus niemals Handlungsanleitungen ableiten lassen. Vor allem zu Regulierungsmaßnahmen und technischen Lösungen griffen die Zeitgenossen in der Regel ohne deren Wirkungen adäquat abschätzen zu können. Deswegen räumt das Buch auch den Erklärungen und Lösungsansätzen für Umweltprobleme einen großen Raum ein, die sich schließlich nicht durchsetzten (S. 17). Denn nur vor dem Hintergrund der ganzen Bandbreite zeitgenössischer Lösungsansätze lässt sich die jeweilige „Kapazität“ historischer Gesellschaften im Umgang mit Umweltbelastung und -veränderung rekonstruieren.
Insgesamt präsentiert Brüggemeier eine ausgesprochen positive Deutung der Entwicklungen, die in das „Anthropozän“ geführt haben. Das wird vor allem in seinen Ausführungen zu Themen aus dem Bereich Gesundheit und Ernährung deutlich, die eine zentrale Rolle in dem Buch spielen. In diesem Bereich waren die „Schranken der Natur“ um 1800 als existenzielle Lebenserfahrung noch äußerst eng gesteckt. Durch systematische Experimente in Landwirtschaft und Medizin kam es zur Erweiterung der gesellschaftlichen „Kapazität“, die dazu führte, dass Ernährungskrisen und eine hohe Sterblichkeit zwar nicht verschwanden, aber doch entscheidend zurückgedrängt werden konnten. Auch wenn Brüggemeier zu bedenken gibt, dass mit diesen Entwicklungen die Risiken durch wachsende Umweltbelastungen ebenfalls zugenommen haben, so stellt sich nach der Lektüre des Buches doch die Frage, ob eine im Vergleich zum 18. Jahrhundert hohe Lebenserwartung und gute Ernährungslage nicht Grund genug sind, ein positives Fazit zu ziehen.
Geschmälert wird das Erklärungspotenzial der Brüggemeier’schen Interpretation dadurch, dass das Buch überwiegend aus einer deutschen Perspektive argumentiert. Der chronologische Aufbau des Buches orientiert sich explizit an Zäsuren der deutschen Geschichte und die präsentierten Beispielfälle entstammen dem deutschsprachigen Diskurs. Dass diese Perspektive zu eng ist, um daraus so allgemeingültige Rückschlüsse zu ziehen, wie Brüggemeier es tut, zeigt sich insbesondere an der Bewertung der Entwicklungen seit den 1970er Jahren. In der jüngsten Vergangenheit haben mit dem ausgeprägten gesellschaftlichen Umweltbewusstsein Maßnahmen zum Umweltschutz höchste Priorität erlangt und zu erfolgreichen Strategien der Problembewältigung geführt, so Brüggemeier (S. 251–360). Für Deutschland mag das in gewissen Bereichen gelten, ob dies für Entwicklungsländer oder neuerdings auch die USA so uneingeschränkt zutrifft, kann man bezweifeln. Auch wenn Brüggemeier weit davon entfernt ist, eine teleologische Geschichte zu erzählen, muss man fragen, ob der zunehmenden Erweiterung der gesellschaftlichen „Kapazität“ nicht auch der Verlust von Reflexivität und Handlungsmöglichkeiten entgegenstehen kann.
Die Lektüre der vier Bücher von Davies, Bonneuil/Fressoz, McNeill/Engelke und Brüggemeier vermittelt ein differenziertes Bild der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Konzept des „Anthropozäns“. Die Wahl des zeitlichen Bezugshorizonts, bei Davies mehrere Jahrmillionen, bei McNeill und Engelke wenige Jahrzehnte, führt zu bemerkenswert unterschiedlichen Befunden. Während McNeill und Engelke beispielsweise argumentieren „[i]t is unlikely that at any other time in the long history of the atmosphere CO2 concentrations have jumped by one-fourth within fifty years“ (S. 67), verweist Davies auf „katastrophale“ Ereignisse wie dem Meteoriteneinschlag vor 66 Mio. Jahren, der ähnliche Effekte gehabt haben muss (S. 124 f.). Allerdings spiegelt die aus den Geowissenschaften übernommene Kontroverse, die freilich von einer datierungsfreudigen Disziplin wie der Geschichte gerne aufgegriffen wird, die Herausforderungen des „Anthropozän“-Konzepts nur oberflächlich wider. Im Kern setzen sich alle vier Bücher mit der wesentlich schwieriger zu beantwortenden Frage auseinander, welchen Erkenntnisgewinn eine geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit dem „Anthropozän“ liefern kann.
Den hier rezensierten Büchern zufolge liegt der geschichtswissenschaftliche Beitrag erstens darin, die rasanten Umweltveränderungen der letzten Jahrhunderte mit den großen Linien gesellschaftlichen Wandels in Beziehung zu setzen. Die Entwicklungslogiken der Vergangenheit, so die implizite Annahme, lassen Rückschlüsse auf die Möglichkeiten der Menschheit zu, mit den beschleunigten Veränderungen umzugehen.21 Die rezensierten Bücher schließen dabei an die gängigen umwelthistorischen Interpretationsmodelle an: einerseits das der zunehmend unumkehrbaren Verflechtung sozialer und natürlicher Prozesse, andererseits das der menschlichen Fähigkeit zu Reflexion und gesellschaftlicher (Selbst‑)Regulierung.22 Die Autoren der hier besprochenen Werke zeichnen insgesamt ein positives Bild zunehmender Handlungsmöglichkeiten. Auch wenn sie sehr unterschiedliche Argumente bemühen, halten es alle Autoren für grundsätzlich möglich, die Herausforderungen des gegenwärtigen Umweltwandels zu bewältigen, zum Teil sehen sie darin sogar die Chance, eine sozial und ökologisch gerechtere Gesellschaftsordnung zu schaffen.
Zweitens betont der geschichtswissenschaftliche Zugriff, dass das „Anthropozän“ soziale Anpassungsleistungen erfordert. Allen rezensierten Büchern zufolge kommt es darauf an, soziale Strukturen sowie kulturell konstruierte Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung und Umwelt zu verändern, um den ökologischen Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können. Damit setzt sich der historische Beitrag deutlich von ingenieur- und naturwissenschaftlichen Ansätzen ab, die auf technische Lösungen im Sinne eines geoengineerings setzen. Davies, Bonneuil und Fressoz und implizit auch Brüggemeier machen deutlich, dass auch solche als „technoscientific“ bezeichneten Lösungsansätze in ihrem sozialen Kontext kritisch zu analysieren sind.23 Getragen werde der Glaube an die vermeintlichen Lösungen der „Technoscience“ sowohl aus Davies’ als auch aus Bonneuil und Fressoz’ Sicht von großen Konzernen und liberalen Staaten, oder allgemeiner von Marktwirtschaft und Kapitalismus. Eine wirkliche Antwort auf die aktuellen Herausforderungen sei daher zwingend eine politische. Konkret sei dies nur auf Grundlage einer breiten zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung um das „Anthropozän“ zu erreichen, in der die Dominanz des Kapitals durch die Stimmen marginalisierter Gruppen gebrochen werde, so die radikale Schlussfolgerung bei Bonneuil und Fressoz (S. 291).
Bonneuil und Fressoz’ antikapitalistische Zuspitzung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle vier besprochenen Bücher eine wesentliche Aufgabe der historischen Forschung darin sehen, Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung und Umwelt zu (de-)konstruieren, um soziale Anpassungsleistungen zu fördern. Die Geschichte der Umweltveränderungen sollte so erzählt werden, dass ihre Verflechtung mit sozialem Wandel deutlich wird. Denn wenn die wechselseitigen Abhängigkeiten anerkannt werden, kann die Forderung nach Veränderungen jenseits technischer Lösungen – betreffen sie nun das politische und ökonomische System oder alltägliche Handlungsroutinen – in der Debatte um das „Anthropozän“ gestärkt werden. Dass gerade die historische Perspektive geeignet ist, dies zu leisten, ist bereits vielfach auch in anderen Zusammenhängen betont worden.24 Der historische Beitrag zur Debatte besteht letztlich also darin, zur Reflexion über das Verhältnis von sozialem und geologischem Wandel anzuregen, um gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten im „Anthropozän“ auszuloten.
Ökologisch-soziale Verflechtungen – oder das Problem der Natur-Kultur Dichotomie
Dass den reflexiven Handlungsmöglichkeiten enge – und zwar durch die Natur vorgegebene – Grenzen gesetzt sind, ist die These von Tim LeCain Buch „The Matter of History“.25 LeCain argumentiert, alles menschliche Umwelthandeln, einschließlich des Denkens über Natur, sei letztlich abhängig von biologischen und materiellen Prozessen, in die menschliche Körper eingebettet sind. Er schließt an die theoretischen Forderungen des „New Materialism“ an, der erhebliche Handlungsmacht und „agency“ in nicht-menschlichen Entitäten verortet.26 Dazu fokussiert LeCain auf die symbiotische Existenz von Organismen und Materialien, die auf den menschlichen Körper einwirken und dadurch die historische Entwicklung der Menschheit geprägt haben. Erst die Konstruktion einer Dichotomie von Natur und Kultur habe dazu geführt, dass der menschliche „Geist“ („mind“) als eine von biologischen und materiellen Einflüssen losgelöste Ressource menschlicher Handlungsautonomie verstanden worden sei – eine Fehlannahme, die es zu korrigieren gelte (S. 11).
Damit verweist „The Matter of History“ auf einen Kernaspekt der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung um das „Anthropozän“. Einerseits wird die Fähigkeit gesellschaftlicher, insbesondere diskursiver, Reflexion zur Grundlage von Lösungsansätzen im Umgang mit Umweltveränderungen erklärt. So setzt etwa die von Bonneuil und Fressoz geforderte (De-) konstruktion von Narrativen des Umweltwandels eine große menschliche Handlungsmacht voraus. Sie formulieren explizit: „The […] history of the Anthropocene that we propose […] seeks to shift the focus of the study from the environments affected and the biogeochemical cycles disturbed onto the actors, institutions and decisions that have produced these effects“ (S. 70). Andererseits wird aufgezeigt, dass die reflexiven Fähigkeiten der Menschen von der Interaktion mit Organismen und Materie abhängig und menschliches Denken und „Kultur“ dadurch letztlich in ihrer Autonomie beschränkt sind. Bei LeCain sind es die biologischen und genetischen Prozesse in menschlichen Körpern und Gehirnen, die der Autonomie eines kulturalistisch erfassbaren Diskurses entgegenstehen (S. 325). Aber auch Davies argumentiert ähnlich, wenn er davon ausgeht, dass „human societies are themselves constructed from a web of relationships between human beings, nonhuman animals, plants, metals, and so on“ (S. 7).
Um diese Verflechtung nachzuzeichnen folgt LeCain nicht etwa sozialwissenschaftlichen Ansätzen wie der Akteur-Netzwerk-Theorie (Bruno Latour), sondern bezieht sich ausdrücklich auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse, insbesondere der Neurobiologie und der Genetik, um die Abhängigkeit des menschlichen „Geists“ von biologischen und materiellen Prozessen zu erfassen. So versteht er diese Naturwissenschaften als Disziplinen, „who are concretely engaging with things in-and-of-themselves, and thus more effectively avoiding the powerful pull of anthropocentrism“ (S. 16). LeCain folgt damit einem Sentiment, das beispielsweise auch McNeill und Engelke teilen: der Skepsis gegenüber der Dominanz kulturalistischer Erklärungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Gerade in Bezug auf Umweltfragen führe dies zu gravierenden Fehlinterpretationen, so McNeill und Engelke: „social scientists and humanists chose to retreat from grimy and greasy realities into various never-never lands. They found all manner of discourses worthy of their […] attention, reveling in the linguistic and cultural ‚turns‘. But the extinction of species, the incineration of forests, the concentration of CO2 in the atmosphere – all this seemed unworthy of their powers, interesting only for the discourse it aroused“ (S. 209 f.). Dass aber auch die naturwissenschaftliche Beschäftigung mit „things in-and-of-themselves“ von Interessen und Vorannahmen geleitet wird, dürfte nicht nur von konstruktivistischen Hardlinern vertreten werden. Auch LeCain reflektiert den konstruktivistischen Charakter der Naturwissenschaften, blendet ihn in seiner Argumentation aber weitgehend aus (S. 86).
So rückt bei LeCain die körperliche Interaktion mit anderen Organismen und Materialien in den Mittelpunkt, die die Prozesse im menschlichen Gehirn beeinflussen und dadurch nicht nur den individuellen „Geist“, sondern letztlich die gesellschaftliche „Kultur“ prägen (S. 11). Besonders einprägsam ist LeCains Beschreibung der Vielzahl von Mikroorganismen, die den menschlichen Körper bevölkern und seine Gefühlslagen beeinflussen können. Ebenso einleuchtend ist sein Verweis auf die Bedeutung des Stoffwechsels für individuelle körperliche wie gesellschaftliche Entwicklungen – zu denken ist an die Qualität von Nahrungsmitteln oder von Luft und Wasser. Andere Materialien wirken durch ihre haptischen Qualitäten – in LeCains Beispiel Seide – oder durch ihre Nutzung als Werkzeuge auf gesellschaftliche Entwicklungen ein, indem sie kognitive Prozesse anregen. Auch technologische Innovationen, etwa im Bereich der Elektrizitätsversorgung, sind wie andere Kulturleistungen demnach Resultat der physischen Interaktion mit dem Material – hier Kupfer –, bei der im Gehirn kognitive Verbindungen hergestellt werden (S. 113–117).
Für die historische Perspektive ist LeCains Folgerung zentral, dass die körperliche Interaktion mit anderen Organismen und Materialien zu epigenetischen Veränderungen von menschlichen Körpern führe. Im Gegensatz zu den langfristigen genetischen Mutationen, handelt es sich dabei um Reaktionen auf Umwelteinflüsse, die innerhalb einer oder weniger Generationen auftreten und vererbt werden können. Stabilisiert werden solche epigenetischen Veränderungen durch Prozesse, die LeCain in Anlehnung an die Biologie als „niche construction“ beschreibt (S. 94–99). Das prominenteste Beispiel der Menschheitsgeschichte, auf das auch LeCain Bezug nimmt, ist wohl die Koevolution von Rindern und Menschen. Während sich menschliche Körper auf die Verdauung von Kuhmilch einstellten, begannen Menschen, die Milchproduktion von Kühen, auch mithilfe genetischer Manipulation, zu optimieren (S. 94–99). Mit dieser Herangehensweise ordnet sich „The Matter of History“ in einen neueren Forschungszusammenhang an der Schnittstelle von Genetik und Geschichtswissenschaften ein, wie er insbesondere vom 2014 eingerichteten Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte vertreten wird. Ob (epi-)genetischer Wandel historische Prozesse aber überhaupt hinreichend erklären kann, wird aus geschichtswissenschaftlicher Sicht insgesamt sehr kritisch gesehen.27
Konstruktivistisch geschulten Historikerinnen und Historikern widerstrebt einerseits eine nicht ausreichend reflektierte Übernahme naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Andererseits schwingt dabei die Angst vor einem neuen Umweltdeterminismus mit. Auch LeCain gibt sich allergrößte Mühe, um nicht als Verfechter eines neuen Determinismus missverstanden zu werden. So gibt er zu bedenken, dass die kulturalistische Marginalisierung von biologischen und genetischen Erklärungen als Reaktion auf die rassistischen Exzesse des 20. Jahrhunderts durchaus berechtigt gewesen sei. Zudem grenzt er sich von deterministischen Positionen ab, indem er betont, dass die epigenetisch wirksamen Umwelteinflüsse, die ihn beschäftigen, eben doch überwiegend sozial bedingt seien (S. 23–66). Und so sieht LeCain die Verantwortung letztlich doch bei den menschlichen Akteuren: „This is not to excuse the greed or cruelty of the human actors, but rather to also recognize that they acted within and were shaped by a material environment or niche that they did not fully understand or control“ (S. 325). Es geht nicht um die „agency“ von Organismen oder Materialien, sondern wiederum um die Grenzen, die diese der menschlichen Handlungsautonomie setzten.28
Weitgehende Einigkeit herrscht in der historischen Forschung darüber, dass die Dichotomie von Natur und Kultur vor allem auf die naturphilosophischen Debatten des 18. Jahrhunderts zurückgeht, die Susannah Gibson in ihrem Buch „Animal, Vegetable, Mineral?“ in den Blick nimmt.29 Gibson fügt der umfangreichen Literatur zu diesem Thema eine neue Perspektive hinzu, indem sie analysiert, wie in den Debatten des 18. Jahrhunderts über die grundlegende Taxonomie zur Unterscheidung von Tieren, Pflanzen und Mineralien gestritten wurde. Dies sei eine Schlüsselfrage der Debatte gewesen, da sie eng mit der Suche nach einer göttlichen Ordnung zusammenhing. Die Vorstellung einer zielgerichteten biologischen Entwicklung, die durch einen gottgegebenen „Geist“ angetrieben werde, war eine Grundfigur des naturphilosophischen Diskurses des 18. Jahrhunderts. Der Mensch galt als Höhepunkt dieser zielgerichteten Entwicklung, woraus wiederum die Annahme abgeleitet wurde, dass der Mensch legitimiert sei, sich Pflanzen, Tiere und Mineralien nutzbar zu machen. Der „Geist“ wiederum wurde als Kraft verstanden, die dematerialisiert und losgelöst vom Körper existiere. Ähnlich argumentieren auch Bonneuil und Fressoz sowie LeCain: Die Debatten des 18. Jahrhunderts seien grundlegend für das „Anthropozän“ gewesen, weil sich damit die Idee durchgesetzt habe, der Mensch könne die Natur „beherrschen“.30 Gibson arbeitet aber noch deutlicher als Bonneuil, Fressoz und LeCain den hierarchischen Charakter dieser Vorstellungen heraus, der sich aus der Konstruktion der Grenzen zwischen Tieren, Pflanzen und Mineralien ergab.
Gibson verortet die Versuche, die drei „Reiche“ der Natur gegeneinander abzugrenzen, in der langen Geschichte jüdisch-christlicher Tradition, die wiederum auf den grundlegenden Überlegungen Aristoteles’ fußt. Interessanter als die Zusammenfassung dieser im Grunde bekannten Genealogie, ist ihr Fokus auf die empirisch schwer zu klassifizierenden Grenzfälle, die die Taxonomie zu sprengen drohten. Ausführlich analysiert Gibson die Kontroversen darüber, wie beispielsweise Schwämme oder Korallen einzuordnen seien, die einerseits als Mineralien galten, anderseits aber Kennzeichen von Lebewesen aufwiesen. Anhand mehrerer relevanten Episoden der Wissenschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts, in denen um solche und ähnliche Grenzfälle gestritten wurde, zeigt die Autorin, welche weitreichenden Implikationen diese Kontroversen für die Beurteilung elementarer naturphilosophischer Fragen hatte.
Im Kontext des Anthropozäns erinnert Gibsons Fokus auf die gedankliche Trennung von Natur und Kultur im 18. Jahrhundert an Vorstellungen von der Natur als „Warenhaus“, der Denkfigur, die Günther Bayerl in den 1990er Jahren als Voraussetzung für die Industrialisierung beschrieben hat.31 Vor dem Hintergrund der Forderung, die Dichotomie von Natur und Kultur zu überwinden, hat aber auch die neuere umwelthistorische Forschung zur Industrialisierung versucht, die Verflechtungen zwischen sozialen und ökologischen Prozessen wieder stärker herauszuarbeiten.32 Ein gutes Beispiel dafür ist die Dissertation von Mathias Mutz zur Geschichte der sächsischen Papierindustrie, die bisher zwar nicht als Buch erschienen ist, aber von der es in dem von Günther Schulz und Reinhold Reith herausgegebenen Sammelband „Wirtschaft und Umwelt vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“ eine konzeptionelle Zusammenfassung gibt.33 Mutz argumentiert mit Blick auf die industrielle Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, dass „[d]ie Interaktion oder Ko-Evolution mit der Umwelt als wesentliche Komponente der Unternehmensentwicklung gesehen werden“ muss (S. 202). Es gelte, nicht auf die Umweltbelastung als Folge industrieller Nutzung zu fokussieren, sondern ökologische Prozesse als Bedingung für unternehmerische Entscheidungen in die historische Untersuchung einzubeziehen. Denn die Umweltbedingungen, deren „eigenlogische“ Dynamik Mutz betont (S. 205 f.) und die sich niemals vollständig kontrollieren ließen, hatten Rückwirkungen auf die Unternehmensentwicklung.
Um zu verdeutlichen, wie ökologische Prozesse und unternehmerisches Handeln miteinander verflochten waren, wählt Mutz das Bild der „Umwelt-Integration“. Am Beispiel der Papierindustrie zeigt er, dass Unternehmen zwar in der Lage waren, Umweltfaktoren wie beispielsweise die Wasserversorgung zu manipulieren, oder den Rohstoff Holz in wissenschaftlich definierte Kategorien einzuteilen, um ihn ökonomisch fassbar zu machen. Aber weder gingen die Eigenschaften des Materials restlos in den gebildeten Kategorien auf noch konnte von einer stabilen Nutzung von Umweltfaktoren die Rede sein, da deren „eigenlogische“ Dynamik ihre dauerhafte technische Kontrolle konterkarierte (S. 211). Dementsprechend kommt Mutz zu dem Schluss, dass die Industrialisierung nicht als „Überwindung der Umwelt […], sondern [als] eine Ausweitung und Ausdifferenzierung der Umweltbeziehungen“ interpretiert werden müsse (S. 210). Die zunehmende Verflechtung von ökologischen und sozialen Prozessen stellt sich letztlich auch bei Mutz als Restriktion menschlicher Handlungsmöglichkeiten dar, die die unternehmerische Entscheidungsfreiheit signifikant begrenzte.
Materielle Faktoren industrieller Entwicklung, konkret das brasilianische Eisenerz, stehen auch in der publizierten Dissertation von Georg Fischer im Mittelpunkt, die unter dem Titel „Globalisierte Geologie“ 2017 erschienen ist.34 Fischer interessiert sich allerdings weniger dafür, wie dieses Material genutzt und verarbeitet wurde, sondern dafür, wie das Wissen über die Qualitäten und das Vorkommen des Erzes konstruiert und verbreitet wurde. Seine Fragestellung führt Fischer zu einem im Vergleich zu LeCain und Mutz deutlich konstruktivistischeren Verständnis von „Material“. Er wendet sich gegen die Annahme, „dass natürliche Rohstoffe […] im Sinne eines apriorischen Ressourcendenkens ‚einfach da‘ sind. Sie sind historisierbar, […] indem wir die Ideen, die Netzwerke, Projekte und Planungen untersuchen, durch die sie zu Ressourcen in politischen, geschäftlichen und wissenschaftlichen Arenen […] wurden“ (S. 14). Fischers Untersuchungsgegenstand, die geologische Erkundung und Repräsentation der brasilianischen Eisenerzvorkommen, erweist sich dabei als ein Kristallisationspunkt solcher Ideen, Netzwerke, Projekte und Planungen. Bemerkenswert ist, dass Fischers Fallbeispiel zeigen kann, wie die Konstruktion von Wissen, das um 1914 weitgehend abgeschlossen war, dem massenhaften Abbau der Erzvorkommen um etwa zwei Jahrzehnte vorausging (S. 13 f.).
Wenn dennoch nicht recht klar wird, welchen Beitrag die geologische Erfassung zur industriellen Nutzung der Eisenerzvorkommen in Brasilien leistete, liegt das daran, dass Fischers eigentliches Erkenntnisinteresse bei genauerer Betrachtung gar nicht auf dem Rohstoff liegt, sondern auf den sozialen Beziehungen, die im Umgang mit dem Material entstanden. Die Konstruktion von Wissen definiert zwar einerseits materielle Ressourcen, andererseits wird darüber aber auch die gesellschaftliche Position der unterschiedlichen Wissensproduzenten und -träger bestimmt. Entsprechend erscheint der Rohstoff bei Fischer primär als „eine gesellschaftliche Ressource, die eindrang in nationale Selbstverständigungsprozesse und in die diskursiven Strategien neuer Berufsgruppen, die um ihren Status im Staat und in der Produktion kämpften“ (S. 18 f.). Die Verschränkung der unterschiedlichen Ressourcenbegriffe – als materielle und soziale Ressource –, die für die umwelthistorische Debatte um das Verhältnis von Natur und Kultur instruktiv ist35, ist bei Fischer leider nicht systematisch aufgearbeitet.
Ein ähnliches Bild von einem Rohstoff als gesellschaftlicher Ressource zeichnet Rüdiger Graf in seiner Studie „Öl und Souveränität“.36 Darin spiegeln sich einige Annahmen, die auch für Fischers Argumentation zentral sind. Auch bei Graf steht die Konstruktion von Wissen über einen Rohstoff – hier das Wissen über Erdöl, das Graf als spezifische „Petroknowledge“ bezeichnet – im Mittelpunkt, an dem sich divergierende Interessen festmachten und miteinander konkurrierten: „Von Beginn an entstand Petroknowledge schon deshalb nicht als desinteressiertes akademisches Wissen, weil es vor allem in den Forschungsabteilungen der großen Ölkonzerne produziert wurde und damit direkt in ökonomische Prozesse eingebunden war. […] Zugleich kam es aber auch zu einer Politisierung, indem immer mehr Politik- und Sozialwissenschaftler über die Bedeutung des Öls und die Sicherung der Energiezufuhr nachzudenken begannen und ihre Expertise in den politischen Entscheidungsprozess einzubringen suchten“ (S. 11). Die Ölpreiskrise von 1973 war Graf zufolge lediglich ein Katalysator dieser Entwicklung und die Unsicherheit über die Energieversorgung, die in den 1970er Jahren dominierte, ein Resultat sich überlagernder Wissensansprüche (S. 138–144). Letztlich kollidierten auch westliches Wissen über Öl, in das Entwicklungsmodelle eingeschrieben waren, die auf billiger Energie basierten, mit den Interessen der Förderländer im Globalen Süden, die hofften, dadurch ihre Rolle im politischen Weltsystem zu verbessern.
Während Graf die Geschichte des Wissens über Erdöl weitgehend aus einer europäischen und nordamerikanischen Perspektive schreibt, gehört es zu den Stärken von Fischers Buch, auf das hier zurückzukommen ist, wie der Autor die Verbindungen und Dissonanzen zwischen globalen, nationalen und lokalen Arenen der Wissenskonstruktion herausarbeitet. Damit liefert er eine wichtige Ergänzung zu der historischen Forschung, die sich bisher vor allem auf die globale Ebene konzentriert hat.37 Zwar betont auch Fischer, unter Bezugnahme auf den Stockholmer Geologenkongress von 1910 und die Aktivitäten des Londoner Bankhauses Barings, „dass sich am Gegenstand des Eisenerzes […] die Lagerstätteninventur als globalisierende Wissenspraxis herausbildete“ (S. 20). Aber zugleich zeigt er eindrucksvoll, wie die lokale Wissensproduktion, die geologischen „Praktiken im Gelände“, eine ganz eigene Dynamik entfaltete und keineswegs mit dem in globalen wissenschaftlichen und ökonomischen Netzwerken zirkulierenden Wissen identisch war (S. 228–279). Damit löst Fischer den aus der Globalgeschichte übernommenen Anspruch ein, die Geschichte der Wissensproduktion zu dezentrieren. Während die Geologie als wissenschaftliche Disziplin um 1900 tatsächlich von einer globalen Homogenisierung ihrer Methoden und Kategorien geprägt war, erfolgte die eigentliche Wissensproduktion vor Ort unter abweichenden sozialen und kulturellen Bedingungen. Auch vor dem Hintergrund asymmetrischer Machtbeziehungen, in denen Wissenschaftler aus dem Globalen Norden die Vorgaben für geologische Erkundungen machten, lässt sich nicht einfach von der Zirkulation von Wissen sprechen, sondern vielmehr von einer verteilten Konstruktion des Wissens über Rohstoffe (S. 53).
Eine ähnliche Zielsetzung verfolgen auch die Herausgeberinnen und Herausgeber des Bandes „Eco-Cultural Networks and the British Empire“, James Beattie, Edward Melillo und Emily O’Gorman.38 Der britische Imperialismus sei zwar entscheidend gewesen, um neues globales Wissen über die Umwelt zu generieren, aber konkret hervorgegangen sei die Konstruktion imperialer Naturvorstellungen aus der Verknüpfung verschiedener lokaler Wissensbestände, die bis dahin unverbunden nebeneinander gestanden hatten. So beschreiben Georgina Endfield und Samuel Randalls in ihrem Beitrag, wie sich das Konzept des „Klimas“ im 19. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit divergierenden klimatischen Bedingungen entwickelt hat, die zu einer der prägenden Erfahrungen des imperialen Alltags gehörten. Die Erfahrung an sich war sicherlich nicht neu, wohl aber die diskursive Bedeutung, die den klimatischen Unterschieden zur Legitimation imperialer Kontrolle zugeschrieben wurde.39 Den zahlreichen Beiträgen, die auf die Beziehungen zwischen „Zentrum“ und „Peripherie“ fokussieren, haben die Herausgeberinnen und Herausgeber bewusst solche gegenübergestellt, die sich mit Verbindungen innerhalb der „Peripherie“ befassen. Der Aufsatz Beatties analysiert beispielsweise den Transfer landwirtschaftlichen Wissens zwischen China und der britischen Kolonie in Neuseeland.40
Beattie, Melillo und O’Gorman betonen, dass es ihnen nicht nur um Fragen von Wissenstransfer und -konstruktion geht, sondern auch um materielle Verflechtungen, die der britische Imperialismus zwischen weit entfernten Gesellschaften geschaffen habe. Mit dem Handel, der Migration und der militärischen Expansion des Britischen Empire habe die globale Translokation von Materie und Biota entscheidend zugenommen. Ähnlich der Forschung zur „Columbian Exchange“41 zeigen sie wie sich Ökosysteme in unterschiedlichen Teilen der Welt in dem Maße, in dem Organismen, von Pflanzen über Tiere und menschliche Körper bis hin zu Krankheitserregern, zwischen ihnen bewegt wurden, immer stärker wechselseitig beeinflussten.42 In den äußerst heterogenen Beiträgen des Sammelbandes bleibt diese materielle Dimension der imperialen Verflechtung gegenüber der kulturellen Konstruktion von Umweltwissen allerdings unterbelichtet.
Im Gegensatz dazu bietet der von Gerhard Ertl und Jens Soentgen herausgegebene Sammelband „N. Stickstoff – ein Element schreibt Weltgeschichte“ zahlreiche Anhaltspunkte für die zunehmend tieferen Verflechtungen zwischen natürlichen Prozessen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich nicht ohne weiteres wieder auflösen lassen.43 Als Band der Reihe „Stoffgeschichten“, die am Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg herausgegeben wird, hat das Buch einen dezidiert transdisziplinären Anspruch, der die gesellschaftliche Reflexion über die Verwendung materieller Ressourcen fördern will. Tatsächlich gelingt es in einigen Beiträgen, komplexe biochemische und historische Prozesse so allgemeinverständlich darzustellen, dass sie zum Nachdenken jenseits disziplinärer Spezialdiskurse anregen. Der Zuschnitt des Bandes auf ein chemisches Element führt allerdings dazu, dass die biochemischen Prozesse als Rahmen aller historischer Dynamik gesetzt sind und selber nicht historisiert werden. Entsprechend finden sich in den Beiträgen vielfach Narrative, in denen Forscher und Erfinder die Eigenschaften des Stickstoffs nur „entdecken“ und richtig „ausnutzen“ mussten.44 Außerdem werden unterschiedliche Kontexte, in denen Stickstoff eine nicht nur ökologisch problematische Rolle spielt (Überdüngung, Autoabgase, militärische Nutzung, und so weiter), kaum miteinander in Verbindung gesetzt. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob sich der Fokus auf ein chemisches Element für eine transdisziplinäre Synthese überhaupt eignet, oder ob gesellschaftliche Prozesse dafür nicht eine bessere Klammer bieten.
Trotz der programmatischen Forderung, die Dichotomie von Kultur und Natur zu überwinden45, scheint es nach wie vor schwierig, die Verflechtungen zwischen natürlichen Prozessen und gesellschaftlichen Entwicklungen systematisch zu analysieren. Ob die Forderung einer engeren Verknüpfung überhaupt sinnvoll ist oder sich dahinter ein unlösbares erkenntnistheoretisches Dilemma verbirgt, bleibt auch mit Blick auf die hier besprochene Literatur offen. Allen Forderungen ungeachtet, sich auf die „natürliche“ Bedingtheit menschlichen Umwelthandelns einzulassen, bleibt das erkenntnistheoretische Problem bestehen, dass diese Bedingtheit für uns ausschließlich in ihrer gesellschaftlichen Reflexion sichtbar wird. Auffällig ist, wie oft dies als Anspruch umwelthistorischen Arbeiten deklaratorisch vorangestellt wird, ohne ihn dann ernsthaft zu verfolgen. Vor diesem Hintergrund muss man es LeCain als Verdienst anrechnen, mit „The Matter of History“ tatsächlich einen konkreten Vorschlag dazu gemacht zu haben. Häufiger, und das spiegelt sich auch in der hier besprochenen Literatur, werden Fragen der Verflechtung von ökologischen und sozialen Prozessen aus einer wissensgeschichtlichen Perspektive untersucht.
Trotz seiner Verdienste zeigen sich in LeCains Buch aber auch eine Reihe von allgemeineren Problemen, die ich abschließend in drei Punkten zusammenfassen werde. Erstens, stellt sich die Frage, welchen Status unser menschliches Wissen über Natur hat. Wie können wir die „eigenlogische“ Dynamik der Natur verstehen und in historische Interpretationsversuche einbeziehen? Der Rückgriff auf Erkenntnisse der Naturwissenschaften ist dabei nicht befriedigend, da auch sie strenggenommen als Erklärungsfaktor für Umwelthandeln und -veränderung zu dekonstruieren sind, wie es auch Bonneuil und Fressoz explizit fordern. Noch deutlicher wird diesbezüglich Sabine Höhler, deren Studie im folgenden Kapitel noch ausführlich besprochen wird: „The humanities and cultural studies are more than ever called upon – and are able – to contest the monopoly on nature that the natural and engineering sciences have successfully claimed for so long. The humanities are capable of questioning how technoscientific knowledge and practices are constructed and appear universal and true; […] Moreover, the humanities explore how the environment and environmental problems can be conceived of as historically and culturally constructed and yet provoke real material consequences“ (S. 15).
Zweitens impliziert die Abhängigkeit von ökologischen, biologischen oder genetischen Prozessen, dass menschliche Handlungsmöglichkeiten mehr oder weniger eng begrenzt sind. Diese Annahme folgt der Interpretation, wonach menschliche Aktivitäten zunehmend von Umweltbedingungen abhängig geworden seien, die die Menschen aber nur unzureichend überblicken, geschweige denn beeinflussen können. Die für den geschichtswissenschaftlichen Beitrag zur Debatte um das „Anthropozän“ so wichtige Frage, wie gesellschaftliche Reflexion möglich und wirksam ist, lässt sich aber nur sinnvoll stellen, wenn weitreichende menschliche Handlungsmöglichkeiten vorausgesetzt werden.
Drittens besteht die Gefahr, dass über die Betonung der Wirkmächtigkeit materieller Bedingungen und ökologischer Prozesse deterministische Positionen reaktiviert werden. So könnten Erklärungsansätze, die sich an Modellen der Genetik und Biologie orientieren, nahelegen, Ungleichheit sei das Ergebnis naturgegebener Dispositionen und nicht Resultat sozialer Prozesse. Tatsächlich können solche Argumente auch rassistischen Denkfiguren Auftrieb geben, wie LeCain selbstkritisch einräumt. Keiner der hier besprochenen Autorinnen und Autoren vertritt eine derartige Position. In anderer Form ist umweltdeterministisches Denken allerdings weit verbreitet, nämlich in normativen Vorstellungen über Umweltwandel und über einen angemessenen Umgang mit diesem Wandel – das gilt insbesondere auch für das Konzept der „Nachhaltigkeit“.
„Nachhaltigkeit“ – Zur Konstruktion von Gleichgewichtsvorstellungen
Den konstruktiven Charakter der Nachhaltigkeitsdebatte hat die umwelthistorische Forschung schon seit den 1980er Jahren insbesondere am Beispiel der „Holznot“ im 18. und frühen 19. Jahrhundert herausgearbeitet. Tatsächlich entstammt auch der Begriff der „Nachhaltigkeit“ dem Kontext der Forstwirtschaft des 18. Jahrhunderts. 1713 wurde er erstmals vom sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz in einer forstwirtschaftlichen Abhandlung verwendet. In den darauffolgenden Jahrzehnten avancierte er zum Kampfbegriff des kameralistischen Staates, um die bäuerliche Mischnutzung des Waldes zu verdrängen und die Kontrolle über die Zentralressource Holz zu erlangen. Dabei spielte die drohende Holzknappheit eine entscheidende Rolle, um Eingriffe in die bisherige Nutzung zu legitimieren, wobei rückblickend fraglich ist, ob eine solche Knappheit jemals ein flächendeckendes Problem war. Die Forderung nach Nachhaltigkeit war in erster Linie ein normatives Instrument. Dies haben sowohl die wegweisenden Arbeiten von Joachim Radkau gezeigt als auch neuere Studien, wie die von Bernd-Stefan Grewe oder Richard Hölzl.46
Der von Reinhold Reith und Günther Schulz herausgegebene Tagungsband „Wirtschaft und Umwelt vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“ stellt vor diesem Hintergrund explizit die Frage nach dem heuristischen Nutzen des Nachhaltigkeitskonzepts für die historische Forschung.47 „Nachhaltigkeit“ sei ein nach wie vor normatives und politisches Leitbild, so Reith in seiner Einleitung. Ob es auch als analytische Kategorie tauge, sei in der Umweltgeschichte umstritten (S. 22).48 Trotz aller Kritik daran, dass das Konzept durch seine vor allem in der Umweltökonomie ausgeprägten quantifizierenden Ansätze einer weiteren Ökonomisierung der Umwelt Vorschub leiste, verweist Reith auf die Möglichkeiten, dadurch die Umweltgeschichte mit Fragen der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu verbinden. Seit den 1970er Jahren habe sich in den Wirtschafts- und Umweltwissenschaften ein Instrumentarium herausgebildet, mit dem sich der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Entwicklungen und Umwelthandeln gut thematisieren lasse. Insbesondere quantifizierende Methoden, wie die Material and Energy Flow Analysis (MEFA), die in der Umweltgeschichte breit rezipiert wurde, entstammen diesem Forschungskontext und seien geeignet, Fragen der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu integrieren (S. 24 f.).
Solche Versuche, die Nachhaltigkeit vergangener Gesellschaften unter Verwendung quantitativer Indikatoren zu bewerten sind zwar nicht ganz aufgegeben worden, sind aber in der aktuellen Forschungsdebatte in den Hintergrund gerückt.49 Stattdessen wird wieder vermehrt der normative Anspruch des Nachhaltigkeitskonzepts thematisiert. Anders als die ältere Umweltgeschichte macht die aktuelle Forschung die Vorstellungen eines langfristigen ökologischen Gleichgewichts, wie sie seit den 1970er Jahren die gesellschaftlichen Debatten dominieren, zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. In der Auseinandersetzung mit den historischen Vorläufern wird dann gefragt, wie und ob sich das aktuelle Nachhaltigkeitskonzept von vergangenen Weltbildern und Praktiken unterscheidet. Auch wenn Nachhaltigkeit inzwischen vor allem als ein normatives Konstrukt des späten 20. Jahrhunderts historisiert wird, werden daher in der umweltgeschichtlichen Forschung nach wie vor Bezüge zur Vormoderne hergestellt.
In nahezu allen hier besprochenen Büchern werden die Jahre um 1970 als einschneidende Zäsur dargestellt. Vor allem der Bericht des Club of Rome von 1972 zu den „Grenzen des Wachstums“ als epochemachendes Dokument ist inzwischen mehrfach historisch analysiert worden.50 Langfristige ökologische Stabilität und Gleichgewicht etablierten sich als Leitvorstellungen bereits bevor die Brundtland-Kommission den Begriff der Nachhaltigkeit 1987 in den allgemeinen Sprachgebrauch einführte. Schon die Autorinnen und Autoren des Berichts des „Club of Rome“ gaben das Ziel vor: „to establish a condition of ecological and economic stability that is sustainable far into the future“.51 Zwar ist der enge Nachhaltigkeitsbegriff der 1970er Jahre inzwischen einem breiteren Verständnis gewichen, das auch soziale, politische und wirtschaftliche Stabilität umfasst. Aber gerade diese Aufweitung ist häufig kritisiert worden, da sie dazu führe, das ökonomische Wachstumsparadigma unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit fortzuschreiben, wie weiter unten noch ausführlich erläutert wird.52
Wie die Entstehung und Wirkmächtigkeit von Nachhaltigkeitskonzepten zu historisieren ist, zeigt die kulturgeschichtliche Analyse des nicht weniger einflussreichen Modells der Erde als „Spaceship Earth“, die Sabine Höhler vorgelegt hat.53 Darin zeichnet Höhler nach, wie in den 1960er und 1970er Jahren die Vorstellung eines globalen ökologischen Gleichgewichts entstanden ist. Dabei war der Entstehungskontext um 1970 entscheidend. Einerseits sei die räumliche Begrenztheit des Planeten mit dem Ende der Expansion in unerforschte Gebiete und dem weltumspannenden Blocksystem des Kalten Krieges in den Blick gerückt. Andererseits habe die Raumfahrt mit ihren populären Bildern der Erde als verletzliche „Blue Marble“ dazu beigetragen, den Planeten als ein einziges geschlossenes System zu interpretieren. Aus der Raumfahrt stammte auch die Überzeugung, dass die Kontrolle dieses Systems im Sinne einer kybernetischen Steuerung prinzipiell möglich sei: „The biosphere became a large technoscientific system“ (S. 55). Mit der Vorstellung eines einzigen globalen Ökosystems, in dem alles mit allem zusammenhängt, ging der Diskurs um 1970 über ältere ökologische Denkansätze hinaus. Dessen techno-wissenschaftliche Steuerung folgte der Zielvorstellung, das Ökosystem der Biosphäre und damit die Lebensbedingungen für die Menschheit dauerhaft stabil zu halten.54
Höhlers Untersuchung fokussiert auf den Diskurs, der sich um das Modell des „Spaceship Earth“ Ende der 1960er Jahre aufspannte. Dazu kombiniert sie die Analyse wissenschaftlicher Debatten mit populärkulturellen Imaginationen, insbesondere aus Science-Fiction Filmen, in denen das Konzept des Lebens in gesteuerten Ökosystemen verarbeitet wurde. Allerdings betont Höhler, dass dieser Diskurs stets in Bezug zu materiellen Bedingungen stand: „It is important to note that the environment envisioned by the figure of Spaceship Earth was not simply a discursive invention that could be altered at will, but rather a material-semiotic intervention, an unprecedented realization“ (S. 13). Entsprechend verschwimmen in den Beispielen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität – zum Teil auf beunruhigende Weise, wenn die menschliche Population des Planeten zum zentralen Gegenstand der systemischen Steuerung avancierte. Tatsächlich wurde im Zusammenhang mit dem Modell des „Spaceship Earth“ die Tragfähigkeit des Systems Erde im neo-malthusianischen Sinne kalkuliert. Die Konsequenzen, die daraus zu ziehen waren, wie eine gezielte Populationskontrolle oder die Selektion von Leben, wurden nicht nur in dystopischen Filmen durchgespielt, sondern auch real in Experimenten wie dem von Höhler breit diskutieren Projekt „Biosphere 2“ erprobt. Selbst in dieser Hinsicht stand die Kontrollierbarkeit und Steuerbarkeit des globalen Ökosystems um 1970 im Zentrum des Diskurses. Der Glaube an die Steuerbarkeit des Systems erodierte in den 1990er Jahren, aber die Zielvorstellung, das globale Ökosystem dauerhaft zu stabilisieren, bestimmte weiterhin den umweltpolitischen Diskurs (S. 80 f.).
Mit dem Konzept der Nachhaltigkeit ist seitdem oft die Idee verbunden worden, die westlichen Gesellschaften müssten zurück zu einem ökologischen Gleichgewicht, oder zumindest einem Zustand vor dem beschleunigten Umweltwandel der Great Acceleration. Diese Idee ist eng mit der Rückbesinnung auf „nachhaltige“ Technologien verbunden, von denen der von Ruth Oldenziel und Helmuth Trischler herausgegebene Band „Cycling and Recycling“ zwei der wichtigsten herausgreift.55 Fahrradfahren und Wiederverwertung seien seit den 1970er Jahren zunächst von der Umweltbewegung als Gegenentwürfe zum modernen Wachstumsparadigma propagiert worden. In ihnen liege aber weiterhin großes Potenzial für eine nachhaltige Entwicklung. Denn anstatt auf technische Innovationen oder gar Geoengineering als Lösungsansätze zu vertrauen, die potenziell neue und unvorhergesehene Probleme hervorrufen, sei die Rückbesinnung auf vorhandene Technologien eine sinnvolle Alternative. Dementsprechend suchen die Autorinnen und Autoren des Bandes nach Möglichkeiten, wie Nachhaltigkeit erreicht werden könne „by resurrecting older technologies for a new purpose“ (S. 1).56
Die Untersuchung der Weiter- und Wiedernutzung alter Technologien erfordert einen grundlegend anderen konzeptionellen Rahmen als die Innovationsforschung, die frühere Debatten in der Technikgeschichte dominiert hat. In Anlehnung an die wegweisende Studie von David Edgerton fokussieren die Beiträge des Sammelbands deshalb auf Praktiken der Nutzerinnen und Nutzer, alte Technologien in ihren Alltag zu integrieren.57 Beispielhaft illustriert dies der Beitrag von Hans Peter Hahn, der die Aneignung des Fahrrads in Westafrika als Form einer „cultural appropriation“ beschreibt, in dessen Folge die Konstruktion des Fahrzeugs den ökonomischen Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer angepasst wurde.58
Noch mehr Aufmerksamkeit als die Praktiken im engeren Sinne erhält in den Beiträgen des Sammelbandes jedoch das kulturelle framing des Fahrradfahrens und des Recyclings. Repräsentationen und Bewertung der Technologien seien ein wichtiger, wenn nicht gar der entscheidende Faktor für deren Akzeptanz und Nutzung. Es seien nicht nur vermeintlich rationale Gründe, die für die Wahl des Verkehrsmittels ausschlaggebend sind, sondern vielmehr das image und die gesellschaftlichen Wertzuschreibungen – man denke etwa an den Aufstieg des Fahrrads zum Sinnbild eines umweltbewussten und urbanen Lebensstils –, argumentiert Catherine Bertho Lavenier.59 Dabei können kulturelle Differenzen zwischen verschiedenen Nationen einen entscheidenden Unterschied machen, wie Beispiele aus Frankreich, den USA und den Niederlanden zeigen. Dennoch spielen die ökonomischen und materiellen Bedingungen ebenso eine Rolle wie die kulturellen Zuschreibungen. Dies wird insbesondere im Beitrag von Martin Emanuel deutlich, der zeigt, wie die am Auto orientierte Infrastruktur Stockholms die Fahrradnutzung noch hemmte, nachdem das Leitbild der autogerechten Stadt längst verblasst war. Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur schafft Pfadabhängigkeiten, die langlebiger sind, als der Wandel kultureller Konstruktionen.60
Der Blick auf das Recycling, den zweiten Schwerpunkt des Sammelbandes, wirft vor allem die Frage auf, wie sich moderne Formen der Wieder- und Weiterverwertung von vormodernen unterscheiden. Diese Frage ist insofern zentral für das Verständnis von „Nachhaltigkeit“, weil daran diskutiert werden kann, ob eine „Rückkehr“ zu einer „nachhaltigen“ Nutzung von Ressourcen überhaupt möglich, sinnvoll und erstrebenswert ist. Georg Stöger untersucht dazu Wiederverwertungspraktiken des 18. Jahrhunderts hinsichtlich der Motive und Interpretationen der Zeitgenossen. Ähnlich wie Hans Peter Hahn dies für Westafrika nachgezeichnet hat, wird deutlich, dass auch die vormodernen Praktiken, die Stöger im Blick hat, nicht durch die gesellschaftliche Reflexion von Nachhaltigkeitsidealen bestimmt waren, sondern durch die ökonomische Notwendigkeit, mit begrenzt verfügbaren Ressourcen umzugehen.61 Wie sehr sich diese Motivationslage von derjenigen unterscheidet, die die Forderung nach Recycling im globalen Norden zu Beginn des 21. Jahrhunderts trägt, ist keineswegs so eindeutig zu bestimmen, wie es auf den ersten Blick scheint. So konstatiert Roman Köster zwar einen Bruch mit vormodernen Wiederverwertungspraktiken, insofern als es nun primär um „ways to deal with the consequences of modern consumer societies“ (S. 169) gehe. Aber zugleich zeigt er, wie in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1970er Jahren durch staatliche Anreizstrukturen ein Markt geschaffen wurde, in dem Recycling ökonomisch sinnvoll wurde.62 Während sich viele der Beiträge wie eine Anleitung zur Reaktivierung alter „nachhaltiger“ Technologien lesen, werden zumindest gelegentlich auch die Grenzen des Nachhaltigkeitsideals thematisiert. Besonders deutlich weist Zsuzsa Gille auf toxische Abfallprodukte hin, die weder weiterverwendet werden können noch aufbereitet werden sollen. Im Umgang mit solchen Stoffen zeigen sich die Grenzen einer „ecological modernization“, ökologische und ökonomische Ziele in Einklang zu bringen.63
Aufgrund seines konzeptionellen Zuschnitts ist in diesem Band das spannungsreiche Verhältnis von Ökologie und Ökonomie kulturell eingebettet. Der Fokus auf Praktiken und das framing von Technologien schärft den Blick auf die Kultur des Ökonomischen, deren Bedeutung für die Reaktivierung alter Technologien Donald Worster in einem abschließenden Kommentar nochmals hervorhebt. Allerdings sei fraglich, ob es ausreicht, spezifische Technologien zu reaktivieren, um das Ziel der Nachhaltigkeit zu erreichen, oder ob nicht vielmehr „a revolution in the ways we think about the earth and technology“ nötig sei (S. 216).64 Worster fragt, ob nicht die Adaption einzelner „nachhaltiger“ Technologien am Ende zur Persistenz des Wachstumsparadigmas beiträgt, und ob dieses Wachstumsparadigma nicht als Ganzes in Frage zu stellen sei. Es müsse darum gehen, nicht nur alte Technologien zu reaktivieren, sondern eine ökonomische Kultur zu etablieren, die diese Technologien trägt. Eine ökonomische Kultur der Selbstbeschränkung sei nötig, um das angestrebte ökologische Gleichgewicht zu erreichen, so Worsters abschließende These.
Nicht nur Worster sieht die Integration des Nachhaltigkeitskonzepts in ökonomische Wachstumsmodelle seit den 1990er Jahren kritisch. Wenn beispielsweise Umweltschäden durch CO2-Zertifikate in die Kosten-Nutzen-Rechnung von Unternehmen einfließen, fördere dies keineswegs die versprochene nachhaltige Entwicklung. Solche Mechanismen der ökonomischen Anreize seien nicht dazu geeignet, die Umweltbelastung zu verringern, sondern trügen zur weiteren Externalisierung der Umweltfolgen bei.65 „Nachhaltiges Wachstum“ sei geradezu ein Paradox, weil es im Grunde nur zur Verlagerung von Umweltproblemen führe, die dann umso größere Ausmaße annehmen könnten. Auch die effizientere Nutzung von Ressourcen zielt dann nämlich auf die Reduzierung ökonomischer Kosten, die letztlich einen wachsenden Verbrauch von Ressourcen antreiben.
Mit solchen Vorwürfen, das Nachhaltigkeitskonzept sei durch wirtschaftliche Interessen vereinnahmt und ad absurdum geführt worden, setzt sich der von Adam Rome und Hartmut Berghoff herausgegebene Band „Green Capitalism“ auseinander. Als die Idee eines „grünen“ Kapitalismus in den späten 1980er und 1990er Jahren entstand, setzte sie sich von der verbreiteten Vorstellung eines notwendigerweise ökologisch destruktiven Kapitalismus ab. Unternehmerisches Handeln könne so gestaltet werden, dass es zugleich zu Wirtschaftswachstum und zu einer nachhaltigen Nutzung der Umwelt beiträgt, so die zeitgenössische These. Besonders manifest wurde diese Überzeugung in der Aufmerksamkeit, die der Entwicklung „nachhaltiger“ Technologien als Wachstumsfaktor zuteilwurde. Inwieweit die Anpassung an ökologische Ziele allerdings auf das unternehmerische Effizienzstreben zurückgeführt werden kann, oder ob es nicht vielmehr auf die Regulierung von Märkten ankommt, gehört zu den umstrittenen Fragen, die auch in diesem Sammelband prominent diskutiert werden.
In den Beiträgen wird deutlich, dass es entscheidend auf die institutionellen Rahmenbedingungen unternehmerischen Handelns ankommt. Hartmut Berghoff plädiert in diesem Zusammenhang für einen „eco-cultural approach to business history“, um zu verdeutlichen, dass diese Rahmenbedingungen von gesellschaftlichen Wertvorstellungen im weitesten Sinne abhängen (S. 14). Es gehe zwar auch um staatliche Eingriffe, Kosten- und Anreizstrukturen, aber darüber hinaus um den Wandel des Konsumverhaltens und um die Prävalenz ökologischer Wertorientierungen im Management. Die Aufwertung der Nachhaltigkeit als gesellschaftlichem Leitbild seit den 1970er Jahren wird in den Beiträgen breit reflektiert. Diese Entwicklung ersetze aber keineswegs ältere Motive, die zur Verbesserung der Ökobilanz geführt hatten. Insbesondere die finanziell getriebene Effizienzsteigerung blieb ein wichtiges unternehmerisches Ziel, das zwar nicht in erster Linie ökologisch motiviert war, aber das Ziel der Nachhaltigkeit unterstützen konnte.
Ein besonderes Anliegen der Herausgeber ist die Verknüpfung von Umwelt- und Unternehmensgeschichte. Um den Umgang von Unternehmen mit ökologischen Anforderungen zu verstehen, sei es notwendig, die unternehmensinternen Entscheidungsprozesse in die Analyse einzubeziehen. Es sei verkürzt, unternehmerisches Handeln allein als Reaktion auf äußeren Druck, etwa durch Proteste der Umweltbewegung oder staatliche Eingriffe und regulative Anreizstrukturen, zu konzeptualisieren. Stattdessen müssen auch unternehmensinterne Prozesse und Überlegungen in den Blick genommen werden, wie dies beispielhaft in Ann-Kristin Bergquists Aufsatz zur schwedischen Bergbaugesellschaft Boliden geschieht. Bergquist konstatiert, dass das Unternehmen seit den 1960er Jahren in trade-offs zwischen regulatorischen Vorgaben und den ökonomisch-technischen Möglichkeiten immer wieder neu abgewogen habe, wie mit den steigenden Ansprüchen an eine umweltverträgliche Produktion umzugehen sei.66
Auch wenn die Unternehmensperspektive einbezogen wird, bleibt die Bewertung des „green capitalism“ umstritten. Ob Unternehmen aus eigenem Antrieb nachhaltiger wirtschaften oder nur unter dem Druck von Regulierung, bleibt in dem vorliegenden Sammelband ebenso offen, wie die Frage, wie weitreichend der unternehmerische Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung ist. Gibt es wirkliche Veränderung im Handeln von Unternehmen, oder handelt es sich bei den Bekenntnissen zu ökologischen Zielen lediglich um green washing des Unternehmensimages? Die Antwort, die dieser Band aus historischer Perspektive nahelegt, ist „sowohl-als-auch“, oder, wie es Berghoff als These formuliert: Der „grüne“ Kapitalismus sei eine Illusion, aber eine Illusion, die dennoch einen Beitrag auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung liefern könne (S. 31 f.).
Ganz konkret lässt sich das Dilemma des „grünen“ Wirtschaftswachstums am Verbrauch sogenannter Seltener Erden festmachen, die Gegenstand des gleichnamigen Einführungsbuchs von Luitgard Marschall und Heike Holdinghausen sind.67 Die Verarbeitung der als Seltene Erden bezeichneten Elemente, die in vielen Umwelttechnologien von Energiesparlampen über Hybridautos bis zu Windturbinen zum Einsatz kommen, zieht zugleich gravierende ökologische Folgen nach sich. Anders als der Name suggeriert, sind diese Elemente keineswegs selten, aber sie kommen meist nur in geringer Konzentration und in chemischen Verbindungen vor, aus denen sie sich nur schwer lösen lassen. Abgesehen vom großflächigen Abbau ist die Gewinnung dieser Elemente daher meist äußerst energieintensiv und die chemischen Prozesse, die notwendig sind, um sie zu lösen, produzieren zum Teil toxische Abfallprodukte. Seltene Erden sind also einerseits essenziell für den Aufbau einer „nachhaltigen“ Energieversorgung und anderer „grüner“ Technologien, erzeugen andererseits aber gravierende neue Umweltprobleme. Dennoch kommen Marschall und Holdinghausen zu der vorsichtigen Schlussfolgerung: „Rein rechnerisch und bezogen auf die Gesamt-Ökobilanz wiegen die positiven Effekte in der Produktionsnutzungsphase aber zumindest einen Teil der Umwelt- und Gesundheitsschäden in der Herstellungsphase auf“ (S. 55). Die historische Interpretation, die sich in dieser Einschätzung widerspiegelt, erinnert an Brüggemeiers Diktum der Verschiebung der „Schranken der Natur“: Es entstehen zwar neue, unvorhergesehene Probleme, aber insgesamt weiten sich die menschlichen Handlungsmöglichkeiten aus.
Marschall und Holdinghausen selbst bieten zwar keine übergreifende historische Einordnung, aber sie zeichnen die Nutzungsgeschichte der Seltenen Erden über einen längeren Zeitraum nach. Im Grunde seit dem 18. Jahrhundert bekannt, entstanden im 19. und 20. Jahrhundert Verfahren, diese Elemente aus ihren Verbindungen zu lösen. In Produkten wie dem Glühstrumpf fanden sie mit mäßigem wirtschaftlichem Erfolg Verwendung (S. 55). Der Schwerpunkt des Buches liegt allerdings nicht auf der Geschichte, sondern auf der allgemeinverständlichen Einführung in naturwissenschaftliche Zusammenhänge und die politische Debatte um die Seltenen Erden. Vor allem das Monopol, das der chinesische Staat seit den 1990er Jahren bei vielen der Erden gebildet hat, wird ausführlich besprochen. Dabei strebte die Regierung nicht nur eine Monopolstellung bei der Gewinnung der Mineralien an, sondern versuchte sehr erfolgreich, auch deren Weiterverarbeitung im Land zu behalten (S. 75).
Vordergründig hatte die chinesische Politik für die westlichen Industriestaaten zumindest den ökologischen Nutzen, dass sie die negativen Umweltfolgen der Gewinnung und Verarbeitung von Seltenen Erden externalisieren konnten. Sie trug dazu bei, dass die Umweltbelastungen, die mit dem Aufbau einer „nachhaltigen“ Wirtschaft verbunden waren, in andere Weltregionen exportiert werden konnten. Allerdings weisen Marschall und Holdinghausen auch auf die bisher wenig beachtete Umweltbelastung durch die Feinverteilung von Seltene-Erden-Partikeln hin, die über die Abnutzung und Entsorgung „grüner“ Technologien unkontrolliert in das Wasser, in die Luft und die Böden in Europa gelangen. Die langfristigen Auswirkungen einer anhaltenden Feinverteilung sind dabei kaum zu überblicken (S. 129–137). Während die Probleme der Feinverteilung vermutlich langfristig bestehen bleiben, zeigt sich seit den 2010er Jahren zumindest, dass die Umweltbelastung im Zusammenhang mit der Gewinnung und Verarbeitung reduziert werden kann. Ausschlaggebend seien den Autorinnen zufolge die stark steigenden Preise für Seltene Erden seit den frühen 2000er Jahren. Die Preisentwicklung habe einerseits dafür gesorgt, dass der Abbau von Seltenen Erden auch unter strikteren Umweltauflagen insbesondere in den USA wieder profitabel wurde. Andererseits seien seitdem vermehrt Substitutions- und Recyclingmöglichkeiten gefunden und genutzt worden (S. 158). Damit bestätigen Marschall und Holdinghausen letztlich die aus umweltgeschichtlicher Sicht stark kritisierte Annahme, dass ökonomische Anreize, die sich aus der Nachhaltigkeitsdebatte ergeben, dazu geeignet sein können, die Umweltbelastung zu verringern.
Sind ökonomische Anreize oder Knappheit von Rohstoffen also möglicherweise doch dazu geeignet, den Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung zu reduzieren und gesellschaftliche Entwicklung damit „nachhaltiger“ zu machen? Der Blick auf die Vormoderne in mehreren Beiträgen zu Reiths und Schulz’ Band „Wirtschaft und Umwelt vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“ zeigt, wie wichtig Knappheitserfahrungen waren, um gesellschaftliche Anpassungsleistungen auszulösen.68 Auch die Autorinnen und Autoren des Sammelbands „Cycling and Recycling“ weisen, entgegen der Argumentation in Worsters abschließendem Beitrag, darauf hin, dass nicht freiwillige Selbstbeschränkung zu nachhaltiger Entwicklung führt, sondern der Umgang mit Ressourcenknappheit. Im 20. Jahrhundert spielte immer häufiger die antizipierte Verknappung eine wichtige Rolle. Dass der Bericht des „Club of Rome“ zu Beginn der 1970er Jahre so einen breiten Einfluss entfalten konnte, lag auch an der zeitgenössischen Sorge um potenzielle Versorgungsengpässe. Dies traf nicht nur für Erdöl zu, wie Rüdiger Graf zeigt, sondern auch für die Pläne, Vorkommen von Manganknollen in der Tiefsee abzubauen, um der antizipierten Erschöpfung von Eisenerzvorkommen zuvorzukommen, die Ole Sparenberg in seinem Beitrag zum Band von Reith und Schulz nachzeichnet.69 Knappheitserscheinungen, aber auch bereits Erwartungen von Knappheit, können also durchaus zu einem veränderten Umwelthandeln beitragen.
Ob das Ergebnis solcher gesellschaftlicher Anpassungen am Ende als „nachhaltig“ zu bezeichnen ist, ist freilich gerade mit Blick auf den Bergbau fraglich. Frank Uekötters umweltgeschichtlicher Beitrag zum vierten Band der monumentalen „Geschichte des deutschen Bergbaus“ zeigt, wie schwer das Konzept der Nachhaltigkeit mit der bergbaulichen Rohstoffgewinnung vereinbar ist.70 Auf den ersten Blick erscheine es so, als seien Umweltfolgen des Bergbaus bis in das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts durch die Montanwirtschaft kaum reflektiert und mithin auch nicht angegangen worden. Allerdings sollte das aktuelle Umweltverständnis nicht unkritisch auf die Vergangenheit rückübertragen werden, so Uekötter: „Man wird die Problematik überzeitlicher Werturteile in ökologischen Fragen […] als Aufforderung betrachten müssen, schärfer nach den Motiven zu fragen, die hinter den jeweiligen Sichtweisen der Akteure standen“ (S. 540). Tue man dies, würden Interessenkonflikte in der Geschichte des Bergbaus sichtbar, die zwar nicht als Umweltprobleme formuliert wurden, aber gleichwohl ökologische Folgen gehabt haben – zum Beispiel Auseinandersetzungen um Flächennutzung. Abschließend weist Uekötter darauf hin, dass auch die Maßnahmen, die in den letzten Jahrzehnten getroffen wurden, um den deutschen Bergbau ökologisch verträglicher zu gestalten, keineswegs die hohen Ansprüche des aktuellen Umweltverständnisses erfüllen. Insbesondere wenn man das Nachhaltigkeitsparadigma in Zusammenhang mit der Globalisierung stelle, werde deutlich, dass die ökologische Entwicklung der deutschen Wirtschaft durch Import von Rohstoffen und damit der Externalisierung von Umweltproblemen erkauft werde, so Uekötter (S. 570). Vielleicht trifft doch zu, was Bergquist in ihrem Beitrag zu „Green Capitalism“ pointiert formuliert hat: „Mining and smelting are simply not green activities“ (S. 133).
Die Beschäftigung mit dem Bergbau bringt uns wieder zu der Frage zurück, was „nachhaltige“ Entwicklung ist, woran sie gemessen werden sollte und ob sie überhaupt möglich ist. Im Gegensatz zu Bergquists zugespitzter Schlussfolgerung meint etwa Brüggemeier, die (auch bergbaulich getriebene) Industrialisierung habe zur „Nachhaltigkeit“ beigetragen. Sie habe gesellschaftliche Handlungsspielräume erweitert, mit deren Hilfe Umweltprobleme erfolgreich bewältigt werden konnten. Damit hebt er vor allem auf die Verbesserung der Gesundheits- und Ernährungslage ab, die noch in der Vormoderne regelmäßig die Stabilität von Gesellschaften existenziell bedrohten: „Wirtschaftliches Wachstum und technischer Fortschritt bedeuten deshalb keine Gefährdung der Nachhaltigkeit, sondern fördern sie geradezu. […] [D]ie Industrialisierung brachte zwar Belastungen für Umwelt und Natur, schuf aber auch große Stabilität und Nachhaltigkeit“ (S. 334 f.).
Die Paradoxie, die bei Brüggemeier anklingt, wird in der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Stickstoffs auf den Punkt gebracht. Sämtliche Beiträge in dem von Gerhard Ertl und Jens Soentgen herausgegebenen Sammelband „Stickstoff – ein Element schreibt Weltgeschichte“ verweisen auf die Ambivalenz dieses vielfältig einsetzbaren Stoffes. Stickstoff ist die Basis für Sprengstoffe, Stickstoffverbindungen entstehen aber auch in den Abgasen von Autos, die aktuell im Zusammenhang mit Dieselfahrverboten breit diskutiert werden. Vor allem, und darauf liegt der deutliche Schwerpunkt des Bandes, sind synthetisch hergestellte Stickstoffdünger Grundlage der modernen Landwirtschaft. Seit dem frühen 20. Jahrhundert, als Stickstoff mit dem Haber-Bosch Verfahren zum ersten Mal in industriellem Maßstab synthetisch hergestellt werden konnte, hat sich die Ernährungsgrundlage der Menschheit entscheidend verbessert. Mehrfach wird die These wiederholt, dass heute ein Drittel bis die Hälfte der Weltbevölkerung hungern müsste, wenn kein synthetisch hergestellter Stickstoff zur Verfügung stünde. Auf der einen Seite ist der Stoff eine essenzielle Lebensgrundlage der Menschheit, die durch die künstliche Herstellung verbreitert werden kann und existenzielle Ernährungskrisen weitgehend überwunden hat. Auf der anderen Seite führt aber die landwirtschaftliche Verwendung künstlichen Stickstoffs zu Überdüngungsphänomenen. Gewässer, die kippen oder „tote Zonen“ in den Meeren sind Folgen, die lange Zeit in Kauf genommen wurden und schwierig zu kontrollieren sind. Insgesamt wird die Entwicklung in den Beiträgen aber deutlich positiv bewertet und eine Rückkehr zu einer Landwirtschaft ohne synthetischen Stickstoffdünger eindeutig verworfen.
Die geschichtswissenschaftliche Perspektive zeigt, dass die Frage, ob und inwiefern gesellschaftliche Entwicklung „nachhaltig“ ist, nur differenziert unter Berücksichtigung der jeweiligen Erwartungen, die an das Konzept der Nachhaltigkeit gerichtet werden, beantwortet werden kann. Es wird deshalb für die zukünftige historische Forschung unumgänglich sein, sich weiter mit dem konstruktiven Charakter des Nachhaltigkeitskonzepts auseinanderzusetzen und die Vorannahmen der eigenen Forschung offenzulegen.
Fazit
Die beschleunigten Umweltveränderungen der letzten Jahrhunderte sind nach wie vor der wichtigste Gegenstand umwelthistorischer Forschung. Allerdings stellen sich die Veränderungen höchst unterschiedlich dar, je nachdem, ob sie aus der Perspektive der Nachhaltigkeitsdebatte oder aus der des „Anthropozäns“ interpretiert werden. Der gravierendste Unterschied zwischen beiden Ansätzen ist die divergierende Vorstellung von temporaler Dynamik. Dabei zeigt sich, dass weniger die zeitliche Tiefe des Bezugshorizonts einen Unterschied macht, sondern die Frage, ob das Modell eines zyklischen ökologischen Gleichgewichts oder das einer unumkehrbaren Transformation als Bewertungsmaßstab herangezogen wird.
Kategorien der Nachhaltigkeit lassen sich an Umweltwandel nur anlegen, wenn man davon ausgeht, dass es idealerweise ein ökologisches Gleichgewicht gibt, dem gesellschaftliche Entwicklung angepasst werden sollte. Je nach Vertrauen in die Möglichkeit technologischer und ökonomischer Anpassungsleistungen wird auf dieser Grundlage gefordert, durch Selbstbeschränkung und einen Verzicht auf Wachstum zu einem vermeintlich „nachhaltigen“ Zustand der Vormoderne zurückzukehren. Während die umweltgeschichtliche Forschung zu einer differenzierten Beurteilung vormodernen Umwelthandelns mahnt, scheint die populäre Forderung nach einer Postwachstumsgesellschaft nicht ganz spurlos an der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung vorbeigegangen zu sein. Am deutlichsten wird diese Position in dem von Oldenziel und Trischler herausgegebenen Band, in dem etwa Robert Fiedel explizit meint: „The paths of sustainability are […] paths leading away from the twentieth century anomaly [sic!] to more familiar patterns of both thought and action“ (S. 219). Es sei die Aufgabe der Geschichtswissenschaft, diese „familiar patterns“ der Vergangenheit zu erforschen, um die notwendige gesellschaftliche Anpassung an das ökologische Gleichgewicht voranzutreiben. Oldenziel und Trischler reproduzieren diesen Anspruch auf einer höheren Abstraktionsebene, wenn sie fordern, die Geschichtswissenschaften müssten dem Wachstumsparadigma die „appreciation of cyclical forms of historic progression“ (S. 9 f.) entgegenstellen.
Mit der Debatte um das „Anthropozän“ entsteht aus unerwarteter Richtung Kritik an derartigem Gleichgewichtsdenken. Denn unter den Bedingungen des „Anthropozäns“ geht es nicht darum, der linearen Wachstumsgeschichte ein zyklisches Geschichtsmodell gegenüberzustellen, sondern um die Frage, wie der epochale und unumkehrbare Einschnitt, den die Menschheit derzeit durchlebt, bewältigt werden kann. Bonneuil und Fressoz argumentieren „the Anthropocene is a point of no return“ (S. 21) und fügen polemisch hinzu: „The Anthropocene thus cancels the peaceful and reassuring project of sustainable development“ (S. 22). Nachhaltigkeit anzustreben sei angesichts der aktuellen Herausforderungen im Zweifelsfall sogar kontraproduktiv, wenn sie die notwendigen gesellschaftlichen Anpassungsleistungen verhindere und die Aufmerksamkeit auf technische Lösungen lenke. Das Beharren auf den stabilen Umweltbedingungen des Holozäns, so erstrebenswert sie auch erscheinen, reflektiere ein Geschichtsverständnis „liberated from geohistory“, so Davies (S. 194).
Vor dem Hintergrund des divergierenden temporalen Bezugshorizonts hat die Debatte um das „Anthropozän“ die Frage nach den Handlungsmöglichkeiten der Menschheit noch einmal weiter zugespitzt. Während das „Anthropozän“ vordergründig als Resultat immenser menschlicher Handlungsmacht erscheint, treten auf den zweiten Blick die ungeheuren Abhängigkeiten der Menschheit von den sich rasant wandelnden Umweltverhältnissen deutlich hervor71 – inwieweit ist sie also Spielball der „geohistory“? Der Eintritt in das „Anthropozän“ erscheint in diesem Sinne tatsächlich als „catastophic“, wie Davies betont.72 Unabhängig davon, dass Menschen diese Katastrophe ausgelöst haben, scheinen sie keine Möglichkeit zu haben, die angestoßenen Prozesse zu kontrollieren oder gar rückgängig zu machen.73 Dennoch gibt es einen begrenzten Handlungsspielsaum, den es zu nutzen gilt.
Der Beitrag der Geschichtswissenschaften besteht folglich darin, die Reflexion über die sozialen Bedingungen für die Anpassungen an das „Anthropozän“ anzuregen. Wenn die Menschheit den Handlungsspielraum wahrnehmen will, den sie angesichts der unkontrollierbaren geohistorischen Transformation noch hat, tut sie gut daran, die Debatte über mögliche Lösungen nicht wie bisher weitgehend den Naturwissenschaften zu überlassen. Es geht darum, die gesellschaftlichen Anpassungsleistungen zu identifizieren, die notwendig sind, um den epochalen Wandel zu bewältigen.
Auf der einen Seite bieten insbesondere Davies, Bonneuil und Fressoz erste historisch fundierte Skizzen dazu, welche gesellschaftlichen Anpassungsleistungen als Möglichkeiten zu diskutieren wären. Ihre Überlegungen setzen bei der Beobachtung an, dass nicht alle Gesellschaften gleichermaßen von den Entwicklungen der letzten Jahrhunderte profitiert haben und dementsprechend auch nicht gleichermaßen Verantwortung zu tragen hätten. In der naturwissenschaftlich dominierten Auseinandersetzung mit dem „Anthropozän“, die von einer universellen Verantwortung der Menschheit ausgeht, finde diese Frage kaum Berücksichtigung, so die Kritik. Demgegenüber gelte es historisch zu zeigen, wie die beschleunigten Umweltveränderungen mit globalen Ungleichheiten, die der europäische Kolonialismus und Kapitalismus hervorgebracht hat, im Zusammenhang steht, um diese Ungleichheiten nun wieder auszugleichen.74 Die Argumentation, wonach das seit dem 15. Jahrhundert entstandene kapitalistische System die tiefere Ursache für die rasanten Umweltveränderungen der letzten Jahrhunderte sei, führt allerdings zu wenig überzeugenden Schlussfolgerungen. Die kapitalismuskritischen Vorschläge, die sich in Davies Annahme widerspiegeln, „the carbon cycle’s mechanism may be hampered by activist-led divestment from fossil fuel companies, which has the potential to accelerate cautious shareholders’ retreat from firms …“75 wirken nicht nur naiv, sondern basieren auch auf einer historisch erstaunlich selektiven Wahrnehmung. Weder wird die Forschung zur Umweltgeschichte der Ostblockstaaten mit der Debatte um das „Anthropozän“ in Verbindung gebracht, noch wird reflektiert, dass beispielsweise auch die links-alternative Konsumkritik im Gefolge von „1968“, der (zu Recht) eine enorme Bedeutung für den Wandel des gesellschaftlichen Umweltbewusstseins zugeschrieben wird, dazu beigetragen hat, nicht nur marktwirtschaftliche Praxis zu stärken, sondern auch die Trends zu verstärken, die in das „Anthropozän“ geführt haben.76
Auf der anderen Seite stellen sich aufgrund der Verflechtung von sozialen und ökologischen Prozessen ganz andere Fragen, die mit der Überlebensfähigkeit der Menschheit zu tun haben. Die Lektüre von LeCain deutet an, dass es auf die epigenetische Anpassungsfähigkeit der Menschen und die Konstruktion neuer biologischer Nischen ankommen könnte. Artenvielfalt beispielsweise sei deswegen kein Selbstzweck, sondern entscheidend für die notwendige genetische Kreativität, die nur in Interaktion mit anderen Organismen und Materialien entstehe (S. 336). Angesichts der aktuellen Entwicklungen befürchtet LeCain aber, „we are […] losing many of the material conditions and evolutionary creations that have historically been most central to making us human […] and anyone of which might someday prove of transformative importance“ (S. 21). Über den von LeCain angesprochenen biologischen und genetischen Anpassungen sollte aber nicht vergessen werden, dass diese immer auch mit sozialen Prozessen korrespondieren. Wenn etwa Höhler darauf hinweist, dass biologische Eingriffe in Gestalt einer Populationskontrolle keineswegs abwegige Überlegungen sind, dann sollte es Aufgabe der Geschichtswissenschaften sein, die sozialen Implikationen derartiger Maßnahmen aufzuzeigen (S. 135 f.).
Um nicht mit dem Eindruck zu schließen, die neuere umweltgeschichtliche Literatur lege, zynisch überspitzt, nahe, das Aussterben der Menschheit sei in geologischer Perspektive ein völlig normaler Vorgang, lohnt ein Blick auf die Anpassungsfähigkeit der menschlichen Ressourcennutzung. In zahlreichen der hier besprochenen Bücher bildete der Verbrauch und die Mobilisierung von Rohstoffen den Untersuchungsgegenstand, an dem sowohl Fragen des „Anthropozäns“ als auch der „Nachhaltigkeit“ verhandelt wurden. Der Schwerpunkt dieses Forschungsfeldes verschiebt sich allmählich von meist wirtschaftshistorisch konturierten Erkenntnisinteressen hin zum umwelthistorischen Interesse an der Verflechtung von sozialen und ökologischen Entwicklungen. Im Ergebnis zeigt sich hier deutlicher als in anderen Feldern das Potenzial gesellschaftlicher Reflexion, aber auch die Flexibilität, mit der Gesellschaften ihren Stoffgebrauch gestaltet haben. Hier zeigt sich, wie soziale und materielle Anpassungsprozesse in der Geschichte ineinandergriffen und regelmäßig den vollständigen Zusammenbruch von Gesellschaften verhinderten. Möglicherweise bietet die systematische Auseinandersetzung mit der Geschichte von Rohstoffen einen geeigneten Zugriff auf die Frage, wie mit den Herausforderungen der rasanten Umweltveränderungen der Gegenwart umgegangen werden kann.
Auswahlbibliografie
Beattie, James/Melillo, Edward D./O’Gorman, Emily (Hrsg.): Eco-Cultural Networks and the British Empire. New Views on Environmental History, 344 S., Bloomsbury, London/New York 2015.
Berghoff, Hartmut/Rome, Adam (Hrsg.): Green Capitalism? Business and the Environment in the Twentieth Century, 312 S., Pennsylvania UP, Philadelphia, PA 2017.
Bonneuil, Christophe/Fressoz, Jean-Baptiste: The Shock of the Anthropocene. The Earth, History and Us, 320 S., Verso, London 2017.
Brüggemeier, Franz-Josef: Schranken der Natur. Umwelt, Gesellschaft, Experimente 1750 bis heute, 450 S., Klartext, Essen 2014.
Davies, Jeremy: The Birth of the Anthropocene, 248 S., UC Press, Oakland 2016.
Fischer, Georg: Globalisierte Geologie. Eine Wissensgeschichte des Eisenerzes in Brasilien (1876–1914), 328 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2017.
Höhler, Sabine: Spaceship Earth in the Environmental Age 1960–1990, 248 S., Pickering & Chatto, London 2015.
LeCain, Timothy J.: The Matter of History. How things create the past, 366 S., Cambridge UP, Cambridge 2017.
Oldenziel, Ruth/Trischler, Helmuth (Hrsg.): Cycling and Recycling. Histories of Sustainable Practices, 256 S., Berghahn, Oxford/New York 2016 (=The Environment in History. International Perspectives 7).
Soentgen, Jens/Ertl, Gerhard (Hrsg.): N. Stickstoff – ein Element schreibt Weltgeschichte, 272 S., oekom, München 2015.
Notes
- Ich danke der/dem anonymen Gutachter/in für die hilfreichen Kommentare. ⮭
- Noch vor zehn Jahren schien ein solcher Fokus der Umweltgeschichtsforschung zu fehlen, vgl. Toyka-Seid, Michael: Auf der Suche nach dem Eigen-Sinn – die Umweltgeschichte zwischen Konsolidierung und Globalisierung, in: Neue Politische Literatur 53 (2008), H. 3, S. 365–380; Freytag, Nils: Deutsche Umweltgeschichte – Umweltgeschichte in Deutschland. Erträge und Perspektiven, in: Historische Zeitschrift 283, H. 1, S. 383–552. ⮭
- Chakrabarty, Dipesh: Anthropocene Time, in: History and Theory 57 (2018), H. 1, S. 5–32. ⮭
- Vgl. dazu den aktuellen Forschungsschwerpunkt „Knowledge in and of the Anthropocene“ am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, https://www.mpiwg-berlin.mpg.de/project/knowledge-anthropocene [Abgerufen am: 05.01.2019]. ⮭
- Guldi, Jo/Armitage, David: The History Manifesto, Cambridge UP, Cambridge 2014; Singh, Simron u. a. (Hrsg.): Long Term Socio-Ecological Research. Studies in Society-Nature Interactions across Spatial and Temporal Scales, Springer, Dordrecht 2013. ⮭
- Gandy, Matthew: Concrete and Clay. Reworking Nature in New York City, MIT Press, Cambridge, MA 2002. ⮭
- Trischler, Helmuth: The Anthropocene. A Challenge for the History of Science, Technology, and the Environment, in: NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 24 (2016), H. 1, S. 309–335, hier: S. 327. ⮭
- Radkau, Joachim: Holzverknappung und Krisenbewusstsein im 18. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 513–543; Grewe, Bernd-Stefan: „Man sollte sehen und weinen!“. Holznotalarm und Waldzerstörung vor der Industrialisierung, in: Frank Uekötter (Hrsg.): Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Ökoalarme, Steiner, Stuttgart 2004, S. 24–40; Hölzl, Richard: Historicizing Sustainability. German scientific forestry in the Eighteenth and Nineteenth centuries, in: Science as Culture 19 (2010), S. 431–460. ⮭
- Crutzen, Paul J./Stoermer, Eugene F.: The „Anthropocene“, in: Global Change Newsletter 41 (2000), S. 17f. ⮭
- Einen guten Überblick über die geowissenschaftlichen Debatten bietet Davies, Jeremy: The Birth of the Anthropocene, UC Press, Oakland 2016. ⮭
- Trischler: Anthropocene (wie Anm. 7); Mauelshagen, Franz: „Anthropozän“. Plädoyer für eine Klimageschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen 9 (2012), S. 131–137. ⮭
- Steffen, Will/Crutzen, Paul J./McNeill, John R.: The Anthropocene. Are Humans Now Overwhelming the Great Forces of Nature?, in: Ambio 36 (2007), S. 614–621. ⮭
- Davies: Birth (wie Anm. 10). ⮭
- Bonneuil, Christophe/Fressoz, Jean-Baptiste: The Shock of the Anthropocene. The Earth, History and Us, Verso, London 2017. ⮭
- Winiwarter, Verena/Knoll, Martin: Umweltgeschichte. Eine Einführung, Böhlau, Köln u. a. 2007. ⮭
- McNeill, John R./Engelke, Peter: The Great Acceleration. An Environmental History of the Anthropocene since 1945, Harvard UP, Cambridge, MA/London 2014. ⮭
- Pfister, Christian/Bär, Peter/Ogi, Adolf: Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft, Haupt, Bern 1995. ⮭
- Insbesondere Steffen, Will/Crutzen, Paul J./McNeill, John R.: The Anthropocene. Are Humans Now Overwhelming the Great Forces of Nature?, in: Ambio 36 (2007), S. 614–621. ⮭
- Brüggemeier, Franz-Josef: Schranken der Natur. Umwelt, Gesellschaft, Experimente 1750 bis heute, Klartext, Essen 2014. ⮭
- Uekötter, Frank: Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Oldenbourg, München 2007, S. 22. ⮭
- Brüggemeier: Schranken (wie Anm. 19), S. 9. ⮭
- LeCain, Timothy J.: Against the Anthropocene. A Neo-Materialist Perspective, in: International Journal of History, Culture, and Modernity 3 (2015), H. 1, S. 1–28; Reuss, Martin/Cutcliffe, Stephen H. (Hrsg.): The Illusory Boundary. Environment and Technology in History, Virginia UP, Charlottesville, VA 2010. ⮭
- Bonneuil/Fressoz: Shock (wie Anm. 14), S. 81 f.; Davies: Birth (wie Anm. 10), S. 52 ff. ⮭
- Moezzi, Mithra/Janda, Kathryn B./Rotmann, Sea: Using Stories, Narratives, and Storytelling in Energy and Climate Change Research, in: Energy Research & Social Science 31 (2017), H. 1, S. 1–10; Böschen, Stefan/Reller, Armin/Soentgen, Jens: Stoffgeschichten. Eine neue Perspektive für transdisziplinäre Umweltforschung, in: GAIA 13 (2004), H. 1, S. 19–25; Trischler: Anthropocene (wie Anm. 7). ⮭
- LeCain, Timothy J.: The Matter of History. How things create the past, Cambridge UP, Cambridge 2017. ⮭
- Bennett, Jane: Vibrant Matter. A Political Ecology of Things, Duke Univ. Press, Durham 2010; Coole, Diana H./Frost, Samantha (Hrsg.): New Materialisms. Ontology, Agency, and Politics, Duke UP, Durham, NC/London 2010. ⮭
- Schenk, Gerrit Jasper: Geschichte als Naturwissenschaft? Zur Kontroverse um die aDNA-Forschung, in: NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 26 (2018), H. 3, S. 303–309; Russell, Edmund: AHR Roundtable Coevolutionary History, in: American Historical Review 119 (2014), H. 5, S. 1514–1528. ⮭
- Brüggemeier: Schranken (wie Anm. 19), S. 364 f. ⮭
- Gibson, Susannah: Animal, Vegetable, Mineral? How eighteenth-century science disrupted the natural order, Oxford UP, Oxford u. a. 2015. ⮭
- Bonneuil/Fressoz: Shock (wie Anm. 14); LeCain: Matter (wie Anm. 25), S. 23–66. ⮭
- Bayerl, Günter: Prolegomenon der „Großen Industrie“. Der technisch-ökonomische Blick auf die Natur im 18. Jahrhundert, in: Abelshauser, Werner (Hrsg.): Umweltgeschichte. Umweltverträgliches Wirtschaften in historischer Perspektive (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 15), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, S. 29–56. ⮭
- Pritchard, Sara B./Zeller, Thomas: The Nature of Industrialization (wie Anm. 22), S. 69–100. ⮭
- Mutz, Mathias: Industrialisierung als Umwelt-Integration. Konzeptionelle Überlegungen zur ökologischen Basis moderner Industrieunternehmen, in: Schulz, Günther/Reith, Reinhold (Hrsg.): Wirtschaft und Umwelt vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Auf dem Weg zu Nachhaltigkeit? (Vierteljahresschrift für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Beih. 233), Steiner, Stuttgart 2015, S. 191–213. ⮭
- Fischer, Georg: Globalisierte Geologie. Eine Wissensgeschichte des Eisenerzes in Brasilien (1876–1914), Campus, Frankfurt a. M./New York 2017. ⮭
- Vgl. dazu zum Beispiel Andrews, Thomas G.: Killing for Coal. America’s Deadliest Labor War, Harvard UP, Cambridge, MA/London 2008. ⮭
- Graf, Rüdiger: Öl und Souveränität. Petroknowledge und Energiepolitik in den USA und Westeuropa in den 1970er Jahren, De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2014. ⮭
- Westermann, Andrea: Inventuren der Erde. Vorratsschätzungen für mineralische Rohstoffe und die Etablierung der Ressourcenökonomie, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 37 (2014), H. 1, S. 20–40; Graf: Öl (wie Anm. 36). ⮭
- Beattie, James/Melillo, Edward D./O’Gorman, Emily (Hrsg.): Eco-Cultural Networks and the British Empire. New Views on Environmental History, Bloomsbury, London/New York 2015. ⮭
- Endfield, Georgina/Randalls, Samuel: Climate and Empire, in: ebd., S. 21–43. ⮭
- Beattie: Networks (wie Anm. 38), S. 151–179. ⮭
- Crosby, Alfred W.: The Columbian Exchange. Biological and Cultural Consequences of 1492, Greenwood, Westport, CT 1972. ⮭
- Beattie, James/Melillo, Edward/O’Gorman, Emily: Introduction. Eco-Cultural Networks and the British Empire, 1837–1945, in: Beattie: Networks (wie Anm. 38), S. 3–20. ⮭
- Soentgen, Jens/Ertl, Gerhard (Hrsg.): N. Stickstoff – ein Element schreibt Weltgeschichte, oekom, München 2015. ⮭
- Zum Beispiel König, Sabine: Carl Bosch, in: ebd., S. 169–178. ⮭
- Sutter, Paul S.: The World with Us. The State of American Environmental History, in: Journal of American History 100 (2013), H. 1, S. 94–119; Winiwarter/Knoll: Umweltgeschichte (wie Anm. 15), S. 131–143; McNeill, John R.: Observations on the Nature and Culture of Environmental History, in: History and Theory 42 (2003), H. 1, S. 5–43. ⮭
- Radkau, Joachim: Holzverknappung und Krisenbewusstsein im 18. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 513–543; Grewe, Bernd-Stefan: Der versperrte Wald. Ressourcenmangel in der bayerischen Pfalz (1814–1870), Böhlau, Köln u. a. 2004; Hölzl, Richard: Umkämpfte Wälder. Die Geschichte einer ökologischen Reform in Deutschland 1760–1860, Campus, Frankfurt a. M./New York 2010. ⮭
- Reinhold/Schulz, (Hrsg.): Wirtschaft (wie Anm. 33). ⮭
- Reith, Reinhold: Überlegungen zur Nutzung materieller Ressourcen in der Geschichte. Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit?, in: ebd. S. 17–30. ⮭
- Vgl. auch das Arbeitsprogramm der Forschergruppe „Nachhaltigkeit als Argument“ an der Georg-August-Universität Göttingen: http://www.uni-goettingen.de/de/528465.html [Abgerufen am: 04.01.2019]. ⮭
- Kupper, Patrick: Die „1970er Diagnose“. Grundsätzliche Überlegungen zu einem Wendepunkt der Umweltgeschichte, in: Archiv für Sozialgeschichte 43 (2003), S. 325–348; Seefried, Elke/Kupper, Patrick: „A computer’s vision of doomsday“. On the history of the 1972 study The Limits to Growth, in: Uekoetter, Frank (Hrsg.): Exploring Apocalyptica. Coming to Terms with Environmental Alarmism, Pittsburgh UP, Pittsburgh, PA 2018, S. 61–74; Seefried, Elke: Rethinking Progress. On the Origin of the Modern Sustainability Discourse, 1970–2000, in: Journal of Modern European History 13 (2015), H. 3, S. 377–400. ⮭
- Meadows, Donella u. a.: The Limits to Growth. Universe Books, New York 1972, S. 24. ⮭
- Brüggemeier: Schranken (wie Anm. 19), S. 49 f. und 333 f. ⮭
- Höhler, Sabine: Spaceship Earth in the Environmental Age 1960–1990, Pickering & Chatto, London 2015. ⮭
- Vgl. die Kritik an diesem Denkmodell bei Bonneuil/Fressoz: Shock (wie Anm. 14), S. 87. ⮭
- Oldenziel, Ruth/Trischler, Helmuth (Hrsg.): Cycling and Recycling. Histories of Sustainable Practices, Berghahn, Oxford/New York 2016 (=The Environment in History. International Perspectives 7). ⮭
- Oldenziel, Ruth/Trischler, Helmuth: How Old Technologies Became Sustainable. An Introduction, in: ebd., S. 1–12. ⮭
- Edgerton, David: The Shock of the Old. Technology and Global History since 1900, Oxford UP, Oxford/New York 2011. ⮭
- Hahn, Hans Peter: Use and Cycling in West Africa, in: Oldenziel/Trischler: Cycling (wie Anm. 46), S. 15–32. ⮭
- Bertho Lavenier, Catherine: Scarcity, Poverty, Exclusion. Negative Associations of the Bicycle’s Uses and Cultural History of France, in: ebd., S. 58–72. ⮭
- Emanuel, Martin: Monuments of Unsustainability. Planning, Path Dependence, and Cycling in Stockholm, in: ebd., S. 101–121. ⮭
- Stöger, Georg: Premodern Sustainibility? The Secondhand and Repair Trade in Urban Europe, in: ebd., S. 147–167. ⮭
- Köster, Roman: Waste to Assets. How Household Waste Recycling Evolved in West Germany, in: ebd., S. 168–182; ausführlich: Köster, Roman: Hausmüll, Abfall und Gesellschaft in Westdeutschland 1945–1990, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017. ⮭
- Gille, Zsuzsa: Ecological Modernization of Waste-Dependent Development? Hungary’s 2010 Red Mud Disaster, in: ebd., S. 183–201. ⮭
- Worster, Donald: Can History Offer Pathways to Sustainability?, in: ebd., S. 215–218. ⮭
- Bonneuil/Fressoz: The Shock (wie Anm. 14), S. 218 f. ⮭
- Bergquist, Ann-Kristin: Dilemmas of Going Grenn. Environmental Strategies in the Swedish Mining Company Boliden, 1960–2000, in: ebd., S. 149–171, hier: S. 151. ⮭
- Marschall, Luitgard/Holdinghausen, Heike: Seltene Erden. Umkämpfte Rohstoffe des Hightech-Zeitalters, oekom, München 2017. ⮭
- Reith/Schulz: Wirtschaft (wie Anm. 33). ⮭
- Sparenberg, Ole: Ressourcenverknappung, Eigentumsrechte und ökologische Folgewirkungen am Beispiel des Tiefseebergbaus, ca. 1965–1982, in: ebd., S. 109–124. ⮭
- Uekötter, Frank: Bergbau und Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert, in: Ziegler, Dieter (Hrsg.): Rohstoffgewinnung im Strukturwandel. Der deutsche Bergbau im 20. Jahrhundert, Münster 2016 (=Geschichte des deutschen Bergbaus 4), Aschendorff, Münster 2013, S. 539–570. ⮭
- Trischler: Anthropocene (wie Anm. 7). ⮭
- Davies: Birth (wie Anm. 10), S. 29. ⮭
- LeCain: Matter (wie Anm. 22), S. 318 f. ⮭
- Davies: Birth (wie Anm. 10), S. 52 ff.; Bonneuil/Fressoz: Shock (wie Anm. 14), S. 65–72 und S. 222–252. ⮭
- Davies: Birth (wie Anm. 10), S. 207. ⮭
- Sedlmaier, Alexander/Malinowski, Stephan: „1968“ als Katalysator der Konsumgesellschaft. Performative Regelverstöße, kommerzielle Adaptionen und ihre gegenseitige Durchdringung, in: Geschichte und Gesellschaft 32 (2006), H. 2, S. 238–267; Reichardt, Sven: Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Suhrkamp, Berlin 2014. ⮭