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Einzelrezension

Liebrandt, Hannes: „Das Recht mich zu richten, das spreche ich ihnen ab!“ Der Selbstmord der nationalsozialistischen Elite 1944/45, 361 S., Schöningh, Paderborn u. a. 2017.


Keywords: Review, Liebrandt, Hannes, 2017, Nationalsozialismus, Elite, Suizid, Selbstmord

How to Cite:

Schöttler, P., (2019) “Liebrandt, Hannes: „Das Recht mich zu richten, das spreche ich ihnen ab!“ Der Selbstmord der nationalsozialistischen Elite 1944/45, 361 S., Schöningh, Paderborn u. a. 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00087-3

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-20

Peer Reviewed

Dass die militärische Niederlage Deutschlands und der Zusammenbruch des NS-Regimes eine Welle individueller und kollektiver Selbsttötungen nach sich zog, ist ein bekanntes Phänomen. In der zeithistorischen Forschung gibt es dazu bereits einige Untersuchungen. Doch vor allem in der breiten Öffentlichkeit übt der Selbstmord vieler Nazigrößen noch immer eine merkwürdige Faszination aus. Das vorliegende Buch von Hannes Liebrandt, eine 2016 eingereichte Dissertation, greift dieses Dossier auf und versucht, anhand einer Vielzahl von Biografien eine mehr oder weniger systematische Erklärung zu liefern. 159 „hochrangige Suizidfälle“ (S. 30) wurden dafür ausgewählt und einer quasi-prosopografischen Analyse unterworfen, welche einerseits in Gruppenstudien (Partei, Staat, Militär, Ärzte, Richter) und andererseits in biografische „Mikrostudien“ (S. 27) mündet. Denn auch die individuellen Suizid-Intentionen sollen möglichst ermittelt werden. Dass damit von vornherein die pathologischen Hintergründe vieler Suizide (Depression ist eine Krankheit mit vielen Varianten) zugunsten einer politischen beziehungsweise voluntaristischen Erklärung zurückgestellt werden, deutet bereits die psychologisierende Tendenz des Buches an, die leider häufig zu trivialen Verlautbarungen führt, wie etwa: „Religiöse Empfindungen und staatliche Ideologien können, müssen jedoch kein Hindernis darstellen, der Suizid erscheint als intimer und unzugänglicher menschlicher Akt, der den Individualismus des Menschen auch in Zeiten staatlicher Bevormundung deutlich offenbart“ (S. 13).

Wie schon der Untertitel und auch das Göring-Zitat im Obertitel andeuten, handelt es sich hier nicht um eine sozial- oder im modernen Sinne kulturgeschichtliche Studie, in der – etwa auf den Spuren von Émile Durkheim und Maurice Halbwachs – die Häufigkeit und Verteilung der Selbstmorde in der deutschen Bevölkerung, die möglichen Zusammenhänge mit gesellschaftlichen Trends und Indikatoren untersucht werden, sondern um eine – trotz allgemeinster, auch theoretischer und methodologischer Ankündigungen in der Einleitung – eng begrenzte Arbeit über die sogenannte „Elite“ des Regimes, die sich am Ende des Krieges oder auch noch später der Verantwortung für die Niederlage und die Zerstörung Deutschlands zu entziehen suchte. Genauer betrachtet, ist der Zugang also ein biografischer (zunächst eher kollektivbiografisch, dann individualbiografisch) und die Methode fast rein ideengeschichtlich. Als Quellenbasis dient größtenteils gedrucktes Material, also Biografien, Sekundärliteratur und Lexikonartikel, gelegentlich ergänzt um Informationen aus den Personalakten des ehemaligen Berlin Document Center. Neue, durch Archivstudien oder Interviews mit Nachkommen gestützte Erkenntnisse werden nicht vorgelegt; die Arbeit setzt ganz auf die Qualität der Analyse.

Inhaltlich und methodisch entscheidend ist zweifellos der Begriff der „Elite“. Der Autor bezeichnet damit zweierlei: Erstens die in seinen Augen besonders relevanten Funktionsträger und Gruppen des NS-Regimes, also Hitler und Konsorten, die Gauleiter, höchste Militärs – ausdrücklich keine Generalmajore (S. 297) –, Gerichtspräsidenten, Ärzte mit hohen NS-Funktionen und andere; sie alle werden herausgefiltert, teilweise tabellarisch aufgelistet und anschließend näher betrachtet. Als irrelevant erscheinen dagegen die nationalsozialistischen Bankiers und Unternehmer, Universitätsrektoren und Institutsleiter, Kirchenmänner, Professoren oder auch Künstler, denn sie werden überraschenderweise nicht zur „Elite“ gezählt und folglich weder aufgelistet noch untersucht. Auch deshalb erweckt dieses Buch den Eindruck des déja-vu: Eigentlich kennt man alle diese Leute.

Daneben gibt es für den Autor einen zweiten Elitenbegriff, der allein seiner Privatsprache entstammt: Immer wieder bezeichnet er nämlich die Männer selbst, die er zur NS-Elite zählt (Frauen sind kaum darunter, allenfalls Gattinnen, dagegen fehlen BDM-Führerinnen, eine berühmte Filmregisseurin usw.), als „Elite“. So ist beispielsweise von „über 2000 Eliten“ die Rede, aus denen die „159 hochrangigen Selbstmorde“ ausgewählt wurden (S. 91). Und über den Suizid der NS-Statthalter in Norwegen heißt es: „Der Abend begann mit einem Trinkgelage der beiden wichtigsten Eliten in einem Bunker […]“ (S. 261). Gemeint sind aber nur zwei Männer. Ein paar Zeilen weiter werden sie sogar als „nationalsozialistische Doppelelite“ bezeichnet. Auch über die Verhaftung von Odilo Globocnik und anderen SS-Männern wird ähnlich berichtet: „Alle in der Hütte gefassten NS-Eliten waren bei der systematischen Ermordung der Juden […] beteiligt“ (S. 308). Ein solcher eigentümlicher Wortgebrauch ist aber nicht nur unsinnig und verwirrend, er unterstreicht auch, dass der vom Autor verwendete Elitenbegriff kein soziologischer, sondern ein rein intuitiver ist, den er nach mehr oder weniger subjektiven Kriterien verliehen hat. Jeder, der ihm mächtig erscheint, und sei es als KZ-Kommandant, wird zur „Elite“ erhoben. Daher auch der Pleonasmus von den „führenden Eliten“ (S. 22). Für die eigentliche Frage jedoch, warum diese Leute sich selbst und manchmal auch ihre Familien töteten, ergibt sich aus einer solchen Hervorhebung nur wenig, zumal an keiner Stelle ein Vergleich mit „gewöhnlichen“ Suiziden im selben Zeitraum möglich ist, weil diese von vornherein aus dem Gesichtsfeld der Studie „ausgeblendet“ wurden (S. 20). Statt objektivierender Kriterien wird im Grunde nur eine Trivialpsychologie angeboten und dauernd beteuert, dieser oder jener Fall sei charakteristisch.

Der Autor versetzt sich allzu gern in die Lage seiner Subjekte, obwohl er über deren Lebensumstände, Erfahrungshorizonte und mögliche Krankheitsbilder kaum etwas weiß, ja wissen kann. Methodisch auch deshalb, weil er dilettantisch „alles“ auf einmal erklären will, statt seine – zugegebenermaßen – schwierige Thematik systematisch einzugrenzen, nach methodischen Zugängen zu fragen und eine entsprechende Quellenauswahl zu treffen. Natürlich steckt hinter solchen Einfühlungsversuchen keine heimliche Verehrung der NS-Führung, aber ein bisschen mehr Distanz zur Lingua Tertii Imperii hätte man sich gewünscht. Stattdessen erzeugt der ständige Hinweis auf die „Siegerjustiz“ (S. 106, 114, 125, 141, 198, 216) – ohne distanzierende Anführungszeichen – zusammen mit vielen anderen sprachlichen Ungeschicklichkeiten oder Entgleisungen („feindliche Soldateska“, „der unaufhaltsame Aufstieg der NSDAP“ usw.) sowie unzähligen Stilblüten („Direkttäter vor Ort“, „der Tod fungiert als Ultima Ratio der Überlebenssicherung“, „diese Wesensfremdheit übertrug Hitler quasi auf die Angehörigen des Rechtsstandes“, „das missratene Kriegsende hatte bei der nationalsozialistischen Elite den Nachgeschmack des Unvollendeten, des Skandalösen hinterlassen“ usw.) den Eindruck einer völligen intellektuellen Hilflosigkeit und mangelnden Sensibilität sowohl für die Problematik des Suizids als auch für den Nationalsozialismus als Terror- und Herrschaftssystem.

Der Autor und seine Sprache: Sagen wir es offen, noch nie hat der Rezensent ein so schlecht geschriebenes wissenschaftliches Werk gelesen. Seite für Seite ist die Lektüre dieses Buches eine Qual. Orthografie, Grammatik, Semantik, Stil: Kein Absatz und kaum ein Satz sind fehlerfrei. Alles ist verquer gedacht und verquer geschrieben. Zwei beliebige Beispiele: „Ebenso plausibel erscheinen Gründe, wonach sich die Totalität und somit Folgen des Zweiten Weltkrieges im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg für die neue Dimension des Elitensuizids verantwortlich zeichnen [sic], da schließlich der Krieg 1914–1918 nicht in diesem Ausmaß die Existenz Deutschlands auf Spiel setzte, wie dies schließlich 1939–1945 der Fall gewesen ist“ (S. 46); „Die jahrelange Indoktrination der Todeskonzeption, die sich im nationalsozialistischen Totenkult wiederspiegelt [sic], wurde schlussendlich dazu benutzt, der Nachwelt vom eigenen Ruhm zu zeugen“ (S. 57). So geht es auf 340 Seiten dahin. Doch offenbar hat es niemanden gestört. Kein Lektor, kein guter Freund und erst Recht keiner der drei namentlich genannten Gutachter hat eingegriffen. Stattdessen wurde diese schlecht gedachte und schlecht geschriebene, überdimensionierte Seminararbeit an der Universität Bayreuth mit „summa cum laude“ bewertet und sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Offenbar gelten an manchen deutschen Fakultäten völlig eigene Maßstäbe.