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Einzelrezension

Kosubek, Katja: „Genauso konsequent sozialistisch wie national“. Alte Kämpferinnen der NSDAP vor 1933, 608 S., Wallstein, Göttingen 2017.


Abstract

Schreibfreudige Botschafterinnen der NS-Idee

Keywords: Review, Kosubek, Katja, 2017, Nationalsozialismus, Geschlecht, NSDAP

How to Cite:

Bauer, I., (2019) “Kosubek, Katja: „Genauso konsequent sozialistisch wie national“. Alte Kämpferinnen der NSDAP vor 1933, 608 S., Wallstein, Göttingen 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00084-6

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-20

Peer Reviewed

Mit der vorliegenden Edition autobiografischer, von Nationalsozialistinnen der ersten Stunde verfasster Essays, die in der Abel-Collection der Stanford University aufbewahrt sind, hat Katja Kosubek eine bemerkenswerte Quellensammlung nicht nur öffentlich zugänglich gemacht; die Historikerin hat diese zugleich auch einer ersten aufschlussreichen Auswertung unterzogen. Ausgesprochen interessant ist allein schon das im Buch erläuterte Zustandekommen dieser Dokumente. Unter der Fragestellung „Warum ich vor 1933 der NSDAP beigetreten bin“ hatten einfache Parteimitglieder 1934 an einem vermeintlichen Aufsatzwettbewerb teilgenommen, bei dem es sich aber um eine Datenerhebung des US-amerikanischen Soziologen Theodore Abel handelte. Auf der Suche nach den Gründen für den Aufstieg der NS-Bewegung hoffte er auf eine aussagekräftige empirische Erklärungsgrundlage und bekam für sein getarntes Vorhaben sogar organisatorische Unterstützung durch NS-Stellen, die das Projekt „als Instrument einer vorteilhaften Außenwirkung“ (S. 63) (miss-)verstanden.

36 der über 600 eingeschickten autobiografischen Texte stammen aus der Feder von Frauen. Kosubek hat die ursprünglich handschriftlichen Biogramme ungekürzt transkribiert, auf der Basis biografischer Zusatzrecherchen kommentiert und mit einer Zusammenfassung der Lebensdaten jeder Verfasserin versehen. Dieses Konvolut bildet mit seinen 260 Seiten den umfangreichsten und abschließenden Teil III der Publikation – ursprünglich eine Dissertation, die nun im Rahmen der Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte erschienen ist.

In der instruktiven Einführung (Teil I) wird das Quellenmaterial in den politischen und gesellschaftlichen Rahmen der politisch aufgeladenen Zeit der Weimarer Republik und des allmählichen Aufstiegs der NSDAP gestellt; mit Blick auf die Schreiberinnen wird zudem nach der allgemeinen Politisierung von Frauen in diesem zeitgeschichtlichen Kontext sowie nach ihrer Rolle als Wählerinnen und Mitglieder der NSDAP gefragt. Sorgfältig prüft Kosubek auch den Aussagewert der Essays und hält quellenkritisch unter anderem fest, wie sehr ihnen etwa „das stereotype Muster nationalsozialistischer Kampfzeitberichte“ (S. 87) zugrunde liegt. Besonders deutlich wird bei der Lektüre ein stolzes Selbstbewusstsein dieser – ihrem Selbstverständnis nach – „Botschafterinnen der nationalsozialistischen Idee“, die sich nach dem Machtantritt der NSDAP „als Siegerinnen“ fühlten und das Bedürfnis hatten, „ihre Beteiligung an diesem Erfolg“ (S. 321), ihre Rolle als „Alte Kämpferinnen“, hervorzuheben. Trotz der Nähe zum kollektivem NS-Erinnerungskult gab es aber durchaus auch einen, von den Frauen in individueller Variation gefüllten, „freien Gestaltungsraum“, aus dem sich „individuelle Motive und Handlungsräume weiblichen Engagements für die NSDAP ableiten“ (S. 87) ließen. Die Historikerin fundiert die diesbezügliche Aussagekraft der Essays noch durch deren Einordnung nach soziostatistischen Faktoren wie soziale Herkunft der Verfasserinnen, Generationszugehörigkeit, Ausbildung, Beruf, Familienstand, familiäre Situation um 1930 oder politische Interessen. Das führt zu erhellenden Ergebnissen, insbesondere dort, wo die von den Elternhäusern her vorwiegend, aber nicht nur der Mittelschicht zuzurechnenden Lebensläufe vom statistischen Durchschnitt abwichen. So war die große Mehrheit der Verfasserinnen zum Zeitpunkt der Niederschrift berufstätig, und während zwei Drittel der erwachsenen deutschen Frauen 1934 in einer Ehe lebten, sind unter den in der Abel-Collection vertretenen Schreiberinnen die alleinstehenden und zum Teil alleinerziehenden überdurchschnittlich vertreten, in „erzwungener Eigenverantwortung“ (S. 186), zumeist durch biografische Brüche in Folge des Ersten Weltkriegs, von denen die am stärksten vertretenen Geburtsjahrgänge 1872 bis 1900 besonders betroffen waren. Von der politischen Sozialisation und Grundhaltung her kamen die Autobiografinnen vor allem über „nationalistisch-konservativ[e]“ (S. 175) Prägungen zu ihrem frühen Engagement für die Hitlerbewegung.

Solcherart vielfältig kontextualisiert, erweisen sich die Essays in Teil II des Buches tatsächlich als ergiebige Quellen, wenn sie nun danach befragt werden, welche „offenbar gerade für Frauen attraktiven Perspektiven der Nationalsozialismus bereithielt“ – trotz oder wegen seiner antifeministischen Politik –, welche Formen weiblichen Engagements die Parteiorganisation ihnen eröffnete und „welche Aktivitäten und Organisationsformen sie in eigener Initiative etablierten“ (S. 23). Im Rahmen dieser Analyse sind Kosubek spannende Einblicke gelungen. Einiges von dem, was sie hinsichtlich einer frauenbezogenen Attraktivität der NS-Bewegung herausarbeiten konnte – etwa die Aufwertung der Hausfrauen- und Mutterrolle als Teil eines nationalen Plans, ein im Bezugsrahmen der NS-Volksgemeinschaft erweiterter und aktivierter Handlungsradius von Frauen –, ist bereits aus frauen- und geschlechtergeschichtlichen Zugängen für die Zeit nach der NS-Machtergreifung bekannt, auf deren schon langen, reichen Forschungsstand sich Kosubek jedoch nur minimalistisch bezieht. Allerdings: Kosubeks besondere Quellen, das unverblümte, „freimütige“ (S. 87) schreibende Erzählen der „Alten Kämpferinnen“, das nicht „gebrochen“ ist „durch das Wissen um die nationalsozialistischen Greuel“ (S. 27) oder durch nach 1945 entwickelte Rechtfertigungsstrategien, lässt vieles anschaulicher hervortreten. Die Autorin hat die Essays in einer qualitativen Vorgangsweise ausgelotet, wobei ihrer „Methode des Verstehens“ (S. 13–16) eine breitere und aktuelle theoretisch-methodische Fundierung gut getan hätte, um nicht bisweilen in eine unwissenschaftliche Begrifflichkeit abzugleiten, wenn es etwa – in Anlehnung an Diltheys historisches Konzept – heißt, dass es möglich war, „einen Einblick in das Seelenleben der Autobiographinnen“ (S. 321) zu gewinnen; die historische Selbstzeugnisforschung etwa, um nur einen solchen möglichen methodisch-theoretischen Orientierungskontext zu nennen, würde hier mit dem vielseitig reflektierten Begriff der Innenperspektive arbeiten.

Insgesamt hat Katja Kosubek jedoch ein beachtenswertes Buch vorgelegt, das zudem, darauf sei explizit verwiesen, gut geschrieben ist. Für den wichtigen Transfer der Forschungsergebnisse auch über die community of science hinaus – die Autorin wendet sich nicht zuletzt ja auch „ausdrücklich an interessierte Laien“ (S. 22) – war das sehr förderlich, wie die zahlreichen öffentlichen Vorträge und Lesungen der Historikerin seit dem Erscheinen ihrer Publikation bestätigen.