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Einzelrezension

Höpel, Thomas: Kulturpolitik in Europa im 20. Jahrhundert. Metropolen als Akteure und Orte der Innovation, 443 S., Wallstein, Göttingen 2017.


Abstract

Europeanization or Event Culture? Urban politics of culture of the Twentieth Cenutry in comparative perspective

This voluminous study on urban cultural policies covers five cities and the whole 20th century. Firstly, though depending on various political regimes, as Thomas Höpel can show, the support of high and popular culture expanded in the long range significantly and became a major element for different policies of integration and inclusion. Secondly, as Höpel argues, since 1990 a Europeanization of „second cities“ can be shown due to crossing transfers of models between Britain, West and East Europe. Based on a vast amount of material and cases, it should nevertheless be further discussed whether „event culture“ would not allow for a broader understanding, in particular in a global perspective.

Keywords: Urban history, urbanisation, twentieth century, politics of culture, high culture, popular culture, democratisation, nazism, socialist regimes

How to Cite:

Knoch, H., (2019) “Höpel, Thomas: Kulturpolitik in Europa im 20. Jahrhundert. Metropolen als Akteure und Orte der Innovation, 443 S., Wallstein, Göttingen 2017.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00083-7

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-06-14

Peer Reviewed

Thomas Höpel widmet sich in seiner Studie, die Stadt‑, Kultur- und Politikgeschichte verbindet, einem gerade in vergleichender Perspektive wenig behandelten Untersuchungsfeld: der kommunalen Kulturpolitik in europäischen Städten des 20. Jahrhunderts. Während dies für Hauptstädte kein unüblicher Gegenstand ist, hat der Verfasser – beruhend auf seinen früheren Recherchen und Publikationen zu Deutschland und Frankreich vor wie nach 1945 – insgesamt fünf „second cities“ ausgewählt, die alle spätestens im Übergang zum 20. Jahrhundert zu Großstädten wurden und, jeweils mit durchaus unterschiedlichen Städteprofilen, Zentren eines aufstrebenden (Wirtschafts‑)Bürgertums waren: Birmingham, Lyon, Leipzig, Frankfurt am Main und Krakau. Gemäß dem ausgemachten Defizit ist die Fragestellung vor allem empirischer Natur: Wie haben kommunale kulturpolitische Maßnahmen die Städte auch angesichts der politischen Konflikte und Regimewechsel des 20. Jahrhunderts geprägt?

Das Buch ist in vier etwa gleich lange Teile gegliedert, die zunächst chronologisch den unterschiedlichen politischen Brüchen folgen. Teil I ist der „langen Jahrhundertwende“ gewidmet, Teil II den 1930er und 1940er Jahren, der längste Teil, Teil III, behandelt die Phase zwischen 1945 und 1989, Teil IV die Epoche der „zunehmenden Europäisierung“. Die ausgewählten Städte werden ungleichgewichtig und nicht schematisch zum Gegenstand. Birmingham wird vergleichsweise kurz behandelt; das wird weder der Bedeutung der Stadt für die britische Urbanisierungsgeschichte noch einem tatsächlichen Vergleich gerecht, auch wenn einiges für ihre Betrachtung als Beispiel des britischen „urban revival“ seit den 1990er Jahren spricht.

Teil I zeigt, wie in allen fünf Städten um 1900 ein Ausbau zunächst hochkultureller Einrichtungen mit einer zunehmend kommunalen Beteiligung oder Trägerschaft erfolgte. In den 1920er Jahren, in Lyon bereits früher, kamen Maßnahmen der „Volksbildung“ hinzu. Krakaus Sonderrolle als kulturelles Zentrum der polnischen Nation wird zu Recht betont, allerdings gilt die Repräsentation des Nationalen – und nicht nur des Bürgertums – auch für die anderen „second cities“. Wünschenswert wäre hier eine genauere Betrachtung des privaten Engagements sowie die Kontextualisierung in der Kommunalisierung beziehungsweise Verstaatlichung des Sozialen gewesen. Zudem werden leider die bedeutsamen Felder der Denkmäler, Galerien, Literatur, öffentlichen Veranstaltungen oder Städtejubiläen nicht betrachtet.

Während im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts städtische Kulturpolitik, wie Höpel unterstreicht, von lagerübergreifenden Ratskoalitionen zum Instrument der Demokratisierung weiterentwickelt wurde, konstatiert er für die 1930er und 1940er Jahre für drei der behandelten Länder – Polen, Frankreich und Deutschland – eine autoritäre beziehungsweise diktatorische Überformung: Inklusion sei nun mit Exklusionen einhergegangen. Das kann für Krakau in der Piłsudski-Ära trotz des um ihn betriebenen (Fest‑)Kults und des dortigen Nationalmuseums nicht überzeugend gezeigt werden; wohl aber gilt dies für die am Ende dieses Teils behandelte deutsche Besatzung. Für Frankfurt am Main und Leipzig bewegt sich der Verfasser in bekannten Bahnen. Versuche, mit der „Gleichschaltung“ die Hochkultur gänzlich an der NS-Ideologie auszurichten, verfingen trotz der Allianz mit dem Bürgertum nicht; als Kompromiss nahmen neben „völkischen“ Inhalten unverfänglichere Unterhaltungsstücke zu. Doch vermag Höpel zu zeigen, wie das Bemühen lokaler Theater- und Musikintendanten durch die Aufnahme „deutscher“ Künstler paradoxerweise auch zu der von den Nationalsozialisten angestrebten Betonung des Lokalen und Volksnahen im Sinne der Heimatpflege beitrug. Aufschlussreich ist der gezielte Einsatz von kulturpolitischen Förderungen in Lyon während des Vichy-Regimes von 1940 bis 1944 einerseits als Fortsetzung der sozialen Öffnung der Hochkultur seit 1900, andererseits in Verbindung mit dem Ausschluss von Nichtfranzosen und Juden. Insgesamt erscheint die Klammer „autoritärer Regime“ und „Diktaturen“ trotz einiger Parallelen als doch zu weit gesteckt.

In Teil III zeigt sich für Krakau und Leipzig, wie die in den 1920er Jahren kommunalisierten Kultureinrichtungen zum Nukleus eines sozialistischen Programms wurden, Kultur zum staatlichen Erziehungsinstrument zu machen, wobei zwischen Hoch‑, Populär- und Arbeiterkultur nicht mehr unterschieden wurde. In beiden Städten spiegelten sich die mehrfachen Strategiewechsel zwischen Steuerung und einer gewissen Liberalisierung wider, die den Städten verschiedene Grade von Autonomie erlaubten, vor allem aber „Kulturkonsum und Populärkultur“ (S. 227), eine Krise der Hochkultur und einen „Trend zur Verwestlichung“ (S. 241) mit sich brachten. Gleichsam konträr entwickelte sich die Situation in Westeuropa: Einem verhaltenen städtischen Engagement stand seit den 1960ern eine aktive Entwicklung von Hochkultureinrichtungen wie Museen, Theatern und Orchestern, aber auch von kommunalen Kinos, Bibliotheken und Festivals gegenüber. Neben Integrationskrise und Negativimage als Ursachen wäre auf die Demokratisierungsschübe dieser Jahrzehnte zu verweisen, die zu der vom Verfasser konstatierten Verbreiterung der städtischen Kulturpolitik beitrugen (S. 318).

Im abschließenden Teil werden die europäischen Bezüge zwischen den Großstädten nach 1990 in verschiedener Richtung betont. Krakau und Leipzig orientierten sich an westeuropäischen Modellen, Birmingham an der Imagepolitik von Frankfurt und Lyon, diese wiederum am britischen Kultursponsoring. Zugleich treten Aspekte wie kulturelle Diversität, Bildungschancen und internationaler Tourismus als Faktoren stärker hervor, können aber letztlich nur am Rande behandelt werden. Europäisierung ist sicher ein Deutungshorizont für die wachsende strukturelle Nähe – aber, zumal in globaler Konkurrenzperspektive, wären auch Eventisierung beziehungsweise Erlebniskultur zu prüfen gewesen.

Dem Verfasser ist ein überaus informatives Buch gelungen, das für ein vielfältig gebrochenes Jahrhundert an fünf Stadtbeispielen eine Fülle von Einzelaspekten des breiten Spektrums städtischer Kulturpolitik verdeutlicht und dabei markante Interpretationslinien eröffnet. Dabei sticht hervor, dass im Gesamtblick die regimeübergreifenden Schübe der zyklischen Zunahmen der Kommunalisierung von Kultur auf politisch gesetzte oder wahrgenommene Integrationsbedarfe reagierten, sich dabei aber das anfänglich eher hochkulturell dominierte Unterstützungsfeld in allen Fällen in starkem Maße popularisierte. Allerdings hätten die jeweiligen Akteure und das, was lokal „politisch“ ist, deutlicher unterschieden werden können. Ob die Fluchtperspektive einer „Europäisierung“ letztlich tragfähig ist, müssten weitere Untersuchungen zeigen, die nicht zuletzt für die Jahrzehnte um 1900 sowie für einzelne Milieus und Zwischenphasen die beträchtliche Internationalität von Kultur und Stadt stärker betonen könnten.