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Einzelrezension

Fischer, Henning: Überlebende als Akteurinnen. Die Frauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück, Biographische Erfahrung und politisches Handeln, 1945–1989, 542 S., UVK, Konstanz/München 2018.


Abstract

Leben mit der Erinnerung an das Lager

Keywords: Review, Fischer, Henning, 2018, Ravensbrück, KZ-Forschung, Erinnerungsgeschichte

How to Cite:

Kavčič, S., (2019) “Fischer, Henning: Überlebende als Akteurinnen. Die Frauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück, Biographische Erfahrung und politisches Handeln, 1945–1989, 542 S., UVK, Konstanz/München 2018.”, Neue Politische Literatur 64(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00081-9

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-05-24

Peer Reviewed

Mit seiner im November 2016 eingereichten und im Frühjahr 2018 veröffentlichten Dissertation verfolgt der Autor Hennig Fischer mehrere durchaus ehrgeizige Ziele. So sollen die Biografien einiger maßgeblicher Akteurinnen der beiden Lagergemeinschaften in Ost- und Westdeutschland rekonstruiert und kontextualisiert werden. Die Lebenswege der Frauen waren eng verwoben mit der Entstehung und Entwicklungen der Lagergemeinschaften, die nur wenige Jahre nach dem Ende des Krieges und der Befreiung aus dem Konzentrationslager Ravensbrück entstanden, sodass durch diese Biografien auch deren Organisationsgeschichte erzählt werden kann. Fischers Ziel sei eine „Kollektivbiographie der Frauen der Lagergemeinschaft, keine Heldinnenerzählung“ (S. 22).

Die zentralen Protagonistinnen dieser Publikation sind zum einen Emmy Handke und Rita Sprengel, die in der DDR lebten. Zum anderen repräsentieren Doris Maase und Gertrud Müller diejenigen Überlebenden, die in der BRD lebten. Erika Buchmann ist die fünfte in diesem Kreis. Sie lebte zunächst in der BRD und zog 1956, als sich ein Verbot der KPD anbahnte, in die DDR. Die Auswahl ist durchaus überzeugend, da jede der fünf Frauen sowohl in der jeweiligen Gesellschaft als auch innerhalb der beiden Lagergemeinschaften eine wichtige Rolle eingenommen hatte.

Neben diesen fünf Frauen, die in einzelnen Kapiteln mit prägenden Erlebnissen vorgestellt werden, kommen viele weitere Frauen mit ihren zum Teil kontrastierenden oder auch ergänzenden Erfahrungen in diesem Buch vor. In insgesamt fünf Kapiteln wird das wechselvolle, häufig tragische Leben der Frauen im 20. Jahrhundert erzählt, in dem die kommunistische Überzeugung eine grundlegende Konstante blieb. So erfährt die Leserin und der Leser, wie schwierig die Position von Funktionshäftlingen im Lager (S. 89 f.) war und wie schnell gerade diese Frauen in der Nachkriegszeit von ehemaligen Mitgefangenen angeklagt werden konnten und sich, wie zum Beispiel Gertrud Müller, im Internierungslager gemeinsam mit ehemaligen KZ-Aufseherinnen wiederfanden (S. 167 f.). Auch aufgrund dieser Erfahrungen war es den Mitgliedern der Lagergemeinschaft in der neu gegründeten DDR wichtig, Veröffentlichungen zu beeinflussen und durchaus auch zu kontrollieren. Schon in der ersten Broschüre zum Konzentrationslager Ravensbrück wurden differenzierte Blicke auf die gemeinsame Zeit im KZ ausgegrenzt (S. 149). In diesem Ringen um die Definitionsmacht über die historische und politische Bedeutung des KZ Ravensbrück standen die Verliererinnen sehr früh fest. Es waren die rassistisch verfolgten Frauen sowie die vermeintlichen „Kriminellen“ und „Asozialen“. Gerade die letzten beiden Gruppen werden bis in die Gegenwart aus dem öffentlichen Gedächtnis ausgegrenzt.

Viele ehemalige kommunistische Häftlinge stürzten sich in der Nachkriegszeit in die politische Gremienarbeit der neu gegründeten deutschen Staaten. Fischer stellt für diese Beobachtung die These auf, dass diese „Arbeitssucht“ (S. 131) den Frauen dabei half, die Folgen der Traumatisierungen durch die KZ-Haft zu verdrängen. Anderseits war es ihnen sicherlich auch ein Bedürfnis, wieder aktiv Handelnde zu sein und damit ihrem Selbstbild als Kommunistinnen zu entsprechen.

Fischer schildert auch, wie die Frauen in der neu gegründeten DDR um eine Wahrnehmung und auch Anerkennung als „Kämpfer“ gegen den Faschismus ringen mussten. Wie schwierig es für sie innerhalb der SED und im Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer (KAW) war, sich zu behaupten und ihre Sicht auf die Lagerhaft durchzusetzen. Dennoch haben mindestens zwei Frauen – Charlotte Müller und Maria Wiedmaier – aus Überzeugung mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammengearbeitet (S. 238 f.). Rita Sprengel hingegen musste einen temporären Ausschluss aus der SED hinnehmen (S. 234 f.). Johanna Krause, im KZ Ravensbrück mit rotem Winkel und aus jüdischer Familie, musste sich in der DDR gegen antisemitische Ressentiments wehren (S. 250 f.).

Mit viel Energie beteiligten sich ehemalige politische Häftlinge beider deutscher Staaten an der Ahndung von nationalsozialistischen Täterinnen und Tätern. Auch wenn jede Aussage vor Gericht eine Retraumatisierung war, sagten viele bereitwillig aus. Gerade durch ihre Position als Funktionshäftlinge verfügten sie über wertvolle Informationen, denn entsprechende Akten fehlten (S. 153 ff.). Standen ehemalige Mitgefangene vor Gericht, wurde umgehend das Netzwerk ehemaliger Gefangener aktiviert, um entsprechende gegenteilige Aussagen zu erhalten – wie zum Beispiel bei Gertrud Müller, Maria Wiedmaier und Erika Buchmann. Anders jedoch bei Klara Pförtsch, gegen sie erließ das französische Militärgericht in Rastatt wegen ihres Verhaltens als Lagerläuferin im KZ Auschwitz und KZ Ravensbrück ein Todesurteil (S. 185). Zwar erhielt sie von zahlreichen prominenten sozialdemokratischen Politikern viel Unterstützung und das Urteil wurde in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Doch das Ravensbrück-Komitee forderte in einem Schreiben an André François-Poncet, den damaligen französischen Hohen Kommissar, die Vollstreckung des Todesurteils (S. 188). Diese Episode liest sich wie eine Ungeheuerlichkeit, zumal Fischer homophobe Ressentiments gegen Pförtsch bei den ehemaligen Mitgefangenen nicht verschweigt. Dennoch gelingt es ihm hier, wie auch im gesamten Buch, Erklärungen anzubieten und vorschnelle und einseitige Urteile zu vermeiden.

Deutlich macht er auch, wie diametral gegensätzlich die gesellschaftlichen Positionen von Überlebenden in der BRD und der DDR waren. In der neugegründeten BRD wurde der gesellschaftliche Antikommunismus zur Staatsdoktrin und für ehemalige Häftling hieß dies, dass die Entschädigungszahlungen nur auf Widerruf geleistet oder auch gänzlich verweigert wurden. In der DDR hingegen gehörten einige Frauen zur neuen Elite und zumindest gesellschaftlich erhielten sie viel Anerkennung.

Diese und noch viele weitere wichtige Aspekte, die an dieser Stelle nicht ausführlich vorgestellt werden können, schildert der Autor in seiner Publikation detailreich und differenziert. In seiner Darstellung sucht er nach den Ursachen für die bisweilen extrem schwierigen und ausgrenzenden Gruppenprozesse, ohne die damaligen Akteurinnen zu diskreditieren. Er zeichnet die möglichen Beweggründe nach und markiert den manchmal begrenzten Handlungsspielraum. Alles in allem ist Fischer ein äußerst informatives und interessantes Buch gelungen.